{"id":9862,"date":"2021-02-07T19:49:41","date_gmt":"2021-02-07T19:49:41","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9862"},"modified":"2022-10-03T13:35:18","modified_gmt":"2022-10-03T11:35:18","slug":"1-korinther-11-23-26-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-11-23-26-2\/","title":{"rendered":"1. Korinther 11, 23-26"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>23 Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot,<br \/>\n24 dankte und brach&#8217;s und sprach: Das ist mein Leib, der f\u00fcr euch gegeben wird; das tut zu meinem Ged\u00e4chtnis.<br \/>\n25 Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Ged\u00e4chtnis.<br \/>\n26 Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verk\u00fcndigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>I <\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcnfzig oder sechzig Personen sind gekommen. Die j\u00fcngste ist kaum \u00fcber zwanzig, der \u00e4lteste um die siebzig. Eine Frau kurvt mit ihrem elektrischen Rollstuhl herein und sucht sich zwischen den St\u00fchlen einen guten Platz. Ein spastisch gel\u00e4hmter Mann wird halb liegend in den Raum geschoben. Vor wenigen Wochen hat er eine Kollegin um eine Andacht zum vierzigsten Jahrestag seiner Konfirmation gebeten. \u0084Er feiert so gern!\u0093, sagt die Leiterin seiner Wohngruppe.<\/p>\n<p>Betreuerinnen sind da, der Hausleiter, Menschen aus dem Ort, die regelm\u00e4\u00dfig Besuche in dieser Einrichtung f\u00fcr behinderte Menschen machen. Ein Musiker, der einen Chor und eine Band leitet, deren Auftritte l\u00e4ngst weit \u00fcber die Grenzen der Wohn- und Werkst\u00e4tten hinaus bekannt sind, packt seine Gitarre aus. Er ist verantwortlich f\u00fcr die Musik und die Lieder, die wir beim Abendmahlsgottesdienst am Gr\u00fcndonnerstag singen.<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>II <\/strong><\/p>\n<p>Alles ist bereit: der Raum ist geschm\u00fcckt, der Tisch gedeckt, Brot und Wein sind vorbereitet. Vor allem: die Menschen sind bereit. Sie begr\u00fc\u00dfen sich. Manche gehen auf diejenigen zu, die aus dem Ort kommen und den Gottesdienst vorbereitet haben. Sie freuen sich. Sie warten. Ungeduldig.<\/p>\n<p>Noch bevor der Gottesdienst beginnt, kommt eine Frau nach vorne zum Altar. Sie nimmt ein St\u00fcck von dem Brot. Ein Mitarbeiter versucht ihr klar zu machen, dass sie noch einen Moment warten soll. Es geht doch um ein besonderes Essen! Aber sie lockt das Elementare. Sie will essen. Sie genie\u00dft es, jetzt ein St\u00fcck Wei\u00dfbrot zu essen. Jetzt, in dieser Gemeinschaft, voller Erwartung. Sie ist froh, das es ihr niemand verwehrt und sagt: \u0082danke&#8216;.<\/p>\n<p>Die Situation ist anders als in Korinth, so deutlich anders, dass Paulus seine Freude daran gehabt h\u00e4tte. Denn: wer hier zu fr\u00fch isst, tut dies aus Freude am geschenkten Brot, am geschenkten Leben und in Vorfreude auf den Gottesdienst in dieser Gemeinschaft. In dieser Gr\u00fcndonnerstagsgemeinde hat sich der Geist Gottes ausgebreitet, noch bevor gesagt ist, dass wir den Gottesdienst in seinem Namen feiern.<\/p>\n<p>Heiter sind die einen, andere ernst. Sie sp\u00fcren die Wertsch\u00e4tzung, die ihnen hier begegnet; eine Wertsch\u00e4tzung, in der etwas sp\u00fcrbar wird von der unbedingten Anerkennung, mit der Jesus sich f\u00fcr uns gegeben hat: \u0082das ist mein Leib &#8211; f\u00fcr Euch&#8216;. Jesus gibt, ohne zu fragen, was er bekommt. Er schenkt, verschenkt sich, ohne eine Gegengabe zu erwarten. Er durchbricht den Zirkel von Geben und Nehmen, weil sich in diesem Kreislauf nicht leben l\u00e4sst. Denn wer kann dabei mithalten? Die meisten von den Menschen, die hier versammelt sind, auf den ersten Blick jedenfalls nicht. Sie lassen sich beschenken. Die junge Frau, die an Down-Syndrom leidet, sitzt auf ihrem Stuhl und lehnt sich an eine Besucherin. Sie sp\u00fcrt die Anerkennung und genie\u00dft sie. Denjenigen aber, die hier regelm\u00e4\u00dfig zu Besuch kommen, auch denen, die hier arbeiten, sp\u00fcrt man ab, dass Geben und Nehmen dann doch nicht so eindeutig verteilt sind. Auch die Frau, an