{"id":9965,"date":"2021-02-07T19:49:36","date_gmt":"2021-02-07T19:49:36","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9965"},"modified":"2022-10-06T11:03:50","modified_gmt":"2022-10-06T09:03:50","slug":"1-johannes-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-johannes-4\/","title":{"rendered":"1. Johannes 4"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>in der Bibel gibt es Texte, die wirken wie ein Begleiter im Alltag. Ohne die Erinnerung an solche Worte m\u00f6chte ich nicht sein. Und ich bin sicher, jeder und jede unter uns hat solche Begleiter, wei\u00df sich ein St\u00fcck weit gehalten und ermutigt von solchen Worten der Bibel. Oft h\u00e4ngen solche Worte und Texte mit konkreten Ereignissen und Erlebnissen zusammen; Sch\u00f6n, dass wir so etwas haben.<\/p>\n<p>Und dann gibt es Texte in der Bibel, die gleichsam \u201eSonntags-Texte\u201c sind. Es ist sch\u00f6n, auf solche Texte zu h\u00f6ren; vertraute Worte und Empfindungen in ihnen wiederzuerkennen. Aber es sind eben Texte, von denen ich mir nicht in jeder Situation vorstellen kann, auf sie wirklich h\u00f6ren zu k\u00f6nnen oder sie gar anderen Menschen h\u00f6rbar werden zu lassen.<\/p>\n<p>Der heutige Predigttext ist f\u00fcr mich ein solcher Sonntags-Text. Er steht im Neuen Testament, im 1. Johannesbrief im 4. Kapitel:<br \/>\n-Predigttext-<\/p>\n<p>Es sind sechs Verse, die wir geh\u00f6rt haben. In diesen sechs Versen begegnet das Wort LIEBE allein 12 x- und zwar als Substantiv oder als Verb.<br \/>\nVon Liebe zu sprechen ist gemeinhin etwas Besonderes, etwas Nicht-Allt\u00e4gliches. Und es scheint eine nat\u00fcrliche Hemmung zu bestehen, das Wort Liebe zu h\u00e4ufig im Munde zu f\u00fchren. Und noch etwas kommt wohl hinzu. Wir k\u00f6nnen uns vielleicht vorstellen, von Liebe zu sprechen, aber \u00fcber Liebe sprechen, das k\u00f6nnen wir weniger gut. Wer das Verb \u201elieben\u201c ausspricht, der gibt nicht einfach eine Beschreibung von etwas. Von Liebe zu sprechen &#8211; dem ist immer etwas Transzendierendes eigen, Bereicherndes, Begl\u00fcckendes, etwas Nicht-Verrechenbares. Darum sind wir wohl auch so sparsam mit der Verwendung des Wortes<br \/>\n.<br \/>\nVor diesem Hintergrund wird der Textabschnitt aus dem 1. Johannesbrief interessant. Das Wort Liebe in seiner h\u00e4ufigen Verwendung pr\u00e4gt sich beim H\u00f6ren und Lesen des Textes sofort ein. Es ist jedoch nicht \u201edie Liebe\u201c, die zu beschreiben wir uns abm\u00fchen, das Entscheidende, auf das alles hinl\u00e4uft. Vielmehr ist sie es, die etwas wirkt, etwas bewirkt. Im Griechischen steht hier der Begriff \u201eparreesia\u201c. Das Wort beschreibt den Zustand eines Menschen, in dem er frei, ohne Scheu und Angst reden kann. Liebe bewirkt Offenheit, Freimut, Unerschrockenheit, Zuversicht.<\/p>\n<p>Wir sind geneigt, das als etwas Selbstverst\u00e4ndliches hinzunehmen, sind wir doch gleichsam darin aufgewachsen. Dass es beileibe nichts Selbstverst\u00e4ndliches ist, zeigen uns die t\u00e4glichen Nachrichten. Und ein nachdenkliches Innehalten kann uns daran erinnern, dass eine ganze Zahl von Mitb\u00fcrgern solchen Freimut lange Zeit nicht leben konnte. Und die Erfahrung hat gezeigt, dass die Gestaltung von Verh\u00e4ltnissen, die Freimut und Zuversicht erm\u00f6glichen, nicht gleich dazu f\u00fchren, sie auch zu leben. Wie muss eine Situation gestaltet sein, damit Menschen das auch leben k\u00f6nnen und wollen?