{"id":9856,"date":"2021-02-07T19:49:38","date_gmt":"2021-02-07T19:49:38","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9856"},"modified":"2022-10-06T08:27:06","modified_gmt":"2022-10-06T06:27:06","slug":"1-korinther-11-23-26-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-11-23-26-3\/","title":{"rendered":"1. Korinther 11, 23-26"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>(Predigt zum Gr\u00fcndonnerstag, den 8. April 2004 \u00fcber den Perikopentext der II. Reihe<br \/>\nunter R\u00fccksicht auf die f\u00fcnfte \u201eInvokavit-Predigt\u201c Martin Luthers \u00fcber das Heilige Abendmahl)<\/p>\n<p><strong> Kein Streit um die \u00e4u\u00dfere Gestalt!<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Denn vom Herrn habe ich empfangen, was ich euch weitergegeben habe:<br \/>\nUnser Herr Jesus Christus, in der Nacht, in der er dahin gegeben wurde, nahm er das Brot, dankte und brach\u2019s und sprach: Das ist mein Leib, der f\u00fcr euch gegeben wird; das tut zu meinem Ged\u00e4chtnis. Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Ged\u00e4chtnis.<br \/>\nSooft ihr n\u00e4mlich dieses Brot e\u00dft und aus diesem Becher trinkt, verk\u00fcndigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nmanche Menschen sprechen ein Tischgebet, bevor sie den L\u00f6ffel in die Suppe tauchen:<\/p>\n<p>Vater, segne diese Speise,<br \/>\nKomm, Herr Jesu, sei du unser Gast<br \/>\nDanket, dem Herrn, denn er ist freundlich &#8230;<\/p>\n<p>Oder: wie wir gesungen haben: Aller Augen warten auf Dich Herr &#8230;<\/p>\n<p>Manche Menschen sprechen sogar in \u00f6ffentlichen R\u00e4umen, in der Mensa, in Gastst\u00e4tten ein Tischgebet, dann allerdings meist still f\u00fcr sich, halb\u00f6ffentlich, aber doch kenntlich.<\/p>\n<p>Die religi\u00f6se Verunsicherung ist in der Gegenwart gro\u00df: Wie soll man mit dem Heiligen umgehen? Wie soll man sich Gott nahen, wie soll man die Kommunikation mit Gott gestalten?<\/p>\n<p>Soll man seine Schuhe ausziehen, wenn man sich dem Altar n\u00e4hert,<br \/>\nsoll man als Frau ein Kopftuch aufsetzen, wenn man in die \u00d6ffentlichkeit geht?<\/p>\n<p>Die Verunsicherung war aber auch schon im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung gegeben, es war ja auch ein durch und durch plurales Zeitalter:<\/p>\n<p>Der Apostel Paulus hat die Gemeinde in Korinth in solchen Fragen beraten, bei Eheschlie\u00dfung und bei Opferhandlungen, und auch bei der Frage einer angemessenen Erinnerung an Jesus Christus, und er hat gesagt, was sie tun sollen: Ganz schlicht nach\u2019spielen\u2019 und dabei nacherleben, was Christus beim letzten Essen mit seinen J\u00fcngern gemacht hat:<\/p>\n<p>Nehmt das Brot, das ist mein Leib,<br \/>\nnehmt den Wein, das ist mein Blut.<\/p>\n<p>Alles ganz schlicht, ohne gro\u00dfe Rezepte und rituelle Weisungen, ob man das Brot als einfacher Mensch ohne Priesterweihe anfassen darf, ob man Brot und Wein zu sich nehmen darf.<\/p>\n<p>Wenn sie ohne gro\u00dfen Aufwand das Mahl feiern w\u00fcrden, konzentriert auf die Erinnerung an Christus, dann w\u00fcrden sie schon merken, wie nahe er ihnen steht.