{"id":9947,"date":"2021-02-07T19:49:41","date_gmt":"2021-02-07T19:49:41","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9947"},"modified":"2022-10-03T17:20:24","modified_gmt":"2022-10-03T15:20:24","slug":"predigt-zum-heidelberger-katechismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zum-heidelberger-katechismus\/","title":{"rendered":"Predigt zum Heidelberger Katechismus"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p><em>Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? <\/em><\/p>\n<p><em>Da\u00df ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus geh\u00f6re. Er hat mit seinem teuren Blut f\u00fcr alle meine S\u00fcnden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erl\u00f6st. <\/em><\/p>\n<p><em>Und er bewahrt mich so, da\u00df ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt fallen kann, ja, da\u00df mir alles zu meiner Seligkeit dienen mu\u00df. <\/em><\/p>\n<p><em>Darum macht er mich auch durch seinen heiligen Geist des ewigen Lebens gewi\u00df und von Herzen willig und bereit, forthin ihm zu leben. Amen <\/em><\/p>\n<p align=\"right\"><em>(Heidelberger Katechismus, Frage und Antwort 1) <\/em><\/p>\n<p>Liebe Geschwister,<\/p>\n<p>Im Jahre 1559 trat Kurf\u00fcrst Friedrich III sein Regierungsamt \u00fcber die damals recht bedeutende Pfalz an. Sein Vorg\u00e4nger hatte nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 lutherische Theologen ins Land geholt, war jedoch mit der Einf\u00fchrung der Reformation nicht vorangekommen.<\/p>\n<p>Friedrich III war streng katholisch erzogen, seine Frau, eine Brandenburger Markgrafentochter, war evangelisch. Sie regte ihren Mann zum Bibellesen an, was der auch brav und eifrig tat. Sehr bald sah er sich der Aufgabe gegen\u00fcber, f\u00fcr sein Land die Richtlinien des Glaubens festzulegen. Denn weil sein Vorg\u00e4nger die Reformation nicht fl\u00e4chendeckend eingef\u00fchrt hatte, war das Land zerstritten und die Bev\u00f6lkerung verwirrt. Um Klarheit zu schaffen, berief Friedrich III eine Reihe namhafter Professoren an die Heidelberger Universit\u00e4t, darunter zwei junge Theologen: Den aus Breslau stammenden Zacharias Ursin, gerade mal 28 Jahre alt; er hatte in Wittenberg bei Melanchtons und bei Calvin in Genf studiert. Der zweite war Caspar Olevian aus Trier, ganze 26 Jahre alt, Freund eines Sohnes Friedrichs III und Sch\u00fcler Calvins. 1561 traten beide ihre Lehrt\u00e4tigkeit in Heidelberg an, Olevian war gleichzeitig Hofprediger.<\/p>\n<p>1562 begannen die beiden im Auftrag ihres Kurf\u00fcrsten mit der Arbeit an einer \u201cfesten Grundlage biblischer Glaubenserkenntnis,\u201c zogen dabei den Z\u00fcrcher und den Emdener Katechismus ebenso zu Rate wie den Londoner und den Genfer. Oft nahm Friedrich III an den Besprechungen teil, stellte hilfreiche Fragen und verzichtete auf landesherrliche Anweisungen. \u00dcber die Gliederung war man sich schnell einig: Ein erstes Kapitel sollte von des Menschen Elend handeln, von seiner Gottesferne und davon, dass ein Leben ohne Schuld nicht m\u00f6glich ist. Dann sollte von der Erl\u00f6sung die Rede sein, von der Vers\u00f6hnung mit Gott durch Jesus Christus und davon, dass der Mensch trotz und mit seiner Schuld leben kann und darf. Im dritten und letzten Kapitel schlie\u00dflich sollten die Menschen aufgefordert und erinnert werden, f\u00fcr ihre Erl\u00f6sung aus dem Elend dankbar zu sein, und zwar in Gedanken, Worten und Werken. Die Arbeit schritt gut voran, und im sp\u00e4ten Herbst lud der Kurf\u00fcrst alle Superintendenten und bedeutenden Kirchendiener \u2013 so nannte man die Pastoren \u2013 nach Heidelberg ein, um den Entwurf ausf\u00fchrlich zu diskutieren.