{"id":9928,"date":"2021-02-07T19:49:39","date_gmt":"2021-02-07T19:49:39","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9928"},"modified":"2022-10-05T18:48:12","modified_gmt":"2022-10-05T16:48:12","slug":"apostelgeschichte-1-3-4-8-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-1-3-4-8-11\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 1, 3-4.8-11"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Von Tales, einem der sieben Weisen wird \u00fcberliefert, dass er die Himmelsgesetze zu erforschen suchte, nach denen sich Sonne, Mond und Sterne bewegen. Seine Augen blickten daher im Stehen und Gehen hinauf zum Himmel. Dabei soll er eines Tages, als er wieder angestrengt nach oben blickte, in eine sehr irdische Grube gefallen sein. Eine Magd, die ihn begleitete, aber soll \u2013 als der weise Mann nun schreiend in der Grube lag \u2013 gelacht und ihm zugerufen haben: \u201eDu kannst nicht sehen, was dir vor F\u00fc\u00dfen liegt und w\u00e4hnst erkennen zu k\u00f6nnen, was am Himmel vor sich geht.\u201c<\/p>\n<p>Das sind schlagende Worte einer erfahrenen Frau, die mit beiden F\u00fc\u00dfen auf dem Boden der Tatsachen steht und die deshalb auch nicht so schnell den Boden unter den F\u00fc\u00dfen verlieren wird. Nicht ohne Schadenfreude hat man sich damals diese Geschichte erz\u00e4hlt. Hat doch die Magd dem klugen Mann das wirklich wichtige gelehrt: Nicht in den fernen Himmel starren, sondern einfach das N\u00e4chstliegende tun, auf keinen Fall den Boden unter den F\u00fc\u00dfen verlieren.<\/p>\n<p>Eigent\u00fcmlich ber\u00fchrt mich diese Anekdote. Trifft sie etwa auf uns Christen zu, die wir heute der Himmelfahrt Christi gedenken? Gilt auch uns die Mahnung, nicht in den Himmel zu starren, sondern die Dinge dieser Welt in Angriff zu nehmen? Im Predigttext werden immerhin die Zeugen der Himmelfahrt Jesu gefragt: \u201eIhr M\u00e4nner von Galil\u00e4a, was steht ihr da und seht zum Himmel?\u201c<\/p>\n<p>Sind die Realisten gefragt? Nun gut, dann schaue ich mir die Realisten dieser Welt an, die Menschen, die ganz in und von dieser Welt leben, die keinen Blick zum Himmel mehr wagen, die keine Aussicht mehr haben, keine Hoffnung. Was bekommen ich da zu h\u00f6ren? Klagen \u00fcber Klagen, Jammern und lautes Geschrei: Zu wenig Arbeit, zu wenig Produktivit\u00e4t, zu viel Umweltschmutz, zu wenig Freiheit f\u00fcr den industriellen Fortschritt, zu viel Skandale, zu viel Terror, zu viel Gewalt. Und die Wirklichkeit sieht ja auch so aus.<br \/>\nUnd wir Christen, oft genug haben wir nichts anderes zu tun, als in dieses Wehklagen einzustimmen, als ob es keine Aussicht mehr g\u00e4be, als ob es keinen Blick zum Himmel mehr g\u00e4be! Ja, wenn der Blick nach oben versperrt ist, wenn wir aus Angst vor dem Stolpern gebannt wie das Kaninchen in die Augen der Schlange, der Gefahr, starren, wenn wir aus Angst vor dem Stolpern keinen Schritt mehr gehen, dann herrscht Depression. Denn dann haben wir den zweiten Teil des Worts an die Zeugen \u00fcberlesen: \u201eDieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.\u201c Wir sind nicht allein, wir sind nicht verlassen. Denn er denen, die ihm nachfolgen, zugesagt, \u201edass sie die Kraft des Heiligen Geistes empfangen werden&#8230;\u201c, damit sie in dieser Welt aus einem neuen Geist leben und wirken k\u00f6nnen, denn die Welt und ihre Menschen m\u00fcssen nicht so bleiben wie sie sind.