{"id":9930,"date":"2021-02-07T19:49:34","date_gmt":"2021-02-07T19:49:34","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9930"},"modified":"2022-10-13T13:14:37","modified_gmt":"2022-10-13T11:14:37","slug":"predigt-zu-christi-himmelfahrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-christi-himmelfahrt\/","title":{"rendered":"Predigt zu Christi Himmelfahrt"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p align=\"center\">In der Zeit der Kirche befinden wir uns nach Ostern.<\/p>\n<p>Und einige werden unmittelbar meinen, da\u00df es sich bei der Himmelfahrt entweder um eine Verdoppelung des Osterwunders handelt oder um etwas, was dazu beitr\u00e4gt, das ganze noch unwahrscheinlicher zu machen.<\/p>\n<p>Aber die Himmelfahrt ist von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung.<\/p>\n<p>Der Glaube der Kirche ist der, da\u00df nach Ostern eine andere Tagesordnung vorliegt als die, die vorher herrschte. Die Auferstehung Jesu wurde ein Pfand daf\u00fcr, da\u00df das B\u00f6se und der Tod nicht das letzte Wort haben. Und sie hatten sogar mit ihm zusammen gegessen, ihn ber\u00fchrt. Und dadurch war gewi\u00df, da\u00df es Gott <em>war<\/em>, der in ihr Leben eingetreten war und seine Geschichte mit der ihren verbunden hatte.<\/p>\n<p>Aber das war ihnen aufgegangen, da\u00df die Ewigkeit Blut austauschte mit ihrer Zeit, als sie stillstand, gerade als sie weitergehen sollte.<\/p>\n<p>Deshalb mu\u00dfte er sie verlassen. Damit er ihnen nicht im Wege stand.<\/p>\n<p>Wenn wir etwas Gro\u00dfes erfahren, etwas \u00dcberw\u00e4ltigendes oder Richtiges, dann konzentrieren wir uns auf das, w\u00e4hrend die Umwelt eigent\u00fcmlich bedeutungslos wird.<\/p>\n<p>Aber das, was Jesus wollte, war die Umwelt f\u00fcr uns unendlich wichtig zu machen. Er mu\u00dfte aus ihrer physischen Geschichte heraustreten, damit die Geschichte weitergehen kann. Er kann nicht umhergehen wie eine lebendige Leiche &#8211; tats\u00e4chlich ist er \u00fcberfl\u00fcssig, er <em>hat<\/em> ihnen das gelehrt, was sie brauchen, so gut er kann &#8211; und hat die Tagesordnung ver\u00e4ndert. Den Rest m\u00fcssen sie selber besorgen.<\/p>\n<p>Unser Leben leben &#8211; das kann kein anderer f\u00fcr uns, du dein Leben und ich mein Leben. Denn das, wof\u00fcr er lebte und starb, war dies, da\u00df sein Leben in uns auferstehen konnte. Er tritt beiseite, um uns Ausblick zu geben.<\/p>\n<p>Als die Person, die er war, geht er fort &#8211; sonst sehen wir auf ihn und nicht auf einander und die Welt. Er zieht selbst die Konsequenz aus der Tatsache, da\u00df es eine neue Tagesordnung gibt.<\/p>\n<p>Gehen wir hinein in diese Erz\u00e4hlung, dann ist da etwas, was mindestens genauso merkw\u00fcrdig ist wie das Ereignis selbst: Die J\u00fcnger sind fr\u00f6hlich beim Abschied: Sie aber kehrten wieder nach Jerusalem mit gro\u00dfer Freude. Sie haben sich gerade von ihm verabschiedet, der <em>alles<\/em> f\u00fcr ihr Dasein bedeutet hatte &#8211; und nun reagieren sie mit Freude!