{"id":9899,"date":"2021-02-07T19:49:39","date_gmt":"2021-02-07T19:49:39","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9899"},"modified":"2022-10-05T18:54:18","modified_gmt":"2022-10-05T16:54:18","slug":"ambiguitaetstoleranz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/ambiguitaetstoleranz\/","title":{"rendered":"Ambiguit\u00e4tstoleranz"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>(d\u00e4nische Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen in irgendeiner Weise in der Zweideutigkeit leben, m\u00fcssen damit leben, da\u00df es genauso gut anders sein k\u00f6nnte. Da\u00df man es aus einer anderen Perspektive sehen kann. Da\u00df wir keine klaren Antworten geben k\u00f6nnen auf die vielen Antworten des Daseins.<br \/>\nDie wichtigsten Dinge im Leben kann man nicht direkt aussprechen &#8211; so wie die Juden heute Jesus dazu bringen wollen, es auszusprechen: &#8222;Bist du der Christus, so sage es frei heraus&#8220;.<br \/>\nDie entscheidenden Dinge im Leben kann man nicht in einer so eindeutigen Weise aussprechen, denn dann verlieren sie die Tiefe, die Dimension, die sie gerade zum dem Entscheidenden und Wesentlichen im Leben macht.<\/p>\n<p>Mann kann sich aber dennoch sehr wohl dabei ertappen zu denken, da\u00df es doch sch\u00f6n w\u00e4re, wenn alles viel einfacher w\u00e4re und nicht so kompliziert. Und es gibt auch viele Beispiele im Laufe der Geschichte, da\u00df dieser Drang realisiert worden ist in der Form von eindeutigen Beschreibungen der Wirklichkeit.<br \/>\nIm Bereich des Politischen f\u00fchrt dieses eindeutige Denken zu totalit\u00e4ren Regimen. Im Bereich der Religion f\u00fchrt dieses eindeutige Denken zu fundamentalistischen Lebensregeln. Aber auch in unserer modernen sogenannten freien Welt finden wir die Eindeutigkeit: Z.B. wenn man sich so sehr auf den urs\u00e4chlichen Zusammenhang konzentriert zwischen der eigenen gesunden oder ungesunden Lebensweise im physischen wie psychischen Sinne und dem Leben, das sich daraus ergibt. Das wird dann so dargestellt, als sei das alles ganz einfach und als ginge es nur darum, \u00f6kologische Mohrr\u00fcben zu essen und Stre\u00df zu vermeiden.<\/p>\n<p>Aber diese eindeutige Beschreibung der Gesellschaft oder des Religi\u00f6sen oder des guten Lebens f\u00fchrt fast stets zu Unterdr\u00fcckung und Verurteilungen, nicht zuletzt Selbstverurteilungen, zu Verschlossenheit, Stagnation und Mangel an Neudenken.<br \/>\nEin Autor wie Milan Kundera, der sein Land, die Tschechoslowakei, erlebt hat, wird von Eindeutigkeit in der Form marxistischer Ideologie bedr\u00e4ngt. Er will in seinem gesamten Werk zeigen, wie gef\u00e4hrlich es ist, die Vielfalt der menschlichen Lebenswelt einer festen Deutung zu unterwerfen. Kundera hat in seinen Romanen beschrieben, welchen Preis der Mensch f\u00fcr die Eindeutigkeit zahlt: die Angst vor dem Fehltritt, die Angst, zu viel zu sagen, mi\u00dfverstanden zu werden, die Angst vor dem Vorwurf des Verrats, die Angst, ausgeschlossen zu werden.<\/p>\n<p>In der heutigen Erz\u00e4hlung wird das sehr gut veranschaulicht. Hier steht n\u00e4mlich, da\u00df sie einen Kreis um Jesus schlie\u00dfen und darauf bestehen, da\u00df er direkt sagt, wer er ist.<br \/>\nDenn diese beiden Dinge geh\u00f6ren zusammen. Will man Eindeutigkeit, mauert man die Wahrheit ein. Dann schlie\u00dft man sich ein in seine eigene Wahrheit.<br \/>\nUnd eben dies versuchen sie, die ihn umringen mit der Frage nach Eindeutigkeit. Sie schlie\u00dfen ihn ein, um einen Begriff davon zu erhalten, wer er ist. Um ein f\u00fcr allemal Klarheit zu gewinnen &#8211; geradeheraus gesagt in einem Satz, ob er Christus ist. So als handele es sich um ein Gerichtsverfahren: Schuldig oder nicht schuldig.<br \/>\nAber Christus ist das, was sich nicht in die Eindeutigkeit einschlie\u00dfen l\u00e4\u00dft.<br \/>\nChristus ist das Lebendige, das, was in Bewegung ist.