<\/p>\n<p>So weit die wichtigsten geschichtlichen Daten; das nun Folgende ist \u00fcberwiegend frei erfunden:<\/p>\n<p>Ursin und Olevian waren mit dem Ergebnis sehr zufrieden, es hatte keine grunds\u00e4tzlichen Bedenken gegeben, nur einige Erg\u00e4nzungen f\u00fcr die biblischen Begr\u00fcndungen einiger Fragen und Antworten. Und nat\u00fcrlich ein paar redaktionelle \u00c4nderungen, Vorschl\u00e4ge f\u00fcr griffigere Formulierungen. Der Kurf\u00fcrst dankte allen f\u00fcr die Anregungen, vor allem und vor allen aber dankte er den beiden jungen M\u00e4nnern f\u00fcr ihre gute Arbeit. Verga\u00df auch nicht zu erw\u00e4hnen, an wie vielen Sitzungen und Beratungen er teilgenommen hatte. Der erhoffte Applaus blieb nicht aus.<\/p>\n<p>Nach der Sitzung lud der Kurf\u00fcrst die beiden Professoren zum Essen aufs Schloss ein. Ihm sei, sagte er, noch ein Gedanke gekommen, den er mit ihnen gern durchsprechen wolle. Sie m\u00f6chten sich bitte in etwa einer Stunde im Schloss einfinden. Er verabschiedete sich, Ursin und Olevian vertraten sich die Beine am Ufer des Neckar, dann stiegen sie zum Schloss hinauf.<\/p>\n<p>Schon als das Essen aufgetragen wurde, sagte der Kurf\u00fcrst, ihm fehle an dem Entwurf noch etwas Wichtiges, n\u00e4mlich so etwas wie eine kurze, knappe Zusammenfassung des Ganzen. Er wolle zwar noch ein Vorwort schreiben, aber es m\u00fcsse \u2013 am besten gleich danach \u2013 etwas stehen, das den christlichen Glauben in einer einzigen Antwort zusammenfasse, eine Art Bekenntnis. \u201eEin neues Glaubensbekenntnis?\u201c fragte Olevian erschrocken, denn er wu\u00dfte, welchen Streit es um das sogenannte apostolische Glaubensbekenntnis und erst recht um das nic\u00e4ische gegeben hatte. \u201eNicht jeder wird den ganzen Katechismus lernen,\u201c meinte der Kurf\u00fcrst, \u201eich m\u00f6chte aber jeden Untertan jederzeit fragen k\u00f6nnen, worauf es im Glauben ankommt, und dann eine ordentliche Antwort erhalten. Doch jetzt la\u00dft uns essen und trinken, man soll dem Esel, der da drischt, nicht das Maul verbinden.\u201c Er lachte schallend, die beiden Professoren lachten h\u00f6flich mit. Als sie sp\u00e4t am Abend und leicht schwankend das Schloss verlie\u00dfen, sagte der Kurf\u00fcrst ihnen noch, er wolle das Ergebnis bis Jahresende. Dann w\u00fcnschte er den beiden einen guten Heimweg und frohes Schaffen.<\/p>\n<p>Die beiden verabredeten sich f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag. Ursin begr\u00fc\u00dfte seinen Kollegen mit der Frage, worauf er sich unbedingt verlassen k\u00f6nne. \u201eAuf die Trinkfestigkeit des Kurf\u00fcrsten,\u201c antwortete der mit angerauhter Stimme. \u201eNein, im Ernst,\u201c beharrte Ursin, \u201eworauf allein kannst du dich im Leben und im Sterben verlassen?\u201c \u2013 \u201eAch so,\u201c begriff Olevian, \u201eauf Jesus Christus nat\u00fcrlich. Auf nichts und niemanden sonst. Weder auf Engel noch auf Heilige, weder auf geistliche noch weltliche \u201eHerren,\u201c weder auf Ikonen noch auf Salb\u00f6l noch auf Weihwasser. Willst du das h\u00f6ren? Aber lass mich doch erst einmal eintreten, es ist lausig kalt heute.