{"id":9825,"date":"2021-02-07T19:49:32","date_gmt":"2021-02-07T19:49:32","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9825"},"modified":"2022-10-22T14:29:43","modified_gmt":"2022-10-22T12:29:43","slug":"johannes-844","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-844\/","title":{"rendered":"Johannes 8,44"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>(d\u00e4nische Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Hinter den leidenschaftlichen Anklagen Jesu gegen seine Widersacher, die den Teufel, den Vater der L\u00fcge, zum Vater haben, stehen zwei gro\u00dfe Fragen: Wer ist unser Vater &#8211; mit anderen Worten: Wo geh\u00f6ren wir hin, wem geh\u00f6ren wir &#8211; geh\u00f6ren wir \u00fcberhaupt jemandem? Und: Was ist Wahrheit, die Wahrheit \u00fcber unser Leben?<br \/>\nDiese beiden gro\u00dfen Fragen geh\u00f6ren zusammen.<\/p>\n<p>Die Leidenschaft, mit der Jesus sich ausdr\u00fcckte, entsprang der Spannung, die Jesus mit frischen Augen sah, die Spannung zwischen der Behauptung der Juden, sie h\u00e4tten einen Gott, und der Tatsache, da\u00df sie ihn &#8211; Gott &#8211; gar nicht n\u00f6tig hatten.<\/p>\n<p>Statt dessen benutzten sie Gott als einen strengen Vater, dessen Gebote niemand zu \u00fcbertreten wagte, und die sie deshalb einhielten &#8211; jedenfalls im \u00e4u\u00dferlichen Sinne, die sie aber auch nicht wirklich ernst nahmen, wenn es um Leben und Tod ging oder um die Frage des Herzens.<\/p>\n<p>Gott war nicht der liebende Vater, vom dem wir im Gleichnis vom verlorenen Sohn ein radikales Bild erhalten haben, sondern der ferne, strenge Vater, dessen Gebote man einh\u00e4lt, um Streit zu vermeiden, wobei man ansonsten &#8211; wenn es darauf ankam &#8211; an sich selbst dachte und nach eigenen Regeln und denen der Familie lebte.<\/p>\n<p>Was Jesus deutlich sieht, ist dies, da\u00df ein solches Gottesverh\u00e4ltnis die ganze Wirklichkeit auf den Kopf stellt, so da\u00df sie zur L\u00fcge wird.<\/p>\n<p>Ein solches Bild von Gott macht Gott zu einem eifers\u00fcchtigen Stammesh\u00e4uptling, der zufrieden ist, wenn er nur seinen Teil der Beute erh\u00e4lt und die \u00e4u\u00dferen Rahmen bestimmt &#8211; w\u00e4hrend die einzelnen Menschen oder das Volk insgesamt machen k\u00f6nnen, was sie wollen, ohne da\u00df Gott sich einmischt. Den eigentlichen Teil des Lebens beh\u00e4lt der Mensch f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Aber das ist nicht wahr &#8211; eine L\u00fcge \u00fcber Gott und den Menschen. Denn wenn sich der Mensch nicht zu Gott verh\u00e4lt als der Gott, der das Leben gegeben hat und etwas Bestimmtes damit will, etwas, was der Mensch nur frei wieder zur\u00fcckgeben kann, dann sagt das etwas dar\u00fcber, wie sich der Mensch selbst versteht.<\/p>\n<p>Wir sehen uns selbst nicht wie die Zeitgenossen Jesu &#8211; aber im Ergebnis ist es dasselbe: Gott wird an den Rand gedr\u00e4ngt, heraus aus unserem Blickfeld, wo wir nicht mit Gott rechnen. F\u00fcr uns ist wichtig, da\u00df wir unsere eigenen Herren sind &#8211; mit oder ohne Gott haben wir unsere Freiheit, die Freiheit und das Recht, unsere eigene Welt zu schaffen. Und wir sind nur uns selbst verantwortlich.<\/p>\n<p>Indem wir das Gute im Menschen hervorheben und f\u00fcr die Befriedigung unserer Bed\u00fcrfnisse sorgen, k\u00f6nnen wir einen Augenblick zwischen den B\u00fcrgerkriegen, die heute rasen, uns damit begn\u00fcgen, an einen vagen Gott am Rande zu glauben &#8211; irgendetwas zwischen Himmel und Erde, was aber unseren Alltag nicht besonders beeinflu\u00dft.