<\/p>\n<p>Nun ist die Geschichte von Lukas einige Zeit nachher erz\u00e4hlt, es handelt sich nicht um einen Augenblicksbericht, und dort, von wo er schreibt, wei\u00df er, da\u00df sie froh <em>waren<\/em>, nachdem er sie verlassen hatte. Nun sind die Trauer und der Schmerz und die Verwirrung, die jeden Abschied pr\u00e4gen, \u00fcberlagert von der Freiheit, die der Abschied erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Wenn jemand die Gesellschaft verlassen <em>hat<\/em>, dann k\u00f6nnen wir \u00fcber ihn sprechen. Und wenn es sich um die Hauptperson der Gesellschaft handelt, gibt es viel zu erz\u00e4hlen. Besonders wenn Menschen von au\u00dfen kommen und fragen, was man feiert &#8211; oder man selbst daf\u00fcr sorgt, da\u00df das Fest durch die Medien gedeckt wird. In beiden F\u00e4llen mu\u00df man dar\u00fcber Rechenschaft ablegen, worum es geht.<\/p>\n<p>Aber wenn die Tagesordnung selbst ge\u00e4ndert ist, die Rahmen, die Spielregeln, wie erz\u00e4hlt man dann?<\/p>\n<p>Wenn man in dieser Situation versucht, von au\u00dfen zu erz\u00e4hlen, registrierend, direkt, mit Tatsachen und Beweisen, geht man in eine Falle. Die Alten wu\u00dften, wenn man das Wichtigste erz\u00e4hlen sollte, mu\u00dfte man sich der indirekten Sprache bedienen. Alles, was wichtig ist, l\u00e4\u00dft sich nur indirekt mitteilen. Weil nur das Indirekte und die gleichnishafte Rede die Ganzheit umschreiben kann, zu der wir uns sonst nicht verhalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Deshalb ist es so schwer, <em>Kindern<\/em> etwas zu lehren. Direkt k\u00f6nnen sie das Wichtige nicht aufnehmen &#8211; es mu\u00df durch ihr ganzes Wesen hindurch, um aufgenommen werden zu k\u00f6nnen. Von einem Wesen zum anderen gegeben werden.<\/p>\n<p>Erz\u00e4hlungen, Bilder, Mythen, Anekdoten, Gleichnisse haben es an sich, da\u00df der Erz\u00e4hler nicht neutral erz\u00e4hlen kann, sondern gen\u00f6tigt ist, sich selbst einzubringen, wenn er erz\u00e4hlt. Und dann wissen alle Erz\u00e4hlungen, die dem Ereignis entspringen, und die Bilder, die gebildet werden, von sich selbst, da\u00df sie nicht die Wirklichkeit sind, sondern auf sie hinweisen. Ein Gleichnis darf nur teilweise entsprechen, wenn es Klarheit bringen soll. Ein kann nur etwas vorstellen verschoben von der Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Er w\u00fcrde sich selbst zu einem G\u00f6tzenbild machen, wenn er hierbliebe. Ein G\u00f6tzenbild ist ja das Bild, das die einzige Wirklichkeit sein will oder das Bild zur Wirklichkeit selber machen will.<\/p>\n<p>Das tut Jesus: Er macht sich selbst zu einem Bild. Indem er die Welt verl\u00e4\u00dft und sich zu einem Bild macht, kann sein Leben in der Welt leben. Denn das Bild und die Erz\u00e4hlung sind eine Mitteilung von der Wirklichkeit, auf die das Bild hinweist.<\/p>\n<p>Ein sehr altes Bild aus Thessaloniki (aus dem Jahre 885) zeigt, wie das zugehen kann. In der Kuppel der Sophiakirche ist die Himmelfahrt in ein Mosaik aus Gold und wunderbaren Farben gesetzt. Ein sehr sch\u00f6nes und harmonisches Bild, unmittelbar gesehen. Wo die Herrlichkeit Gottes durch die Anbetung der Menschen unterstrichen wird und wo sich die Bewegung im Mittelpunkt der Welt konzentriert: dem verg\u00f6ttlichten Christus.