{"id":9908,"date":"2021-02-07T19:49:31","date_gmt":"2021-02-07T19:49:31","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9908"},"modified":"2022-10-24T08:56:40","modified_gmt":"2022-10-24T06:56:40","slug":"1-johannes-5-1-4-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-johannes-5-1-4-2\/","title":{"rendered":"1. Johannes 5, 1-4"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p><span class=\"Stil1\">Eine Geschichte, die wahr sein k\u00f6nnte<br \/>\n<\/span> (vgl. 1. Johannes 5,1-4)<\/p>\n<p>Die Geschichte vom Tellerw\u00e4scher, der es bis zum Million\u00e4r gebracht hat, ist sicher schon so oft erz\u00e4hlt worden, da\u00df daran wohl etwas wahr sein mu\u00df.<\/p>\n<p>Anders ist es mit dieser Geschichte von den zwei Tellerw\u00e4schern, die nur vielleicht Tim und Spud hie\u00dfen und deren Restaurant nicht einmal in New York lag.<\/p>\n<p>Sicher ist nur, da\u00df der, der vielleicht Tim hie\u00df, der geborene Tellerw\u00e4scher war. Ihm schien das Arbeiten am Transportband f\u00fcr das schmutzige Geschirr oder das Bedienen der Sp\u00fclmaschine gleich lieb zu sein. W\u00e4re es bei seiner Arbeit nicht ums Geschirrsp\u00fclen gegangen, h\u00e4tte man sagen k\u00f6nnen, die Sch\u00fcrze sei ihm schon in die Wiege gelegt worden.<\/p>\n<p>Million\u00e4r wollte er vermutlich deswegen schon nicht werden, weil er dann die Sp\u00fclk\u00fcche vermissen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Spud dagegen war es eigentlich immer bei der Arbeit anzusehen, da\u00df ihm von diesem Job noch nicht an seiner Wiege gesungen war. Ihm stand es im Gesicht geschrieben, da\u00df er wohl einmal f\u00fcr sein Leben mehr erhoffen durfte und er es sich selbst versagte, noch von einer anderen Zukunft zu tr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Offenbar hatte er, als er mit diesem Job anfing, fast alles in seinem Leben schon verloren, was ihm einst lieb und wert gewesen sein mu\u00dfte, und in den letzten Jahren war nicht einmal mehr seine Tochter aus der Unterstadt vorbeigekommen, um wenigstens kurz einmal bei ihrem Vater vorbeizuschauen. Vielleicht war sie inzwischen einfach zu erwachsen geworden und noch unzufriedener mit ihrem Vater als es dieser mit sich selbst war.<\/p>\n<p>Ein Million\u00e4r freilich kommt auch in dieser Geschichte vor. Vielleicht kein richtiger, aber jedenfalls ein Mann, dem es gutging und der sicher einmal mehr mit seinem Sohn im Sinn hatte, als da\u00df der Tag f\u00fcr Tag zwischen Essensresten, angeschlagenem Porzellan und mit einer fleckigen Sch\u00fcrze in grauen Dampfschwaden seiner Arbeit nachginge.<\/p>\n<p>Wir wu\u00dften nicht, warum Spud nie von seinem Vater sprach, und hatten nur von seiner Tochter geh\u00f6rt, da\u00df auch der Vater nie von Spud sprach.<\/p>\n<p>Wir konnten den Vater verstehen, und wenn wir mal etwas freundlicher \u00fcber Spud redeten, dann gaben wir Sally am B\u00fcffet recht, wenn sie wieder einmal \u00fcber Spud sagte: \u201eWie soll der denn zu anderen freundlicher sein k\u00f6nnen, wenn er nicht einmal sich selbst mag.<\/p>\n<p>An seinen schlimmsten Tagen war Spud freilich nicht nur unfreundlich, sondern ein schlechter Kollege. W\u00e4re Tim nicht in seiner N\u00e4he gewesen, h\u00e4tten wir ihn vermutlich lange schon rausgeekelt.<\/p>\n<p>\u00dcber Tim sprachen wir eigentlich nur, wenn wieder einmal \u00fcber Spud geschimpft und der mit seinem Kollegen verglichen wurde.<\/p>\n<p>Das Leben mit Spud war nicht einfach, und am schwersten war es wohl f\u00fcr ihn selbst.