die sich die junge Frau anlehnt, scheint es zu genie\u00dfen. Und der Musiker kann lange erz\u00e4hlen, wie sch\u00f6n es ist, hier zu singen und Musik zu machen. Weil es so viel unmittelbare Resonanz, so viel Freude und Herzlichkeit, manchmal nat\u00fcrlich auch \u00c4rger gibt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich: auch diese Abendmahlsgemeinde ist keine ideale Gemeinde. Auch in ihr droht der Verrat, so wie damals als Judas mit am Tisch sa\u00df. Oder wie in Korinth, wo die Reichen die Armen einfach ignorierten und verga\u00dfen, dass Lebensmittel zum Teilen da sind. Wer sich dem Tisch des Herrn n\u00e4hert, wird die Gefahren des Verrats und des Versagens nicht los. Vielleicht ist es hier im Aufenthaltstraum der Einrichtung f\u00fcr behinderte Menschen der Streit um die besten Pl\u00e4tze, vielleicht das Buhlen um die Gunst der Betreuerin.<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>III <\/strong><\/p>\n<p>Auf jeden Fall gibt es in dieser Gemeinde viele Resonanzen, auf das was ihnen geschenkt wird. Die einzelnen reagieren auf den Gottesdienst: Manche mit Zwischenrufen, andere sprechen \u00fcberlieferte Gebetstexte mit, viele rufen am Ende der Gebete \u0082Amen&#8216;. Ein Mann wiederholt immer meine letzten Worte. Und wenn von Jesu Leiden die Rede ist oder von seinem Ton, beginnen einige zu klagen oder zu jammern.<\/p>\n<p>Die Aufmerksamkeit gilt nicht nur dem Gottesdienstablauf. Hier wird aufeinander geachtet. Was der oder die andere tut, wird von manchen lauthals kommentiert, wird kritisiert, in einer Geste aufgenommen und weitergef\u00fchrt. Bei der Austeilung werde ich von Nachbarn darauf hingewiesen, wer Wein trinken darf und wer nur Saft vertr\u00e4gt. Ein \u00e4lterer Bewohner hilft einem spastisch gel\u00e4hmten jungen Mann, den Becher an den Mund zu f\u00fchren. Eine Frau spricht mich an: der Klaus hat noch kein Brot gehabt. Ein zierlicher junger Mann wendet mir sein Gesicht nicht zu, als ich die Spendeformel sprechen will, sondern sagt zu seinem Betreuer: \u0084Erst Du!\u0093 Das Herrenmahl ist ein gemeinsames Essen. Ein besonderes, ein eindr\u00fcckliches Essen, aber doch ein Essen, f\u00fcr das die Grundregel des Lebens gilt: alle m\u00fcssen zu ihrem Recht kommen, alle sollen satt werden. In dem sich zeigen soll: wir geh\u00f6ren zusammen. Jetzt und hier!<\/p>\n<p>Auch das ist anders als in Korinth. Da kommen die Gemeindeglieder zusammen und achten nicht aufeinander. Die christliche Gemeinde besteht \u00fcberwiegend aus sozial Schwachen. Sie m\u00fcssen sich regelrecht von ihrer Arbeit davon schleichen, wenn sie am Abend zum Gottesdienst kommen wollen. So kommen sie oft zu sp\u00e4t. Die Wohlhabenden st\u00f6rt das nicht; sie sind rechtzeitig da. Und essen, soviel sie haben, und trinken, soviel sie k\u00f6nnen. Sie genie\u00dfen r\u00fccksichtslos, was da ist und kommen schon vor dem Herrenmahl in eine himmlische Stimmung. Denen aber, die zu sp\u00e4t kommen, knurrt der Magen. Wo eigentlich ein Liebesmahl gefeiert werden soll, bei dem diejenigen, die wenig oder nichts hatten und deshalb tags\u00fcber hungern mussten, nun auf Kosten der Reichen verpflegt werden sollen, da pflegen die Wohlhabenden und M\u00e4chtigen ihre eigene Clique und die Missachtung der anderen. Die einen sind voll des guten Essens und auch des Weines; die anderen nicht satt. Sie zweifeln angesichts leergegessener Teller und leergetrunkener Becher an der Wahrheit und dem Ernst des Herrenmahles, das im Anschluss gefeiert wird: Das Mahl der Danksagung, der Freude \u00fcber den gemeinsamen Herrn.<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>IV <\/strong><\/p>\n<p>Kommt her zu mir, alle, die ihr m\u00fchselig und beladen seid! Die Gemeinde dieser Einrichtung f\u00fcr behinderte Menschen hat sich rufen lassen. Nun sitzen sie da und singen: Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt, damit ich lebe. Sie freuen sich an der Begegnung, an dem Besonderen dieses Gottesdienstes.<\/p>\n<p>Als ich die Einsetzungsworte spreche, sprechen viele mit, so wie nachher auch beim Vaterunser. Die Worte sind ihnen gegenw\u00e4rtig. \u0084Das ist mein Leib, der f\u00fcr euch gegeben ist.