{"id":9842,"date":"2021-02-07T19:49:35","date_gmt":"2021-02-07T19:49:35","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9842"},"modified":"2022-10-06T15:32:29","modified_gmt":"2022-10-06T13:32:29","slug":"hebraeer-5-7-9-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hebraeer-5-7-9-3\/","title":{"rendered":"Hebr\u00e4er 5, 7-9"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p><em>Und er (sc. Jesus) hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tr\u00e4nen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erh\u00f6rt worden, weil er Gott in Ehren hielt.<br \/>\n<\/em><em>So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.<br \/>\n<\/em><em>Und als er vollendet war, ist er f\u00fcr alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden. <\/em><\/p>\n<p align=\"center\"><strong>I. Ruhe suchen <\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>was ist es eigentlich, wonach wir Menschen am allermeisten suchen? Uns am allermeisten sehnen?<\/p>\n<p>Es ist \u0096 auch wenn es nach au\u00dfen hin anders aussieht \u0096 <em>nicht <\/em> der Reichtum und der Luxus, nicht das Selbstwertgef\u00fchl und die Selbstverwirklichung, nicht der Urlaub in der Karibik und auch nicht der Sportwagen in Silbermetallic. Wenn wir in unserem Herzen eine Sehnsucht tragen, einmal so richtig auf der Gewinnerseite zu stehen, abzustauben, den Millionen-Koffer voller Scheine unser Eigen zu nennen, dann ist es \u0096 davon bin ich fest \u00fcberzeugt \u0096 nicht die Sehnsucht nach der Erf\u00fcllung aller unserer W\u00fcnsche, nach Ernennungsurkunden und B\u00f6rsenerfolgen. Ganz sicher nicht.<\/p>\n<p>Was wir, liebe Gemeinde, im Tiefsten unseres Herzens herbeisehnen ist, Ruhe zu finden. Ruhe f\u00fcr unsere Seele.<\/p>\n<p>Es gibt nichts Sch\u00f6neres als ein Tag ohne Termine. Ein Tag ohne Streit. Ein Tag ohne schlechtes Gewissen. Einfach nur in Harmonie mit denen leben, die wir lieben. Einfach nur in Ruhe da sein d\u00fcrfen, ohne dass jemand etwas von mir will.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt nat\u00fcrlich der Wunsch, nicht mehr arbeiten zu m\u00fcssen. Sich das nicht mehr antun zu m\u00fcssen mit dem t\u00e4glichen Fr\u00fchaufstehen, dem Stehen im Stau, dem \u00c4rger mit Kollegen oder Mitarbeitern. Lebenslange Sofort-Rente wird uns von Lotterien angepriesen \u0096 ja, so was w\u00e4re schon sch\u00f6n! Sch\u00f6n allein deshalb, weil es uns Ruhe schenken w\u00fcrde. Ruhe vor dem t\u00e4glichen Fordernm\u00fcssen und Gefordertwerden.<\/p>\n<p>Und der Wunsch einmal shoppen zu gehen, bis uns die F\u00fc\u00dfe weh tun, das ist der Wunsch, einmal restlos und rundherum zufrieden zu sein. Nichts mehr zu w\u00fcnschen, nichts mehr herbeizusehnen. Gl\u00fccklich zu sein. Ruhe zu haben vor den Sehns\u00fcchten und den Tr\u00e4umen, die die Auslagen in den Schaufenstern in einem jedem von uns wecken, der seine Geldb\u00f6rse gut festhalten und rechnen muss.<\/p>\n<p>Wenn wir den Fernseher ausschalten, weil die Nachrichten wieder nur schreckliche Bilder und Meldungen bringen von Krieg und Gewalt, von Hunger und Umweltzerst\u00f6rung \u0096 dann verschlie\u00dfen wir nicht nur die Augen vor dem Leid der Menschheit, sondern auch vor der Schuld der Menschheit \u0096 und m\u00f6chten einfach dieses qu\u00e4lende Feuer in uns l\u00f6schen, das unser Gewissen in uns wach h\u00e4lt. Wir suchen die Ruhe, ein reines Gewissen, das uns sagt: Du bist ja nicht dran schuld. Du kleiner Mensch kannst ja doch nichts \u00e4ndern. \u0096 Und wenn solche Ruhe auch tr\u00fcgerisch ist, wir suchen selbst sie.