{"id":9860,"date":"2021-02-07T19:49:29","date_gmt":"2021-02-07T19:49:29","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9860"},"modified":"2022-10-27T09:54:25","modified_gmt":"2022-10-27T07:54:25","slug":"1-korinther-1123-29","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-1123-29\/","title":{"rendered":"1. Korinther 11:23-29"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>&#8222;<em>Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe:<br \/>\n<\/em>Der Herr Jesu, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach\u00b4s und sprach: Das ist mein Leib, der f\u00fcr euch gegeben ward, das tut zu meinem Ged\u00e4chtnis.<br \/>\n<em>Desgleichen nahm er auch den Kelch, nach dem Mahl, und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr draus trinkt, zu meinem Ged\u00e4chtnis.<br \/>\n<\/em><em>Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verk\u00fcndigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>I. Meditation des Textes <\/strong><\/p>\n<p>Wir finden <em>Parallelstellen <\/em> zu diesem Text in Matth\u00e4us 26, 28ff, Markus 14, 22ff und Lukas 22, 16ff. <em>Die Abweichungen zwischen den vier Texten sind deutlich <\/em><strong>. <\/strong>Paulus hat den Zusatz to <em>f\u00fcr euch (hyper hymon <\/em>) nur f\u00fcr das Brotwort. Es fehlt beim Kelchwort. Leib ( <em>soma) <\/em>wird mit neuer Bund ( <em>kain\u00e9 diadeke) <\/em>parallelisiert, nicht aber mit Blut ( <em>haima <\/em>). Die Pr\u00e4dikatsnomen stehen in umgekehrter Reihenfolge. <em>Soma <\/em> ( Leib) und <em>haima <\/em> ( Blut) sind wohl die \u00dcbersetzungen des aram\u00e4ischen <em>bisra <\/em> und <em>dim. <\/em> Daraus k\u00f6nnen wir folgen, dass das Brot- und Kelchwort urspr\u00fcnglich durch eine Mahlzeit getrennt waren. Mit <strong>V 26 <\/strong> will Paulus wohl einen anderen eschatologischen Sinn des Abendmahls zum Ausdruck bringen. Wenn der Kelch (Blut\/ Sterben) Anteil gibt an Christus und das Brot Anteil gibt am Leib, dann wird die feiernde Gemeinde zu seinem Leib zusammengeschlossen. Offensichtlich will Paulus den Korinthern (und somit auch uns) unmissverst\u00e4ndlich deutlich machen: Glaubende geh\u00f6ren zusammen und sind f\u00fcr einander verantwortlich. Daran erinnert Dietrich Bonhoeffer mit seinem Hinweis, dass Christen als Gemeinde existieren.<\/p>\n<p>Das Abendmahl ist ein Gemeinschaftsmahl und verbindet wie sonst nichts in der Welt Menschen \u00fcber und vor aller Sympathie. Das Abendmahl ist Schule der \u00d6kumenizit\u00e4t der Kirche Jesu Christi. Zwischen Brot und Wein liegt die Teilhabe und das Teilgeben am Esstisch der Welt, also die Realit\u00e4t von reichen und armen Kirchen, die nur Kirche bleiben k\u00f6nnen, wenn die Reichen nie den Weg der Teilgabe an irdischen G\u00fctern verlassen. \u0094Unw\u00fcrdig essen\u0093 ( <em>anaxios <\/em>) ist das tats\u00e4chliche Interesse an heute lebenden Menschen in der globalen Welt. Der griechische Begriff <em>axios <\/em>bedeutet eigentlich die ausbalancierte Waage.