{"id":9969,"date":"2021-02-07T19:49:42","date_gmt":"2021-02-07T19:49:42","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9969"},"modified":"2022-10-03T12:35:33","modified_gmt":"2022-10-03T10:35:33","slug":"lukas-14-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-14-23\/","title":{"rendered":"Lukas 14, 23"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>\u201eEr (Jesus Christus) ist gekommen und hat verk\u00fcndigt im Evangelium den Frieden euch, die ihr fern waret, und den Frieden denen, die nahe waren.<br \/>\nDenn durch ihn haben wir den Zugang alle beide in einem Geist zum Vater.<br \/>\nSo seid ihr nun nicht mehr G\u00e4ste und Fremdlinge, sondern Mitb\u00fcrger der Heiligen und Gottes Hausgenossen,<br \/>\nerbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist,<br \/>\nauf welchem der ganze Bau ineinander gef\u00fcgt w\u00e4chst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn;<br \/>\nauf welchem auch ihr miterbaut werdet zu einer Behausung Gottes im Geist\u201c.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>dieser kleine Abschnitt passt gut zu dem Evangelium des heutigen Sonntages: Dem Gleichnis von der Einladung Gottes zu einem Festmahl. Denn in diesem Gleichnis ist sozusagen das Evangelium in nuce, im Kern, festgehalten, eben die Geschichte, dass Gott uns bei sich haben will, mit uns feiern will und alles daran setzt, dass daraus ein wirkliches Fest wird. Er macht Vorbereitungen. Er l\u00e4sst es sich etwas kosten. Schlie\u00dflich schickt er Boten aus, die diese Einladung an die Ausersehenen weitergeben. Aber nun geschieht das eigentlich Unbegreifliche. Die G\u00e4ste sagen ab, einer nach dem anderen. Sie haben wichtigeres vor. Aber Gott gibt nicht auf. Er l\u00e4sst andere einladen. Und dann noch weitere \u201eauf dass mein Haus voll werde\u201c (Lk. 14,23).<\/p>\n<p>Diese Geschichte von der Einladung Gottes, die zuerst nur wenigen, dann ganz vielen gilt, ist immer wieder weitererz\u00e4hlt und mit Erfahrungen angereichert worden. Schlie\u00dflich hat sich auch Jesus Christus in diese Geschichte hineingestellt und gesagt: Ich bin der letzte der Boten, die Gott ausgesandt hat. Zuerst hat er die Gottesm\u00e4nner und Propheten des Alten Bundes ausgeschickt. Die Eingeladenen haben sie geschlagen, verh\u00f6hnt, zum Teil get\u00f6tet. Zum Schluss, als letztg\u00fcltiges Angebot sandte Gott auch den Sohn. Aber auch diesen haben sie nicht h\u00f6ren wollen. Sie haben ihn get\u00f6tet und aus ihrer Gemeinschaft auszusto\u00dfen versucht.<\/p>\n<p>Aber damit ist die Geschichte des Evangeliums von der Einladung Gottes noch nicht zu Ende. Hier im Epheser-Brief wird sie weitererz\u00e4hlt. Es wird n\u00e4mlich gesagt, dass diese Einladung als Verm\u00e4chtnis des Sohnes \u00fcber seinen Tod hinaus bestehen bleibt. Sie bekommt eine etwas andere Farbe, indem sie nun nicht nur unter dem Stichwort \u201eFest\u201c, sondern auch unter dem Stichwort \u201eFrieden\u201c erscheint. Im Kern ist das das Gleiche. Grade nach den schlechten Erfahrungen, die Gott machen musste, ist \u201eFrieden\u201c zwischen ihm und uns vielleicht etwas, was weniger leuchtend, aber doch ganz realistisch notwendig ist. Die Einladung selbst aber bleibt und steht. Sie ist bis heute nicht zur\u00fcckgenommen worden. Darum kommt der Apostel auch noch einmal ausdr\u00fccklich darauf zur\u00fcck und unterstreicht: \u201eEr (Jesus Christus) ist gekommen und hat verk\u00fcndigt im Evangelium den Frieden\u201c.