{"id":9863,"date":"2021-02-07T19:49:43","date_gmt":"2021-02-07T19:49:43","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9863"},"modified":"2022-10-03T07:40:53","modified_gmt":"2022-10-03T05:40:53","slug":"johannes-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-6\/","title":{"rendered":"Johannes 6"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder!<\/p>\n<p>Alles, was Jesus bei seinem letzten Mahl im Kreis seiner J\u00fcnger tat und sagt, hat Bedeutung:<br \/>\nEr nimmt das Brot, er spricht das Dankgebet, er bricht und verteilt es. So wie er es bei seinem Vater zum j\u00fcdischen Passahmahl erlebt hat.<br \/>\nEr nimmt den Kelch mit Wein und spricht auch \u00fcber diesem das Dankgebet. Auch das hat sein Vorbild in der j\u00fcdischen Tradition.<\/p>\n<p>Aber Jesus tut und sagt noch mehr.<\/p>\n<p>Die J\u00fcnger erinnern sich: Wie oft haben sie zusammen gegessen. Wie oft wurden sie eingeladen. Was f\u00fcr merkw\u00fcrdige Situationen gab es da. Als sie z.B. zum Z\u00f6llner Zach\u00e4us ins Haus kamen. Der tischte vielleicht auf. Ein Festmahl wurde es. Und fand seinen H\u00f6hepunkt, als Zach\u00e4us ank\u00fcndigte, jeden zu entsch\u00e4digen, den er betrogen hatte.<br \/>\nOder als sie auf die Stra\u00dfe liefen und jeden einluden, den sie trafen: Bettler, Stra\u00dfenstrolche, Prostituierte.<br \/>\n\u0084Wer wollte nicht feiern,\u0093 so hatte Jesus gesagt, \u0084wenn der Br\u00e4utigam da ist!\u0093<br \/>\nDie J\u00fcnger erinnern sich und sp\u00fcren: Dieses Mahl ist anders.<\/p>\n<p>Jesus sagt vom Brot: \u0084Das ist mein Leib, der f\u00fcr Euch gegeben wird!\u0093<br \/>\nUnd er sagt vom Becher mit dem Wein: \u0084Das ist der neue Bund in meinen Blut, das f\u00fcr Euch vergossen wird!\u0093<\/p>\n<p>Dieses n\u00e4chtliche Mahl und das merkw\u00fcrdige Tun und die merkw\u00fcrdigen Deutungen Jesu lassen die J\u00fcnger sp\u00fcren: Es geht um den Tod Jesu. Sein Sterben, auf das er zugeht, wird hier gedeutet. Jesus m\u00f6chte, dass seine J\u00fcnger verstehen, was sein Tod zu bedeuten hat.<br \/>\nDarin unterscheidet sich dieses Mahl von allen anderen Mahlfeiern.<\/p>\n<p>Es unterscheidet sich vom j\u00fcdischen Passahmahl, bei dem die Juden dankbar an die beschwerliche, aber gegl\u00fcckte Flucht unter Gottes F\u00fchrung aus \u00c4gypten denken.<br \/>\nEs unterscheidet sich von den ausgelassenen Mahlfeiern, die Jesus mit den verschiedensten Menschen im Zeichen der nahen Gottesherrschaft feierte.<br \/>\nEs unterscheidet sich von anderen Ged\u00e4chtnismahlen, von Festgelagen, Banketts und dem traditionellen Totenschmaus bis heute.<\/p>\n<p>Dieses Mahl deutet den Tod Jesu und zeigt uns, was sein Sterben f\u00fcr uns hei\u00dft.<\/p>\n<p>Zwei Worte stehen dabei im Mittelpunkt. Zwei Worte erregen Ansto\u00df und sto\u00dfen auf Unverst\u00e4ndnis damals wie heute:<br \/>\nEs sind die Worte \u0084f\u00fcr euch\u0093.<br \/>\nSo wie ich dieses Brot breche, so wird mein Leib gebrochen \u0096 so k\u00f6nnte man Jesus verstehen.