<\/p>\n<p><strong>&#8230; Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut <\/strong><\/p>\n<p><strong>Leib <\/strong> und <strong>Blut <\/strong>sind auch <strong> \u00f6konomische Faktoren. <\/strong>Ein Beispiel daf\u00fcr ist der <em>Bluthandel. <\/em> In vielen asiatischen St\u00e4dten &#8211; aber auch in anderen Teilen der Welt &#8211; fin\u00adden wir das gleiche Bild: Lange Schlangen von Menschen stehen vor einem Haus. Sie wollen Blut spenden. In Bombay be\u00adkom\u00admen sie daf\u00fcr 15 Rupien. Das reicht f\u00fcr das Essen der Familie. Und deshalb kommen vor allem die Armen, die sonst keine Eink\u00fcnfte haben. Viele spenden jede Woche. Und das ist zu\u00adviel. Aber die Armen m\u00fcs\u00adsen das, um ihre Familie zu ern\u00e4hren.<\/p>\n<p>Die Gesch\u00e4fte mit dem Blut machen andererseits eine kleine Gruppe von Arzneifabri\u00adken, die den ganzen Handel des Blutes aus der Dritten Welt kontrollieren und an die indu\u00adstrialisierten L\u00e4nder verkauft sehr reich. Die Unternehmen bestechen die verantwortlichen Regierungsvertreter, damit sie die Augen vor den schrecklichen Folgen wie beispielsweise den Verkauf von aidsverseuchtem Blut verschlie\u00dfen. Die Verbindung von Blut und S\u00fcnde (Korruption) ist eine \u00f6konomische Wirklichkeit globalen Ausma\u00dfes.<\/p>\n<p>Das <strong>B\u00f6se <\/strong>d\u00fcrfte eigentlich nicht sein, &#8222;aber es ist&#8220; (W. Schulz). Und verwandelt verwandelte f\u00fcnf der sieben Tods\u00fcnden des Christen\u00adtums in positive \u00f6konomische Tugenden: Stolz, Neid, Geiz, Habsucht und Wollust. Die christlichen Tugenden Liebe, Dankbarkeit und Bescheidenheit gelten dagegen als &#8222;schlecht f\u00fcrs Gesch\u00e4ft.&#8220;<\/p>\n<p>Das Neue Testament beginnt, historisch gesehen, mit dem wichtigen Satz: \u0094Wir danken Gott allezeit\u0093 (1.Thessalonicher 1, 2) \u0096 das griechische Wort ( <em>eucharistoumen <\/em>) wird in der kirchlichen Sprache f\u00fcr Abendmahl verwendete. Eucharistie h\u00e4ngt aber auch mit Gnade ( <em>charis) <\/em>zusammen. Christen glauben an einen <em>charmanten <\/em> Gott, der in Jesus Christus den Charme als neue Lebensweise vorgelebt hat.<\/p>\n<p><strong>Das ist mein Leib &#8230;. <\/strong><\/p>\n<p>Der Arzt Gottfried <em>Benn <\/em> konnte noch schreiben: \u0084Ich lebe <em>vor <\/em> dem Leib. Leib war fr\u00fcher Synonym f\u00fcr Leben und beinhaltete Personsein, Leben haben und K\u00f6rperlichkeit: die Leibrente war eine Zahlung auf Lebenszeit. <em>Min lip <\/em> wurde im Mittelalter und der fr\u00fchen Renaissance synonym mit\u0084Ich\u0093 verwendet. W\u00e4hrend der Leibeigene seinem Herrn mit <em>libe eigen <\/em>&#8211; mit seinem Leben als Person zugeh\u00f6rig war- wurde der Sklave in Amerika als purer K\u00f6rper mit harter W\u00e4hrung gehandelt nach dem Wert seiner k\u00f6rperlichen Funktionsf\u00e4higkeit. Der individuelle K\u00f6rper musste schlie\u00dflich dem sozialen K\u00f6rper weichen. Der einst durch Tabus gesch\u00fctzte und geheiligte Leib wird zur \u0084erleuchteten menschlichen Maschine\u0093, zum profanen Fleisch. Warme Leichen und kalte Embryonen werden nach den Worten des franz\u00f6sischen Psychoanalytiker <em>Michel Tort <\/em> zu den begehrten Objekten der Gesellschaft. Die Industrialisierung des Lebens geht konsequent weiter vom Verkauf der Muskelarbeit in der Sklaverei \u00fcber die Vermietung des K\u00f6rpers in der Leihmutterschaft bis zur Organtransplantation.<\/p>\n<p>Auch hier begegnet uns wieder eine Gestalt der S\u00fcnde in Form der Korruption im Zusammenhang mit dem gewinntr\u00e4chtigen Organhandel.