{"id":9866,"date":"2021-02-07T19:49:41","date_gmt":"2021-02-07T19:49:41","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9866"},"modified":"2022-10-03T22:37:50","modified_gmt":"2022-10-03T20:37:50","slug":"johannes-19-17-37","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-19-17-37\/","title":{"rendered":"Johannes 19, 17-37"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Am Karfreitag gibt es keine Grenzen f\u00fcr Leiden und Schmerz. Keine Grenzen f\u00fcr das Grauen, das B\u00f6se und die Primitivit\u00e4t und Bestialit\u00e4t des Menschen.<\/p>\n<p>All dem ist Jesus ausgesetzt am Karfreitag. Gottes eigener Sohn wird Opfer grenzenloser Gewalt. Und das Grauenhafte ist, da\u00df es viele Karfreitage gibt.<\/p>\n<p>Karfreitag geh\u00f6rt mit zum Menschsein in dieser Welt. Wir wissen, da\u00df grenzenlose Gewalt ein Teil unserer Welt ist. Wir wissen, da\u00df sie lebt und gedeiht. Das ist nicht nur etwas, von dem wir geh\u00f6rt und gelesen haben. In diesem Sinne ist der Karfreitag Jesu leider nicht einzig.<\/p>\n<p>Wann immer wir wollen, k\u00f6nnen wir den Fernseher anmachen und die Bilder von den Brennpunkten der Welt sehen &#8211; wo Menschen einander bekriegen, wo Schie\u00dfereien, Minen, Bomben zum Alltag geh\u00f6ren. Terror, Gefangennahmen, Geiseln, Folterungen.<\/p>\n<p>Wir sehen die Zivilbev\u00f6lkerung auf der Flucht in verlasse\u00adnen Gebirgen, sehen ausgehungerte Menschen, denen ein Sack Getreide auf einem staubigen Weg zugeworfen wird: Frauen, Kinder, Junge und Alte, sie alle erleiden einen unschuldigen Tod, weil sie da wohnen, wo sie wohnen.<\/p>\n<p>Wir nennen das Ausnahmezustand, wenn die Gewalt \u00fcberhand nimmt. Aber leider sind das keine Ausnahmen. An vielen Orten der Welt ist es Alltag.<\/p>\n<p>Beirut war einmal die Perle des Libanon, Somalia k\u00f6nnte ein Mekka sein, Bethlehem ein Stern.<\/p>\n<p>Wir sehen und h\u00f6ren von den widersinnigen Leiden und der Gewalt, sehen so viel, da\u00df wir schlie\u00dflich immun werden. Hier kann uns bald nichts mehr \u00fcberraschen. Wir vergessen die Wirklichkeit, die hinter den Bildern steht. Wir haben gelernt, uns abzuschirmen, damit das Leiden nicht zu aufdringlich wird.<\/p>\n<p>In dieser Weise bilden wir uns ein, da\u00df man sich zur\u00fcck\u00adziehen, als Zuschauer dastehen und wie Pontius Pilatus die H\u00e4nde waschen kann und nicht daran glauben mu\u00df, damit etwas zu tun zu haben.<\/p>\n<p>Aber das haben wir!<\/p>\n<p>Wir alle sind sowohl Opfer als auch T\u00e4ter in der Welt der Leiden. Und das sagt uns der Karfreitag.<\/p>\n<p>Wir sind Opfer des Leidens und der Schmerzen und des Todes &#8211; wir k\u00f6nnen auch Karfreitage erleben, wir k\u00f6nnen auch erleben, da\u00df wir verlassen sind, verraten und verkauft von denen, die wir f\u00fcr unsere Freunde hielten.<\/p>\n<p>Aber wir k\u00f6nnen auch selbst die sein, die versagen und verraten, so wie die engsten J\u00fcnger Jesu dies taten, um ihr eigenes Leben zu retten.<\/p>\n<p>In den Evangelien werden der Schmerz und die Gewalt des Karfreitags so detailliert beschrieben, da\u00df wir unweigerlich in irgendeiner Weise in das Drama hineingezogen werden. Da ist Platz f\u00fcr Mitleid und f\u00fcr Selbstanklage.<\/p>\n<p>Und wir stehen drau\u00dfen auf dem Golgatha. Unter dem Kreuz Jesu. Wir sehen selbst die l\u00e4rmende Menge, deren Rufe die Funken spr\u00fchen lassen und das Feuer entz\u00fcnden.<\/p>\n<p>Die Dornenkrone, Peitschenhiebe, Blut, Schwei\u00df und Tr\u00e4nen, Schreie, H\u00e4nde, die an das Kreuz genagelt werden. Pf\u00e4hle, die in die Erde gerammt werden, zum Tode Verurteilte, die zur Schau ge\u00adstellt werden.<\/p>\n<p>Hier ist nicht gespart an Effekten in den fast journalisti\u00adschen Berichten der Evangelien. So detailliert mu\u00df das offenbar beschrieben werden, um Gef\u00fchle in uns zu wecken. Um uns zur Teilnahme zu veranlassen, damit wir selbst ein Teil der Erz\u00e4hlung werden.