{"id":9971,"date":"2021-02-07T19:49:41","date_gmt":"2021-02-07T19:49:41","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9971"},"modified":"2022-10-03T22:46:39","modified_gmt":"2022-10-03T20:46:39","slug":"lukas-14-25-35-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-14-25-35-2\/","title":{"rendered":"Lukas 14, 25-35"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>(d\u00e4nische Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Heute trifft uns das Evangelium mit einem gewaltigen Donner.<\/p>\n<p>Wenn jemand den Beginn dieses Textabschnittes aus dem Lukasevangelium h\u00f6ren kann, ohne Ansto\u00df zu nehmen oder sich getroffen zu f\u00fchlen, dann, wage ich zu behaupten, hat der Betreffende nicht ordentlich zugeh\u00f6rt. Denn es sind in der Tat anst\u00f6\u00dfige Worte, die uns hier begegnen. Lukas schreibt: &#8222;So jemand zu mit kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Br\u00fcder, Schwestern, auch dazu sein eigenes Leben, der kann nicht mein J\u00fcnger sein&#8220;.<\/p>\n<p>Man sagt, da\u00df das christliche Evangelium ein \u00c4rgernis f\u00fcr Menschen ist, und hier bekommt man wahrlich reichlich Ansto\u00df f\u00fcr sein Geld. Denn ist es nicht anst\u00f6\u00dfig, hier mit Verwandten und Freunden in die Kirche zu kommen, mit seiner Frau oder seinem Kind oder seinem Bruder oder seiner Schwester, und dann zu h\u00f6ren: Wenn man die nicht ha\u00dft, kann man nichts mit Gott zu tun haben? Reicht das nicht, uns zu veranlassen umzukehren und in die Welt zu verschwinden, wo niemand ist, dem es einfiele, etwas so Absurdes zu verlangen wie die zu hassen, denen man am meisten verbunden ist?<\/p>\n<p>Warum also haben sich nicht mehr Leute erhoben und die Kirche verlassen aus Protest, als das Evangelium verlesen wurde? Ja vielleicht, weil eine d\u00e4nische volkskirchliche Gemeinde aus freundlichen Menschen besteht. Vielleicht aber auch, weil man instinktiv f\u00fchlt, dass etwas hinter diesen radikalen Worten steht. Da ist mehr zu sagen. Etwas, nach dem es sich zu suchen lohnt.<br \/>\nUnd das ist da &#8211; nat\u00fcrlich &#8211; auch.<\/p>\n<p>Erstens mu\u00df man fragen, was es \u00fcberhaupt hei\u00dft zu <em>hassen.<\/em><\/p>\n<p>Kinder k\u00f6nnen zuweilen auf die Idee kommen zu sagen, da\u00df sie Eis lieben, aber Mohrr\u00fcben hassen (das Gegenteil ist selten der Fall). Wenn Kinder so sagen, reden sie dann von einem leidenschaftlichen Liebesverh\u00e4ltnis zum Eis? Nein, sie meinen, da\u00df sie gern Eis m\u00f6gen, jedenfalls mehr als Mohrr\u00fcben. Sie finden, da\u00df die Erwachsenen einsehen sollten, da\u00df es wichtiger ist, eine t\u00e4gliche Dosis Eis zu bekommen als eine t\u00e4gliche Portion Rohkost. Sie stellen Eis \u00fcber alles andere, was man in den Mund stecken kann. Lieben und hassen sind f\u00fcr sie nicht Worte, die ihre innersten Gef\u00fchle beschreiben, sondern Worte, die angeben, da\u00df sie es sch\u00f6n finden, wenn der Eiswagen vorbeif\u00e4hrt. Ich kenne z.B. einen kleinen Jungen, der auf die Idee kommen kann, in seinem Abendgebet f\u00fcr den Eismann zu beten, sicherheitshalber. Ich glaube nicht, da\u00df er jemals f\u00fcr die Mohrr\u00fcben im Garten gebetet hat: Lieber Gott la\u00df die W\u00fcrmer an meinen Mohrr\u00fcben vorbeigehen. Wohl kaum!