<\/p>\n<p>Das Neuwerden ist Teil des eschatologischen Sch\u00f6pfungshandelns Gottes wie 1 Petr 1,3.23 zeigt. Nach Paulus ist Tod und Auferstehung Jesu Christi der Anbruch der neuen Sch\u00f6pfung und macht den Menschen zu einer \u0084neuen Kreatur\u0093 (2Kor. 5,17; Gal. 6,17) Der Neue Mensch ist in Christus in der Geschichte schon erschienen. Christus ist der \u0084Erstgeborene aller Sch\u00f6pfung\u0093 (Kolosser 1.19) und der \u0084Erstgeborene von den Toten\u0093 (Kol, 18). Er ist das Urbild des \u0084Neuen Menschen\u0093 (Epheser 2,15) und verk\u00f6rpert den Menschen, auf den hin die Welt und der Mensch geschaffen sind. Er ist der \u0084Neue Adam\u0093 (R\u00f6mer 5, 12-21), der Mensch den Gott vor dem S\u00fcndenfall meinte. Das Neusein empf\u00e4ngt der Mensch in der Taufe schon jetzt und wartet gleichzeitig auf das noch ausstehende eschatologische Heil. Johannes nennt es \u0084Neugeburt\u0093 oder \u0093Gottes Kindschaft\u0093(1Joh 1,3).<\/p>\n<p><strong>II. Predigt <\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Die fr\u00fcheste Form des Gottesdienstes im Neuen Testament ist die Eucharistie. Die Nahrung erinnert uns t\u00e4glich an unsere Bindung an das Wunder des Le\u00adbens. Die engste Verbindung der Menschen mit den Fl\u00fcssen und B\u00f6den der Erde ist die Nahrung. Von daher ist es auch nicht erstaunlich, dass die meisten Weltreligionen Rituale zur Weihe von Speisen kennen um de\u00adren Rolle als Stoff des Lebens, zu w\u00fcrdigen. Auch wenn der mo\u00adderne Mensch das vergessen haben sollte, die M\u00fchsal, ausreichende Nahrung zu beschaffen, war immer ein zentrales Element des menschlichen Daseins. Die Historiker lehren uns, dass die fr\u00fchesten Kulturen sich bilden konnten, weil sie eine neue Strategie zum Nahrungsmittelerwerb organisierten. Voraussetzung daf\u00fcr war die men\u00adschliche <strong>Kommunikation. <\/strong>Gemeinschaft (communio) findet ihre lebendige Gestalt im Essen und Trinken.<\/p>\n<p>Zur gleichen Zeit (etwa um 3000 bis 2000 vor Chr.) wurden durch den Getreideanbau und die Kultivierung des Wein\u00adstocks Brot, Reis und Wein Kulturg\u00fcter. Die Weinberge waren &#8222;Eigentum der Herrscher, sowohl in Mesopotamien als auch in \u00c4gypten. Der gemeine Mann durfte keinen Wein trinken (Hodges). Die Herstellung von Bier und Wein war &#8222;vielleicht das erste Betriebsge\u00adheimnis, dem wir in der Geschichte der Technologie \u00fcber den Weg kommen&#8220;.<\/p>\n<p>Essen und Trinken haben eine gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr das gesamte Leben. In allen L\u00e4ndern haben sich die Essgewohnheiten im Laufe der Zeit ge\u00e4ndert. Vor allem in den Industriel\u00e4ndern. \u0084Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht\u0093 gilt f\u00fcr alle Bauern in der Welt. Man unterschied schon sehr fr\u00fch zwischen \u0094reinen und unreinen Tieren\u0093 und entsprechend spielt bis heute die Essgewohnheit der Menschen eine wichtige Rolle. An ihrem Essen kann man die unterschiedlichen Religionen erkennen. K\u00fche und Schweine sind bis heute Ursache \u0094heiliger Kriege\u0093 zwischen den islamischen und hinduistischen Indern.