{"id":9881,"date":"2021-02-07T19:49:31","date_gmt":"2021-02-07T19:49:31","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9881"},"modified":"2022-10-24T08:47:11","modified_gmt":"2022-10-24T06:47:11","slug":"1-korinther-15-1-11-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-15-1-11-2\/","title":{"rendered":"1. Korinther 15, 1-11"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p><strong>Ostern \u2013 ein, der Grund zum Feiern<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Ich freue mich. Ich bin richtig froh. Ich w\u00fcnsche mir, dass es Ihnen genauso ergeht, dass wir uns gemeinsam freuen k\u00f6nnen. Heute ist Ostern! Die Passionszeit ist vorbei. Es ist sch\u00f6n, dass Ostern bei uns auf der Nordhalbkugel der Erde mit dem Fr\u00fchling zusammenf\u00e4llt. Alles bl\u00fcht, na, ja in diesem Jahr sind die Bl\u00fcten noch etwas sp\u00e4rlich, aber sie kommen, und manche sind schon da.<\/p>\n<p>Wir feiern Ostern, die Auferstehung Jesu Christi! Das ist ein Grund zum Feiern. Wenn das kein Grund ist, was ist dann ein Grund zu feiern?!<\/p>\n<p>Ostern ist der Beginn einer neuen Realit\u00e4t! Die Realit\u00e4t Sterben und Tod sieht sich einer neuen Realit\u00e4t, der des Lebens gegen\u00fcber. Biologisch gesehen, philosophisch gesehen l\u00e4uft alles auf den Tod zu. Das bestimmt das Denken, F\u00fchlen und Handeln der Menschen. Der Tod ist das Ende. Darum wurde Jesus gekreuzigt. Es sollte Schluss sein mit ihm. Ostern \u00e4ndert dies radikal. Das Leben geht weiter, ja, das eigentliche Leben beginnt. Die Frauen morgens am Grab und sp\u00e4ter die J\u00fcnger m\u00fcssen die neue Realit\u00e4t lernen, m\u00fchsam lernen. Die Frauen fliehen, als sie h\u00f6ren, dass Jesus lebt. Die M\u00e4nner, die sp\u00e4ter mit ihm nach Emmaus gemeinsam wandern, erkennen ihn nicht. Sie gehen zusammen, sie reden miteinander und erkennen ihn nicht. Als sie endlich begreifen, mit wem sie unterwegs sind, gemeinsam essen wollen, da h\u00e4lt sie nichts mehr. Sie gehen denselben Weg zur\u00fcck nach Jerusalem, den sie gerade gekommen sind. Alles wurde anders. Kehrtwende nennt man das. Ein Grund, der Grund zum Feiern! Christen sind Realisten. Neu-Realisten. Manche Menschen haben aber Bedenken, erheben Einw\u00e4nde, verweisen auf die Realit\u00e4t, die alte Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Ja, ich lese auch Zeitungen und wei\u00df, dass heute Menschen sterben im Irak, in Kliniken, in H\u00e4usern. Ich wei\u00df, dass viele arbeitslos sind, dass sie gern feiern m\u00f6chten, aber es fehlt ihnen das Geld und inzwischen oft auch die Hoffnung. Wer so denkt und redet, ist kein Bedenkentr\u00e4ger, wie es so viele gibt. Nein, ich nehme die Einw\u00e4nde ernst, weil sie ernst genommen werden m\u00fcssen. Ich lese Zeitungen, wie gesagt. Ich frage mich, ob ich angesichts der Ereignisse im Irak diese Predigt halten kann. Das Geschehen mit den zahlreichen Toten und Verletzten verdr\u00e4ngt geradezu die Freude. &#8211; Ich verdr\u00e4nge nicht das Leid. Ich verdr\u00e4nge es nicht im Gro\u00dfen wie im Kleinen, wenn es so etwas \u00fcberhaupt angesichts von Leid gibt. Ich stand als Pfarrer an Gr\u00e4bern, sprach mit Trauernden, bem\u00fchte mich, sie zu tr\u00f6sten. Da ich das Leid nicht verdr\u00e4nge, nehme ich die ernst, sehr ernst, die ihre Probleme mit der Auferstehung haben. Ich finde mich damit in guter Gesellschaft. Paulus, von dem unser heutiger Predigttext stammt, setzt sich mit der Auferstehung auseinander.<\/p>\n<p>Er hat noch ein weiteres Problem. In der Gemeinde von Korinth, an die er schreibt, gibt es Gemeindemitglieder, die vertreten die Meinung, dass es keine Auferstehung der Toten gibt. Die Leute stellen sich das Ganze wohl so vor \u2013 Genaues wissen wir nicht \u2013 dass sie bereits mit ihrer Taufe geistlich, pneumatisch, wie wir auch sagen, auferstanden sind. Also kurz gesagt, die Auferstehung sei direkt ohne Leid, ohne Kreuz erfolgt. Heute meinen viele, die die Auferstehung leugnen oder einfach nicht interessiert: \u201eTot ist tot.