<\/p>\n<p>Und mit der Freiheit und dem Recht, unsere eigene Welt zu schaffen, ist etwas \u00fcber uns gekommen, was grenz\u00fcberschreitend und uners\u00e4ttlich ist. Zu den Dingen, die uns umgeben, aber auch zu unseren Mitmenschen und der Natur, zu der wir geh\u00f6ren, hat uns das ein Verh\u00e4ltnis gegeben, das vom Willen zu Besitz und Verbrauch gepr\u00e4gt ist. Und im pers\u00f6nlichen Bereich richten wir uns ein mit den D\u00e4monen des Neides, des Beleidigtseins und der Unzufriedenheit, denn die geben uns Geborgenheit.<\/p>\n<p>Wenn Jesus so verzweifelt spricht, wie er dies tut, so nicht nur deshalb, weil er mit frischen Augen sieht, sondern aus dem viel tieferen Grund, da\u00df er wei\u00df, da\u00df seine Zusammengeh\u00f6rigkeit mit dem Ort, von dem er kommt, mit seinem Gott und Vater, ihm das Leben kosten wird. Weil die Menschen nicht verstehen, wer Gott ist, wenn er nicht sich selbst einsetzt, um es ihnen zu zeigen. Ihnen das zu zeigen, was vorher noch nie da war: Da\u00df Gott auf seine Macht verzichtet &#8211; um mit uns in Beziehung zu kommen.<\/p>\n<p>Nach au\u00dfen, f\u00fcr die anderen, wehrt sich Jesus, aber es ist auch eine Verzweiflung in bezug auf Gott. Er f\u00fchlt, da\u00df Gott in seine eigene Falle geraten ist und ihn, Jesus, zum Opfer gemacht hat.<\/p>\n<p>Die Einsicht, um die er k\u00e4mpft, in den Teilen der Bibel, die wir hier in der Passionszeit h\u00f6ren, ist die, sich selbst freiwillig zu einem Ausdruck f\u00fcr den Plan Gottes zu machen &#8211; w\u00e4hrend der selbst zugleich seinen Plan \u00e4ndert, so da\u00df es ihm im \u00e4u\u00dfersten Fall selbst das Leben kosten wird &#8211; aber daf\u00fcr das Leben der Welt retten wird.<\/p>\n<p>Jesus wird darum aus einem willenlosen zu einem wahren Opfer: Das Leben Gottes, das sich der Welt hingibt, die ihn nicht versteht. Eine Gabe, die das offenbart, was wir nicht ertragen k\u00f6nnen und nicht h\u00f6ren wollen, da\u00df n\u00e4mlich Gott nicht eine Macht ist, an die wir Tribut bezahlen k\u00f6nnen, sondern ein Partner der Liebe. Dort wo Jesus zu damaligen Zeitpunkt sich befindet, besteht das Leiden darin, nicht verstanden zu werden.<\/p>\n<p>Wir, die wir auf der anderen Seite des ersten Ostern leben, k\u00f6nnen nun sehen, da\u00df Gott nicht schwach ist, weil unser Denken von ihm schwach ist, sondern weil <em>er sich schwach gemacht hat <\/em>.<\/p>\n<p>Was Jesus hier allm\u00e4hlich deutlich wird, ist dies, da\u00df die eigentliche St\u00e4rke darin liegt, sich schwach zu machen, die M\u00e4chte abzulehnen, denen wir sonst huldigen: die Notwendigkeit, den Abstand, das \u00dcberleben.<\/p>\n<p>All das Machtvolle in seinem eigenen Wesen, das unserer Selbstbehauptung und Selbstbest\u00e4tigung entspricht, opfert Gott.<\/p>\n<p>Er entledigt sich von allem Zwang und aller Macht in einer einzigen gro\u00dfen Hingabe, die f\u00fcr ihn sehr traumatisch werden kann.<br \/>\nDenn wenn wir nicht die Liebe annehmen, geht er unter!<\/p>\n<p>Aber mit Jesus als dem Ausdruck seiner Liebe kann er nicht anders als um Liebe betteln &#8211; weil er selbst reine Liebe ist. Wenn wir umkehren und ihm nun antworten, bedeutet das nicht, da\u00df unsere Leben problemfeie Paradiese des Gl\u00fccks werden &#8211; er nimmt nicht unser Kreuz von uns, das wir tragen &#8211; das kann er nicht, seine Kraft ist in Liebe verwandelt. Aber unsere Chance besteht darin, da\u00df er uns niemals in Ruhe l\u00e4\u00dft mit unserem hausgemachten Gottesbild oder dem fernen Gott.