<\/p>\n<p>Jede Mahlzeit verbindet den Menschen mit den schaffenden Kr\u00e4ften des Lebens, mit dem ewigen Leben der Gottheit. Die Mahlzeit ist nach der \u00dcberzeugung der Kanaken von Neukaledonien der lebendige Sammelplatz der Nahrungskr\u00e4fte des Bodens und der Menschen der Vergangenheit und erfordert deshalb die Inbrunst des gesamten Wesens und schweigendes Kauen. Essen und Trinken sind ein richtiges Sakrament. Deshalb steht neben dem Tempel oft das Schlachthaus, denn Fleisch muss vorher durch Opfer \u0094geheiligt\u0093 werden.<\/p>\n<p>Die Essensgewohnheiten f\u00fchrten in der urchristlichen Gemeinde zur harten Auseinandersetzung und wurde zu einem der wichtigsten Themen bei den ersten christlichen Vollversammlung. Paulus zahlte schlie\u00dflich mit seinem Leben f\u00fcr diese Einheit, indem er selber das Zeichen der Verbundenheit, die Kollekte aus den nichtj\u00fcdischen Gemeinden als Zeichen der Einheit nach Jerusalem brachte. In seinem Schreiben an die Gemeinde in Rom ermahnt er die \u0094Schwachen\u0093 und \u0094Starken\u0093 im Zusammenhang mit dem Essen von Opferfleisch, sich gegenseitig zu achten.<\/p>\n<p>Essen und Trinken entwickelte sich in Israel vom Familienfest zum kultischen Mahl. Die christliche Gemeinde \u00fcbernimmt diese Vorstellung, dass das Mahl kein Privatangelegenheit ist, sondern immer mit dem Transzendenten verbindet. Deshalb steht die Danksagung, das Tisch-Gebet am Anfang. In Malaysia, wo ich lange lebte, kennt man das \u0094Essen der Reisseele\u0093, zu dem jedes Glied der Gro\u00dffamilie den neuen Reis mitbringt. Neuer Reis und Segen ( <em>barkat <\/em>) geh\u00f6ren zusammen. Essen ist mit dem Almosen verbunden, denn wer von seinem Essen nicht etwas abgeben will, wird auch den <em>Segen <\/em> nicht erhalten.<\/p>\n<p>Vom Essen und Trinken f\u00fchrt der Weg zur Ethik als dem rechten Verhalten im Angesicht Gottes; es wird zum Kriterium; \u0094Was ihr getan habt Einem unter diesen meinen geringsten Br\u00fcdern, das hab ihr mit getan\u0093, sagt Jesus und erw\u00e4hnt dabei Essen und Trinken zuerst (Matth\u00e4us 25, 35ff). Auch bei Paulus ist das Essen und rechte Verhalten der Christen beim Abendmahl Kriterium (1.Korinther 8-10 und 11): alles kommt auf die Gemeinschaft ( <em>koinonia <\/em>) an.<\/p>\n<p>Weil im Blut das Leben (oder die Seele) wohnt, ist Blut nicht f\u00fcr den Menschen, sondern f\u00fcr Gott- oder wie in Malaysia bei den Rungus-Dusun- f\u00fcr die Geister bestimmt. \u0094Segen\u0093 fasst das zum Leben Notwendige ( <em>koposizon <\/em>) mit dem Leben ( <em>koposizan <\/em>) zusammen. Den Ort, wo man das zum Leben Notwendige aufbewahrt, nennt man <em>\u0094sulap <\/em>\u0093, Reisscheune. Im <em>sulap <\/em> hat das Leben (\u0094 <em>koposizan <\/em>\u0093) seinen Wohnort. Das ganze Leben untersteht der <em>adat <\/em>, dem Gesetz; es regelt das Leben.<\/p>\n<p>Die Runguschristen in Sabah bauen deshalb ihre Kirchen nach dem Model der Reisscheune; sie wollen damit zum Ausdruck bringen, dass das zum Leben Notwendige und das Leben schlechthin ihre Quelle im Gottesdienst hat. Eucharistie hei\u00dft \u0094Mahl des Herrn Jesus\u0093, ( <em>pokinakanan di Tuhan Yesus <\/em>); Grundprinzip der \u00d6konomie ist das Teilen mit den Gliedern der Familie, mit den n\u00e4heren und weiteren Verwandten und mit dem Gast und dar\u00fcber hinaus mit jedem, der um etwas bittet.