<\/p>\n<p>Die Sehnsucht nach Ruhe f\u00fchrt uns \u00fcbrigens auch hierher in die Kirche. Wir h\u00f6ren es gerne, wenn die Orgel spielt. Wir denken und beten gerne mit, wenn Gebete gesprochen oder Texte gelesen werden. Nat\u00fcrlich h\u00f6ren wir auch den Worten der Predigt aufmerksam zu, aber kaum einer von uns, liebe Gemeinde, tut es, um sich aufr\u00fctteln und anspornen zu lassen. Wir w\u00fcnschen uns Ermutigung, Trost vielleicht sogar Heilung an den Stellen, an denen uns das Leben schmerzt und M\u00fche macht. Die meisten von uns sind hier, weil ihnen die Ruhe gut tut. Ruhe vom Alltag, Ruhe vom Zeitdruck, Ruhe von Klingel und Telefon, Ruhe vor den Konflikten, die uns qu\u00e4len, Ruhe vor den unerledigten Dingen, die zuhause auf uns warten, Ruhe vor Schuld, die wir auf unserer Seele tragen und die uns belastet. Wir sind hier um Ruhe zu finden f\u00fcr unsere Seele.<\/p>\n<p><em>Wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken, so wie Gott von den seinen. (Hebr 4,10) <\/em><\/p>\n<p align=\"center\"><strong>II. Auf dem Weg zur Ruhe <\/strong><\/p>\n<p>Als das Volk Israel sich durch die W\u00fcste qu\u00e4lte \u0096 mit Hunger und Durst, mit Glaubenszweifeln und \u00c4ngsten \u0096 da sehnte es sich auch nur nach Einem: Ruhe finden. Nicht mehr wandern m\u00fcssen, sondern ein Zuhause haben. Nicht mehr Fremde, nicht mehr Ausl\u00e4nder sein, sondern sagen k\u00f6nnen: dies hier ist unser Land, unser gelobtes Land. Nicht mehr Wege suchen und Umwege erkennen, sondern angekommen sein, da, wo wir zu Hause sein d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>So war der Weg Israels durch die W\u00fcste ein Weg der Sehnsucht nach der gro\u00dfen Ruhe, nach einer Heimat f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>Derjenige, der den Hebr\u00e4erbrief geschrieben hat, hat genau dieses Bild vom wandernden Gottesvolk aufgegriffen. Und er sagt uns: Auch Ihr, Ihr Christen, seid ein solches Gottesvolk. Ihr seid noch auf dem Weg. Noch seid Ihr nicht angekommen. Noch sehnt Ihr Euch nach der Ruhe, bei Gott sein zu d\u00fcrfen und dort eine Heimat zu haben. Aber einer ist Euch vorangegangen, der Euch den Weg gebahnt hat: Jesus Christus.<\/p>\n<p><em>Er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tr\u00e4nen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erh\u00f6rt worden, weil er Gott in Ehren hielt. <\/em><\/p>\n<p><em>So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. <\/em><\/p>\n<p><em>Und als er vollendet war, ist er f\u00fcr alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden, genannt von Gott ein Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks. (Hebr 5,7-10) <\/em><\/p>\n<p align=\"center\"><strong>\u00a0 <\/strong><strong>III. Zur Ruhe finden <\/strong><\/p>\n<p>Der leidende Christus also, liebe Gemeinde, ist derjenige, der den Weg vorangegangen ist und uns zeigen kann, wie wir wirklich zur Ruhe finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>H\u00f6ren wir, wie der Hebr\u00e4erbrief diesen Weg Jesu beschreibt:<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>\u00a0 <\/strong><strong>1. Jesus hat gelitten <\/strong><\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns