{"id":9926,"date":"2021-02-07T19:49:43","date_gmt":"2021-02-07T19:49:43","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9926"},"modified":"2022-10-02T16:25:10","modified_gmt":"2022-10-02T14:25:10","slug":"1-timotheus-2-1-6a-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-timotheus-2-1-6a-3\/","title":{"rendered":"1. Timotheus 2, 1-6a"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Liebe Geschwister,<\/p>\n<p>die Zeiten waren schlimm. Es gab keine klare Linie, jeder lebte, wie es ihm gefiel, fremde Einfl\u00fcsse gewannen an Boden, und viele Gemeindeglieder waren verunsichert. Wu\u00dften nicht mehr, auf wen sie h\u00f6ren, wem sie folgen sollten. Denn es hatten sich unterschiedliche, sogar gegens\u00e4tzliche Str\u00f6mungen entwickelt, heidnische Sitten und Br\u00e4uche waren wieder aufgelebt und hatten ihren Platz in christlichen Gottesdiensten gefunden.<\/p>\n<p>Da verwirrte die Gemeindeglieder, das entzweite Gemeindeleitungen und Prediger, das stimmte Bisch\u00f6fe bedenklich. \u201eWenn doch Paulus noch lebte!\u201c dachten viele, sagten es auch \u2013 und entfachten damit nicht selten heftige Auseinandersetzungen. Paulus war ja schon zu Lebzeiten nicht unumstritten gewesen \u2013 den einen war er nicht streng genug gewesen, anderen zu streng. Und jetzt, nach seinem Tod, versuchten seine Kritiker nach mehr Einfluss. Wollten, was sie f\u00fcr richtig hielten, durchsetzen. Das Bild von der einm\u00fctigen Urgemeinde, das Lukas in seiner Apostelgeschichte gezeichnet hatte, war zum Wunschbild geworden.<\/p>\n<p>Besonders in Ephesus prallten die Unterschiede, die Gegens\u00e4tze aufeinander. Da gab es unter den Juden, die Christen geworden waren, eine starke radikale Gruppe. Sie forderten, dass das ganze j\u00fcdische Gesetz mit all seinen Vorschriften gelten solle. Mit gleichem Recht forderten ehemalige Heiden das Gegenteil, wollten auch ihre alten religi\u00f6sen Sitten und Br\u00e4uche beibehalten. Dann gab es welche \u2013 Griechen und Juden \u2013 die das Evangelium zum Aufruhr gegen die r\u00f6mische Herrschaft nutzen wollten. Und es gab andere, die eben davor warnten: Das w\u00fcrde die noch jungen Gemeinden, w\u00fcrde die Ausbreitung des christlichen Glaubens gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Einer, der Paulus lange Zeit auf seinen Reisen begleitet hatte \u2013 ich nenne ihn Tychikus, den Gl\u00fccklichen \u2013 las von alle dem in einem Brief, den Timotheus ihm geschrieben hatte. Darin bat Timotheus um Rat, um Unterst\u00fctzung. Timotheus wollte die Gemeinde beieinander, die Lehre des Paulus rein halten. Timotheus war noch jung, und seine Autorit\u00e4t reichte nicht aus, sich durchzusetzen. Darum hatte er sich an Tychikus gewandt.<\/p>\n<p>Der sa\u00df nun mit geschlossenen Augen, das Schreiben in der Hand, sch\u00fcttelte den Kopf und seufzte. Denn er wu\u00dfte nicht, was er dem jungen Bruder raten sollte. In der Gemeinde des Tychikus sah es nicht viel besser aus, und auch er konnte das nicht verhindern \u2013 trotz seiner langen Zeit mit Paulus. \u201eVielleicht auch, weil ich schon so alt bin,\u201c dachte er dann manchmal. Doch den Dingen ihren Lauf lassen und zusehen, wohin der Karren rollte, konnte er auch nicht. Daf\u00fcr war ihm der Glaube, wie Paulus ihn gelehrt hatte, zu wichtig. Er ahnte, dass er ein St\u00fcck Verantwortung daf\u00fcr hatte, dass die Erinnerung an Paulus wach blieb. Das erschreckte ihn, das wollte er nicht, das konnte er nicht \u2013 wer war er denn schon! \u201eIch bin kein Paulus,\u201c murmelte er vor sich hin. \u201eWas sagst du da?\u201c h\u00f6rte er seine Frau fragen. Er hatte ihr Kommen nicht bemerkt, doch er war froh, nun jemanden zum Reden zu haben. Erz\u00e4hlte ihr von dem Schreiben des Timotheus, erz\u00e4hlte von seiner Ratlosigkeit und auch von seiner Ahnung, Verantwortung f\u00fcr den Glauben zu haben. Daf\u00fcr aber, gestand er, f\u00fchle er sich zuu schwach und wohl auch schon zu alt.