<\/p>\n<p>Da\u00df das Wortpaar Lieben und Hassen im Sprachgebrauch der Kinder und hier im Evangelium bedeutet, zwischen zwei Dingen Priorit\u00e4ten zu setzen &#8211; und nicht innerste leidenschaftliche Gef\u00fchle beschreibt, die man mit jemandem verbindet, kann man h\u00f6ren, wenn der Evangelist Matth\u00e4us die selben Worte wiedergibt, die Jesus einmal gesagt hat: &#8222;Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert&#8220;. <em>Nach Matth\u00e4us geht es also nicht darum, seine engsten Angeh\u00f6rigen zu hassen, sondern darum, etwas h\u00f6her zu sch\u00e4tzen als seine Familie, n\u00e4mlich Christus. Seine Familie hassen und Christus lieben bedeutet also, da\u00df es etwas gibt, was wichtiger ist als das eigene Fleisch und Blut. Ja, Christus ist das Wichtigste.<\/em><\/p>\n<p><em> Aber wird das \u00c4rgernis dadurch geringer?<\/em><\/p>\n<p>Nein, in gewisser Weise nicht. Denn das kann noch immer als eine enorme Provokation verstanden werden, da\u00df Jesus behauptet, da\u00df es wichtigere Bande gibt als die des Blutes. Da\u00df es ein Band gibt, das uns mehr bindet als das Band, das uns mit unserer Familie und engsten Freuden verbindet. Da\u00df es etwas gibt, das wir h\u00f6her einsch\u00e4tzen als Vater und Mutter, Frau und Kinder, Br\u00fcder und Schwestern. Da\u00df es eine Gemeinschaft gibt, die st\u00e4rker ist als unsere Gemeinschaft mit unseren engsten Freunden.<\/p>\n<p>Es erscheint uns anst\u00f6\u00dfig, weil gerade unsere Verwandten und Freunde f\u00fcr uns eine gro\u00dfe Bedeutung <em>haben<\/em>. Das ist ja kein Wunder, nat\u00fcrlich ist unser eigenes Leben sehr abh\u00e4ngig von denen, die um uns sind. Nat\u00fcrlich bedeuten unsere Ehen, unsere Kinder, unsere Eltern, unsere Br\u00fcdern und Schwestern und unsere Freunde ungeheuer viel f\u00fcr uns und unser Lebensgl\u00fcck und unser Gef\u00fchl daf\u00fcr, ob unser Leben gelingt und Sinn hat. Und die <em>Kernfamilie<\/em> ist wirklich in Mode gekommen. Auch wenn es viele Scheidungen und zerbrochene Beziehungen gibt, so gehen Menschen immer neue Ehen ein und schaffen neue Kernfamilien.<\/p>\n<p>Das Evangelium ist deshalb ein \u00c4rgernis. Es trifft uns dort und in dem, was unendlich viel f\u00fcr uns bedeutet. Aber gerade dieser Ansto\u00df gegen uns sollte der Ansto\u00df dazu sein, da\u00df wir anfangen zu \u00fcberlegen, ob unsere Kernfamilie und unsere engsten und intimsten Beziehungen nun auch die gro\u00dfe Bedeutung tragen <em>k\u00f6nnen<\/em>, die wir ihnen beimessen. Kann die Liebe zum Ehepartner z.B. wirklich das Leben mit Sinn erf\u00fcllen? Kann die Liebe zwischen zwei Menschen das sein, auf dem man das Leben gr\u00fcndet? Und <em>sind<\/em> die engen Beziehungen zu den engsten Freunden wirklich der Sinn des Lebens, die Tiefenstruktur des Lebens, der Grund des Lebens?<\/p>\n<p>Das Evangelium antwortet hier klar und eindeutig: Nein!<br \/>\nEs gibt etwas, was wichtiger ist als alles andere. N\u00e4mlich unser Verh\u00e4ltnis zu Gott.<\/p>\n<p>Es gibt eine Gemeinschaft, die weit \u00fcber unsere menschlichen Beziehungen zu einander hinausreicht, und das ist die Gemeinschaft mit Christus.<\/p>\n<p>&#8222;Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert&#8220;. In diesen Worten liegt sowohl eine Forderung als auch eine Verhei\u00dfung. Wir wenden uns zun\u00e4chst der Forderung zu.<\/p>\n<p>Die Forderung des Evangeliums ist die, da\u00df du dich niemals in deine Kernfamilie verschanzen sollst mit deinen engsten Freunden. Du sollst nie die Hecke zwischen dir, deinen engsten Angeh\u00f6rigen und dann dem Rest der Welt so hoch wachsen lassen, da\u00df du die nicht sehen kannst, die drau\u00dfen sind. Du darfst niemals glauben, da\u00df dein eigenes famili\u00e4res Gl\u00fcck das Wichtigste von allem ist, denn das Wichtigste von allem ist Christus und seine Botschaft an die Menschen von der N\u00e4chsten- <em>und <\/em>Feindesliebe. Da darfst niemals dein Leben auf dir selbst und deinen eigenen Beziehungen aufbauen. Deine Liebe soll weiter reichen als zu denen, die du selbst in dein Leben einbezogen hast.