<\/p>\n<p>Die Worte des Apostel Paulus sind die \u00e4ltesten erhaltenen Anweisungen zum Herrenmahl; sie zielen und treffen in eine konkrete Gemeindesituation, in der Ordnung und gegenseitige R\u00fccksichtnahme verloren zu gehen schienen, die Wohlhabenden s\u00e4ttigen sich in Gegenwart der Darbenden, Trunkenheit st\u00f6rt das feierliche Erinnerungsmahl.<\/p>\n<p>Dabei ist es doch mehr als ein konkrete Situation, es ist eine Szene von globaler Bedeutung: Die Gemeinde erinnert sich an ihren Herrn, der opfert sich f\u00fcr seine Diener, der Lehrer f\u00fcr seine Sch\u00fcler, er gibt ihnen sein Leben. Er l\u00e4sst sich schlagen f\u00fcr seine Freunde, die sonst geschlagen worden w\u00e4ren.<br \/>\nDer Hirte tritt den W\u00f6lfen entgegen &#8230; gibt sein Leben f\u00fcr die Schafe &#8230;<\/p>\n<p>Bevor wir weiter \u00fcber die Bedeutung dieses Mahles und seine Interpretation nachdenken, wollen wir noch einen Schritt in der Geschichte der Kirche voranschreiten:<\/p>\n<p>Auch Martin Luther hatte in den Anf\u00e4ngen der Reformation mit der Frage zu k\u00e4mpfen, wie man sich Gott richtig n\u00e4hert: Seine Mitarbeiter, nette, aber ein bi\u00dfchen hitzk\u00f6pfige junge Leute, wollten das Kind mit dem Bad aussch\u00fctten: Jeder Christ, &#8211; und das hie\u00df damals: Jeder Mensch &#8211; , mu\u00df das Abendmahl in beiden Gestalten erhalten, als Brot und als Wein, und er mu\u00df es annehmen, und am besten noch mit beiden H\u00e4nden ergreifen, um es zu begreifen.<\/p>\n<p>Martin Luther hat solchen einzelnen Vorschriften heftig widersprochen, hat den Hitzk\u00f6pfen Einhalt geboten und geraten: La\u00dft es doch gut sein, zwingt die nicht, die noch so sehr an die Br\u00e4uche gew\u00f6hnt sind, wie es bisher \u00fcblich war. Warum wollt Ihr denn euer Verfahren durchsetzen? Dadurch wird Gottes Wort nicht klarer, sondern vielmehr ganz und gar unklar. Es wird ein Instrument f\u00fcr den Machtkampf. Man bekommt wieder den Eindruck, als m\u00fcsste man bestimmte Voraussetzungen erf\u00fcllen, ehe man Zugang zum Heil der Seele bekommt, dann kann man gleich wieder Anteilsscheine verkaufen. Aber es geht doch darum, dass Gottes Wort klar zum Ausdruck kommt; die Menschen sind von Gott zur Freiheit berufen, deshalb gibt er Brot und Wein, schenkt Unabh\u00e4ngigkeit von den Grundbed\u00fcrfnissen.<\/p>\n<p>Luther sp\u00fcrte nat\u00fcrlich, dass es hier um einen Machtkampf ging, seine jungen Leute, die er in seinem Versteck auf der Wartburg hatte aus den Augen lassen m\u00fcssen, wollten nat\u00fcrlich ihre weltliche Machtposition in Wittenberg auskosten und wom\u00f6glich ausbauen, aber genau das w\u00e4re f\u00fcr das Evangelium t\u00f6dlich. F\u00fcr das Evangelium kann man nur mit Freundlichkeit werben, es ist der Stoff, aus dem die Liebe ist.<\/p>\n<p>Jede Religion sucht nach einer angemessenen Gestalt ihres Glaubens; die ganze Christenheit auf Erden sucht seit bald zweitausend Jahren nach einer sichtbaren Gestalt f\u00fcr ihren Glauben, der ja als Kraft unsichtbar ist und gerade deshalb nach Gestaltung verlangt.