<\/p>\n<p>An dieses grundlegende Faktum der gesamten Christentumsgeschichte zu erinnern, war schon damals elementar wichtig. Denn zus\u00e4tzlich zu den Schwierigkeiten, die Gott mit den G\u00e4sten hatte und hat, kommt nun noch, dass auch die G\u00e4ste untereinander Probleme haben. Sie fangen an zu streiten. Das fing vielleicht einmal harmlos an. Da waren die von der Gruppe, die zuerst der Einladung gefolgt waren. Gemeint sind damit die Kinder Israel. Und dann kamen die von der zweiten Gruppe: Die Heiden. Und w\u00e4hrend zuerst die Juden auf die Heiden herabsahen, haben dann die Heiden auf die Juden herabgesehen. Bald sa\u00dfen sie in getrennten Gruppen im \u201eHaus Gottes\u201c und am Tisch des Herrn. Aber im Laufe der Kirchengeschichte gab es immer mehr Spaltungen. Heute gibt es eine fast un\u00fcbersehbare Menge von Konfessionen und Denominationen, und die Juden haben dann noch eine besondere Bedeutung.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung bahnte sich bereits in der Urzeit des Christentums an. Darum greift der Apostel dieses Thema hier auf und ruft den Christen damals und heute in Erinnerung: Wir sind alle G\u00e4ste des himmlischen Vater, \u201eHausgenossen Gottes\u201c. Lasst uns das doch nicht vergessen. Lasst uns so miteinander umgehen, dass die Heiligkeit des Hauses, dass der Friede, der in der N\u00e4he Gottes herrschen soll, sp\u00fcrbar wird. Nur so kann auch der Umwelt deutlich werden, dass wir ein lebendiger Tempel des Herrn in dieser Welt sind.<\/p>\n<p>Darin liegt die bleibende Aktualit\u00e4t des Themas: Es geht um die B\u00e4ndigung der zerst\u00f6rerischen Potentiale, die es auch im Christentum gibt. Sie zeigen sich und werden immer dann wirksam, wenn sich die Christen von ihrem Zentrum, von dem uns durch Jesus Christus einladenden Gott l\u00f6sen beziehungsweise diese grundlegende Botschaft vergessen oder vernachl\u00e4ssigen. In dem Augenblick, wo eine solche Entwicklung eintritt, werden andere, sekund\u00e4re Dinge wichtig. Dann besch\u00e4ftigen sich die G\u00e4ste mit sich selbst, mit ihren Besonderheiten, Auff\u00e4lligkeiten, Andersartigkeiten. Wenn es erst einmal so weit ist, gibt es bald kein Halten mehr. Dann kommt es zu Abgrenzungen bis hin zur gegenseitigen Verketzerung oder gar Verfolgung, manchmal sogar mit t\u00f6dlichem Ausgang. Eine solche zerst\u00f6rerische Entwicklung kann nur gestoppt werden durch das hartn\u00e4ckige Verbleiben beim Entscheidenden, beim Zentrum, bei dem Evangelium, das Jesus Christus verk\u00fcndigt hat. Darum geht es dem Apostel hier an dieser Briefstelle. Er hofft, dass die christlichen Gemeinden das Wesentliche des christlichen Glaubens nicht aus den Augen verlieren.<\/p>\n<p>Der Epheser-Brief ist um 100 nach Christus entstanden. Seit seiner Abfassung ist es mit dem Unfrieden und den Spaltungen und gegenseitigen Ausgrenzungen in der Christenheit durch die Jahrhunderte hindurch leider in vielen Zeiten noch schlimmer geworden. In manchen Jahrhunderten haben sich, wie wir ja wissen, christliche Kirchen gegenseitig regelrecht bekriegt und umgebracht. Die Frage steht im Raum: War der Ruf des Apostels im Epheser-Brief vergeblich? Ein nachweisbarer Misserfolg?