<\/p>\n<p>Du sollst auf Christus bauen. Auf das, was er gesagt und getan hat. Auf das, was er von dir will. Die Forderung ist die, da\u00df Gott und sein gebot Zentrum sein soll f\u00fcr alle deine Gedanken, Gef\u00fchle und Taten.<\/p>\n<p>Und dann die <em>Verhei\u00dfung<\/em>.<\/p>\n<p>Die Verhei\u00dfung ist die, da\u00df es etwas anderes <em>gibt<\/em> als dich selbst und die Beziehungen, die du selbst schaffen kannst als Grundlage deines Lebens. Die Verhei\u00dfung ist, da\u00df Gott eine Beziehung zu dir geschaffen hat in der Taufe, dich zu deinem Kind gemacht hat seit der Taufe zum ewigen Leben. Was bedeutet das? Das bedeutet: Ganz gleich, wie enge Beziehungen du eingehst und abbrichst, es gibt eine Gemeinschaft, die <em>immer<\/em> besteht,weil sie <em>nicht<\/em> von dir selbst abh\u00e4ngt, sondern von Gott. Wenn unsere eigene Welt zusammenbricht &#8211; bei Scheidungen, einem Todesfall, Arbeitslosigkeit, Streit, Lebenskrisen &#8211; dann bricht deine Welt dennoch nicht zusammen, weil Gott sie f\u00fcr dich aufrecht erh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Kein Mensch kann es aushalten, <em>der<\/em> Sinn im Leben eines anderen Menschen zu sein. Das ist f\u00fcr alle eine gewaltige \u00dcberforderung. Es ist eine gewaltige \u00dcberforderung der Ehe, wenn die Ehe <em>der<\/em> Sinn des Lebens sein soll. Es ist eine \u00dcberforderung der Kinder, wenn sie <em>der<\/em> Sinn des Lebens sein sollen. Wir sind Geschenk f\u00fcr einander, ja, es ist ein gro\u00dfes und wichtiges Geschenk, einen guten Ehepartner, Kinder, Freunde zu haben. Aber keine von uns kann der Grund unter dem Leben eines anderen Menschen sein. das kann nur Gott. Deshalb mu\u00df es in jeder Beziehung einen dritten Partner geben &#8211; Gott. Einen dritten Partner, der nicht Eifersucht hervorrufen soll, sondern der vielmehr der sein soll, der alles zusammenbindet, wie wir das bei der Trauliturgie sagen, mit dem Band der Vollkommenheit, das die Liebe Gottes zu uns ist.<\/p>\n<p>Christus mehr zu lieben als jemand oder etwas sonst hei\u00dft seine menschlichen Beziehungen so zu sehen, da\u00df es m\u00f6glich wird, wahr und erbaulich zu lieben und nicht begehrlich und aufzehrend. Wer einen anderen Menschen zum Ziel seines Lebens macht, wird ihn schlie\u00dflich verzehren und die Liebe d\u00e4monisieren. Wer aber andere lieben kann <em>im Lichte der gr\u00f6\u00dferen Liebe<\/em>, die Gottes ist, und sich absolut abh\u00e4ngig wei\u00df von Gott und nichts anderem, der ist frei zu lieben und der kann auch andere frei geben.<\/p>\n<p>Und so ist das Evangelium zwar ein \u00c4rgernis. Aber wenn man genauer hinsieht, birgt das \u00c4rgernis eine gro\u00dfe Freude in sich. Wer Ohren hat zu h\u00f6ren, der h\u00f6re. Amen.<\/p>\n<p><strong>Pfarrerin Kirsten J\u00f8rgensen<br \/>\nPr\u00e6stegade 2<br \/>\nDK-5300 Kerteminde<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 65 32 13 20<br \/>\ne-mail:<a href=\"mailto:kjoe@km.dk\"> kjoe@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(d\u00e4nische Perikopenordnung) Heute trifft uns das Evangelium mit einem gewaltigen Donner. Wenn jemand den Beginn dieses Textabschnittes aus dem Lukasevangelium h\u00f6ren kann, ohne Ansto\u00df zu nehmen oder sich getroffen zu f\u00fchlen, dann, wage ich zu behaupten, hat der Betreffende nicht ordentlich zugeh\u00f6rt. Denn es sind in der Tat anst\u00f6\u00dfige Worte, die uns hier begegnen. 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