<\/p>\n<p>Sehen wir aber genauer hin, \u00e4ndern sich die Perspektive und die Bewegung. Das Zentrum ist zwar Christus, der nun auf dem Regenbogen in einem tiefen Blau thront. Aber dieses Zentrum <em>ist<\/em> nicht Christus, der im Himmel thront, sondern ein Bild. Da\u00df es ein Bild ist, sieht man daran, da\u00df es von schwebenden Engeln hochgehalten und getragen wird. Und die Christusgestalt ist nicht naturalistisch gemalt &#8211; der Kopf und die Hand sind viel gr\u00f6\u00dfer als in der Welt der Wirklichkeit &#8211; der K\u00f6rper ist fast ausschlie\u00dflich auf ein pr\u00e4chtiges leuchtendes Gewand reduziert.<\/p>\n<p>Und dort, wo Bewegung ist, das ist bei den J\u00fcngern, die in einer \u00fcppigen Landschaft stehen mit sch\u00f6nen B\u00e4umen und reichen Gew\u00e4chsen in den Zwischenr\u00e4umen, die durch die Gestalten gebildet werden.<\/p>\n<p>Und diese J\u00fcnger sind <em>nicht<\/em> harmonisch lobpreisend geschildert, auch wenn sie in einem Mosaik dargestellt sind. Im Gegenteil, sie sind untereinander sehr verschieden: Einer h\u00f6rt zu, ein anderer sch\u00fcttelt den Kopf, ein dritter zweifelt, ein vierter ist ablehnend, ein f\u00fcnfter sehr ger\u00fchrt, ein sechster gr\u00fcbelt, ein siebenter kehrt den R\u00fccken zu und sieht schr\u00e4g \u00fcber die Schulter &#8211; verwundert, erregt und \u00e4ngstlich sind sie alle. Wenn wir uns vorstellen, da\u00df eine Kirchenkuppel sch\u00f6n sein soll, dann ist das in einer anderen Bedeutung von sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Die <em>Engel<\/em> sind sch\u00f6n, nicht zuletzt die beiden, die auf der Erde stehen mit Maria unter sich und auf das Bild zeigen. Die Falten in ihren Gew\u00e4ndern haben dieselbe Richtung, in der auch ihre Finger zeigen, ja selbst ihre Fl\u00fcgel und das Muster in ihnen weisen in dieselbe Richtung.<\/p>\n<p>Jesus ging fort &#8211; kehrte zur\u00fcck zu der Liebe, von der er kam, aber Gott ist unterdessen ein anderer geworden. Er kann nicht ohne uns leben, ohne mit uns zu kommunizieren. Wenn er hierbliebe, w\u00fcrde er uns l\u00e4hmen und binden, aber durch das Bild, das sein Leben in die Welt gesetzt hat, k\u00f6nnen wir weiter mit ihm im Gespr\u00e4ch bleiben. Mit einem Bild erhalten wir den Abdruck, aber der deckt nicht die Wirklichkeit, auf die er verweist. Da bleibt ein Rest, etwas Unbekanntes, eine M\u00f6glichkeit, und diese M\u00f6glichkeit ist unsere Freiheit. Diese Freiheit zeigen die J\u00fcnger auf dem alten Mosaik.<\/p>\n<p>In <em>diesem<\/em> Sinne ist es sch\u00f6n: Es zeigt die Freiheit, die Ostern den Menschen gegeben hat. Die seit Himmelfahrt nicht nur den wenigen gilt, die ihn damals sahen, sondern der ganzen Welt. Sie beginnt bei ihnen, aber weil er fortgegangen ist, kann er durch sein Bild alles und alles erreichen.<\/p>\n<p>Die Engel haben keine Geschichte, sie haben keine Freiheit, und sie k\u00f6nnen nicht falsch w\u00e4hlen. Maria steht lobpreisend zwischen den beiden auf sie zeigenden Engeln, und sie ist sch\u00f6n, wie sie in Gott und sich selbst ruht. Sie war die, die das Bild Gottes trug, so da\u00df es sich in ihr festsetzte. Ohne eine Garantie daf\u00fcr, da\u00df es von Gott war und nicht ein Bild der Verdammnis und des Ausgesto\u00dfenseins, wie eigentlich zu erwarten war. Sie setzte ihr Leben ein und gewann es.