<\/p>\n<p><strong>Das Mahl des Herrn ist Quelle eines neuen Denkens <\/strong><\/p>\n<p><em>Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verk\u00fcndigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt. <\/em><\/p>\n<p>Die Kraft, die aus dem Mahl des Herrn bis heute erw\u00e4chst, zeigt die folgende Geschichte, die ich vor einigen Jahren in Sabah erlebte.<\/p>\n<p>Als junger Pfarrer aus Deutschland sa\u00df ich mit seinem Sprachlehrer vor dem Haus auf der Treppe. Im Garten spielten unsere beiden T\u00f6chter. Sie waren gleichen Alters aber unterschiedlich in Gr\u00f6\u00dfe und in ihren Lebensgewohnheiten. Die eine, erzogen nach europ\u00e4ischen Essgewohnheiten, war gr\u00f6\u00dfer und \u00fcbernahm immer die Initiative. Die andere folgte ihr immer. Mein Sprachlehrer meinte resigniert: \u0094 Unsere <em>bansa <\/em>(Rasse) muss d\u00fcmmer sein als euere, denn das kann man an den beiden Kindern sehen\u0093. Ich versuchte ihm zu erkl\u00e4ren, dass das nichts mit Rasse zu tun habe, sondern mit den Essgewohnheiten und den daraus resultierenden Eiwei\u00dfrationen.<\/p>\n<p>Nach langer Diskussion einigten wir uns, dass wir in der Schule f\u00fcr Pfarrer. Die ich leitete, die Essgewohnheiten \u00e4ndern wollten. Alle waren einverstanden. Die Frauen versuchten unter Anleitung der Haushaltungsschule proteinhaltigere Nahrung im Garten zu pflanzen und danach das Essen zu \u00e4ndern. Aber trotz gro\u00dfer Begeisterung der Frauen \u00e4nderte sich nichts, weil die M\u00e4nner sich weigerten, die ungewohnten Speisen zu essen. Also a\u00dfen auch die Kinder nichts- und bald gaben die Frauen resigniert auf.<\/p>\n<p>Erst eine lange Unterredung mit den \u00c4ltesten brachte die L\u00f6sung. Sie erkl\u00e4rten mir, dass es in der alten Adat ein Regelung gebe, nach der alles Essen, das auf dem Tisch stand gegessen werden m\u00fcsse n\u00e4mlich beim gro\u00dfen Abschiedsessen f\u00fcr die Seele des Verstorbenen am Grab.<\/p>\n<p>Wir einigten uns in der Schule, in der Bauern als Entwicklungshelfer und Pfarrer ausgebildet wurden- nach heftigen Diskussionen und langem Z\u00f6gern, dass wir jeden Freitagabend ein gro\u00dfes Essen (pokinakanan) veranstalten wollten, bei dem die neuen Speisen ausprobiert werden sollten. Das Abendessen wurde verbunden mit dem Abendmahl (pokinakanan di Tuhan Yesus). Alle erschienen zum feierlichen Mahl und siehe da, alle a\u00dfen, wenn auch nicht begeistert, das neue Essen. so wurde der alte Grundsatz, dass der Bauer nicht isst, was der Bauer nicht kennt, mit Hilfe des Herrenmahls durch den neuen Grundsatz, dass man auch Neues erproben kann, \u00fcberwunden.<\/p>\n<p>Die Folgen blieben allerdings nicht aus. Bald \u00e4nderte sich auch die Geburtenrate. Jedes Jahr kam nun ein Kind zur Welt. Die aussterbende Rungusgesellschaft erfuhr als christliche Gemeinde eine neue Form von \u0094Segen\u0093 durch die Bev\u00f6lkerungsexplosion. Sie zwang die Pfarrer, neue Formen der Landwirtschaft in ihren D\u00f6rfern zu organisieren. Pfarrer wurden \u0094wirtschaftliche und geistliche\u0093 Entwicklungshelfer.<\/p>\n<p>Einige der S\u00f6hne und T\u00f6chter dieser Bauern-Pfarrer sind heute- wie meine eigenen Kinder \u0096 Akademiker. Sie sind Pfarrer, \u00c4rzte und Professoren, auch wenn ihre Gro\u00dfeltern, die ich in den 1960er Jahren taufte, nicht lesen und schreiben konnten.