{"id":9934,"date":"2021-02-07T19:49:29","date_gmt":"2021-02-07T19:49:29","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9934"},"modified":"2022-10-27T12:59:28","modified_gmt":"2022-10-27T10:59:28","slug":"epheser-3-14-21-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/epheser-3-14-21-2\/","title":{"rendered":"Epheser 3, 14-21"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Ich war mit einer kleinen Gruppe von Studierenden in M\u00fcnchen zu einer ziemlich anstrengenden Tagung.<br \/>\nUnd als wir nach getaner Arbeit abends noch einen kleinen Kneipenbummel machen wollten, sprang uns in einer relativ belebten aber dunklen Stra\u00dfe pl\u00f6tzlich ein Herr im Nadelstreifenanzug vor die F\u00fc\u00dfe.<br \/>\nEr kam, wie wir feststellten, aus einem Neonlicht- erleuchteten, gesch\u00e4fts\u00e4hnlich-n\u00fcchternen Raum mit vielen Schreibtischen und Computern drauf, sehr hell, grellwei\u00df gestrichen mit einigen Tabellen an der Wand;<\/p>\n<p>Er stellte sich ganz gezielt einer unserer Studentinnen in den Weg, aber so dass wir alle stehen bleiben mu\u00dften und fragte sie:<br \/>\nHaben Sie sich schonmal Gedanken dar\u00fcber gemacht, Wer Sie eigentlich sind?\u00b3<br \/>\n&#8222;Klar,&#8220; sagte die spontan und. lch bin Kathrin, bin 24, studier&#8216; Jura im 8. Semster, komm&#8216; aus G\u00f6ttingen, meine Hobbies sind Karate und Trompete und jetzt la\u00df&#8216; mich bitte durch.&#8220;<br \/>\nUnd dann ging sie einfach weiter und- lie\u00df den verbl\u00fcfften Sientology-Vertreter, denn um einen solchen handelte es sich bei dem Nadelstreifen-Herrn, einfach stehen.<\/p>\n<p>&#8222;Ja, aber haben Sie denn gar keine Probleme?&#8220; rief er noch hinter uns her.<br \/>\nDa drehte sich ein anderer Student nochmal um und rief zur\u00fcck: Doch, jede Menge, aber die l\u00f6sen wir woanders!<br \/>\nMich hat am meisten beeindruckt, mit welcher Direktheit diese Studentin sich mit ihren ganz deutlich nach au\u00dfen sichtbaren Rollen in Kurzfassung beschrieben hat und mit ihrer Klarheit den Sektenvertreter einfach au\u00dfer Gefecht setzte.<\/p>\n<p>Wir haben dann in der Gruppe noch die halbe Nacht dar\u00fcber diskutiert in einem M\u00fcnchner Biergarten, hei\u00df und heftig, wie das denn nun eigentlich w\u00e4re mit der eigenen Identit\u00e4t, mit der Frage &#8222;Wer bin ich eigentlich?<\/p>\n<p>Mir ist der Vorfall jetzt wieder eingefallen, als ich \u00fcber den f\u00fcr heute vorgeschlagenen Text! aus dem Epheserbrief nachzudenken hatte, denn darin spielt die Frage nach dem &#8222;Ich&#8220;, nach dem \u201cinwendigen Menschen\u00b3 auch eine wichtige Rolle.<\/p>\n<p>Lesung: Epheser 3, 14-21<br \/>\n<em>14 Daher beuge ich meine Knie vor dem \u00a0Vater, nach dessen Namen jedes Ge- schlecht im Himmel und auf der Erde benannt wird, 16 und bitte, er m\u00f6ge euch aufgrund des Reichtums seiner Herrlichkeit schenken, dass ihr in eurem Innern durch seinen Geist an Kraft und St\u00e4rke zunehmt. &#8211; 17 Durch den Glauben wohne Christus in eurem Herzen. In der Liebe verwurzelt und &#8211; auf sie gegr\u00fcndet, 18 sollt ihr zusammen mit allen Heiligen dazu f\u00e4hig sein, die L\u00e4nge und Breite, die H\u00f6he und Tiefe zu ermessen 19 und die Liebe Christi zu verstehen, \u00a0die alle Erkenntnis \u00fcbersteigt. So werdet ihr mehr und mehr von der ganzen F\u00fclle Gottes erf\u00fcllt. 