{"id":9966,"date":"2021-02-07T19:49:39","date_gmt":"2021-02-07T19:49:39","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9966"},"modified":"2022-10-05T16:21:57","modified_gmt":"2022-10-05T14:21:57","slug":"erzaehlpredigt-fuer-einen-tauferinnerungsgottesdienst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/erzaehlpredigt-fuer-einen-tauferinnerungsgottesdienst\/","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlpredigt f\u00fcr einen Tauferinnerungsgottesdienst"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>(Erz\u00e4hlpredigt f\u00fcr einen Tauferinnerungsgottesdienst)<\/p>\n<p>\u201eLass mich mal\u201c. Langsam zieht das funkgesteuerte Rennboot seine Kreise \u00fcber den Kiessee. \u201eOkay, Opa, also pass einmal auf, dieser Hebel hier nach rechts, und dann geht die \u201aSally\u2019 nach rechts, und wenn du nach links willst, musst du umgekehrt dr\u00fccken. Vorw\u00e4rts: Hebel nach vorn, r\u00fcckw\u00e4rts: Hebel nach unten. Aber nicht so schnell hintereinander. Und die Geschwindigkeit: daf\u00fcr ist der andere Hebel da. Kommst du damit klar\u201c? \u201eNat\u00fcrlich\u201c.<\/p>\n<p>Jan legt die Fernsteuerung in die ausgestreckte Hand seines Gro\u00dfvaters Karl-Heinz. Dabei f\u00e4llt sein Blick auf den rechten Unterarm. \u201eOpa, warum hast du da ein Kreuz\u201c? Karl-Heinz legt den Hebel nach vorn um, dann gleich wieder zur\u00fcck. Man h\u00f6rt aus der Ferne den Motor h\u00e4sslich blubbern. \u201eNur zum Spa\u00df\u201c. \u201eIch meine doch das Kreuz\u201c. \u201eJa\u201c. \u201e Ich wei\u00df, man nennt das Tattoo. Bei uns in der Klasse haben ein paar Kumpels auch welche. Die werden dann mit Folie aufgeklebt, und abends kann man sie wieder abwaschen\u201c. \u201eMein Kreuz bleibt eben\u201c. Zum Spa\u00df?<\/p>\n<p>Das Boot l\u00e4uft jetzt gut, Karl- Heinz hat richtig Spa\u00df daran, es aufzudrehen, der weiten Rechtskurve eine Linkskurve folgen zu lassen, und dann mit Volldampf voraus gerade aus. Eine Entenfamilie, die gerade wie eine Flottille das Wasser \u00fcberqueren will, erhebt sich mit \u00e4rgerlichem Quaken und hastigem Fl\u00fcgelschlag in die Luft, etwas erschrocken nimmt der Gro\u00dfvater das Tempo der Sally runter und l\u00e4sst sie langsam auf ihr Ufer zusteuern. \u201e Du, Opa, es ist richtig sch\u00f6n hier\u201c. Jan r\u00fcckt n\u00e4her an seinen Gro\u00dfvater ran. \u201e Das Anlanden mache ich besser\u201c. Ist mir auch recht, dann kann ich schon mal nachsehen, was Gerda uns eingepackt hat, ich habe n\u00e4mlich Hunger\u201c. W\u00e4hrend Karl- Heinz zum Fahrrad geht, um den Korb zu holen, fischt Jan das Boot aus dem Wasser. Dass dabei die \u00c4rmel seines Sweatshirts nass werden, wird sicher nichts machen. \u201e Es gibt Mettbr\u00f6tchen und K\u00e4se\u201c, ruft der Gro\u00dfvater fr\u00f6hlich her\u00fcber. \u201eKeine Mortadella\u201c ?\u201eDoch auch, klar doch, und eins mit Nutella: extra f\u00fcr dich, hat Gerda gesagt. Und Cola\u201c. \u201eIch trinke lieber Apfelschorle\u201c, meint Jan ohne zu maulen, \u201emacht aber nichts. Komm, wir setzen uns hier an das Ufer\u201c.<\/p>\n<p>Schweigend, kauend schauen beide \u00fcber das Wasser. Warum Kinder immer so was klebriges essen m\u00fcssen, denkt Karl- Heinz. Jan, der mit Handr\u00fccken und Zunge die Mundwinkel zu reinigen wei\u00df, denkt mit seinen neun Jahren etwas anderes. Dann traut er sich zu fragen: \u201eDu, Opa. Gerda ist ja echt nett. Aber warum lebst du nicht mehr mit Oma zusammen\u201c?<\/p>\n<p>Es ist jetzt sehr still. Leise schl\u00e4gt das Wasser an das Ufer. Eine Lerche ist zu h\u00f6ren. Karl \u2013Heinz sieht auf seine H\u00e4nde. 28 Jahre hatte er da rechts den Ring getragen. Sein Blick wandert zum linken Unterarm. Das Kreuz. Er war wohl damals 17 gewesen.\u201c Du Opa, sag schon, warum\u201c? \u201e Wei\u00dft du, ich kann es auch nicht genau erkl\u00e4ren. Irgendwie&#8230; also irgendwie hatten wir uns auseinandergelebt, die Lisa und ich. Als deine Mutter geheiratet hatte und du dann geboren wurdest, ja da fing es schon an. Wir hatten uns nichts mehr zu sagen\u201c. \u201e \u201eHabt ihr \u00fcberhaupt nicht mehr miteinander gesprochen?