<\/p>\n<p>Und so ist es noch immer, wenn die Leidensgeschichte erz\u00e4hlt werden soll. Mehr als fr\u00fcher. In den fr\u00fchen Jahren des Fernsehens waren alle ersch\u00fcttert \u00fcber Bilder von den Hungernden aus Biafra. Heute bedarf es st\u00e4rkerer Mittel, wenn es uns anr\u00fchren soll und wir merken sollen, da\u00df die grenzenlose Gewalt Wirklichkeit ist, oder Wirklichkeit werden kann, solange Menschen die Welt regieren.<\/p>\n<p>Vor einiger Zeit habe ich einen Karfreitagsfilm gesehen, einen Kriegsfilm, 2\u00bd Stunden lang Schmerz, Leiden und unschuldi\u00adges Sterben. <em>Black Hawk Down<\/em> hie\u00df der Film, eine Anspielung auf die schwarzen amerikanischen Kriegshubschrauber, Black Hawk, die von schwarzen Milizen in Mogadischu in Somalia bei einem Attentat auf Adid 1993 abgeschossen wurden, ein Attentat, da\u00df in einem wahren Blutbad endete.<\/p>\n<p>Fast drei Stunden dauerte der Film &#8211; von der dritten bis zur sechsten Stunde &#8211; wie drau\u00dfen auf dem Golgatha. So lange mu\u00df ein Film sein, so blutig mu\u00df ein Film heute sein, um uns unter die Haut zu gehen, sich durch die Netzhaut zu bohren hinein in das Herz und uns Fragen zu stellen und das Leben in eine Perspektive zu r\u00fccken.<\/p>\n<p>Der Film, schildert das, was wir sehen und h\u00f6ren und wovon wir in den Zeitungen lesen. Im Kino aber sind wir auf dem Schlachtfeld gegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p>Die Widerspr\u00fcche werden \u00fcberdeutlich: Da\u00df wir, die westliche Welt, Streitkr\u00e4fte einsetzen und f\u00fcr den Frieden und die Freiheit Menschen t\u00f6ten. Die Aktion, bei der Adid gefangen genommen werden sollte und die der Film schildert, wird im Film &#8222;Irene&#8220; genannt, ein Wort, das &#8222;Frieden&#8220; bedeutet.<\/p>\n<p>Und mitten im Film sollen die Moslems beten. Wir erleben pl\u00f6tzlich f\u00fcnf Minuten Stille in einem Inferno, bei dem sonst Granaten herumfliegen. Die Schie\u00dfereien h\u00f6ren auf und es wird bombenstill im Kino.<\/p>\n<p>Ein enormer Widerspruch: Menschenkinder, die an ihren Gott glauben, die Frieden wollen, die ihre Kinder lieben und sie vor den Feinden sch\u00fctzen wollen. Und dann: Ein gro\u00dfes unbarmherziges und gnadenloses Blutbad.<\/p>\n<p>Ein biblischer Film &#8211; von Anfang bis Ende. Es gibt viele Hinweise auf das Neue Testament und die Leidensgeschichte. So lautet das Motto der amerikanischen Soldaten, als sie sich hinter die feindlichen Linien begeben: &#8222;Nobody left behind&#8220; &#8211; keine Soldaten sollen zur\u00fcckgelassen werden, alle sollen gerettet werden.<\/p>\n<p>Das ist das Gleichnis von den hundert Schafen. Wenn auch nur eines der hundert wegbleibt, l\u00e4\u00dft der Hirte de 99 zur\u00fcck und geht hin und sucht nach dem einen Schaf. Das machen die amerika\u00adni\u00adschen Ranger auch. Sie bleiben nicht im Camp und pflegen ihre Wunden nach den K\u00e4mpfen der ersten Tage. Sie melden sich wieder zur Truppe und begeben sich freiwillig in das Inferno.<\/p>\n<p>Warum? Was bringt sie dazu? Sind sie kriegsl\u00fcstern? So fragen sie sich selbst. Wollen die Helden spielen?<\/p>\n<p>Nein! Es gibt nur ein Ziel, und das ist, da\u00df sie ihre Kameraden retten, sagt einer von ihnen. F\u00fcr sie, f\u00fcr ihre Freude nehmen sie das auf sich.<\/p>\n<p>Aber da ist auch einer, der Angst hat. Wir haben ihn ansonsten als einen Idealisten kennengelernt, der die gro\u00df\u00adpolitischen Perspektiven zu verstehen zucht, einer, der die Somalier respektiert, zu deren Verteidigung und Befreiung sie gekommen sind.. Er hat sich selbst zu den Streitkr\u00e4ften gemeldet, wie er sagt, weil er gerne einen Unterschied machen will.<\/p>\n<p>Aber er wird, nach den ersten K\u00e4mpfen, ersch\u00fcttert, zweifelt und will nicht wieder in das Inferno. Aber sein Freund sagt: &#8222;Thomas, sollen wir nicht einen Unterschied machen?