\u201c Ursin trat beiseite, Olevian trat ein, beide gingen ins Studierzimmer, wo ein gem\u00fctliches Feuer brannte, und setzten sich. Ursin erz\u00e4hlte, er sei unerwartet fr\u00fch wach geworden und habe \u00fcber ihren Auftrag nachgedacht, habe auch schon eine Idee, n\u00e4mlich: Christus habe das Verh\u00e4ltnis der Menschen zu Gott in Ordnung gebracht, habe statt ihrer Gottes Vertrag, seinen Bund mit ihnen erf\u00fcllt, so dass sie nicht mehr vertragsbr\u00fcchig werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>\u201eDann sollten wir damit beginnen, dass wir alles, was im neuen Testament \u00fcber die Bedeutung Christi steht, in einem Satz zusammenfassen,\u201c meinte Olevian. Ursin z\u00f6gerte mit seine Zustimmung, denn bisher begannen alle Bekenntnisse mit Gott dem Sch\u00f6pfer. Aber \u2013 warum nicht etwas Neues wagen? Au\u00dferdem, ging ihm auf, k\u00f6nne man so den Aufbau des ganzen Katechismus vorwegnehmen: Elend \u2013 Erl\u00f6sung \u2013 Dankbarkeit. Die Frage m\u00fcsse das Elend benennen, die Trostbed\u00fcrftigkeit des Menschen.<\/p>\n<p>Olevian war von dem Vorschlag sehr angetan, griff zur Feder und schrieb: \u201eWas ist deine einzige Hoffnung im Leben und im Sterben?\u201c \u201eHoffnung ist mir zu schwach,\u201c wand Ursin ein, \u201eZuversicht w\u00e4re besser.\u201c \u2013 \u201eDann lass uns doch gleich vom Trost sprechen,\u201c meinte Olevian, \u201eTrost meint schlie\u00dflich einerseits \u201aZuversicht,\u2018 andererseits aber auch \u201aVertrag, B\u00fcndnis,\u2018 jedenfalls etwas, worauf man sich ohne Wenn und Aber verlassen kann. Und darum geht es doch in dieser unzuverl\u00e4ssigen Welt.\u201c Olevian schrieb: \u201eWas ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?\u201c und las die Frage vor. Ursin antwortete: \u201eDass Christus mein Herr ist. \u2013 Aber das m\u00fcssen wir wenigstens etwas ausf\u00fchren und begr\u00fcnden.\u201c Sie berieten sich, dann notierte Olevian: \u201eDa\u00df ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus geh\u00f6re. Er hat mit seinem teuren Blut f\u00fcr alle meine S\u00fcnden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erl\u00f6st.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJetzt in einem zweiten Absatz von Gott reden, und zwar von Gott als Bewahrer und Erhalter, der mein Heil will; der \u201aBund und Treue h\u00e4lt ewiglich,\u2018 wie er es Noah versprochen hat,\u201c schlug Ursin vor. Wieder berieten sie kurz, dann formulierte Ursin, und Olevian notierte: \u201eEr bewahrt mich so, da\u00df ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt fallen kann, ja, da\u00df mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss\u201c \u2013 \u201eAlles?\u201c fragte Olevian, \u201eauch z. B. Krankheit?\u201c \u2013 \u201eKrankheit geh\u00f6rt zum Leben; wer nicht krank wird, ist nicht gesund! \u2013 sagt meine Oma immer\u201c lautete Ursins Antwort und Olevian verstummte.<\/p>\n<p>Nun fehle nur noch die Dankbarkeit, stellte Olevian fest, und die h\u00e4nge ja wohl mit dem heiligen Geist zusammen. Damit h\u00e4tten sie dann die drei klassischen Teile eines Glaubensbekenntnisses zusammen, wenn auch in etwas anderer Reihenfolge. \u201eSchreib doch einfach, dass Gott uns durch seinen Geist in die Lage versetzt, fortan ihm zu leben,\u201c meinte er. Darauf Ursin: Nicht fortan m\u00fcsse es hei\u00dfen, sondern forthin. M. a. W.: Nicht ab jetzt, sondern weiterhin.\u201c Das leuchtete Olevian ein.