{"id":9835,"date":"2021-02-07T19:49:37","date_gmt":"2021-02-07T19:49:37","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9835"},"modified":"2022-10-06T09:55:33","modified_gmt":"2022-10-06T07:55:33","slug":"epheser-5-1-8a-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/epheser-5-1-8a-4\/","title":{"rendered":"Epheser 5, 1-8a"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>&#8222;Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes,<br \/>\nder uns tr\u00f6stet in aller unserer Tr\u00fcbsal, damit wir auch tr\u00f6sten k\u00f6nnen, die in allerlei Tr\u00fcbsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getr\u00f6stet werden von Gott.<br \/>\nDenn wie die Leiden Christi reichlich \u00fcber uns kommen, so werden wir auch reichlich getr\u00f6stet durch Christus.<br \/>\nHaben wir aber Tr\u00fcbsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil.<br \/>\nHaben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden.<br \/>\nUnd unsre Hoffnung steht fest f\u00fcr euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.&#8220;<\/p>\n<p>Auf dem Weg ins Krankenhaus versuche ich mich vorzubereiten.<br \/>\nDie Bekannte ist schwer an Krebs erkrankt.<br \/>\nWie mag es ihr gehen?<br \/>\nWie wird sie aussehen?<br \/>\nOb sie \u00fcberhaupt besucht werden will?<br \/>\nUnd wie werde ich selbst diesen Besuch verkraften?<\/p>\n<p>&#8222;Geh sie noch mal besuchen&#8220;, sagt ihre Familie, &#8222;sie stirbt uns unter den H\u00e4nden weg.&#8220;<br \/>\nIch empfinde es wie einen Auftrag. Als ob sie meinten, ich h\u00e4tte die Macht, etwas aufzuhalten. Das macht den Gang noch beklemmender.<\/p>\n<p>Und dann sehe ich sie im Bett liegen. \u00c4u\u00dferlich ver\u00e4ndert, von der Krankheit gezeichnet, nach der Chemotherapie all ihrer kraftvollen Lebendigkeit beraubt.<br \/>\nIhre Mattheit, ihre Angst und Verzweiflung \u00fcbertragen sich sofort auf mich. Es ist wie eine graue Decke, die alles unter sich erstickt.<\/p>\n<p>Die aufmunternden Worte, die ich zur Begr\u00fc\u00dfung versuche, klingen hohl und unehrlich.<br \/>\nIch f\u00fchle mich hilflos, keine \u00c4u\u00dferung passt, die sonst zu Anfang eines Gespr\u00e4chs Kontakt herstellt.<br \/>\nAm liebsten m\u00f6chte ich weit weg sein.<\/p>\n<p>Dann bricht es nach einem Schweigen aus ihr heraus: &#8222;Ach Gott, mir geht es so schlecht&#8220; sagt sie.<br \/>\nUnd jetzt kann ich ihre Hand nehmen, ihre Klage h\u00f6ren und sp\u00e4ter auch mit ihr zusammen weinen. Wir kommen miteinander in eine innere Bewegung, sie l\u00e4\u00dft mich teilhaben an ihrem Grauen vor den Schmerzen und dem Sterben. Und ich sp\u00fcre, dass ich wieder wachsen kann, tr\u00f6sten, aushalten, was mir sonst doch selbst soviel Angst macht.<\/p>\n<p>Da ist etwas wirksam zwischen uns, was ich nicht gemacht habe, sondern was sich ereignet hat. F\u00fcr mich ist es Gott, der in diesem Moment tr\u00f6stet, nicht nur die Kranke, sondern auch mich.<\/p>\n<p>Es ist eine Erfahrung, die ich bei Besuchen h\u00e4ufiger gemacht habe.<br \/>\nWenn sich Trost ereignet, dann sp\u00fcre ich die Anwesenheit Gottes in einer Begegnung.<\/p>\n<p>&#8222;Ich will euch tr\u00f6sten, wie einen seine Mutter tr\u00f6stet&#8220;, so haben wir es aus dem Jesajabuch (Kap.66,13) vorhin in der Lesung geh\u00f6rt.<br \/>\nEs ist f\u00fcr mich einer der sch\u00f6nsten biblischen S\u00e4tze.<\/p>\n<p>Um Leiden und Tr\u00f6sten geht es heute, ein echtes Passionsthema.<br \/>\nLeiden, seien es seelische oder k\u00f6rperliche Schmerzen, sie sind uns ja nichts Fernes, sondern ein Erleben, das zu unserem Menschsein geh\u00f6rt.<br \/>\nVon Leidenserfahrungen wird jeder und jede von uns vielf\u00e4ltig berichten k\u00f6nnen, auch wenn es manchmal den Anschein hat, als d\u00fcrften wir uns das nicht eingestehen, als m\u00fcssten wir es verdr\u00e4ngen wie eine l\u00e4stige St\u00f6rung.<\/p>\n<p>Aber w\u00e4hrend Leiden zum Leben geh\u00f6rt, hat Trost etwas Ereignishaftes an sich. Trost ist nicht selbstverst\u00e4ndlich, ich kann ihn mir kaum selbst spenden, sondern er widerf\u00e4hrt mir im Kontakt zu einem anderen Menschen.<br \/>\nManchmal mu\u00df man bitter erkennen, dass ersehnter Trost ausbleibt, dass man vertr\u00f6stet oder mit billigem Trost abgespeist wird.