\u0093 \u0084Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut.\u0093<\/p>\n<p>So, in Brot und Wein und in diesen Worten ist Jesus mitten unter uns gegenw\u00e4rtig. In der Gemeinde, die dar\u00fcber jubelt, dass der Gekreuzigte lebt und dass sie mit ihm und von ihm lebt. Jesus ist da, ist f\u00fcr uns da. F\u00fcr uns als Gemeinde, in der unterschiedliche Menschen, auch Menschen, die sich fern und fremd sind und die sich nicht leiden m\u00f6gen, zusammen geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns als Gemeinde, aber dann eben auch f\u00fcr jeden und jede einzelne: nimm hin und iss, nimm hin und trink. Dir gilt dieses Wort, du sollst satt werden vom Brot, der Wein soll dein Herz erfreuen. Du brauchst nichts zu geben, um dieses Lebensmittel zu dir zu nehmen. Du brauchst nichts daf\u00fcr tun und leisten, damit du dieses \u0084elementarste Lebensmittel\u0093 (E. J\u00fcngel) empf\u00e4ngst.<\/p>\n<p>Wer sonst immer gefordert und oft genug \u00fcberfordert ist, hier wird ihm etwas geschenkt: Nimm hin und iss! Am Tisch des Herrn findet die Leistungsgesellschaft ihre Grenze. Am Tisch des Herrn gelten andere Kriterien im Blick auf den Wert von Menschen. Beim Abendmahl werden diejenigen froh, die es nach meinen normalen Vorstellungen besonders schwer haben. Das wird mir in dieser Gemeinde besonders deutlich.<\/p>\n<p>Dass es nicht leicht ist, diese Gabe anzunehmen, ist offensichtlich. Die junge Frau hat ihre H\u00e4nde vor das Gesicht gelegt, nachdem sie das Brot empfangen hat. Sie nimmt sie nicht fort. Aber die anderen haben Zeit. Sie sind interessiert, aber sie warten, so wie ich.<\/p>\n<p>In der Welt setzen wir uns unter Druck. \u0084Die Welt wird von Imperativen und Optativen beherrscht!\u0093 (E. J\u00fcngel) Hier im Abendmahl haben wir Zeit. Denn \u0084sooft wir von diesem Brot essen und aus diesem Kelch trinken, verk\u00fcndigen wir den Tod des Herrn, bis er kommt.\u0093 Seit Gr\u00fcndonnerstag gilt eine neue Zeitordnung. Schon jetzt, hier und heute. Eine, die uns und den anderen Zeit l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die junge Frau nimmt ihre H\u00e4nde vom Gesicht, schl\u00e4gt ein Kreuz, schaut mich strahlend an und streckt ihre Hand nach dem Becher aus: \u0084Nimm hin und trink, Christi Blut f\u00fcr dich vergossen.\u0093 Amen.<\/p>\n<p><strong>Direktor Priv.-Doz. Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh<br \/>\nEvangelisches Predigerseminar<br \/>\nder Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck<br \/>\nGesundbrunnen 10<br \/>\n34369 Hofgeismar<br \/>\n05671-881271<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:cornelius-bundschuh@ekkw.de\">cornelius-bundschuh@ekkw.de <\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>23 Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, 24 dankte und brach&#8217;s und sprach: Das ist mein Leib, der f\u00fcr euch gegeben wird; das tut zu meinem Ged\u00e4chtnis. 25 Desgleichen nahm er auch den Kelch nach [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[42,1,727,114,708,286,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-9862","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-1-korinther","category-aktuelle","category-archiv","category-deut","category-gruendonnerstag","category-kapitel-11-chapter-11-1-korinther","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9862","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9862"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9862\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13881,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9862\/revisions\/13881"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9862"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9862"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9862"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=9862"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=9862"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=9862"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=9862"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}