<\/p>\n<p>Solche bei dem Begriff parreesia sich einstellenden politisch-historischen Assoziationen \u2013 sie waren nicht das Thema des 1. Johannesbriefs. Der Zustand eines Menschen, in dem er frei und ohne Scheu reden kann, in dem er Zuversicht leben kann \u2013 er wird hier beschrieben als Situation des Gegen\u00fcbers zu Gott. Gott gegen\u00fcber der Mensch \u2013 mit Freimut und Zuversicht, ohne Furcht.<br \/>\nGott ist Liebe \u2013 so haben wir es in dem Predigttext geh\u00f6rt. Gott ist Liebe \u2013 und daneben h\u00f6re ich die Frage des Dichters Wolfgang Borchert, damals, gleich nach dem zweiten Weltkrieg: \u201eWann bist du eigentlich lieb, lieber Gott?\u201c<br \/>\n.<br \/>\n\u201eLasset uns einander lieben, denn er, Gott, hat uns zuerst geliebt\u201c. So lesen wir es im ersten Johannesbrief. Der Zusammenhang ist uns klar und verst\u00e4ndlich. Lieben kann nur der, der Liebe erfahren hat; vertrauen kann nur die wagen, der Vertrauen zuteil wurde; jemanden annehmen kann nur der, der selbst angenommen wurde.<br \/>\nViele Menschen k\u00f6nnen auf Ereignisse hinweisen, wo es schwer f\u00fcr sie war, wo es f\u00fcr sie unm\u00f6glich war, von Gottes Liebe zu sprechen. Es ist gut, dann darauf aufmerksam gemacht zu werden, dass manchmal unsere eigenen augenblicklichen Erfahrungen uns ganz in Beschlag nehmen, dass es daneben und zugleich aber auch die Erfahrungen anderer Menschen gibt. Darauf zu verweisen, auch das macht den Reichtum der Bibel aus.<\/p>\n<p>\u201eLasset uns einander lieben, denn er, Gott, hat uns zuerst geliebt\u201c. Beides geh\u00f6rt untrennbar zusammen. Die ganze Bibel ist davon durchzogen und gepr\u00e4gt. Gott lieben und den N\u00e4chsten lieben, das kann nicht voneinander getrennt werden. Liebe Deinen N\u00e4chsten, denn &#8211; er ist wie du; vor allem anderen ist der N\u00e4chste so, wie du, von Gott geliebt. Darum kann es hier nicht um Almosen gehen, nicht nur um Barmherzigkeit. Die erfahrene Liebe, die Freimut und Zuversicht erm\u00f6glicht, sie bef\u00e4higt dazu, dass wir Hoffnung f\u00fcr die Hoffnungslosen bewahren, Frieden f\u00fcr die Friedlosen erhoffen, Gerechtigkeit f\u00fcr die Menschen am Rand nicht allein fordern, nicht allein schaffen wollen, sondern Gerechtigkeit f\u00fcr sie vor allem erwarten.<\/p>\n<p>Hier ist noch einmal von der Furcht zu reden. \u201eFurcht ist nicht in der Liebe. &#8230; Wer sich aber f\u00fcrchtet, der ist nicht v\u00f6llig in der Liebe\u201c. Wer sich f\u00fcrchtet, der wird von den konkreten Erwartungen, die ein Mensch meint haben zu k\u00f6nnen, allein bestimmt. Die Furcht bestimmt, was ich mir vorstellen kann, was geschehen kann und was nicht. Nicht eine irgendwie geartete \u00c4ngstlichkeit oder Feigheit ist hier im Blick; sondern es geht um den festgef\u00fcgten Erwartungshorizont, der so schwer zu durchbrechen ist. Und oft genug wird dadurch das Leben und das Verhalten von Menschen bestimmt.<\/p>\n<p>Der Verwendung des Wortes Liebe ist etwas Transzendierendes eigen, Bereicherndes, ja Begl\u00fcckendes. Uns daran erinnern zu lassen durch die Worte aus dem 1. Johannesbrief, es erinnern zu lassen \u2013 es konnte nicht nur sch\u00f6n f\u00fcr uns, es k\u00f6nnte f\u00fcr viele Menschen lebenswichtig sein. .<\/p>\n<p><b>Prof. Dr. Franz-Heinrich Beyer<br \/>\n<a href=\"mailto:Franz-Heinrich.Beyer@ruhr-uni-bochum.de\">Franz-Heinrich.Beyer@ruhr-uni-bochum.de<\/a><\/b><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde, in der Bibel gibt es Texte, die wirken wie ein Begleiter im Alltag. Ohne die Erinnerung an solche Worte m\u00f6chte ich nicht sein. 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