<br \/>\nChristus ist Tat. Christus ist das, was Leben schenkt.<br \/>\nChristus kann man nicht einschlie\u00dfen in einem Ring. Er wird sich einen Weg heraus aus diesem Ring bahnen.<br \/>\nUnd eben dies tut Jesus auch, indem er ihnen sagt, da\u00df er es ihnen schon gesagt hat, sie haben es nur nicht geglaubt.<br \/>\nEr hat ja viele Taten vollbracht, und diese Taten zeugen davon, da\u00df er von Gott gesandt ist, da\u00df er also Christus ist.<br \/>\nUnd nun haben sie mit ihrer Anfrage also gezeigt, da\u00df sie das nicht verstanden haben, was er getan hat, und damit zeigen sie auch, da\u00df sie nicht an ihn glauben.<\/p>\n<p>Sie glauben, man k\u00f6nne sich der Wahrheit leicht bem\u00e4chtigen, indem ihnen &#8211; direkt &#8211; mitgeteilt wird, ob er nun auch wirklich Christus ist. Nicht indem man sich zu ihm verh\u00e4lt, indem man auslegt, versteht, sondern nur indem man zur Kenntnis nimmt. Wie ein Gesetz.<br \/>\nAber so l\u00e4uft es nicht. Ihnen wird bedeutet, da\u00df es hier darum geht, ob man seine Taten annimmt, sein Leben versteht als ein leben von Gott gesandt. Also eine Frage nach Glauben. Also etwas, was einen in hohem Ma\u00dfe pers\u00f6nlich betrifft.<\/p>\n<p>Alles ist eine Frage nach Glauben. Aber nicht jeden beliebigen Glauben.<br \/>\nDer Christusglaube ist nicht ein Glaube an die Eindeutigkeit, sondern der Glaube, der uns mit der Zweideutigkeit leben l\u00e4\u00dft, die in dieser vielf\u00e4ltigen Welt ist, uns mit ihr leben l\u00e4\u00dft <em>als einem Gut<\/em> &#8211; die M\u00f6glichkeiten sehen l\u00e4\u00dft, die darin liegen. Eben dies, da\u00df immer mehr zu sagen ist als nur das, was sich geradeheraus sagen l\u00e4\u00dft.<br \/>\nSich dazu zu bekennen, da\u00df man glaubt &#8211; das ist die Art und Weise, in der wir mit der Zweideutigkeit leben k\u00f6nnen, leben k\u00f6nnen mit der Tatsache, da\u00df es auch anders h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, da\u00df wir keine eindeutigen Beweise haben, da\u00df wir nicht mit eindeutiger Sicherheit feststellen k\u00f6nnen &#8211; weder ob wir glauben oder nicht glauben, noch ob wir schuldig sind oder uns vergeben ist.<\/p>\n<p>Wenn wir nun einen Drang mach Eindeutigkeit und Einfachheit haben, so deshalb, weil wir meinen, es mache Angst, mit dieser Unsicherheit zu leben, da\u00df alles auch anders sein k\u00f6nnte oder gar nicht sein k\u00f6nnte.<br \/>\nAber der Christusglaube l\u00e4\u00dft uns die Unsicherheit zugute kommen. Da ist mehr zu sagen. Da ist die M\u00f6glichkeit der Ver\u00e4nderung. Da ist die M\u00f6glichkeit, da\u00df sich das Leben erneuern kann. Da ist die M\u00f6glichkeit eines neuen Anfangs. Nichts liegt fest. Christus ist der Lebendige, der in Bewegung ist, der handelt, der Leben schafft.<\/p>\n<p>Ja, das ist in der tat das Einzige, was man feststellen kann &#8211; da\u00df man Christus <em>nicht<\/em> festhalten kann. Der Christusglaube nahm seinen Anfang in der Tatsache, die freilich niemand sah, da\u00df Jesus das Grab sprengte, in das er gelegt war.<br \/>\nChristusglaube ist Auferstehungsglaube.<br \/>\nNicht einmal der Tod und der gro\u00dfe schwere Grabstein konnten ihn in dem festhalten, was das Eindeutigste von allem ist: dem Tod.<br \/>\nTod ist wohl Tod. Hier gibt es nichts zu diskutieren. <em>Hier<\/em> k\u00f6nnen wir direkt reden. Entweder-oder. Nicht Einerseits-andererseits.<br \/>\nAber dennoch, so sehr sprengt der Christusglaube Grenzen. Er trotzt wirklich der Eindeutigkeit. Er setzt wirklich alle Hoffnung darauf, da\u00df das, was mit diesem Menschen geschah, deshalb geschah, weil Gott zu uns reden wollte, uns rufen wollte, zu den gr\u00fcnen Augen f\u00fchren wollte, zum frischen Wasser, wo es keine Zweideutigkeit gibt, sondern wo wir alle eins sind.