{"id":9949,"date":"2021-02-07T19:49:43","date_gmt":"2021-02-07T19:49:43","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9949"},"modified":"2022-10-03T07:49:22","modified_gmt":"2022-10-03T05:49:22","slug":"1-korinther-12-4-11-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-12-4-11-2\/","title":{"rendered":"1. Korinther 12, 4-11"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Geist Gottes, Heiliger Geist, liebe Gemeinde, das bedeutet Leben, Bewegung, Unruhe. In der Pfingstgeschichte aus der Apostelgeschichte, die gestern in den Gottesdiensten verlesen wurde, da werden die sichtbaren, h\u00f6rbaren und sp\u00fcrbaren Wirkungen des Heiligen Geistes verglichen mit denen des Windes (Brausen wie von einem gewaltigen Wind) und des Feuers (Zungen zerteilt, wie von Feuer) und des Wassers (der Geist wird ausgegossen). Wind, Feuer, Wasser \u2013 das ist doch wohl Lebendigkeit, Bewegung, Unruhe. Noch in der Reaktion der Sp\u00f6tter ist das zu erkennen: Sie sind betrunken!, sagen sie \u00fcber die vom Geist ergriffenen J\u00fcnger. Die apathische Form der Trunkenheit, die nur noch m\u00fchsam lallen kann, hatten sie mit Sicherheit nicht vor Augen.<\/p>\n<p>Die lebendige Ergriffenheit vom Geist war wohl ein wesentliches Kennzeichen vieler Gemeinden in der Anfangszeit des Christentums. Gilt das auch noch f\u00fcr unsere Kirche, f\u00fcr unsere Gemeinde? Ich stelle diese Frage jetzt nur, komme aber immer wieder in dieser Predigt auf sie zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Wind, Feuer, Wasser \u2013 das kann sich steigern, viel werden, zu viel. Wir kennen die Naturerscheinungen, f\u00fcr die wir eigene W\u00f6rter haben: Orkan, Feuersbrunst, Wolkenbruch, \u00dcberschwemmung. Zu viel Leben, Bewegung, Unruhe durch den Geist Gottes \u2013 kann es das auch geben? Die Gemeinde in Korinth war zweifellos eine sehr lebendige Gemeinde. M\u00f6glicherweise war sie zu lebendig, zu bewegt, zu unruhig. Jedenfalls haben das einige so empfunden. Denen ging es offenbar zu weit, es ging ihnen regelrecht auf den Geist, was da von anderen als Wirkungen des Heiligen Geistes ausgegeben und praktiziert wurde.<\/p>\n<p>Vor allem in den Versammlungen und Zusammenk\u00fcnften \u2013 konnte man das noch \u201eGottesdienste\u201c nennen? \u2013 ging es sehr bewegt zu. Was einige da sagten und besonders, wie sie es sagten, nicht immer verst\u00e4ndlich und oft ziemlich durcheinander, das war schon ein starkes St\u00fcck. Glossolalie, Zungenreden nannte sich eine besonders auff\u00e4llige Art der \u00c4u\u00dferung, ekstatisch, mit undefinierbaren Lauten, unverst\u00e4ndlich f\u00fcr die meisten anderen \u2013 aber die sie hervorbrachten verbanden damit offenbar einen ganz bestimmten Sinn, und es gab auch einige, die das verstehen und den \u00fcbrigen verdeutlichen konnten. Und das alles geschah mit dem Anspruch, dass hier und so der Geist sich in seiner h\u00f6chsten Form \u00e4u\u00dfere, gewisserma\u00dfen in Reinkultur. Es war schwierig, sich in dem allen zurechtzufinden und ein klares Urteil zu gewinnen.<\/p>\n<p>Es scheint, dass die Gemeinde sich in einem Brief mit der Bitte um Hilfe und Rat in dieser Angelegenheit an Paulus, ihren Gr\u00fcndervater gewandt hat. Die Anfrage selber kennen wir leider nicht, aber daf\u00fcr die Antwort des Paulus. Sie steht im 1. Korintherbrief, Kap. 12, 4-11 <em>(hier kann der Text verlesen werden, wenn es nicht bereits vorher geschehen ist).\u201c<\/em>\u00dcber die Gaben des Geistes\u201c, so beginnt Paulus den Abschnitt und nimmt damit offenbar das Stichwort der Anfrage aus Korinth auf.