\u201c \u201eDoch, nat\u00fcrlich, aber irgendwie haben wir uns nicht mehr verstanden, wenn du verstehst, was ich meine. Wir haben auch gedacht, das wird schon wieder, aber dann ging jeder seine eigenen Wege. Und da haben wir uns im letzten Jahr gesagt, es ist besser, sich zu trennen als&#8230;als mit einer L\u00fcge zu leben. Und jetzt versuchen wir, noch einmal neu zu beginnen\u201c.<\/p>\n<p>In diese Stille hinein startet Jan den Motor seiner Sally neu, l\u00e4sst ihn richtig aufheulen und legt den Hebel nach vorn. Die Schraube am Heck zerpfl\u00fcgt den See. \u201edu Opa, ich habe Kacke gebaut\u201c. \u201e Du hast was\u201c? \u201e Also das sagt man bei uns so. Ich habe was Schlimmes gemacht. Mein Freund, der Mike, also wir wollten eigentlich zusammen zum Tischtennistraining gehen. Und da habe ich ihm gesagt, ich kann nicht, ich muss noch mit Papa f\u00fcr die Schule \u00fcben. Wenn das rauskommt, bin ich sein Freund gewesen\u201c. \u201eJan, komm mal her\u201c. Karl-Heinz legt seinen Arm um die Schultern seines Enkels. Er sp\u00fcrt, wie sie zucken, ein wenig, aber es ist tief. Du wolltest Mike nicht entt\u00e4uschen und du wolltest zugleich bei mir sein. Man kann im Leben nicht alles haben und muss sich entscheiden, auch wenn es weh tut\u201c. \u201eJa, aber ich muss immer daran denken, und wenn der mich nicht mehr ansieht\u201c!.<\/p>\n<p>Karl-Heinz wei\u00df, dass er jetzt etwas sagen muss. Aber die Worte liegen nicht im Mund rum. Er \u00f6ffnet seine H\u00e4nde, so als m\u00fcsste da jetzt alles rein gelegt werden. Er sieht sein Kreuz, das er jeden Tag bei sich hat, niemals loswird. \u201eVergeben\u201c, sagt er, \u201eman muss vergeben k\u00f6nnen. Ein richtiger Freund kann das. Und hier\u201c, dabei tippt Karl-Heinz auf seinen Unterarm, \u201e der kann das erst recht. Und jetzt lass mich mal wieder die Sally fahren\u201c. Und wieder legt ihm Jan die Fernsteuerung in die gro\u00dfe Hand, so als ob er etwas \u00fcbergibt, was immer bleiben wird. Dann sagte er: &#8222;Opa, ich habe auch ein Tattoo, ein unsichtbares. Ich bin n\u00e4mlich getauft&#8220;.<br \/>\nKarl-Heinz: &#8222;Ja, ich wei\u00df. Ich war dabei. Gerda war auch da, deine Eltern und alle anderen. Wir alle wollten sehen, dass Du getauft wirst. Den Tag werde ich, ja werden wir alle nie vergessen. Und du, vergiss du nicht dein unsichtbares Tattoo.&#8220; Dann schauten Jan und Karl-Heinz wieder auf den See.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich rief Jan erschrocken: &#8222;Was ist denn mit dem Boot&#8220;? \u201eAch du Sch&#8230;, also so ein Mist wollte ich sagen. Da vorn in dem Busch im Wasser, es ist festgefahren. Versuch es mal mit R\u00fcckw\u00e4rts\/Vorw\u00e4rts\u201c. Nichts zu machen. Der Motor verabschiedet sich mit einem m\u00fcden, aber entg\u00fcltigen Blubb. Drei Meter vor dem Ufer: die Sally h\u00e4ngt mit dem Bug tief im Gestr\u00fcpp. \u201e Ich hole es, ich hab es da reingefahren, und jetzt hole ich es raus\u201c. Der Gro\u00dfvater zieht sich die Hose aus und watet in das Wasser. \u201eIch kann zwar nicht \u00fcber das Wasser laufen, aber es ist nicht tief. Und warm ist es auch\u201c.<\/p>\n<p>\u201eIch komme auch\u201c. Lachend l\u00e4uft Jan hinterher.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, als sie das Boot geborgen und die Kleider getrocknet haben, sagt Jan: \u201e Du Karl-Heinz, ich muss dich mal etwas fragen. Ist Gott ein Gro\u00dfvater?\u201c<\/p>\n<p>(Verlesen des Textes 1 Joh 4, 16b \u201319).<\/p>\n<p><em>Anmerkung 1: Wir haben an diesem Sonntag Tauferinnerungsgottesdienst. Und Da werden kommen ( hoffentlich): Kinder mit ihren M\u00fcttern und V\u00e4tern, Gro\u00dfeltern. Deshalb der Versuch einer narrativen Predigt.<br \/>\nAnmerkung 2: Gesungen werden m\u00fcsste auf jeden Fall die 14 (!) Verse von EG 586: Mein Herz und Geist erheben dich. <\/em><\/p>\n<p><strong>P. Wolfgang Petrak<br \/>\nSchlagenweg 8a<br \/>\n37077 G\u00f6ttingen<br \/>\nTel: 31838<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:W.Petrak@gmx.de\"> W.Petrak@gmx.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Erz\u00e4hlpredigt f\u00fcr einen Tauferinnerungsgottesdienst) \u201eLass mich mal\u201c. 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