<\/p>\n<p>P\u00fcnktlich zu Weihnachten lieferten sie das Ergebnis ihrer Arbeit beim Kurf\u00fcrsten ab und bekamen von ihm eine Einladung zur Abschlussbesprechung am 6. Januar. Er wolle, begr\u00fcndete der Kurf\u00fcrst den Termin, deutlich machen, dass dieser Tag der Verehrung von drei K\u00f6nigen oder Weisen, normalen Menschen also, nicht damit zu vereinbaren sei, dass allein Gott die Ehre geb\u00fchre. Darum solle es diesen Feiertag in seinem Land hinfort nicht mehr geben.<\/p>\n<p>Der Kurf\u00fcrst zeigte sich dann hoch zufrieden mit dem, was Ursin und Olevian als Frage und Antwort eins des Katechismus formuliert hatten und machte sich in den n\u00e4chsten Tagen daran, das Vorwort zu schreiben.<\/p>\n<p>Noch ein paar geschichtliche Tatsachen zum Abschluss: Am 19. Januar 1563 unterschrieb der Kurf\u00fcrst sein Vorwort, dann ging der Heidelberger Katechismus in Druck und verbreitete sich schnell. 1566 wurde Friedrich III beim Kaiser angeklagt, gegen die Augsburger Konfession versto\u00dfen zu haben. Er nach Worms vor den Reichstag zitiert. Der Kaiser verlangte unter Androhung strengster Strafen, dass der Kurf\u00fcrst seine Reformation zur\u00fcckn\u00e4hme und den Heidelberger Katechismus zur\u00fcckz\u00f6ge. Friedrich III stellte fest, dass es f\u00fcr ihn nur einen Herren aller Herren, einen K\u00f6nig aller K\u00f6nige g\u00e4be, dem er gehorche: Jesus Christus. Au\u00dferdem sei sein Katechismus unumst\u00f6\u00dflich, weil biblisch begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Der Reichstag konnte nicht anders, als das zu respektieren. Der Kurf\u00fcrst wurde nicht mit Acht und Bann belegt, der Heidelberger Katechismus war bald europaweit verbreitet und hat seit dem ungez\u00e4hlten Menschen im Leben und im Sterben Mut und Zuversicht gegeben. Amen<\/p>\n<p>Gebet:<\/p>\n<p>Guter Gott, dein heiliger Geist ist es, der uns f\u00fchrt und leitet &#8211; durch unsere Zeit, durch unser Leben und gewiss auch durch unser Sterben. Dein heiliger Geist ist es, der uns Kraft und Zuversicht gibt, der uns st\u00e4rkt und tr\u00f6stet, wo wir schwach und verzagt sind. Das macht uns froh und dankbar.<\/p>\n<p>Guter Gott, wir erfahren und erleben Dinge, die uns kraft- und mutlos machen; die uns resignieren lassen. Sie erscheinen uns so stark, dass wir uns klein und hilflos vorkommen. Wir bitten dich: Vergib uns Mutlosigkeit und Verzagtheit und gib uns deinen Geist des Glaubens und der St\u00e4rke.<\/p>\n<p>Guter Gott, deine Liebe hat uns von aller Schuld, die wir im Leben und durch unser Leben auf uns laden, befreit. Das \u00f6ffnet uns den Blick f\u00fcr einander und f\u00fcr andere; das macht uns dankbar, denen von deiner Liebe geben, die unter Lieblosigkeit leiden.<\/p>\n<p>Guter Gott, wir bitten dich: Nimm deinen heiligen Geist nicht von uns, damit wir weiterhin dir leben und allein dir die Ehre geben. Was dem im Wege stehen kann, bringen wir vor dich und beten gemeinsam:<\/p>\n<p>Unser Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser t\u00e4gliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und f\u00fchre uns nicht in Versuchung, sondern erl\u00f6se uns von dem B\u00f6sen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen<\/p>\n<p>Ges\u00e4nge: 131; 290; 398; 607<\/p>\n<p><strong>Paul Kluge, Pastor em.<br \/>\nGro\u00dfer Werder 17<br \/>\n39114 Magdeburg<br \/>\n<a href=\"mailto:Paul.Kluge@t-online.de\">Paul.Kluge@t-online.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Da\u00df ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus geh\u00f6re. 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