<\/p>\n<p>Auch sie kann das Bild sein, das den Sinn unseres Lebens sammelt. Aber die Art, wie wir das tun, liegt nicht fest. Wir preisen Gott, wie dies die J\u00fcnger taten, mit unserem Zweifel, unserer Verwirrung und unserer Verschiedenheit. Das ist unsere Freiheit, und diesmal ist es Gott, der sich wundern mu\u00df. Wir sind dazu geschaffen, das Bild Gottes zu tragen, erhalten aber die Freiheit, wie wir es gesagten wollen. Himmelfahrt bedeutet, da\u00df das Bild, mit dem wir in unserer Taufe gesegnet wurden, sich nun entfaltet und uns zu Rittern in der Welt macht, in der Gott als der Herr lebt, der auf seine Macht verzichtete. Der Verzicht Gottes auf die Macht lebt als ein Bild.<\/p>\n<p>Aus einem Bild kann man Kraft saugen &#8211; im Abendmahl nehmen wir ein Bild physisch in uns auf. Deshalb gab er seinen Leib auf &#8211; um sich uns zu geben in der Gestalt von Wein und Brot.<\/p>\n<p>Ein Bild kann man in seinem Herzen tragen, in einem Bild kann man sein und sich orientieren, gerade weil man wei\u00df, da\u00df es ein Bild ist &#8211; so wie die J\u00fcnger im Himmelfahrtsmosaik von Wachstum umgeben sind, von B\u00e4umen und anderen Gew\u00e4chsen.<\/p>\n<p>In einem Bild kann Gott nahe sein &#8211; und zugleich das Bild \u00fcberschreiten. Das Bild ist Kommunikation, eine Mitteilung dessen, was das Urbild ist &#8211; ohne selbst das Urbild zu sein. Deshalb ist Jesus mit eindringlichen sprechenden und fragenden gro\u00dfen Augen und segnenden H\u00e4nden abgebildet.<\/p>\n<p>Das Bewegende an Himmelfahrt ist, da\u00df das Bild, das einmal ausgestellt ist, nicht mehr aus der Welt ausgel\u00f6scht werden kann.<\/p>\n<p>Das bedeutet eine ungeheure Freiheit f\u00fcr uns. Nun k\u00f6nnen wir ein Leben leben, bei dem jeder Tag an Gott zur\u00fcckgegeben wird. So wie das Bild zeigt, da\u00df uns jeder Tag von Gott gegeben ist. Darum war es gut, da\u00df er uns verlassen hat, dann brauchen wir nicht einander zu verlassen.<\/p>\n<p align=\"center\">Menschen unter Engeln weilen,<br \/>\nmit dem Herrn nun alles teilen:<br \/>\nGeist und Staub und Leib und Blut,<br \/>\nGlaube, Hoffnung und die Liebe,<br \/>\nLicht und Freude, Glanz und Friede,<br \/>\nLebensbaum und Lebensflu\u00df!<\/p>\n<p align=\"center\">Die zum Erdgeschlecht sich z\u00e4hlen,<br \/>\nfrei sie k\u00f6nnen wieder w\u00e4hlen<br \/>\nzwischen Leben nun und Tod,<br \/>\nlichten Tag und finstern N\u00e4chten,<br \/>\nParadies und Unheilsn\u00e4chten,<br \/>\nHimmelsfreud und H\u00f6llennot!<\/p>\n<p>(Kynewulf um 800, Grundtvig 1837)<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Pfarrerin Birte Andersen<br \/>\nEmdrupvej 42<br \/>\nDK-2100 K\u00f8benhavn-\u00d8<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 39 18 30 39<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:bia@km.dk\">bia@km.dk<\/a> <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Zeit der Kirche befinden wir uns nach Ostern. 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