<\/p>\n<p>Eines Tages passierte etwas, was sonst nie geschah: Spud bekam einen Anruf.<\/p>\n<p>Wir sahen, wie er sich noch schnell die H\u00e4nde an der Sch\u00fcrze abtrocknete, bevor er sich an den Tresen begab und an das Telefon stellte. Wir konnten leider nicht h\u00f6ren, was er sagte, und begannen gleich dar\u00fcber zu tuscheln, wer denn wohl Spud sprechen wollte.<\/p>\n<p>Etwas ganz wichtiges mu\u00dfte passiert sein, wahrscheinlich sogar etwas schlimmes. M\u00f6glich da\u00df seine Tochter anrief,- aber nach so langer Zeit? Oder mu\u00dfte sie ihm etwas \u00fcber den Vater mitteilen: etwa, da\u00df der schwer krank w\u00e4re oder gar schon tot?<\/p>\n<p>Ein jeder von uns bereitete sich schon darauf vor, da\u00df Spud mit einer schlimmen Nachricht zur\u00fcckk\u00e4me.<\/p>\n<p>Als er zur\u00fcckkam, war er freilich wie immer. Vielleicht aber konnte auch eine schlimme Nachricht an seinem Blick und seiner Haltung nichts mehr ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Doch irgendetwas wichtiges mu\u00dfte passiert sein, denn nachdem Spud seine Sch\u00fcrze wieder angezogen hatte und an seine Arbeit zur\u00fcckgegangen war, fragte er Tim , ob der \u00fcber Ostern ohne ihn ausk\u00e4me, er m\u00fcsse weg.<\/p>\n<p>Mehr verriet er nicht, und wir hatten uns schon lange abgew\u00f6hnt, Spud nach Pers\u00f6nlichem zu fragen. Tim antwortete wohl: \u201eJa, geht in Ordnung!\u201c, fragte aber auch nicht. Sicher w\u00fcrde Spud dem Chef sagen, warum und wieso, aber den Chef fragten wir grunds\u00e4tzlich nicht.<\/p>\n<p>Wir alle waren keineswegs sicher, ob wir Spud \u00fcberhaupt noch einmal wiedersehen w\u00fcrden. Denn wenn tats\u00e4chlich sein Vater gestorben sein sollte, dann h\u00e4tte Spud kaum einen Grund zur\u00fcckzukommen. Als Erbe eines reichen Herrn w\u00fcrde er in unserem schlechten Restaurant kaum essen, geschweige denn sich hier sein Essen verdienen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Als er in der Woche nach Ostern noch nicht wieder an seinem Platz war, bemerkten wir das kaum, auch weil Tim die Arbeit gut allein schaffte. Aber als Spud auch die Woche danach noch nicht wieder da war, dachten wir uns unseren Teil und f\u00fchlten uns best\u00e4tigt. In den Pausen malten wir uns aus, wie er uns und seine verha\u00dfte Arbeit m\u00f6glichst schnell vergessen wollte. Vielleicht w\u00fcrde er ja sogar weit wegziehen, damit ihn auch nichts und niemand mehr daran erinnern k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Als schlie\u00dflich der Chef einem Neuen einstellt, waren wir uns sicher: Spud kommt nicht mehr, nicht einmal mehr zu Besuch.<\/p>\n<p>So waren wir sehr \u00fcberrascht, als er nach Wochen in der Hintert\u00fcre stand, die wir ab der Mittagszeit immer offenhielten. Er sah nicht nach reichem Herrn aus, aber auch nicht wie immer. Vor allem sein Blick und seine Haltung waren ver\u00e4ndert. Er ging, nachdem er freundlich Hallo gesagt hatte, auf Tim zu und begann bei ihm, die Blumen zu verteilen, die er in einem gro\u00dfen Strau\u00df mitgebracht hatte.<\/p>\n<p>Nachdem jeder von uns eine Blume in der Hand hielt, und Tim wohl mit Absicht die sch\u00f6nste bekommen hatte, fa\u00dfte sich schlie\u00dflich einer von uns ein Herz, setzte ein L\u00e4cheln auf sein Gesicht und sagte zu Spud: \u201cKlasse, da\u00df wir uns auch an deinem Erbe etwas freuen d\u00fcrfen!\u201c \u201eWieso Erbe?\u201c &#8211; fragte Spud und schien wirklich \u00fcberrascht zu sein.<\/p>\n<p>Als er unsere betretenen Gesichter sah, begriff er wohl allm\u00e4hlich: \u201e Nein, mein Vater ist nicht gestorben- wie kommt ihr denn darauf?