<br \/>\nSo wie dieser Wein getrunken wird, so flie\u00dft mein Blut.<\/p>\n<p>Aber dies erfasst nicht die Bedeutung seines Todes.<\/p>\n<p>Dieses Brot sollt ihr essen als meinen Leib, damit ihr Anteil an mir, an meinem Sterben und meinem Auferstehen habt.<br \/>\nDiesen Wein sollt ihr trinken als mein Blut, damit ihr zu dem neuen, zu dem endg\u00fcltigen Bund geh\u00f6rt. Diesen schliesst Gott mit den Menschen.<br \/>\nIch habe f\u00fcr euch gelebt und ich sterbe f\u00fcr euch. So deutet Jesus seinen bevorstehenden Tod.<\/p>\n<p>Unverst\u00e4ndnis entsteht:<br \/>\nWieso soll jemand f\u00fcr mich sterben?<br \/>\nJeder tr\u00e4gt doch allein seine Schuld.<br \/>\nJeder ist doch f\u00fcr sich selbst verantwortlich.<br \/>\nDas geh\u00f6rt zur W\u00fcrde eines jeden Menschen.<br \/>\nJa, sicher, ab und zu brauche ich Hilfe, komme ich an Grenzen.<br \/>\nAber mu\u00df ein anderer Mensch f\u00fcr mich sterben, damit ich lebe?<\/p>\n<p>Was ist das f\u00fcr eine Religion, fragt der j\u00fcdische Historiker Daniel Jonah Goldhagen, in der man auf das Bild eines leidenden, sterbenden Mannes schaut, dessen H\u00e4nde von N\u00e4geln durchbohrt sind? Wird hier nicht Gewalt und Schrecken \u00e4sthetisiert, um nicht zu sagen fetischiert?<br \/>\nSeine Fragen stehen f\u00fcr die Fragen vieler Zeitgenossen.<\/p>\n<p>Das Sterben Jesu war kein Zufall, kein Versehen. Es war mehr als ein Justizmord, so bezeugen uns die ersten Christen. Das Sterben Jesu bedeutet mehr.<br \/>\nWenn Jesus Gottes Sohn ist, dann bedeutet sein Sterben ja, dass Gott selbst in den Tod geht. Eine Unm\u00f6glichkeit, ein Unsinn f\u00fcr Juden, f\u00fcr Muslime, f\u00fcr viele andere damals und heute.<\/p>\n<p>Jesus tritt, als er am Kreuz h\u00e4ngt, an unsere Stelle, so deuten die ersten Christen. Er stirbt und bricht damit die Macht des Todes. Er stirbt f\u00fcr uns und lebt als Auferstandener. Er geht uns voraus durch den Tod ins Leben, so hofften sie, so hoffen wir.<\/p>\n<p>Sein Sterben wurde als neuer Anfang der Gottesgemeinschaft verstanden. Jesus gibt sein Blut, sein Leben, damit wir leben k\u00f6nnen. Ohne diese Lebensgabe, ohne dieses Opfer k\u00f6nnen wir nicht leben. Wir leben vielmehr auf Kosten eines anderen, auf Kosten Gottes.<\/p>\n<p>Daran erinnert uns das Abendmahl. Daran gibt uns das Abendmahl teil. Wir essen das Brot als seinen Leib. Wir trinken vom Wein als sein Blut und werden damit ganz und gar hineingenommen in den Bund Gottes mit den Menschen.<\/p>\n<p>Ein Zumutung?<br \/>\nJa, eine Zumutung!<br \/>\nEine Zumutung f\u00fcr uns, die wir uns manchmal als Herr \u00fcber Tod und Leben sehen.<br \/>\nDas Abendmahl zeigt uns: Gott schenkt uns das Leben, von ihm, auf seine Kosten leben wir, nicht durch uns und aus eigener Kraft.<\/p>\n<p>Eine Zummutung auch f\u00fcr die, denen das zu blutig, zu sehr auf den Tod ausgerichtet ist.<br \/>\nDas Abendmahl erinnert uns daran, dass Menschsein hei\u00dft, sterben zu m\u00fcssen und dass Gott dies nicht einfach so hinnimmt.