&#8220; Und Thomas ist der Zweifler des Neuen Testaments, der, der nicht glauben kann, ohne gesehen zu haben. Er glaubt nicht mehr an den Unterschied. Er hat ja nur die grenzenlose Gewalt gesehen. Aber schlie\u00dflich macht er doch wieder mit.<\/p>\n<p>Ein Karfreitagsfilm ohne einen Ostermorgen. Das endet auf Golgatha mit Tod und schwarzen S\u00e4rgen, die in einer B52 nach Hause geflogen werden.<\/p>\n<p>Das ist ein Film, der alle Aspekte der grenzenlosen Gewalt darstellt, alle Widerspr\u00fcche: die Faszination und den Ekel, die Absurdit\u00e4t und die Notwendigkeit, den Ausnahmezustand und den Alltag.<\/p>\n<p>Und doch lie\u00dfe sich die Geschichte nicht erz\u00e4hlen und ein solcher Befreiungskrieg nicht ausfechten, lie\u00dfen sich die Leiden nicht ertragen und die Schmerzen aushalten, <em>wenn es nicht <\/em>einen Glauben an eine Auferstehung g\u00e4be, <em>wenn es nicht<\/em> eine Hoffnung g\u00e4be. Ein Glaube, da\u00df wir einen Unterschied machen k\u00f6nnen. Aber auch ein Wissen davon, da\u00df es seinen Preis hat, diesen Unterschi\u00aded zu machen.<\/p>\n<p>In diesem Sinne ist der Karfreitag Jesu einzig. Sein Karfreitag, sein Leiden und seine Schmerzen und sein Tod am Kreuz auf Golgatha haben es uns m\u00f6glich gemacht, mit dem Leiden zu leben, das in unserer Welt ist und an dem wir teilhaben als T\u00e4ter wie als Opfer.<\/p>\n<p>Die Schmerzen Jesu, sein Leiden und sein unschuldiger Tod waren ein teuer erkauftes Wissen von der Verwandlung des Schmerzes. Er glaubte, mitten im Leiden, da\u00df Gott ihn von den Toten auferwecken w\u00fcrde. Er hielt das alles aus, weil er glaubte, da\u00df er von den Toten auferstehen werde. In diesem Geist lebte er. Und in diesem Geist starb er.<\/p>\n<p>Johannes l\u00e4\u00dft Jesus das offen aussprechen. &#8222;Es ist vollbracht&#8220;, das sind die letzten Worte Jesu am Kreuz. &#8222;Und er beugte das Haupt und verschied&#8220;.<\/p>\n<p>Es war vollbracht, das, was er sollte:<br \/>\n&#8211; uns ein Wissen zu geben von der Verwandlung der Schmerzes,<br \/>\n&#8211; uns einen Weg bahnen aus dem Leiden,<br \/>\n&#8211; uns zu zeigen, da\u00df es einen Weg aus dem Tode gibt,<br \/>\n&#8211; uns zu zeigen, da\u00df das Leben nicht sinnlos ist,<br \/>\n&#8211; uns (den Widerspruch) deutlich zu machen, da\u00df der Weg zum leben durch den Tod geht. Da\u00df wir verlieren m\u00fcssen, um zu gewinnen. Da\u00df es etwas gibt, das vergehen mu\u00df, damit etwas anderes zum Leben erweckt werden kann.<\/p>\n<p>Die Liebe war vollbracht. Sie war ins Leben &#8211; und damit auch in den Tod gerufen worden. Das ist der Widerspruch der Liebe &#8211; oder des Lebens. Und deshalb k\u00f6nnen wir sie nicht verstehen &#8211; die Liebe. So grenzenlos ist sie. So selbst\u00fcberschreitend. Da\u00df sie sich selbst gibt. Sich selbst aufgibt. Um den zu retten, den sie liebt.<\/p>\n<p>Die Liebe ist grenzenlos. So grenzenlos ist sie, da\u00df sie der grenzenlosen Gewalt mit Liebe begegnet. Sie l\u00e4\u00dft niemanden allein, l\u00e4\u00dft niemanden zur\u00fcck, sondern kehrt um und holt uns und befreit uns von Tod und Leiden.<\/p>\n<p>In diesem Geist sollen wir unseren Karfreitag aushalten. Wir sollen das glauben, was wir nicht sehen k\u00f6nnen: Da\u00df nach einem Karfreitag ein Ostermorgen auf uns wartet. Amen<\/p>\n<p><strong>Pastorin Eva T\u00f8jner G\u00f6tke<br \/>\nPlatanvej 10<br \/>\nDK-5230 Odense M<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 66 12 56 78<br \/>\n<a href=\"mailto:etg@km.dk\">email: etg@km.dk<\/a> <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Karfreitag gibt es keine Grenzen f\u00fcr Leiden und Schmerz. Keine Grenzen f\u00fcr das Grauen, das B\u00f6se und die Primitivit\u00e4t und Bestialit\u00e4t des Menschen. All dem ist Jesus ausgesetzt am Karfreitag. Gottes eigener Sohn wird Opfer grenzenloser Gewalt. Und das Grauenhafte ist, da\u00df es viele Karfreitage gibt. Karfreitag geh\u00f6rt mit zum Menschsein in dieser Welt. 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