<br \/>\nManchmal hingegen wird er in einer Begegnung unverhofft geschenkt.<\/p>\n<p>Bei meinem Krankenbesuch habe ich eine T\u00fcr zum Trost in dem Moment gesp\u00fcrt, in dem die Kranke aussprach, wie sie sich f\u00fchlte. Sie konnte ihre Wirklichkeit anerkennen, die ganze schmerzhafte Realit\u00e4t. Sie mu\u00dfte sie nicht verschweigen, sondern konnte sie beklagen. Und mir damit sagen, was sie brauchte.<\/p>\n<p>Auf diesem Hintergrund h\u00f6re ich die Worte des Paulus in seinem Brief an die Korinther:<br \/>\n&#8222;Gelobt sei Gott&#8230;der Gott allen Trostes, der uns tr\u00f6stet in aller unserer Tr\u00fcbsal,&#8230;damit wir tr\u00f6sten k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>Da bin ich neugierig zu erfahren, welche Trostgeschichte Paulus erlebt hat, um so schreiben zu k\u00f6nnen:<br \/>\nEr steht am Ende eines schweren Konfliktes mit der Gemeinde in Korinth. Paulus ist tief verletzt, weil ihm von den Korinthern Charakterschw\u00e4che und Betrug durch Gemeindeglieder vorgeworfen worden ist und einige Menschen sogar seine Autorit\u00e4t als Apostel in Frage stellen.<br \/>\nEr schreibt nun einen Brief, in dem er seine Gef\u00fchle darstellt und dem Konflikt ins Auge sieht.<br \/>\nIndem er die Realit\u00e4t benennen kann, \u00fcberzeugt er die Korinther und er erh\u00e4lt einen Brief aus Korinth zur\u00fcck, in dem die Gemeinde schreibt, dass sie sich mit ihm auss\u00f6hnen will. Auf diesen antwortet er gl\u00fccklich und erleichtert mit den Worten unseres Textes.<br \/>\nDie Kraft, die ihm erm\u00f6glicht, den ersten Schritt zu tun, kommt nicht aus ihm selbst, sondern entspringt seinem Glauben an den gekreuzigten Christus.<br \/>\nIm Vertrauen darauf, dass Gott bei ihm sein wird und ihn tr\u00f6sten will, kann er sein Leiden annehmen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte noch einmal das Wort aus dem Buch Jesaja aufgreifen, in dem eine Zusage Gottes an uns Menschen ausgedr\u00fcckt wird.<br \/>\n&#8222;Ich will euch tr\u00f6sten, wie einen seine Mutter tr\u00f6stet.&#8220;<br \/>\nWeil Gott uns tr\u00f6stet, darum k\u00f6nnen wir tr\u00f6sten. So empfindet es Paulus.<\/p>\n<p>Spricht das auch in unsere Gegenwart?<br \/>\nWir alle sind Kinder gewesen, viele von uns sind M\u00fctter oder V\u00e4ter.<br \/>\nEs ist ein Urbild aus dem Anfang unseres Lebens, das uns hier gezeichnet wird.<br \/>\nEin weinender S\u00e4ugling liegt auf den Arm der Mutter, die ihn wiegt, streichelt und tr\u00f6stet. Das Kind sp\u00fcrt, dass die Mutter all seine Verzweiflung aush\u00e4lt. Dadurch wird die Not ertr\u00e4glich, vertr\u00e4glich und das Kind f\u00fchlt sich getr\u00f6stet.<br \/>\nDurch die vielen tausend Male, die dies im Laufe der Kindheit immer wieder geschieht, fassen wir Vertrauen in die Tragf\u00e4higkeit der Beziehung zu Menschen und k\u00f6nnen mutig angstmachende Situationen aushalten.<br \/>\nAber wir m\u00fcssen nicht immer nur aus eigener Kraft leben, wir k\u00f6nnen darauf vertrauen, dass Gott unser Tr\u00f6ster ist.<br \/>\nGott h\u00e4lt unsere Not aus, lebenslang.<\/p>\n<p>So gehen wir auch in diesem Jahr wieder durch die Passionszeit, die uns vor Augen f\u00fchrt:<br \/>\nWir m\u00fcssen unser Leid nicht wegdr\u00e4ngen, sondern k\u00f6nnen es ansehen, der Wirklichkeit ins Gesicht sehen.<br \/>\nDabei hilft der Blick auf den gekreuzigten Christus.<\/p>\n<p>Und mit dem Blick auf ihn k\u00f6nnen wir sogar noch mehr sagen:<br \/>\nDer Tod hat nicht das letzte Wort, denn auf die Passionszeit und Karfreitag folgt Ostern und die Auferstehung.<br \/>\n&#8222;In dir ist Freude, in allem Leide&#8220; hei\u00dft es in dem Lied, das wir gleich singen wollen.<\/p>\n<p>Es ist Hoffnung, die hier durchscheint.<br \/>\nEs ist unsere ureigenste christliche Hoffnung, die angelegt ist mitten in der tiefsten Verzweiflung.<br \/>\nOstern kommt, auch in diesem Jahr.<\/p>\n<p><strong>Monika Waldeck, Studentenpfarrerin, Witzenhausen<br \/>\n<a href=\"mailto:waldeck.esg-wiz@ekkw.de\">waldeck.esg-wiz@ekkw.de <\/a> <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tr\u00f6stet in aller unserer Tr\u00fcbsal, damit wir auch tr\u00f6sten k\u00f6nnen, die in allerlei Tr\u00fcbsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getr\u00f6stet werden von Gott. 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