<\/p>\n<p><strong> Die Welt und ihre Menschen m\u00fcssen nicht so bleiben, wie sie sind.<\/strong><\/p>\n<p>Wie viel mehr m\u00fcssten wir Christen das heute eigentlich hinausrufen in unsere Welt. Die Welt und ihre Menschen m\u00fcssen nicht so bleiben wie sie sind. Sie m\u00fcssen nicht resignieren und m\u00fcssen nicht in Schwermut verfallen angesichts aller Not und Gewalt auf ihr.<br \/>\nWir haben Zukunft, weil unser Herr durch sein Leben hier die Zukunft schon vorweggenommen hat. Er hat gezeigt, dass Vers\u00f6hnung, dass Frieden, dass gemeinsames Leben m\u00f6glich ist. Unser Alltag, dieser mitunter zerm\u00fcrbende, hat Zukunft, er hat Verhei\u00dfung.<br \/>\nLeicht gesagt, geht es mir durch den Kopf. Leicht gesagt an Feiertagen, wenn die Maschinen still stehen, wenn wir zur Ruhe kommen \u2013 aber schwer gelebt.<br \/>\nUnd doch es ist leicht gesagt, denn hinter diesem leicht gesagten Wort steht das Bekenntnis der Christenheit, das der heutige Predigttext ausspricht: Gott hat mit der Macht seiner St\u00e4rke Christus vom Tode auferweckt und zu seiner Rechten eingesetzt, \u00fcber alle Reiche, Gewalten, Macht und Herrschaft und was sonst noch Rang und Namen hat. Nicht nur in dieser Welt, sondern auch in der zuk\u00fcnftigen. Alles hat er unter seine F\u00fc\u00dfe gelegt !<\/p>\n<p><strong> An die Himmelfahrt Jesu Christi und seine Wiederkehr glauben <\/strong><\/p>\n<p>Zum Himmel aufsehen und die Erde nicht vergessen, hei\u00dft f\u00fcr Christen, an die Himmelfahrt Jesu Christi und seine Wiederkehr glauben. Aber was bedeutet das nun?<br \/>\nIch gebe zu, dass mir dieser Satz im Glaubensbekenntnis lange gro\u00dfe Schwierigkeiten bereitet hat. Solange n\u00e4mlich, wie ich mir die Himmelfahrt so vorstellte, wie es die Fr\u00fcheren auch taten. Als eine Auffahrt Christi in die Wolken des Himmels \u00fcber uns.<br \/>\nDie antiken Menschen, deren Denken unser Denken lange bestimmte, stellen sich die Erde als eine Scheibe vor, \u00fcber die sich die gl\u00e4serne Kugel des Himmels w\u00f6lbte. Sie wussten noch nichts von Lichtjahren und kosmischen R\u00e4umen und da\u00df auch unsere Erde ein Planet ist, wie viele andere auch. Wir haben heute eine andere Vorstellung vom Himmel und nicht erst wir. Schon Salomo konnte bei der Weihe des Tempels in Jerusalem ausrufen: Die Himmel und aller Himmel Himmel fassen die Ehre Gottes nicht. Und doch bleibt diese Vorstellung lange bestimmend. Bis in unsere Tage hinein, dass der Himmel Gottes zugleich auch der Himmel \u00fcber uns sei. Ich kann mich gutes des Entsetzens einer alter Frau erinnern, als sie davon h\u00f6rte, dass man mit Raumschiffen das All erkunden wolle. Sie meinte, das werde Gott nie zulassen, weil man damit in seine Sph\u00e4re eindringe.<br \/>\nWir wissen heute \u00fcber diese Dinge mehr und stehen doch zugleich ein wenig hilflos ihnen gegen\u00fcber. Wenn denn der Himmel Gottes nicht mehr \u00fcber uns ist, oben \u00fcber den Wolken, in einem fernen geographischen Jenseits, wo ist er dann ? Oder gilt der Satz von der Himmelfahrt Christi nicht mehr?<br \/>\nEins vorweg: Der Glaubensatz, dass Jesus in den Himmel aufgefahren ist und zur Rechten des Vaters sitzt, hat nichts von seiner Bedeutung verloren, auch heute nicht, in unserer modernen Welt. Wir m\u00fcssen nur lernen, ihn von den Bildern der alten Zeit, die nun in der Tat \u00fcberholt sind, zu befreien, um seinen Kern, seine tiefe Bedeutung f\u00fcr uns zu erfassen, damit wir nicht hilflos ihm gegen\u00fcber stehen.