<\/p>\n<p>\u201eAber einer muss das doch machen,\u201c emp\u00f6rte sich seine Frau, \u201eund wer k\u00f6nnte das besser als du! Du bist vielleicht der letzte, der Paulus noch erlebt hat und nun die neuen Entwicklungen miterlebt. Es gibt wohl keinen besseren als dich, um eine Br\u00fccke zwischen Paulus und den Gemeinden heute zu schlagen, oder?\u201c<\/p>\n<p>Dann entwarf seine Frau aus dem Stand eine Gliederung f\u00fcr einen Brief, den Tychikus schreiben sollte, holte Schreibzeug und dr\u00fcckte es ihrem Mann in die Hand. Tychikus legte sich alles zurecht, seine Frau wiederholte die Gliederung und Tychikus machte sich Notizen. \u201eNun hol ich dir noch etwas Obst, dann lass ich dich allein,\u201c sagte seine Frau und ging Trauben holen.<\/p>\n<p>Als sie zur\u00fcckkam, hatte Tychikus noch nichts geschrieben. \u201eIch kann das nicht,\u201c klagte er. \u2013 \u201eDann lass uns beten,\u201c schlug seine Frau vor und begann, an der Gliederung entlang ein Gebet zu sprechen. Benannte die N\u00f6te der Gemeinden, die gef\u00e4hrdete Einigkeit und dass doch ein Christus f\u00fcr alle gestorben und auferstanden sei; sie dankte f\u00fcr das Evangelium und seinen Prediger Paulus, bat f\u00fcr die jetzigen Prediger um Mut, f\u00fcr die Wahrheit zu k\u00e4mpfen; bat f\u00fcr die Gemeindeglieder um Kraft f\u00fcr gottgef\u00e4lligen Lebenswandel, f\u00fcr die Gemeinde\u00e4ltesten, Bisch\u00f6fe und Diakonen um Glaubw\u00fcrdigkeit in Amts- und Lebensf\u00fchrung, bat f\u00fcr alle um Widerstandskraft gegen Irrlehren und schlie\u00dflich um die Gabe eines Lebens in Friede und Freiheit.<\/p>\n<p>Nachdem sie ihr Gebet mit der Bitte um Gottes Segen beendet hatte, strich sie ihrem Mann liebevoll \u00fcber sein sch\u00fctteres Haar, dr\u00fcckte ihm einen Kuss auf die Wange und ging leise davon.<\/p>\n<p>Nun war Tychikus mit seinem Schreibzeug allein und blickte auf seine Notizen. Zu jedem seiner Stichworte fiel ihm ein, was und wie seine Frau gebetet hatte. Er brauchte es nur noch aufzuschreiben, und er begann damit.<\/p>\n<p>Nach dem ersten Absatz las er das Geschriebene noch einmal durch. Dabei fiel ihm auf, dass von seinen zuvor empfundenen Bedenken, seinen Selbstzweifeln nichts mehr zu sp\u00fcren war. \u201eDie Kraft des Gebetes,\u201c dachte Tychikus, \u201edu kl\u00e4rst deine Gedanken, du verlierst deine \u00c4ngste und gewinnst Zuversicht.\u201c Er beschloss, einen Abschnitt \u00fcber das Beten in der Gemeinde einzuf\u00fcgen. Denn gemeinsames Beten, da war er sicher, verband genau so wie gemeinsames Singen. Und es verband mit denen, f\u00fcr die man betete \u2013 mit Andersdenkenden etwa, Irrenden, sogar mit Feinden. \u201eBeten macht friedlich, aber nicht feige; macht mutig, aber nicht aggressiv. Beten macht bescheiden, aber nicht unterw\u00fcrfig, macht stark, aber nicht \u00fcberheblich,\u201c ging ihm durch den Kopf, und deshalb war es wichtig, dass die Gemeinden gemeinsam beteten.<\/p>\n<p>Vielleicht w\u00fcrden ein paar S\u00e4tze \u00fcber das Beten ja die Gemeinde anregen, dar\u00fcber nachzudenken, hoffte er, doch wichtiger war ihm, das die Gemeinde durch gemeinsames Beten im Glauben zusammen blieb.<\/p>\n<p>Als Tychikus mit dem Schreiben fertig war, rief er seine Frau und las ihr den Brief vor; sie war einverstanden. \u201eEigentlich m\u00fc\u00dften alle Gemeinden deinen Brief lesen,\u201c lobte sie ihren Mann, und Tychikus freute sich. Amen<\/p>\n<p><strong>Paul Kluge, Pastor em.<br \/>\nGro\u00dfer Werder 17<br \/>\n39114 Magdeburg<br \/>\n<a href=\"mailto:Paul.Kluge@t-online.de\">Paul.Kluge@t-online.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Geschwister, die Zeiten waren schlimm. 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