<br \/>\nEr gibt uns im Mahl einen Vorgeschmack auf das Kaufen ohne Geld, auf das Ende von Hunger, Leid und Tod.<\/p>\n<p>Eine Zumutung f\u00fcr die Christen damals in Korinth und f\u00fcr viele heute, die sich eigentlich schon erl\u00f6st wissen und denen deshalb egal ist, wie es unter uns zugeht.<br \/>\nDas Abendmahl zeigt uns, dass dem Tod noch nicht alle Macht genommen ist. Und es fordert uns auf, es dem gleich zu tun, der sich selbst gibt.<\/p>\n<p>Christus gibt sich, damit wir leben \u0096 gibt es daf\u00fcr Analogien, Bilder, Beispiele unter uns?<br \/>\nEin schreckliches Negativbeispiel ist der Wahnsinn, mit dem sich Terroristen selbst in die Luft sprengen und m\u00f6glichst viele sterben lassen wollen. Sie sterben, um zu t\u00f6ten, nicht um Leben zu erhalten.<br \/>\nEin Wahnsinn! Ein wahnsinniges Beispiel daf\u00fcr, wozu Menschen f\u00e4hig sind!<br \/>\nSie sterben und wollen damit Allah verehren. Dies kann und dies ist nicht der Wille Gottes, auch nach islamsichen Verst\u00e4ndnis nicht.<\/p>\n<p>Ein positives Beispiel begegnete mir vor kurzem.<br \/>\nEine Reportage erz\u00e4hlte von einem Mannes, der seit vielen Jahren aids-infizierte Menschen in einer Krankenstation in Indien pflegt. Er ist Krankenpfleger, kommt aus Deutschland und hat hier seinen Lebensinhalt gefunden. Der Reporter fragte ihn, ob er nicht Angst um sein Leben hat. St\u00e4ndig sei er mit der ansteckenden und t\u00f6dlichen Krankheit Aids unter primitiven hygienischen Bedingungen in Ber\u00fchrung. Nein, sagte er, ich lebe im Augenblick und kann vielen Menschen helfen. Ich erlebe hier soviel Leben. Ich denke nicht dar\u00fcber nach, in welcher Gefahr ich bin.<\/p>\n<p>Gott pflegt uns, die wir todkrank sind, er setzt dabei sein Leben aufs Spiel und wird sterben. Damit wir am Ende gesund werden.<\/p>\n<p>Und mit einem letzten Bild schlie\u00dfe ich:<br \/>\nAm Palmsonntag haben sich hier um den Tisch des Herrn mehr als vierzig Kinder versammelt. Behinderte Gemeindeglieder halfen beim Austeilen von Brot und Traubensaft. Die Kinder bekamen vom Brot und Saft, sie waren still. Sie warteten, bis sie dran waren. Sie beobachteten genau, was geschah. Sie nahmen wahr, dass da etwas besonderes vor sich ging: Das Mahl f\u00fcr alle \u0096 Zeichen und sp\u00fcrbares Erleben dessen, was Gott f\u00fcr uns bereith\u00e4lt, sooft wir vom Brot esssen und vom Wein trinken.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><strong>Dr. Matthias Rein<br \/>\nStudienleiter am Theologischen Studienseminar der VELKD<br \/>\nBischof-Meiser-Str. 6<br \/>\n82049 Pullach<br \/>\nTel. 089\/74442428<br \/>\n<a href=\"mailto:Matthias.Rein@t-online.de\">eMail: Matthias.Rein@t-online.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder! Alles, was Jesus bei seinem letzten Mahl im Kreis seiner J\u00fcnger tat und sagt, hat Bedeutung: Er nimmt das Brot, er spricht das Dankgebet, er bricht und verteilt es. So wie er es bei seinem Vater zum j\u00fcdischen Passahmahl erlebt hat. 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