\u201c \u201eDann hat er Dich also zu Ostern eingeladen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, aber meine Tochter. Sie hat Ostern Kindtaufe gefeiert.- Ja, ich habe auch nicht schlecht gestaunt. Stellt euch vor, ich bin schon seit einem halben Jahr Gro\u00dfvater.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWarst Du etwa auch mit in der Kirche?\u201c \u201cNa, als Pate mu\u00dfte ich das ja wohl. Es war in meiner alten Kirche. Da hatte sich kaum was ver\u00e4ndert. Endlich war ich auch gro\u00df genug und ich konnte mir mal das Kreuz auf dem gro\u00dfen Tisch anschauen und war mit dem Mann mit der Dornenkrone auf Augenh\u00f6he.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDer hei\u00dft Jesus!\u201c, sprudelte es aus Sally heraus. \u201cGenau, Jesus Christus, so hat ihn der Pastor genannt\u201c, stimmte Spud ihr zu.<\/p>\n<p>\u201eHast Du denn auch was von der Predigt verstanden?\u201c wollte nun Sally wissen.<\/p>\n<p>\u201eNicht allzuviel, aber am Schlu\u00df ging es wohl darum, da\u00df wir alle Kinder Gottes seien.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAlso, Du auch?! \u201c Richtig Sally! \u201eJa, und was ist denn nun mit deinem Vater?\u201c, fragte schlie\u00dflich einer in die Stille hinein.<\/p>\n<p>Spud holte tief Luft: \u201eDer war nat\u00fcrlich auch da, und es w\u00e4re gelogen, wenn ich sagen w\u00fcrde, da\u00df ich mich \u00fcber das Wiedersehen einfach nur gefreut h\u00e4tte. Wir haben kaum miteinander gesprochen. Das schien auch ihm wohl recht zu sein.<\/p>\n<p>Gott sei Dank versteht er sich mit meiner Tochter gut, und stellt Euch vor, er will ihr helfen, den Blumenladen zu kaufen, den sie schon seit einigen Jahren fast ganz selbst\u00e4ndig f\u00fchrt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, aber davon hast Du doch nichts?!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDoch, schon seit Tagen helfe ich n\u00e4mlich meiner Tochter- nun ja, wieviel sie mir zahlen kann, das m\u00fcssen wir erst mal sehen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, f\u00fcr meine Tochter w\u00fcrde ich das wohl auch riskieren.\u201c Sally meinte Spud zu verstehen: \u201eUnd jetzt bist Du gekommen, um uns f\u00fcr immer Lebewohl zu sagen?!\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnsinn, ich will zwar nicht mehr in diesen Laden hier zur\u00fcck, aber Ihr k\u00f6nnt mich gerne besuchen, und Tim, Dich wollte ich fragen, ob Du mit mir arbeiten m\u00f6chtest im Blumenladen. Wir brauchen noch einen, der mit die Blumen ausliefert. F\u00fchrerschein hast Du doch? Da k\u00f6nnen wir uns abwechseln. Ich bin sicher, auf uns ist Verla\u00df.\u201c<\/p>\n<p>Auf einmal blickten wir alle auf Tim, der so \u00fcberrascht wirkte, als w\u00e4re er Gro\u00dfvater, Pate und Million\u00e4r auf einmal geworden. Er brauchte einige Zeit, bis er nickte und ja sagte, schlie\u00dflich war er ja eigentlich der geborene Tellerw\u00e4scher.<\/p>\n<p class=\"Stil1\">Dr. Friedrich Seven<br \/>\nIm Winkel 6<br \/>\n37412 Scharzfeld<br \/>\nTel.: 05521\/2429<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:friedrichseven@compuserve.de\">friedrichseven@compuserve.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Geschichte, die wahr sein k\u00f6nnte (vgl. 1. Johannes 5,1-4) Die Geschichte vom Tellerw\u00e4scher, der es bis zum Million\u00e4r gebracht hat, ist sicher schon so oft erz\u00e4hlt worden, da\u00df daran wohl etwas wahr sein mu\u00df. 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