20 Er aber, der durch die \u00a0Macht, die in uns wirkt, unendlich viel \u00a0mehr tun kann, als wir erbitten oder uns \u00a0ausdenken k\u00f6nnen, 21 er werde verherrlicht \u00a0durch die Kirche und durch Christus Jesus, in allen Generationen, f\u00fcr ewige Zeiten. \u00a0Amen. <\/em><\/p>\n<p>So. Und jetzt kommt die Frage: \u00a0Was hat denn den Briefschreiber an diesem Thema so fasziniert? \u00dcbrigens: ob es nun Paulus selber war oder einer seiner Sch\u00fcler, ist gar nicht <em>so <\/em>entscheidend.<\/p>\n<p>Denn erstens war das damals einfach so, dass die Anh\u00e4nger sich mit ihren Texten (auch bei B\u00fcchern und Traktaten oder in der Schule\/ Werkstatt ber\u00fchmter bildender K\u00fcnstler) auf die Autorit\u00e4t ihres Lehrers berufen konnten, indem sie einfach in seinem Namen schrieben;<br \/>\nund zweitens geht es hier sowieso um Paulus&#8216; Thema! \u00a0Und das hei\u00dft:<br \/>\nChristus ist in diese Welt gekommen und Mensch geworden &#8211; eben nicht nur f\u00fcr die Juden, sondern f\u00fcr alle Menschen!<br \/>\nF\u00fcr diese \u00dcberzeugung hat Paulus eine Menge Krach gekriegt mit seinen Apostelkollegen, hat er daf\u00fcr gek\u00e4mpft, auch Nichtjuden das Evangelium predigen zu d\u00fcrfen, auch im Ausland!<br \/>\nEr hat sich einsperren lassen und gelitten f\u00fcr die \u00dcberzeugung, dass man auch &#8218;gleich so&#8216; Christin oder Christ werden kann, oha. zuvor zum Judentum \u00fcbertreten zu m\u00fcssen. |<br \/>\nNur auf dieser Grundlage. Christus ist f\u00fcr <em>alle<\/em> gekommen (vgl. auch Rogate), konnte Paulus schlie\u00dflich auch die Gemeinde in Ephesus gr\u00fcnden.<br \/>\nDenn das war nat\u00fcrlich eine griechische Gemeinde, deren Mitglieder selbstverst\u00e4ndlich keine Juden waren, sondern so genannte \u201cHeiden\u201c.<br \/>\nAber anscheinend empfinden die Menschen dort ihre Situation immer noch als gef\u00e4hrdet.<br \/>\n\u201cGeh\u00f6ren wir denn wirklich richtig dazu\u00b3? Haben sie sich vielleicht gefragt.<br \/>\nOder fehlen uns im Grunde doch die &#8218;richtigen&#8220; Wurzeln?<br \/>\nHaben wir die richtige Erkenntnis von H\u00f6he und Breite, L\u00e4nge und Tiefe unseres Glaubens und Lebens und dieser Welt?<br \/>\nDie richtige Erkenntnis von Gott und von uns selbst?<br \/>\nOder fehlt uns doch was?<br \/>\nEin bisschen klingt dieser Text ja nach einer schwierigen theologischen Abhandlung!<br \/>\nUnd ich finde, er reizt auch dazu, ein kompliziertes Gedankengeb\u00e4ude darauf zu errichten.<br \/>\nWenn wir jetzt zusammen s\u00e4\u00dfen im KU, im Seniorenkreis, im KV oder so, dann k\u00f6nnten wir das auch probieren, k\u00f6nnten vielleicht eine Grafik entwerfen, k\u00f6nnten unsere verschiedenen Sichtweisen<br \/>\nzusammentragen.<br \/>\nHeute morgen finde ich was anderes wichtig, n\u00e4mlich den Gedanken, dass Paulus &#8211; oder sein Sch\u00fcler<br \/>\nder Gemeinde vor den komplizierten Ideen sagt: &#8222;Das ist mein Gebet f\u00fcr euch!&#8220;<br \/>\nDas ist schon richtig so, der Glaube, zu dem ich euch eingeladen habe, den ihr zu leben versucht, der euch wichtig ist, so wie er ist.<br \/>\nJetzt kommt&#8217;s noch drauf an, dass ihr immer mehr begreift von der L\u00e4nge und Breite, der H\u00f6he und Tiefe, dass ihr zunehmt an Erkenntnis und Liebe und wachst im Glauben|<br \/>\nUnd dass ihr herausfindet, wer ihr dabei denn eigentlich wirklich seid.<br \/>\nDas nun wiederum ist vermutlich eine Lebensaufgabe !!<br \/>\nAber die hat eben mit unserem Verwurzeltsein im Glauben zu tun!<br \/>\nWer bin ich?<br \/>\n&#8222;Ich bin&#8220; &#8211; wir k\u00f6nnten wahrscheinlich alle ganz schnell, so wie die Studentin in M\u00fcnchen- eine \u00e4u\u00dfere Kurzfassung unserer selbst geben.