<\/p>\n<p>Das Bild von Jesus als dem Hirten, dem guten Hirten, der seine Schafe h\u00fctet, sie ruft und aus der Gefahr errettet zum frischen Wasser, zum Paradies &#8211; dieses Bild weist genauso sehr auf uns, die Schafe, wie auf ihn als Hirten. Das Bild bezieht uns mit ein. Wir sind gen\u00f6tigt, uns und unser Verh\u00e4ltnis zu Gott in diesem Bild zu spiegeln.<br \/>\nEs geht ja darum, seine Stimme zu h\u00f6ren, mit ihr vertraut zu sein. Das ist das Zeichen daf\u00fcr, ob man zu seinen Schafen geh\u00f6rt, geht aus dem hervor, was Jesus im heutigen Text sagt.<br \/>\n&#8222;Ich habe es Euch gesagt&#8220;, sagt er zu ihnen, die eine klare Antwort wollen: &#8222;Aber ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen. Meine Schafe h\u00f6ren meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben&#8220;.<br \/>\nHier m\u00fcssen wir alle aufhorchen!<br \/>\n<em>Geh\u00f6ren wir nun zu seinen Schafen? H\u00f6re ich seine Stimme, h\u00f6re ich ihn rufen, tue ich das, was ich soll &#8211; folge ich ihm in der Weise, in der ich mein Leben f\u00fchre, in der Weise, in der ich zusammen mit meinem N\u00e4chsten lebe?<\/em><br \/>\nDas ist die Unsicherheit, die Zweideutigkeit, in die wir hineingezwungen werden &#8211; wenn wir uns zu dem Herren bekennen, der nicht in Eindeutigkeit festgehalten werden kann, um den wir keinen Ring schlagen k\u00f6nnen.<br \/>\nEs existiert wahrlich eine Scheidelinie in der Erz\u00e4hlung zwischen denen, die eine klare Auskunft wollen, und dann denen, die tats\u00e4chlich seine Stimme h\u00f6ren als den Ruf Gottes. Aber auf welcher Seite <em>wir<\/em> sind, jetzt, hier in meinem Leben, wie ich es von hier aus sehe &#8211; das bleibt im Ungewissen, in der Zweideutigkeit. Hier k\u00f6nnen wir nur auf die Gnade Gottes vertrauen.<\/p>\n<p>Aber etwas ist wichtig, es mu\u00df hier gesagt werden: Wir sind es, die in der Zweideutigkeit leben. Nicht Christus und seine Taten, nicht seine Liebe und nicht sein Glaube.<br \/>\nSeine Botschaft ist sein Leben, ebenso ist seine Identit\u00e4t, ob er Christus ist oder nicht, sein Leben Und das ist so einfach und eindeutig &#8211; sein Leben: Das war ein Leben in Liebe und aus Liebe. Ein Leben, das nur das Gute wollte, das nicht in etwas B\u00f6sem wurzelte, das ohne S\u00fcnde war, ohne Hintergedanken, ohne Selbstsucht, ein Leben, da\u00df den Zorn nicht zur\u00fcckhielt oder nachtragend war, ein Leben, das es als seine Aufgabe ansah, da\u00df niemand verloren geht, da\u00df niemand uns aus der Hand Gottes rei\u00dfen sollte.<br \/>\nDas ist so eindeutig wie etwas nur eindeutig sein kann, das ist seine Botschaft. Sie ist \u00fcberdeutlich. Das sollen wir glauben, da\u00df die Liebe Gott geh\u00f6rt. Das sollen wir tun, wir sollen sie hier bei uns lebendig sein lassen.<br \/>\nDer Hirte ist nicht mehr hier, um uns zu leiten, so da\u00df wir davon befreit w\u00e4ren, selbst zu denken, und ihm nur wie unm\u00fcndige Sch\u00e4fchen zu folgen brauchten. Er hat es uns selbst \u00fcberlassen. Er glaubt an uns. Leuchtet f\u00fcr uns, ruft uns, hat die Liebe in unsere Herzen gelegt, so da\u00df wir wissen, was wir glauben und tun sollen:<\/p>\n<p>Das Geheimnis deines Kreuzes<br \/>\nglaub ich, Herr, kraft deines Geistes!<br \/>\nHilf, will mich der Feind verderben!<br \/>\nReich mir deine Hand im Sterben!<br \/>\nSprich: &#8222;Wir gehn ins Paradies&#8220;! (Grundtvig)<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><strong> Pastorin Eva T\u00f8jner G\u00f6tke<br \/>\nPlatanvej 10<br \/>\nDK-5230 Odense M<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 66 12 56 78<br \/>\nemail: <a href=\"mailto:etg@km.dk\">etg@km.dk<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(d\u00e4nische Perikopenordnung) Wir m\u00fcssen in irgendeiner Weise in der Zweideutigkeit leben, m\u00fcssen damit leben, da\u00df es genauso gut anders sein k\u00f6nnte. Da\u00df man es aus einer anderen Perspektive sehen kann. Da\u00df wir keine klaren Antworten geben k\u00f6nnen auf die vielen Antworten des Daseins. 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