<br \/>\nIch will es mit einem Beispiel versuchen. Die Maler der Ikonen, die byzantinischen Christen also, malten meist die Kuppeln ihrer Kirche mit einem Himmel aus. Aber dieser Himmel war nicht blau, sondern golden. Auf diesen goldenen Hintergrund wurden dann Gesichter gemalt, Menschen. Aber das Gesicht war gar nicht so wichtig. Da legte man keinen gro\u00dfen Wert auf exakte Wiedergabe. Es kam vielmehr darauf an, dass der Hintergrund \u2013 das goldene \u2013 dieses Gesicht zum Strahlen brachte.<br \/>\nDamit ist gesagt, dass der Himmel Gottes, der ja nun wirklich \u00fcberall ist, der uns umgibt vom Morgen bis zum Abend, im Schlaf und beim Wachen, beim Arbeiten und Spielen, dass dieser Himmel Gottes erst das Gesicht eines Menschen zum Gesicht macht, dass menschliches Leben erst durch seinen Hintergrund zum Leben wird, das vor Gott besteht. Das Gold des Hintergrundes, die Andeutung also, des Himmels Gottes \u2013 nicht des Himmels der Flugzeuge also \u2013 macht einen Menschen zum Menschen.<br \/>\nAlso, zum Himmel schauen, hei\u00dft, mit den guten M\u00f6glichkeiten rechnen, die in unser Leben hineinflie\u00dfen k\u00f6nnen, gewisserma\u00dfen aus dem Hintergrund, aber nicht aus uns selber. Weil Christus in den Himmel aufgefahren ist, er eben nicht mehr nur an einem Ort dieser Welt in Jerusalem oder Nazaret, sondern um uns ist in der Gegenwart seines Geistes, k\u00f6nnen wir alle an ihm teilhaben.<br \/>\nDer Blick zum Himmel hei\u00dft f\u00fcr Christen, mit Gott rechnen. Das dies nicht selbstverst\u00e4ndlich ist, erkl\u00e4ren uns die zahllosen Herrenpartien zum heutigen Tag. Sie sind doch nichts weiter als ein schwacher Versuch, diesen Tag ohne den Blick zum Himmel, ohne mit der Gegenwart Gottes, Jesu Christi, zu rechnen und fertig zu werden. Und sie lassen keinen Raum, diesen Tag anders zu begehen als mit einem durch den Rausch erhobenen Gef\u00fchl. Sie geben keine Hoffnung, keine Aussicht, keinen Lebensmut. Darum lohnt es auch nicht weiter, bei ihnen zu verweilen.<br \/>\nMartin Luther hat das Gemeinte in seiner kr\u00e4ftigen Sprache ausgedr\u00fcckt als er sagte: \u201eWas es aber ist: Christus gen Himmel fahren und sitzen zur Rechten Gottes wissen sie nicht es geht nicht also zu wie du aufsteigest auf einer Leitern ins Haus, sondern das ist\u2019s das er \u00fcber allen Kreaturen und in allen Kreaturen und au\u00dfer allen Kreaturen ist.\u201c<br \/>\nDas hei\u00dft doch, Christus ist nicht in den blauen Himmel aufgestiegen, sondern in den Raum der Welt, der alles Leben umgibt. In ihm sind und leben wir. Zum Himmel blicken k\u00f6nnte jetzt bedeuten, sich in frommer Ergebung diesem Geheimnis hingeben. Aber dem wird bereits in der Apostelgeschichte gew\u00e4hrt, da sagen die wei\u00df gekleideten M\u00e4nner, die sich bei der Himmelfahrt unter seine J\u00fcnger mischen: \u201eWas steht ihr denn da und starrt in den Himmel.\u201c Zum m\u00fc\u00dfigen Heimweh und zum Abschiedsschmerz habt ihr keine Zeit. Ihr m\u00fcsst die Zeit nutzen.