{"id":9893,"date":"2021-02-07T19:49:34","date_gmt":"2021-02-07T19:49:34","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9893"},"modified":"2022-10-13T13:02:40","modified_gmt":"2022-10-13T11:02:40","slug":"matthaeus-16-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-16-2\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 16"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>(D\u00e4nische Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Man hat gemeint, wenn Jesus dreimal nacheinander Petrus fragt, ob er ihn liebt, dann sei das ein Zeichen der <em>Menschlichkeit Jesu<\/em>, ein Zeichen, da\u00df er wie wir ist, die immer Best\u00e4tigung brauchen, da\u00df die, denen wir nahe stehen, uns auch wirklich gern haben. Er ist dann wie ein Ehemann, der nicht meint, da\u00df es eine gute Antwort der Frau ist, wenn er sie fragt, ob sie ihn liebt, und sie dann antwortet: Ja, das habe ich dir ja heute vor 12 Jahren gesagt, als wir geheiratet haben, kannst du dich nicht daran erinnern&#8230;?<\/p>\n<p>Es ist ja so menschlich, dieses Bed\u00fcrfnis danach, da\u00df die Liebe best\u00e4tigt wird. Das zeigt auch, da\u00df die Liebe etwas Lebendiges ist, das man nicht wie gew\u00f6hnliche Tatsachen im Dasein behandeln kann. Zwei und zwei sind vier, da das ist eine Tatsache, von der wir nicht immer wieder \u00fcberzeugt werden m\u00fcssen. Wenn uns das erst einmal in der ersten Klasse eingebleut ist, da\u00df es so ist, dann sitzt es. Es ist ein Zeichen f\u00fcr ein anderes Problem, wenn wir meinen, da\u00df wir noch immer fragen m\u00fcssen, ob zwei und zwei auch wirklich <em>vier <\/em>sind.<\/p>\n<p>Mit der Liebe ist das etwas anderes. Sie ist etwas Lebendi\u00adges, das in Wirklichkeit immer im Werden ist. Man kann es so sagen, da\u00df die Liebe eigentlich nicht als <em>Begriff<\/em> existiert, sondern erst in dem Augenblick, wo <em>jemand liebt<\/em>. Die Liebe <em>ist<\/em> nichts in sich, sie ist, <em>da\u00df<\/em> jemand liebt.<\/p>\n<p>Da\u00df Jesus menschlich ist, wissen wir wohl. Wir bekennen ja in unserem Glaubensbekenntnis, da\u00df er Gott und Mensch ist. Aber ich glaube dennoch nicht, da\u00df seine drei Fragen an Petrus heute seine Menschlichkeit best\u00e4tigen. Ich glaube eher, da\u00df sie die Mensch\u00adlichkeit <em>des Petrus<\/em> und die <em>G\u00f6ttlichkeit<\/em> Jesu best\u00e4tigen. Wie das zu verstehen ist, davon m\u00f6chte ich heute in dieser Predigt sprechen.<\/p>\n<p>Petrus hatte sich zum Verr\u00e4ter gemacht. Vor Ostern hatte er geschworen, Jesus bis zum Letzten treu zu sein. Mit ihm durch dick und d\u00fcnn zu gehen. Ihn niemals zu verlassen, auch wenn andere ihn verleugneten. Schon damals hatte Jesus vorausgesagt, da\u00df Petrus ihn dennoch verleugnen werde: Ehe der Hahn zweimal kr\u00e4ht, wirst du mich dreimal verleugnen. Unm\u00f6glich, antwortete Petrus. Aber es war nicht unm\u00f6glich. Als Jesus vor Gericht geschleppt, gefoltert und zum Tode am Kreuz verurteilt wurde, da wurde der Mut des Petrus wie Wasser, das man in den Sand gie\u00dft. Und als er Gefahr lief, als eine der Gefolgsleute Jesu erkannt zu werden, da wurde die Furcht, neben Jesus am Kreuz zu enden, zu gro\u00df, und er leugnete, da\u00df er ihn \u00fcberhaupt gekannt habe. Dreimal. Und dann kr\u00e4hte der Hahn. Und Peter erinnerte sich an die Worte Jesu und sah, wie tief er gesunken war, und ging hinaus und weinte bitterlich.