<\/p>\n<p>Der Mensch lebt vom Brot und Reis (Grundnahrungsmittel der meisten Menschen), aber auch vom Wort. Essen und Trinken sind Grundelemente der Gemeinschaft. Die heilige Mahlzeit wird Sakrament durch die Verbindung mit dem Herrn, der Heiland genannt wird. Das christliche Sakrament fasst die wesentlichen Elemente der Mahlzeitsakramente zu einer lebendigen Einheit zusammen. Das Abendmahl ist die eigentliche Eucharistie n\u00e4mlich Danksagung, wie sie in der j\u00fcdischen Mahlzeit bekannt ist. Die Segnung des Bechers, das Brechen des Brotes geschieht im \u0094Herrn\u0093. Er ist anwesend im Geist und er wird bald wieder kommen, um die Seinen zu speisen. Das dr\u00fcckt der Ruf aus: Maran atha! \u0096der Gegenw\u00e4rtiges und Zuk\u00fcnftiges verbindet. So wird die Mahlzeit zur Communio, die alle, die daran teilnehmen mit dem einladenden Herrn durch das Band in Christo verbindet. Die Einigung mit dem Christus ist gleichzeitige Einigung mit den anwesenden Br\u00fcdern und Schwestern. Sie ist das Andenken des Herrn, die Anamnese, die \u00fcber die normale Mahlzeit hinaus zum Sakrament im vollen Sinn des Wortes wird. Das Geschwistermahl, die so genannte <em>agape <\/em>, das Liebesmahl, wird aber schon fr\u00fch abgetrennt von der Eucharistie und wird zum eucharistischen Opfer. Das Opfer Christi auf Golgatha ist das einzige wirkliche Opfer und setzt sich fort im doppelten Opfer des Sakraments. Der Opfergedanke gibt der communio ihren letzten tiefsten Sinn, denn in dem Mysterium der Eucharistie zeigt sich die heilige Gegenwart des Herrn in der Mahlzeit, der Gemeinschaft, der Erinnerung an seinen Tod am Kreuz und ist gleichzeitig Zeichen der Auferweckung von den Toten.<\/p>\n<p>Das ist freilich nur in mystischer Sprache ausdr\u00fcckbar. Jesus sagt von sich: \u0094Ich bin das Brot des Lebens\u0093 und \u0094ich bin die wahre Rebe. Am Brechen des Brotes erkennen die J\u00fcnger von Emmaus den Gekreuzigten als den Auferstandenen.<\/p>\n<p>Das Merkw\u00fcrdige an der h\u00f6chsten Gemeinschaft aber ist, dass sie ihren Grund in dem hat, der in seinem leben von Einsamkeit zur Einsamkeit geschritten ist. Am Ende haben ihn alle seine Getreuen verlassen und in der Todesangst auch noch Gott: \u0094Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!\u0093 rief er am Kreuz. Aus dieser \u00e4u\u00dfersten Angst und \u00f6desten Einsamkeit, wie sie die Geschichte auf Golgatha zeigt, erw\u00e4chst die innigste Gemeinschaft. Das Paradoxon des christlichen Glaubens vereinigt Einsamkeit und Gemeinschaft im Leib Christi. Und diesen Sieg erlebt der \u0094Leib\u0093, die Kirche im Liebesmahl. Sie muss aber diesen Sieg immer wieder neu erringen, denn sie lebt in einer korrupten Welt, die Brot und Wein, Leib und Blut missbraucht f\u00fcr eigene Zwecke.<\/p>\n<p>Die Mahlgemeinschaft wird zum Kennzeichen der christlichen Gemeinde als Zeichen der Gemeinschaft mit Gott, das allen Menschen angeboten und erm\u00f6glicht werden muss. <em>Miteinander essen <\/em> wir fr\u00fch in der christlichen Kirche zum Schl\u00fcsselwort f\u00fcr Christ sein und zum Synonym f\u00fcr die Freiheit der Christen. Im gleichen Galaterbrief, in dem Paulus das gemeinsame Essen als Kriterium des Christlichen betont, formuliert Paulus das Zentrale der Jesusnachfolge mit den Worten: \u0094 <em>Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen\u0093 <\/em>(Galater 5, 1).