<br \/>\nIch bin vielleicht Familienfrau, Mutter von Kindern, Rentnerin oder Sch\u00fcler, ich bin von Beruf das und das ich bin Vater oder Feuerwehrmann, Feriengast oder Kurpatientin, ich bin die Freundin von&#8230;<br \/>\nWas <em>bin<\/em> ich denn nun?<br \/>\nIn meinem Arbeitszimmer! h\u00e4ngt sein l\u00e4ngerer Zeit ein Bild von einem mir unbekannten K\u00fcnstler.<\/p>\n<p>Es zeigt \u2013auf den ersten Blick- das Gesicht einer Frau, und wenn man genauer hinsieht, erkennt man im Schatten dasselbe Gesicht noch einmal, und unten ein drittes Mal, noch schwerer erkennbar.<\/p>\n<p>Das Bild mich k\u00f6nnte man gut mit der Frage betiteln: Wer bin ich?&#8220;<br \/>\nBin ich das klar sichtbare, hell angeleuchtete Gesicht, das sich den Menschen drau\u00dfen zeigt?<br \/>\nOder bin ich eher das Verschleierte, das, was ich lieber verberge, was sich vielleicht in Zeiten gro\u00dfer Belastung Bahn bricht oder unter gro\u00dfem Druck zum Vorschein kommt?<br \/>\nOder wenn mir jemand den Schleier mit Gewalt herunterrei\u00dft?<br \/>\nOder bin ich das noch verborgenere Gesicht ganz im Untergrund?<br \/>\nDie Anteile von mir, die mir selber gar nicht bewusst sind, die aber trotzdem (oder gerade deswegen) mein Handeln und Denken beeinflussen und lenken?<br \/>\nUnd dann oft eben auch in Richtungen, die ich so gar nicht will?<br \/>\nEtwas Maskenhaftes haben diese beiden zus\u00e4tzlichen Gesichter, so als k\u00f6nnte ich sie aufsetzen, wenn ich sie brauche.<br \/>\nOder als w\u00fcrden sie sich auch manchmal auch pl\u00f6tzlich ungewollt \u00fcber das eigene Gesicht schieben.<br \/>\nOder geh\u00f6ren sie nicht alle zu mir?<br \/>\nAuch das seitliche Gesicht mit dem etwas hinterh\u00e4ltigen, raffinierten Blick, auch die angstvollen Augen des unteren Gesichtes?<\/p>\n<p>Wer bin ich7<br \/>\nEs ist mir wichtig, auch in der Begegnung mir anderen an die verborgenen Gesichter zu denken, \u00a0nicht (vor)schnell jemanden zu be- oder gar ver-urteilen.<br \/>\nWeil wir aus dem Epheserbrief h\u00f6ren: Gerade in den abgr\u00fcndigen Tiefen meines Ich, auch da, wo ich selber gar nicht hinkomme, wo ich mich nicht zurechtfinde und mich selbst nicht verstehe, auch \u00a0liegt als fester, unumst\u00f6\u00dflicher Grund die Liebe Christi!<br \/>\nGott ist der, der mich besser kennt und versteht, als ich mich selbst, mir nahe ist, meint es gut mit mir.<br \/>\nEr ist immer schon vor mir bei mir selbst.<br \/>\nDas ist die befreiende Botschaft dieser Verse heute morgen.<br \/>\nGegen allen Zweifel und alles ratlose Nichtverstehen k\u00f6nnen wir immer wider darauf vertrauen, dass uns die Kraft des Geistes geschenkt wird, damit wir uns und die Wett auch immer ein bisschen besser verstehen k\u00f6nnen<br \/>\nWir k\u00f6nnen darauf vertrauen, dass etwas erlebbar wird bei uns von der Gottesf\u00fclle, darauf, dass sich neue \u00a0Wege auftun werden und Zug\u00e4nge zu den Tiefen und H\u00f6hen unseres eigenen Lebens und der g\u00f6ttlichen Wirklichkeit. |<br \/>\nAmen.<\/p>\n<p><b>Elisabeth Tobaben<br \/>\nEv. Luth. Inselkirchengemeinde JUIST<br \/>\n<\/b> <strong><a href=\"mailto:Elisabeth.Tobaben@evlka.de\">Elisabeth.Tobaben@evlka.de\u00a0<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde! Ich war mit einer kleinen Gruppe von Studierenden in M\u00fcnchen zu einer ziemlich anstrengenden Tagung. Und als wir nach getaner Arbeit abends noch einen kleinen Kneipenbummel machen wollten, sprang uns in einer relativ belebten aber dunklen Stra\u00dfe pl\u00f6tzlich ein Herr im Nadelstreifenanzug vor die F\u00fc\u00dfe. 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