nicht den umstrittenen neuen Jesusfilm von Mel Gibson anschauen und uns \u00fcber dessen \u00fcbertrieben-blutr\u00fcnstige Szenen und die doch hinl\u00e4nglich bekannten amerikanischen \u00dcbertreibungsstrategien ereifern \u0096 wir wissen es auch so: Jesu Weg ans Kreuz war ein bitterer und schwerer Weg. Nicht nur wegen der Wunden, nicht nur wegen der Peitschenhiebe und des schweren Kreuzesbalkens, den Jesus nach Golgatha tragen musste \u0096 sondern gerade auch wegen der Worte, die Jesus h\u00f6rte, den Hohn der Menge, die Entt\u00e4uschung seiner Anh\u00e4nger, die man ihm entgegenschmetterte, das Schweigen und die Flucht seiner J\u00fcnger und schlie\u00dflich der erniedrigende Spott, er m\u00f6ge doch \u0096 wenn er wirklich ein Gottessohn w\u00e4re \u0096 herabsteigen vom Kreuz und allen zeigen, was er kann. \u0096 Nein, er tat es nicht. Sondern er litt.<\/p>\n<p>Uns Christen nagelt niemand ans Kreuz, wenn wir f\u00fcr unseren Glauben einstehen. Aber Spott bekommen wir schon des \u00f6fteren zu h\u00f6ren, bei\u00dfende Ironie oder die immer wieder so gerne erz\u00e4hlten Geschichten von Pfarrern, die nichts taugen, und Kirchensteuermitteln, die vergeudet werden. Von den Inhalten unseres Glaubens ganz zu schweigen. Ich kenne Kinder, die im Schulbus blo\u00dfgestellt wurden, nur weil sie zum Kindergottesdienst gehen, oder die \u00f6ffentlich beten sollten, nur weil sie Pfarrerskinder waren. Der Weg des Gottesvolks durch diese Welt ist ein schwieriger Weg. Und es erfordert oft viel Mut und viel Durchhalteverm\u00f6gen, eben nicht aufzugeben wie so viele, sondern seinem Glauben treu zu bleiben.<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>\u00a0 <\/strong><strong>2. Jesus war gehorsam <\/strong><\/p>\n<p>Warum ist Jesus eigentlich nicht herabgestiegen vom Kreuz und hat es allen gezeigt? Er h\u00e4tte es einfacher gehabt \u0096 und <em>wir <\/em> h\u00e4tten es einfacher gehabt \u0096 als Christen heute! Einen m\u00e4chtigen Herrn zu verk\u00fcndigen ist viel einfacher als einen gedem\u00fctigten, einen hingerichteten. Warum musste das so sein? Warum litt er bis in den Tod?<\/p>\n<p><em>\u0084Er lernte den Gehorsam.\u0093 <\/em>\u0096 so hei\u00dft es hier im Hebr\u00e4erbrief. Was eine grausame Schule, die am Kreuz den Gehorsam lehrt! Will Gott einen solchen Kadavergehorsam? Den Gehorsam Abrahams, der seinen einzigen Sohn schlachten soll? Den Gehorsam eines 36-J\u00e4hrigen, der gegen seinen Willen, doch lieber am Leben zu bleiben, klaglos ans Kreuz geht? Ist das ein Gehorsam, den Gott von uns erwartet?<\/p>\n<p>Nein, es geht hier nicht um Kadavergehorsam, sondern darum, zu erkennen, dass Gottes Gesicht nicht ein Gesicht der Macht und der Gewalt ist, sondern ein Gesicht der Liebe und der Demut. Und dazu geh\u00f6rt eben auch, sich nicht zu wehren, sondern den Weg ins Leiden zu gehen. <em> \u0084Wer sein Leben erhalten will, der wird&#8217;s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird&#8217;s finden.\u0093 (Mt 16,25) <\/em> \u0096 Darum steht hier auch \u0096 fast in einem Nebensatz versteckt \u0096 das Wort: <em>\u0084 <\/em><em>und er ist auch erh\u00f6rt worden, weil er Gott in Ehren hielt.