<\/p>\n<p>Die Worte Christi am letzten Abend sind weitergegeben worden \u00fcber nun bald 2000 Jahre, wie es der Apostel in den Anf\u00e4ngen in Korinth empfohlen hat: Kein gro\u00dfes, kaltes Buffet, kein F\u00fcnf-G\u00e4nge-Menue, das sich nur die ganz Reichen leisten k\u00f6nnen, etwas Brot, etwas Wein, das solls sein, das reicht aus, um den Hunger der Seele zu stillen, die Energie des Glaubens zu erneuern. Die Seele ist, wie man wei\u00df, gen\u00fcgsamer als der Leib; sie sp\u00fcrt im Teilen des Brotes die Gemeinschaft und hat damit genug &#8230;<\/p>\n<p>Aus Mitteilen wird mehr &#8230; das ist das Geheimnis des Glaubens &#8230;<\/p>\n<p>Jesus hat sich mitgeteilt, das ist der Sinn dieses gemeinsamen Essens, jetzt und f\u00fcr alle Zeit, Jesus hat sich geopfert, aber nicht wie die Alten dachten, um den b\u00f6sen, rachs\u00fcchtigen Gott im Himmel zu bes\u00e4nftigen, sondern, um ihnen sein Blut als Lebenskraft zu transfundieren: Das Abendmahl ist eine Blutspende &#8230;<\/p>\n<p>So hat mir ein j\u00fcngerer Ausleger neulich das Abendmahl n\u00e4her gebracht: Hier wird keiner ermordet, damit andere leben k\u00f6nnen, das ist eine antike Vorstellung, die sich leider auch im Christentum viel zu lange gehalten hat.<\/p>\n<p>Die moderne Medizin lenkt die Gedanken auf eine andere M\u00f6glichkeit, den Tod Christi zu verstehen: Es ist der Einsatz des Lebens f\u00fcr andere, aber eben eher so, wie Eltern ihre ganze Kraft f\u00fcr ihre Kinder einsetzen und dabei auch verbrauchen oder wie Menschen ihr Blut spenden, &#8211; oder um das dramatischste Beispiel zu nehmen: Wie eine Knochenmarkstransplantation, bei der ja der Spender sein Leben einsetzt, um das Leben eines (Leuk\u00e4mie-)Kranken zu retten.<\/p>\n<p>Alle Fragen, wie dieses Mahl zu feiern sei, sind v\u00f6llig gleichg\u00fcltig, wenn nur deutlich wird: Hier gibt einer sein Leben f\u00fcr das Leben der Gemeinschaft ein.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nalle Menschen d\u00fcrfen von diesem Lebensmittel essen, d\u00fcrfen Brot und Wein genie\u00dfen, jeder der es will, soll es bekommen, wir sortieren nicht nach w\u00fcrdig und unw\u00fcrdig, das ist nicht Aufgabe von Menschen, das ist Gottes Werk: Wem er den Glauben an die Wirkung dieser Gabe schenkt, dem wird er auch die gute Wirkung dieser Gabe schenken.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte es zuspitzen und sagen: Wenn jetzt eine Frau mit einem Kopftuch zum Altar tr\u00e4te, ob jung oder alt, ich w\u00fcrde ihr Brot und Wein anbieten, und wenn sie es n\u00e4hme, w\u00fcrde ich mich dar\u00fcber sehr freuen, denn sie lie\u00dfe sich von den guten Gaben Gottes st\u00e4rken, das Gute zu tun.<\/p>\n<p>Mehr will ich nicht, mehr kann ich nicht wollen, als dass sich die Menschen st\u00e4rken lassen zum Guten durch die G\u00fcte Gottes \u2013 und es ist f\u00fcr mich ein besonderes Geschenk, dass ich mithelfen darf, seine G\u00fcte auszuteilen.<br \/>\nSo wie wir evangelischen Christen das verstehen, sind wir alle berufen, Gottes G\u00fcte zu empfangen und auszuteilen!<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Prof. Dr. Reinhard Schmidt-Rost, Bonn<\/strong><br \/>\n<strong><a href=\"mailto:R.Schmidt-Rost@web.de\">R.Schmidt-Rost@web.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Predigt zum Gr\u00fcndonnerstag, den 8. 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