<\/p>\n<p>Es scheint, dass es vergebliche Liebesm\u00fche gewesen ist. Es scheint so, &#8211; wenn man die hoffnungsvolle Perspektive \u00fcbersieht, die der Apostel eingebaut hat: Sie erstreckt sich von den Urgr\u00fcnden der Liebe Gottes, die zu den Einladungen an uns f\u00fchrte, \u00fcber die Best\u00e4ndigkeit, mit der sie von Gott aufrecht erhalten wird, bis zu ihrer Einl\u00f6sung oder Erf\u00fcllung oder Durchsetzung bei uns und mit uns, sch\u00f6pfungsweit. Gott hat nicht resigniert. Er ist aber auch noch nicht am Ziel und l\u00e4dt uns weiter ein, gemeinsam mitzuarbeiten an der \u201eBehausung Gottes im Geist\u201c, auch hier schon in der Zeit.<\/p>\n<p>Damit diese gro\u00dfe Perspektive nicht nur als sch\u00f6ne Idee oder als frommer Wunsch verstanden oder nicht verstanden wird, hat Gott uns allen einen festen, klaren, steinharten Orientierungspunkt gegeben: Jesus Christus. Er ist die Mitte und der Mittler. Er allein kann uns die notwendige Konzentration auf das entscheidend Christliche geben. Wenn wir alle uns auf ihn ausrichten, wird der Friede unter uns wachsen, weil er uns in sein Bild einformt. Auf diese Weise kann er wie bei einem Rad die Mitte bilden, auf die die Speichen zulaufen. Ohne diese Mitte ist das Rad nicht funktionsf\u00e4hig. So wie ohne dieses Fundament und Ziel die Christenheit auseinander f\u00e4llt und f\u00fcr die Menschheit eine Belastung und keinen Segen darstellt.<\/p>\n<p>Wenn er die Mitte ist, ist n\u00e4mlich auch deutlich, dass andere Wichtigkeiten von untergeordneter Bedeutung sind. Sie werden eingereiht in den gro\u00dfen Bau, den Tempel Gottes, der zielstrebig auf den Schlussstein, Jesus Christus, zul\u00e4uft.<\/p>\n<p>Die Vision des Apostels muss nicht notwendig zur Aufl\u00f6sung von Konfessionen und Denominationen, die sich in der Geschichte herausgebildet haben und damit auch zur geistlichen Heimat geworden sind, f\u00fchren. Sie meint nicht unbedingt die organisatorische Vereinheitlichung. Sie meint vielmehr die \u00dcberwindung der negativ besetzten Abgrenzungen, der Rechthaberei, der Intoleranz, der Hassbereitschaft unter den G\u00e4sten Gottes und den Aufbau einer Gemeinschaft \u00fcber Grenzen, die wir aufgerichtet haben, hinweg \u201ezu einer Behausung im ( heiligen) Geist\u201c.<\/p>\n<p>Die Frage, ob die Predigt des Apostels im Epheser-Brief ein Misserfolg war, l\u00e4sst sich von daher gut beantworten. Sie ist, was die Kirchengeschichte betrifft, \u00e4u\u00dferlich, ein Misserfolg gewesen. Aber weil Gott nicht aufgibt, so wie er noch nie aufgegeben hat, gibt es Hoffnung f\u00fcr uns alle. Daf\u00fcr k\u00f6nnen wir von Herzen dankbar sein, ihn loben und bitten, dass er uns hilft, die Mitte immer wieder neu zu erkennen und festzuhalten und &#8211; dass er uns einen Platz frei halten m\u00f6chte in seiner N\u00e4he. Amen.<\/p>\n<p><strong>Pfarrer em. Dr. Christian-Erdmann Schott<br \/>\nElsa-Br\u00e4ndstr\u00f6m-Str. 21<br \/>\n55124 Mainz (Gonsenheim)<br \/>\nTel.: 06131-690488<br \/>\nFAX 06131-686319<br \/>\n<a href=\"mailto:ce.schott@surfeu.de\">E-Mail: ce.schott@surfeu.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEr (Jesus Christus) ist gekommen und hat verk\u00fcndigt im Evangelium den Frieden euch, die ihr fern waret, und den Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir den Zugang alle beide in einem Geist zum Vater. 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