<\/p>\n<p>Was er tut, ist dies, da\u00df er sich an unser Leben und Schicksal kettet, so da\u00df wir an dem Anteil haben k\u00f6nnen, was uns begegnet. Und andere Bilder von Gott in uns wachsen lassen.<\/p>\n<p>Der griechische Dichter Nikos Kazantakis kommt mit seinem Bild von Gott der Wahrheit n\u00e4her, von der Jesus spricht:<\/p>\n<p><em>Mein Gott ist nicht allm\u00e4chtig.<br \/>\n<\/em><em>Er k\u00e4mpft, ist jeden Augenblick in Gefahr, zittert, stolpert, st\u00f6\u00dft zusammen mit jedem lebendigen Wesen, schreit.<br \/>\n<\/em><em>Mein Gott ist nicht allgut.<br \/>\n<\/em><em>Er ist voll von H\u00e4rte, wilder Gerechtigkeit,<br \/>\n<\/em><em>und er kann unbarmherzig sein. <\/em><\/p>\n<p><em>Er ist eine Kraft, die alles enth\u00e4lt.<br \/>\n<\/em><em>Sie gebiert alles, liebt alles, vernichtet alles.<br \/>\n<\/em><em>Mein Gott ist nicht allwissend.<br \/>\n<\/em><em>Sein Gehirn ist eine Harke von Licht und Finsternis,<br \/>\n<\/em><em>und er versucht, sie in die Labyrinthe des Fleisches zu verwickeln.<\/em><\/p>\n<p>Die Labyrinthe des Fleisches &#8211; das ist unser Leben. Unser K\u00f6rper, unsere Geschichte. Darin lebt Gott.<\/p>\n<p>Und deshalb k\u00f6nnen wir die anderen nicht gebrauchen, das hie\u00dfe Gott wegsto\u00dfen und das Traumatische an der Liebe Gottes hervorheben. Wenn sich Gott nicht f\u00fcr sich h\u00e4lt, sondern mitten in unseren Leben lebt, dann sind wir nur Menschen, wenn wir in tiefer Abh\u00e4ngigkeit von einander leben, miteinander verwoben im Schicksal und im Dasein. Wollen wir wissen, wo wir hingeh\u00f6ren, m\u00fcssen wir auf die anderen schauen. Aus der Kraft, die darin besteht, seine Schwachheit zu sehen, wissen wir, wo Gott ist.<\/p>\n<p>Gott hat eine unendliche Schw\u00e4che f\u00fcr uns.<br \/>\nDeshalb k\u00f6nnen wir da zuhause sein. Amen.<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Pfarrerin Birte Andersen<br \/>\nEmdrupvej 42<br \/>\nDK-2100 K\u00f8benhavn-\u00d8<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 39 18 30 39<br \/>\n<a href=\"mailto:bia@km.dk\">e-mail: bia@km.dk<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(d\u00e4nische Perikopenordnung) Hinter den leidenschaftlichen Anklagen Jesu gegen seine Widersacher, die den Teufel, den Vater der L\u00fcge, zum Vater haben, stehen zwei gro\u00dfe Fragen: Wer ist unser Vater &#8211; mit anderen Worten: Wo geh\u00f6ren wir hin, wem geh\u00f6ren wir &#8211; geh\u00f6ren wir \u00fcberhaupt jemandem? Und: Was ist Wahrheit, die Wahrheit \u00fcber unser Leben? Diese beiden [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[39,1,727,185,114,233,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-9825","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-johannes","category-aktuelle","category-archiv","category-aus-dem-daenischen","category-deut","category-kapitel-08-chapter-08","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9825","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9825"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9825\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14289,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9825\/revisions\/14289"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9825"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9825"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9825"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=9825"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=9825"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=9825"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=9825"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}