<br \/>\nZum Himmel blicken, also an die Himmelfahrt Christi glauben, mit seiner Wiederkunft rechnen, das ist es. Ernst machen damit, dass ihm die Herrschaft \u00fcber alles gegeben ist, das er der Herr der Welt ist. Er und sonst keiner. Er ist es, der die Kinder segnet, die Traurigen mit Trost erf\u00fcllt, verzweifelt Suchenden einen neuen Sinn f\u00fcr ihr Leben schenkt, Sterbenden die Hand unter den Kopf legt. Er ist es, der sich zum Anwalt der Armen gemacht hat. Der Freund ist denen, die nach Gerechtigkeit hungert und d\u00fcrstet. Und wir sind mit ihm auf dem Weg.<br \/>\nVor gut 70 Jahren, vom 29.-31. Mai 1934, haben Christen mit diesem Satz Ernst gemacht. In Barmen hatten sich in der Zeit des Nationalsozialismus Vertreter der intakten Kirchen &#8211; lutherische, reformierte und unierte &#8211; zur Barmer Synode versammelt und in seltener Einm\u00fctigkeit ein Wort verabschiedet, das bis heute G\u00fcltigkeit besitzt, die Barmer Thesen. In diesen Thesen, besonders der zweiten, wird festgestellt: In allen Bereichen unseres Lebens \u2013 wirklich in allen \u2013 auch in den politischen, ist er der Herr, er steht hinter allem. In allen Bereichen unseres Lebens bed\u00fcrfen wir seiner. Die Bekennende Kirche hat damals zu sp\u00fcren bekommen, was das hei\u00dft, an Christus, dem Herrn, der zur Rechten Gottes sitzt, festzuhalten. Verfolgungen blieben nicht aus.<\/p>\n<p>Jesus Christus, der Herr \u00fcber unsere Welt und unser Leben. Wir, seine Menschen, Nachfolger und Nachfolgerinnen eines solchen Herrn, sind in ihrem Tun und Leben an ihn gebunden. Wir k\u00f6nnen nicht mehr \u00fcberall mitmachen. Wir werden unseren politischen Herrn sagen m\u00fcssen: Hier ist die Grenze erreicht, und zwar immer dann, wenn menschliches Leben mit F\u00fc\u00dfen getreten wird. Und wir werden unliebsame Mahner sein m\u00fcssen. Und wir werden darauf hinweisen m\u00fcssen, dass unser Heil nicht in einer noch so perfekten \u00e4u\u00dferen Sicherheit liegt, die sich mehr und mehr gegen den Menschen richtet. Christus ist der Herr, auch derer, die auf der anderen Seite leben und darum hat unsere Welt Zukunft und Hoffnung, ist nicht verlassen und verloren. Er will uns hineinnehmen in seinen Herrschaftsbereich, will unser Leben segnen.<br \/>\nJa, liebe Gemeinde, zum Himmel blicken, dass hei\u00dft noch lange nicht, in Gruben fallen m\u00fcssen. Zum Himmel blicken, an die Auferstehung Christi glauben, ernst nehmen, dass Er der Herr ist, darin allein liegt Zukunft und Hoffnung. Wie gut, dass schon der alte Tales etwas davon ahnte, dass der Mensch seinen Blick nicht nur bei sich halten darf, wenn er sein Leben gewinnen soll. Wie gut, dass Jesus Christus unser Leben in sein Regiment hineinnehmen will. Lassen wir es uns doch gefallen. Lassen wir uns doch von dem Glaubenssatz mitnehmen. Lassen wir doch unser Leben aus dem Segen, der von diesem einen kommt, reich werden. Geschenkt wird es uns.<\/p>\n<p>AMEN<\/p>\n<p><strong>Dr. Friedrich Weber<br \/>\nLandesbischof der Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig<br \/>\n<a href=\"mailto:landesbischof@luth-braunschweig.de\">landesbischof@luth-braunschweig.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde, Von Tales, einem der sieben Weisen wird \u00fcberliefert, dass er die Himmelsgesetze zu erforschen suchte, nach denen sich Sonne, Mond und Sterne bewegen. Seine Augen blickten daher im Stehen und Gehen hinauf zum Himmel. 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