<\/p>\n<p>Aber ehe er nun auf einzelne Gaben, Begabungen, Wirkungen des Geistes im einzelnen eingeht, sagt er etwas, was ihm ganz allgemein und grunds\u00e4tzlich wichtig zu sein scheint. Er bringt n\u00e4mlich die Geistesgaben mit Jesus in Beziehung. Ganz schlicht stellt er fest: Der Geist f\u00fchrt nicht weg von Jesus, sondern zu ihm hin. \u201cNiemand, der durch den Geist Gottes redet, verflucht Jesus; und niemand kann Jesus den Herrn nennen au\u00dfer durch den heiligen Geist.\u201c Luther hat im Anschluss an diese Worte im Kleinen Katechismus den Satz formuliert: \u201eIch glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn glauben oder zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist hat mich &#8230; dazu berufen.\u201c Und in unserer Zeit hat es jemand so ausgedr\u00fcckt: \u201eDein Werk (Heiliger Geist) ist es, das Wunder deiner Eingebung, wenn es Menschen gibt, die entdecken, dass Jesus Christus lebt. Es ist dein Dr\u00e4ngen, deine Kraft in uns, dass wir ihm folgen, dass er unser Weg ist, dass er uns alle M\u00fche dieses Lebens wert ist. Wir bitten dich, festige uns, dass wir im Glauben bleiben und ausharren mit ihm&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Also: Ohne Geist kein Jesus, aber ohne Jesus auch kein Geist. Wer sich von Jesus l\u00f6st, ohne ihn meint auskommen zu k\u00f6nnen, kann sich vielleicht auf Eingebungen berufen, aber nicht auf die Eingebungen des Geistes Gottes. Das h\u00f6rt sich sehr einfach an, und ist es auch; und ist doch der grundlegende Ma\u00dfstab, an dem alles zu messen ist, auch die Gaben des Geistes.<\/p>\n<p>Auch in den folgenden S\u00e4tzen formuliert Paulus etwas sehr Gewichtiges. Er sagt: \u201eEs sind verschiedene Gaben, aber es ist ein Geist. Und es sind verschiedene \u00c4mter, aber es ist ein Herr. Und es sind verschiedene Kr\u00e4fte, aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.\u201c Die Verschiedenheit, Unterschiedlichkeit der Gaben, also das bunte Bild, m\u00f6glicherweise auch die verwirrende Vielfalt und Lebendigkeit wird von Paulus nicht in Frage gestellt. Das gibt es und soll es geben. Aber man sp\u00fcrt, sein Interesse geht dahin, die letzte Einheit dieser gro\u00dfen Vielf\u00e4ltigkeit aufzuzeigen: Ein Geist, ein Herr, ein Gott. Das alles zerf\u00e4llt nicht, sondern l\u00e4uft letztlich zusammen, weil es im Grunde zusammengeh\u00f6rt. Und wo es doch zu Gegens\u00e4tzen, Zerw\u00fcrfnissen f\u00fchrt, da ist es eben nicht aus dem einen Geist, dem einen Herrn, dem einen Gott.<\/p>\n<p>Das ergibt sich f\u00fcr Paulus wiederum aus einem ganz einfachen Grundsatz: \u201eIn einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller.\u201c Zum Nutzen aller \u2013 fast kaufm\u00e4nnisch n\u00fcchtern klingt das, und besagt doch viel. Es entlarvt auch manches Gehabe und Getue. Wo etwas nur der eigenen Selbstdarstellung, dem Sich-selbst-produzieren dient, kann es sich nicht auf den Geist Jesu berufen. Nicht zuf\u00e4llig hat Paulus mit dem Wort \u201e\u00c4mter\u201c im Griechischen hier einen Ausdruck hineingebracht, der w\u00f6rtlich \u201eDienst\u201c hei\u00dft. Es spricht einiges daf\u00fcr, dass die Korinther selber diesen Begriff in ihrer Anfrage noch nicht verwendet haben, und es ist auch fraglich, ob diese Dienste bei ihnen wirklich so hoch gesch\u00e4tzt wurden. Es geht dabei n\u00e4mlich oft um ganz einfache, allt\u00e4gliche Dinge, die einer f\u00fcr den anderen tut; damit kann man sich nicht so leicht selbst darstellen und produzieren. Alles f\u00fcr andere besorgen und hinter ihnen herr\u00e4umen ist meist nicht besonders gefragt. Paulus aber rechnet es zu den Gaben des Geistes und verweist damit ausdr\u00fccklich wieder auf Jesus, der gekommen ist, um zu dienen, als ein Diener aller.