\u0093 <\/em> Es ist das helle Licht des Ostermorgens, das hier den Leidensweg Jesu \u00fcberstrahlt. Ja, Jesus musste leiden und sterben \u0096 sein Bitten und Flehen, sein lautes Schreien und seine Tr\u00e4nen retteten ihn nicht vor dem Tod. Aber sein Gehorsam und sein Vertrauen wurden nicht entt\u00e4uscht: Gott brach die Macht des Todes und setzte Jesus vor aller Welt ins Recht.<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>3. Jesus schenkt uns das ewige Heil <\/strong><\/p>\n<p>Warum Jesus hier im Hebr\u00e4erbrief so gerne \u0084Hoherpriester\u0093 genannt wird, wird uns nun immer mehr deutlich. Wir Christen sind ein wanderndes Gottesvolk, und sehnen uns genauso wie das Volk Israel nach einer Heimat, nach einer Ruhe, nach einem Ort, wo es keine Zweifel und keine Fragen mehr gibt.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Volk Israel war dieser Traum der Traum vom Land Kanaan und dem Tempel in Jerusalem, wo der Hoherpriester der Vermittler war zwischen Gott und seinem geliebten Volk.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns nun ist diese Heimat, nach der wir uns sehnen, das Reich Gottes. Und Christus ist dieser Vermittler, dieser \u0084Hoherpriester\u0093 geworden, von dem das Alte Testament erz\u00e4hlt. Wenn wir Christen wandern und uns nach einem Ort der Ruhe und der Kraft sehnen, nach einem Ort, wo wir ohne Zweifel und ohne Schuld Gott gegen\u00fcberstehen und ihm begegnen k\u00f6nnen, wenn wir uns danach sehnen, dann sehnen wir uns nach dem Reich Gottes und dann ist Jesus Christus der richtige Weg dorthin. Wie ein vermittelnder Hoherpriester ist er hier dargestellt, f\u00fcr uns vielleicht besser vorstellbar als eine Br\u00fccke ins Land des Friedens und der inneren Ruhe:<\/p>\n<p><em>Weil wir denn einen gro\u00dfen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. <\/em><\/p>\n<p><em>Lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe n\u00f6tig haben. (Hebr 4,14.16). <\/em><\/p>\n<p>Gr\u00f6\u00dfer und sch\u00f6ner k\u00f6nnen wir uns den Ort des ewigen Friedens und der Ruhe f\u00fcr unsere Seele nicht vorstellen: Freiheit von aller Schuld und die Liebe Christi immer an unserer Seite.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, welcher h\u00f6her ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.<\/p>\n<p><strong>Vorschlag f\u00fcr den Psalm <\/strong><\/p>\n<p>Psalm 4 (EG 703) oder Psalm 13 (EG 706)<\/p>\n<p><strong>Vorschlag f\u00fcr die Schriftlesung: <\/strong><\/p>\n<p>Anstelle der vorgeschriebenen Lesung Mk 10,35-45 (Vom Herrschen und vom Dienen) kann zum besseren Verst\u00e4ndnis des Predigttextes Mt 26,36-46 (Jesu Gebet in Gethsemane) verlesen werden. Ich mache aber darauf aufmerksam, dass \u0096 rein exegetisch gesehen \u0096 im Hebr\u00e4erbrief nicht auf dieses Geschehen Bezug genommen wird.<\/p>\n<p><strong>Liedvorschl\u00e4ge: <\/strong><\/p>\n<p>Eingangslied: EG 79: Wir danken dir, Herr Jesu Christ<br \/>\nLied nach der Lesung: EG 586: Herr, der du einst gekommen bist<br \/>\nWochenlied: EG 76: O Mensch, bewein dein S\u00fcnde gro\u00df<br \/>\nLied nach der Predigt: EG 625: Wir strecken uns nach dir<br \/>\nEG 93: Nun geh\u00f6ren unsre Herzen<br \/>\nSchlusslied: EG 385: Mir nach, spricht Christus, unser Held<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Pfarrerin Dorothea Zager<br \/>\nAlzeyer Stra\u00dfe 118<br \/>\n67549 Worms<br \/>\n<a href=\"mailto:dwzager@t-online.de\">E-Mail: dwzager@t-online.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und er (sc. 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