<\/p>\n<p>Man denke: Gerade dort, wo man am meisten leidet und am allermeisten Freude braucht, wird mann im Stich gelassen. Die, die einen gro\u00dfen Verlust erlitten haben, gro\u00dfe Fehler begangen haben oder tiefes Leid erfahren haben, wissen, wie schmerzhaft es ist, wenn einem andere Menschen den R\u00fccken zukehren gerade da, wo man am schw\u00e4chsten ist. Und die, die schon einmal einen Freund in der Not verlassen haben &#8211; und wer hat das nicht &#8211; die wissen, wie mies man sich f\u00fchlt und wie viele Erkl\u00e4rungen man aufbauen mu\u00df, um sich selbst und seine eigene Sch\u00e4bigkeit zu decken.<\/p>\n<p>Beide Situationen, die des Verratenen und die des Ver\u00adr\u00e4ters, kennen wir aus gew\u00f6hnlichen menschlichen Situationen. Da\u00df ich mich verraten f\u00fchle, bedeutet nicht, da\u00df ich ein ganz besonderes Opfer bin. Da\u00df ich verrate, macht mich nicht zu einem schlimmen Monster. Beides reiht mich nur ein in die Reihe von ganz gew\u00f6hnlichen Menschen mit ganz gew\u00f6hnlichen menschlichen Erfahrungen.<\/p>\n<p>Petrus war ganz menschlich, auch wenn er gerne in seiner Treue g\u00f6ttlich sein wollte. Aber er erfuhr, da\u00df er nur ein Mensch war. Und es f\u00e4llt schwer, seine eigene gebrechliche Menschlich\u00adkeit zu erkennen. Jesus hat das nat\u00fcrlich immer gewu\u00dft.<\/p>\n<p>Was tut man, wenn man grausam verraten und verkauft ist? Wie reagiert man dem gegen\u00fcber, der einen verraten hat? Was wird aus der Entt\u00e4uschung? Bitterkeit? K\u00e4lte? Oder vielleicht gar Ha\u00df? Und was ist erforderlich, um das Vertrauen wieder her\u00adzustellen, wenn dies \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist? Den anderen lange ansehen, bis er bewiesen hat, da\u00df man ihm wieder vertrauen kann? Wieder: Ganz menschliche Reaktionen.<\/p>\n<p>Aber wie reagiert Jesus angesichts des kolossalen Versagens von Petrus? Er tut etwas, das in Wahrheit <em>g\u00f6ttlich<\/em> ist. Er lehnt Petrus nicht ab, er verdammt ihn nicht. Er sieht ihn nicht einmal an. Statt dessen gibt er ihm gleich die gr\u00f6\u00dfte Verantwortung, die einem Menschen zuteil werden kann, die Verantwortung, das Werk Jesu auf Erden weiterzuf\u00fchren. Die Verantwortung f\u00fcr die Menschen, die zum Glauben an ihn gekommen sind. Die Verant\u00adwortung, eine Kirche zu bauen, einen Ort, an dem das Wort Jesu verk\u00fcndigt werden kann. Dreimal \u00fcbertr\u00e4gt er die Verantwortung auf Petrus: Weide meine L\u00e4mmer, sei Hirte f\u00fcr meine Schafe, weide meine Schafe! Die Antwort auf das fatale Versagen des Petrus sind drei gigantische Vertrauensbeweise. Die Antwort auf das gr\u00f6\u00dfte Versagen ist das gr\u00f6\u00dfte Vertrauen.<\/p>\n<p>So reagiert der G\u00f6ttliche. Die Fragen Jesu an Petrus sind gerade <em>nicht<\/em> Zeichen seiner Menschlichkeit, sondern Zeichen des G\u00f6ttlichen, der vergibt, wenn wir richten, glaubt, wenn wir versagen.<\/p>\n<p>Er fragt dreimal, und Petrus wei\u00df sehr wohl warum und wird deshalb traurig bei der dritten Frage, weil dies eine Erinnerung an sein Versagen und ein Urteil \u00fcber das Versagen ist. Aber er entdeckt auch, da\u00df die drei Fragen ihm zugleich das vergeben, was er falsch gemacht hat. Jesus zeigt sein Versagen und richtet zugleich Petrus wieder auf in seinem Verh\u00e4ltnis zu ihm. Die drei Fragen sind eine S\u00fcndenvergebung und eine Liebeserkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Die Freude des Petrus mu\u00df von himmlischen Dimensionen gewesen sein. Ein <em>so gro\u00dfes <\/em>Vertrauen empfangen und eine <em>so gro\u00dfe <\/em>Liebe, nachdem man sich das <em>so wenig<\/em> verdient hat. Es ist eine gro\u00dfe