\u201c Was interessiert mich, was nach dem Tode ist; ich lebe heute.<\/p>\n<p>So liegen aber die Dinge nicht. Im Mittelalter interessierte die Menschen sehr, was nach dem Tode ist, was dann mit ihnen geschieht. Sie engagierten sich u.a. im Bau der gro\u00dfen Kathedralen. Im Moment l\u00e4uft eine Reihe im Fernsehen zum Bau der Kathedralen. Dort wird betont, dass Prestigedenken und Gewinnstreben Triebfedern waren. Es mag sein, dass dies bei manchen mitgespielt hat, aber man muss nicht Kirchen bauen, um zu gl\u00e4nzen oder hohe Gewinne zu erzielen. Sp\u00e4tere Generationen bauten sich pr\u00e4chtige H\u00e4user, Schl\u00f6sser. Das ist bis heute so geblieben.<\/p>\n<p>Wie sehr Leid und Sterben mit Freude, echter, wahrer Freude zusammenh\u00e4ngt, zeigt sich in der Musik. Wer unser Gesangbuch einmal durchbl\u00e4ttert, gar richtig durchst\u00f6bert, wird erstaunt sein, wie oft dort von Freude die Rede ist und wie oft gerade die Freude mit dem Leid verbunden ist. Das zieht sich durch die Jahrhunderte hindurch. Freud und Leid begegnen in den verschiedensten L\u00e4ndern. Auch daf\u00fcr ist das Gesangbuch ein Beleg. Dort sind Lieder aus ganz verschiedenen Zeiten und L\u00e4ndern zusammengetragen. Leid und Freud sind zeit- und grenz\u00fcberschreitend.<\/p>\n<p>Zwei Beispiele nenne ich. Das Lied \u201eLobe den Herren, den m\u00e4chtigen K\u00f6nig der Ehren\u201c dichtete Joachim Neander 1680 (EG 317). Seit 1973 gibt es eine \u00f6kumenische Fassung des Liedes. Ferner ist es in zahlreiche Sprachen \u00fcbersetzt worden. Allein unser Gesangbuch bietet eine \u00dcbersetzung ins Englische, ins Franz\u00f6sische, ins Schwedische, ins Polnische, ins Tschechische.<\/p>\n<p>Neander, dessen Name weitgehend wegen des nach ihm benannten Tales bei D\u00fcsseldorf bekannt ist, weil dort Reste eines fr\u00fchen Menschen, des \u201eNeandertalers\u201c, gefunden wurden, war ein bahnbrechender Dichter und Komponist. Dies ist leider weniger bekannt. Er ruft zum Lobe Gottes auf und nennt als Gr\u00fcnde die Erschaffung des Menschen und dessen Erhaltung. Gott ist der Grund zum Lob, der Anlass zur Freude, wie ihn der christliche Glaube bekennt. Neander lebte in der Zeit nach dem 30-j\u00e4hrigen Krieg. Manche bauten damals schon wieder Pal\u00e4ste. Manche, nicht wenige litten noch immer unter den Folgen dieses grauenvollen Krieges. In G\u00f6ttingen waren noch zahlreiche H\u00e4user zerst\u00f6rt und konnten selbst in den folgenden Jahrzehnten nicht wieder aufgebaut werden. Neander ging es auch pers\u00f6nlich nicht gut. Er wusste, wenn er von Freude und dem Lob Gottes sang, was er tat.<\/p>\n<p>Wir Europ\u00e4er haben seit 1972 die damals vom Europarat gew\u00e4hlte Europa-Hymne. Es ist die Melodie von Beethovens Vertonung von Schillers Ode <em>an die Freude<\/em>. Dieselbe Ode hatte zwei Jahre vorher, 1970, Miguel Rios zu einem Welt-Hit gemacht <em>Come sing a song of joy for peace , my brother.<\/em> Beethoven w\u00e4hlte die Ode, um sie f\u00fcr sein grandioses Finale seiner 9. Symphonie zu vertonen. Die Symphonie wurde am 7. M\u00e4rz 1824 uraufgef\u00fchrt. Beethoven ging es damals nicht sehr gut. Er, ein Komponist, war damals bereits ertaubt. Famili\u00e4re Probleme kamen hinzu. \u2026 und dann w\u00e4hlt Beethoven diesen Text von Schiller und schreibt diese Musik dazu. Schiller dichtete:<\/p>\n<p>\u201eFreude, sch\u00f6ner G\u00f6tterfunken,<br \/>\nTochter aus Elysium,<br \/>\nWir betreten feuertrunken,<br \/>\nHimmlische, Dein Heiligtum.<br \/>\nDeine Zauber binden wieder,<br \/>\nWas die Mode streng geteilt,<br \/>\nAlle Menschen werden Br\u00fcder,<br \/>\nWo Dein sanfter Fl\u00fcgel weilt.<br \/>\nSeid umschlungen, Millionen!<br \/>\nDiesen Ku\u00df der ganzen Welt!<br \/>\nBr\u00fcder, \u00fcberm Sternenzelt<br \/>\nMu\u00df ein lieber Vater wohnen.