<\/p>\n<p><strong>Das Liebesmahl <\/strong><\/p>\n<p>Die <em>kulturelle <\/em>Bedeutung des Wortes \u0084Liebe\u0093 ist eng mit dem Liebesmahl verbunden.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Freudenbringerin Liebe hat eine gro\u00dfe Wertsch\u00e4tzung mit all ihren gottgewollten Gaben: Lebensfreude, Gesellung, Begl\u00fcckung durch Sch\u00f6nheit, Zeugungskraft, Z\u00e4rtlichkeit, Spielraum oberhalb des Alltags. Liebe ist zusammengefasster Erwei\u00df der liebesf\u00e4higen Pers\u00f6nlichkeit. Liebe als h\u00f6chstes Gut, als Umschreibung des Ganzen, fasst Gottfried Wilhelm Leibniz so zusammen: \u0094Lieben hei\u00dft geneigt sein, sich zu freuen an der Vollkommenheit, an dem Gut und an dem Gl\u00fcck des anderen\u0093.<\/p>\n<p>Zur Liebe geh\u00f6rt aber auch <em>Schuld und Versagen <\/em>. Nicht sehr viele Menschen sind zur reinen, gro\u00dfen Liebe f\u00e4hig, denn Liebe ist ein Geschenk und Lieben ist ein Wachstumsproze\u00df. Am fruchtbarsten hat sich die Verwandlung der Liebe in best\u00e4ndiger Schicksalsgemeinschaft bew\u00e4hrt. Der Kirchenvater Thomas von Aquino formulierte das so: \u0094Wenn du dich selbst nicht zu lieben wei\u00dft, kannst du auch den N\u00e4chsten nicht in Wahrheit lieben\u0093.<\/p>\n<p>Auch deshalb ist das Mahl des Herrn so wichtig, weil Christen im Angesicht Gottes ihre Schuld bekennen und Vergebung ihrer Schuld erfahren d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><strong>Prof. Dr. Karl W. Rennstich<br \/>\nLerchenstrasse 17<br \/>\nD-72762 Reutlingen<br \/>\nGermany<br \/>\nTel: +49-(0)7121-372651<br \/>\nMobile: +49-(0)174-595-5914<br \/>\nEmail: <a href=\"mailto:kwrennstich@gmx.de\">kwrennstich@gmx.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesu, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach\u00b4s und sprach: Das ist mein Leib, der f\u00fcr euch gegeben ward, das tut zu meinem Ged\u00e4chtnis. Desgleichen nahm er auch den Kelch, nach dem Mahl, und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[42,1,727,114,286,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-9860","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-1-korinther","category-aktuelle","category-archiv","category-deut","category-kapitel-11-chapter-11-1-korinther","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9860","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9860"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9860\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14431,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9860\/revisions\/14431"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9860"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9860"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9860"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=9860"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=9860"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=9860"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=9860"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}