Freude, geliebt zu werden, obwohl man sich so wenig liebenswert verhalten hat. Die Liebeserkl\u00e4rung und die \u00dcbertra\u00adgung von Verantwortung, die Petrus zuteil wurden, gaben ihm tats\u00e4chlich die Kraft, diese Verantwortung zu tragen, auch als dies bedeutete, da\u00df er sein eigenes Leben daf\u00fcr hingeben mu\u00dfte. Die Tradition sagt, da\u00df er w\u00e4hrend einer Christenverfolgung in Rom gekreuzigt wurde, nach eigenem Wunsch mit dem Kopf nach unten, weil er sich nicht f\u00fcr w\u00fcrdig hielt, so gekreuzigt zu werden wie Jesus. So kann die Liebe die Kraft geben, alles zu geben, selbst das Leben.<\/p>\n<p>Die Geschichte vom dreifachen Versagen des Petrus und den drei Liebeserkl\u00e4rungen Jesu w\u00e4re nie mehr als nur eine Geschich\u00adte, wenn sie nicht von uns handelte. Und das tut sie. Die Liebeserkl\u00e4rung und der Vertauenserweis, die Jesus Petrus zuteil werden l\u00e4\u00dft, sind das, von dem wir Christen leben. Wir wissen selbst, wie das ist, da\u00df man zuviel verspricht und dann versagt, und wir kennen bis ins Mark, wie tief man da f\u00e4llt. Aber heute haben wir geh\u00f6rt, da\u00df Gott unser Versagen sieht, zugleich aber uns Liebe erweist und neues Vertrauen schenkt, immer neues Vertrauen. Kierkegaard ist es, der einmal gesagt hat, da\u00df Jesus Petrus in seinem Versagen so sah, wie eine Mutter ihr weggelaufe\u00adnes Kind &#8211; mit einem Blick, der wei\u00df, da\u00df das Kind in h\u00f6chster Gefahr ist und Hilfe braucht, und der dem Kind hilft, indem er ihm Vertrauen und Liebe entgegenbringt, wieder und wieder.<\/p>\n<p>So leben wir in der Liebe Gottes zu uns, wir, die wir uns allzu oft anderen Menschen gegen\u00fcber lieblos verhalten. Wir leben davon, da\u00df er uns wieder aufrichtet, wenn er uns seine Liebe immer wieder neu erweist. Amen.<\/p>\n<p><strong> Pastorin Kirsten J\u00f8rgensen<br \/>\nPr\u00e6stegade 2<br \/>\nDK-5300 Kerteminde<br \/>\nTlf.: ++ 45 &#8211; 65 32 13 20<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:kjoe@km.dk\">kjoe@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(D\u00e4nische Perikopenordnung) Man hat gemeint, wenn Jesus dreimal nacheinander Petrus fragt, ob er ihn liebt, dann sei das ein Zeichen der Menschlichkeit Jesu, ein Zeichen, da\u00df er wie wir ist, die immer Best\u00e4tigung brauchen, da\u00df die, denen wir nahe stehen, uns auch wirklich gern haben. Er ist dann wie ein Ehemann, der nicht meint, da\u00df [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[36,1,727,185,114,433,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-9893","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-matthaeus","category-aktuelle","category-archiv","category-aus-dem-daenischen","category-deut","category-kapitel-16-chapter-16","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9893","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9893"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9893\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14161,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9893\/revisions\/14161"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9893"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9893"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9893"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=9893"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=9893"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=9893"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=9893"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}