\u201c<\/p>\n<p>Die letzten vier Zeilen werden von einem Chor vorgetragen. Josef Kardinal Ratzinger hat neulich in einer vom Fernsehen weltweit verbreiteten Ansprache diese Worte als \u201ePostulat\u201c bezeichnet, als einen Wunsch. Ich denke, dass Kardinal Ratzinger nicht Recht hat. Schiller meint etwas anderes. In der Welt der Aufkl\u00e4rung mit ihrer Abkehr von der Religion lebend sucht er nach Gott, hofft ihn droben \u00fcberm Sternezelt zu finden. Die folgenden 8 Strophen werden ebenfalls von einem Chor weitergef\u00fchrt. Auch hier wird auf Gott verwiesen. Wer so redet, der wei\u00df um Gott nicht nur seit seinen Kindertagen in W\u00fcrttemberg, sondern lebt mit ihm, glaubt an ihn. Vielleicht glaubt er so, dass er glaubend glauben m\u00f6chte, weil der Unglaube, der Zeitgeist dagegen ist. Schiller dichtet darum, wie jener Vater, der mit seinem kranken Sohn zu Jesus kam und von ihm aus seinen Glauben angesprochen rief: \u201e Ich glaube; hilf meinem Unglauben!\u201c (Mk.9,22).<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, was tue ich, was tun wir, wenn wir so vom Glauben sprechen, wenn wir so auf die antworten, die heute zu Ostern sich nicht mitfreuen k\u00f6nnen? Wir tun dasselbe wie Paulus. Wir reihen uns ein in seine Argumentation. Paulus hielt denen, die an die Auferstehung, an Jesus als den Lebendigen, nach Kreuz und Tod wieder Lebendigen, nicht glaubten, entgegen, dass Jesus nach seinem Tod wieder gesehen wurde. Paulus z\u00e4hlt eine ganze Reihe von Zeugen auf: Petrus, Jakobus, \u00fcber 500 auf einmal und auch er Paulus haben Jesus nach Karfreitag gesehen. Ich, wir heute morgen, feiern Ostern, freuen uns, wie sich vor uns andere gefreut haben, Dichter und Musiker, Neander, Schiller, Beethoven.<\/p>\n<p>Ostern, die Nachricht \u201eChristus lebt!\u201c ist der Glaube zu Gottes Macht und zu seinem Willen, das Leben den Menschen zu geben. Er hat di macht und den Willen dazu. Ostern begann er damit, indem er Jesus nicht im Tode lie\u00df. Seine Realit\u00e4t stellt sich dem Tod, er stellt sich ihm entgegen, stellt seine neue Realit\u00e4t entgegen und gewinnt. Luther dichtete: \u201eChrist lag in Todesbanden\u201c (EG 101,1) und f\u00e4hrt fort in Strophe vier: \u201eEs war ein wunderlicher Krieg, da Tod und Leben `rungen, das Leben behielt den Sieg\u201c. Diese neue Realit\u00e4t wird sichtbar in unseren Gottesdiensten, in der Liebe. Jene M\u00e4nner die von Jerusalem nach Jericho gingen und jenen \u00dcberfallenen liegen lie\u00dfen, hatten es eilig, eilig wegen ihrer Gesch\u00e4fte, wegen M\u00f6glichkeit der R\u00fcckkehr der Verbrecher. Sie konnten wiederkommen, auch sie zusammenschlagen und ausrauben. Jener Samariter hatte Zeit, er konnte sp\u00e4ter auch noch Geld f\u00fcr die Heilung des Zusammengeschlagenen ausgeben. Verstehen wir nun das Gleichnis? Neue Realit\u00e4t! Ostern bedeutet Leben und mit ihm Liebe.<\/p>\n<p>Lassen Sie uns darum feieren. Lassen Sie uns gemeinsam freuen. Feiern, richtig feiern kann man nur gemeinsam mit Freunden.<\/p>\n<p>Lassen Sie uns darum singen. Lassen Sie uns ein altes Lied singen. Es stammt aus dem Mittelalter und wurde in Bayern und \u00d6sterreich gesungen, sp\u00e4ter im Wittenberg Luthers und heute weltweit in der \u00d6kumene. Lassen Sie uns stehend singen: <em>Christ ist erstanden<\/em> (EG 99).<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><strong>Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach, G\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:ulrich.nembach@theologie.uni-goettingen.de\">ulrich.nembach@theologie.uni-goettingen.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ostern \u2013 ein, der Grund zum Feiern Liebe Gemeinde, Ich freue mich. Ich bin richtig froh. Ich w\u00fcnsche mir, dass es Ihnen genauso ergeht, dass wir uns gemeinsam freuen k\u00f6nnen. Heute ist Ostern! Die Passionszeit ist vorbei. Es ist sch\u00f6n, dass Ostern bei uns auf der Nordhalbkugel der Erde mit dem Fr\u00fchling zusammenf\u00e4llt. 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