<\/p>\n<p>Zum Nutzen aller \u2013 erst nach diesem n\u00fcchternen und vor allem auch nachpr\u00fcfbaren Grundsatz kommt Paulus auf einige besondere Geistesgaben zu sprechen, die ihm zumindest teilweise von den Korinthern auch genannt worden sind. Nicht alles ist f\u00fcr uns ohne weiteres klar. Wie sich z. B. das Reden von der Weisheit und das Reden von der Erkenntnis unterscheiden und was damit genau gemeint ist, ist mir nicht deutlich geworden. Was aber auff\u00e4llt: Dies verz\u00fcckte, ekstatische Reden, das bei vielen in Korinth offenbar sehr hoch eingesch\u00e4tzt wurde, kommt bei Paulus wohl nicht zuf\u00e4llig erst ziemlich zuletzt vor. Er lehnt es nicht einfach ab, aber ob es zum Nutzen aller dient, h\u00e4ngt davon ab, ob jemand dabei ist, dem die Gabe der Erkl\u00e4rung und Auslegung solchen Redens geschenkt ist. Deswegen f\u00fcgt Paulus diese Gabe sogleich und ausdr\u00fccklich noch hinzu.<\/p>\n<p>Eine vollst\u00e4ndige Liste der Gaben und Begabungen stellt die Aufz\u00e4hlung des Paulus nicht dar. Das w\u00e4re auch sowieso unm\u00f6glich, einfach weil der Geist und seine Gaben unersch\u00f6pflich sind. Deshalb k\u00f6nnen wir ruhig von uns aus die von Paulus benannten Geistesgaben erg\u00e4nzen um solche, die wir kennen und die uns wichtig erscheinen. So f\u00e4llt mit etwa auf, dass von Paulus besonders viele Gaben des Redens erw\u00e4hnt werden. Sie sind in ihrer Bedeutung ja auch nicht zu untersch\u00e4tzen. Man stelle sich eine Gemeinde vor, in der nicht geredet w\u00fcrde! Aber es kann des Redens, oder dann wohl eher des Geredes auch zu viel werden. Und gerade, wer viel redet, ger\u00e4t nur zu leicht in die Gefahr, vor allem sich selbst zu produzieren. Dessen m\u00fcssen auch wir, die wir regelm\u00e4\u00dfig auf der Kanzel stehen, uns bewusst sein.<\/p>\n<p>Wie w\u00e4re es, wenn wir heute neben die Gaben des Redens ganz bewusst die Gabe des Zuh\u00f6rens stellen w\u00fcrden?! Es gibt viel zu wenige, die wirklich zuh\u00f6ren k\u00f6nnen. Und ich glaube, dass auch die Gabe des guten, hilfreichen Wortes oft erst aus solchem intensiven Zuh\u00f6ren erw\u00e4chst.<\/p>\n<p>Noch ein Letztes: Jeder ist begabt. Zweimal streicht Paulus das heraus. Jeder und jede hat etwas einzubringen, auch in unserer Gemeinde. Ich habe vorhin schon gesagt, wie Paulus mit dem Stichwort \u201eDienst\u201c den Blick auch auf das Unspektakul\u00e4re, oft \u00dcbersehene richtet. In jeder Gemeinde sind solche Begabungen, die meist gar nicht als solche benannt werden, vorhanden und werden auch gebraucht. In unserer Gemeinde z.B. suchen wir Kirchen\u00f6ffner, also Leute, die ein paar Stunden Zeit einzusetzen bereit sind, um in der Kirche zu sein, w\u00e4hrend diese ge\u00f6ffnet ist. Eine spezielle Begabung ist daf\u00fcr nicht erforderlich. Ich sage manchmal, Konfirmation als Voraussetzung gen\u00fcgt. Und trotzdem ist es ein Dienst, der gebraucht wird und dem Nutzen aller dient.<\/p>\n<p>Gott helfe uns, unsere eigenen Gaben zu erkennen und einzubringen, und auch, dass andere mit ihren Gaben f\u00fcr uns da sind, wenn wir sie brauchen; die uns besuchen, uns zuh\u00f6ren, gut mit uns und zu uns reden, f\u00fcr uns und mit uns beten. Darin erweist sich der Heilige Geist lebendig und wirksam, auch unter uns. Amen<\/p>\n<p><strong>Klaus Steinmetz, Sup. i. R.<br \/>\n<\/strong> <a href=\"mailto:kjsteinmetz@t-online.de\"><strong>kjsteinmetz@t-online.de<br \/>\n<\/strong><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geist Gottes, Heiliger Geist, liebe Gemeinde, das bedeutet Leben, Bewegung, Unruhe. 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