{"id":9974,"date":"2021-02-07T19:49:42","date_gmt":"2021-02-07T19:49:42","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9974"},"modified":"2022-10-03T08:50:24","modified_gmt":"2022-10-03T06:50:24","slug":"lukas-15-1-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-15-1-7\/","title":{"rendered":"Lukas 15, 1-7"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>\u201eIch danke unserm Herrn Jesus Christus, der mich .. in das Amt eingesetzt (hat), der ich fr\u00fcher ein L\u00e4sterer und Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren ..\u201c<\/p>\n<p>Selbst im Bibelkreis der Kirchengemeinde Stirnrunzeln. \u201eIch verstehe das nicht\u201c, sagt einer. \u201eDas geht mich nichts an\u201c, sagt eine andere. \u201eKirchensprache\u201c sagt jemand. Abhaken also?<\/p>\n<p>Soll ich anwesender Pastor wieder erkl\u00e4ren: 1. Timotheusbrief, wahrscheinlich nicht von Paulus, aber in seinem Namen geschrieben, in der Antike \u00fcblich, hat seinen Sinn in der Tradition bestimmter Gedanken, \u201efr\u00fchkatholisch\u201c: von \u201e\u00c4mtern\u201c ist die Rede; und es wird schon (wieder) moralisch gerechnet: \u201edenn ich habe es unwissend getan\u201c (nach dem Motto: darum \u201el\u00e4ssliche\u201c S\u00fcnde ..) usw.?<\/p>\n<p>Wen interessiert das?<\/p>\n<p>In einem Dossier \u00fcber Religi\u00f6sit\u00e4t in Berlin sagen die Autoren klipp und klar: Kirche ist \u201eout\u201c. Was in Berlin \u201ereligi\u00f6s\u201c ist, ist meistens muslimisch, auch j\u00fcdisch oder hat zu tun mit Ekstasen bei der Love Parade, mit Erotik und Sexualit\u00e4t.<\/p>\n<p>In Berlin jedenfalls ist dieser Text eine v\u00f6llig fremde und nicht einmal durch seine Fremdheit interessierende Welt.<\/p>\n<p>W\u00e4re da nicht dieser altmodische Satz, der uns Kundigen nach Martin Luther klingt: \u201eDass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die S\u00fcnder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.\u201c<\/p>\n<p>Also sprechen wir dar\u00fcber, wo wir \u201es\u00fcndig\u201c sind und wo \u201eselig\u201c. Sprechen wir konkret dar\u00fcber. Sonst sagt uns der Text nichts.<\/p>\n<p>Was ist deine \u201eS\u00fcnde\u201c?<br \/>\nIn fr\u00fcheren Zeiten schien es klare Antworten darauf zu geben: Wer eines der zehn Gebote nicht eingehalten hatte, war S\u00fcnder. Und sp\u00e4testens seit Martin Luther galt f\u00fcr viele zus\u00e4tzlich: \u201eWoran du dein Herz h\u00e4ngst, das ist eigentlich dein Gott\u201c. Also wem glaubst du? Wem vertraust du dich an? An wen h\u00e4ngst du dein Herz? Wenn es nicht Gott ist, dann bist du ein S\u00fcnder.<\/p>\n<p>Darum ging ein Mensch zur Beichte. Auch im evangelischen Bereich gab es sie. Und bis in die zweite H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts hinein gingen viele erst zum Abendmahl, wenn sie vorher bei der Beichte waren. Man wollte nicht unvorbereitet selig werden. Man wollte sich den lebendigen Christus in Brot und Wein nicht zum Gericht essen, wie es hie\u00df.<\/p>\n<p>Wie hat sich das ge\u00e4ndert! Nicht nur in Hamburg und Berlin ist ein solches Verst\u00e4ndnis von S\u00fcnde kaum mehr zu verstehen. Weder im moralischen noch im geistlichen Sinn des Wortes von \u201eS\u00fcnde\u201c.<\/p>\n<p>Was ist deine S\u00fcnde?<br \/>\nMenschen von heute k\u00f6nnten antworten: S\u00fcnde \u2013 wei\u00df ich nicht; aber ich habe Fehler gemacht. Ich habe zu fr\u00fch geheiratet. Ich habe den falschen Mann geheiratet. Ich habe die falsche Berufswahl getroffen. Ich bin mit mir selber unzufrieden. Ich kann mich manchmal selber nicht leiden. Ich wei\u00df gar nicht wirklich, wer ich bin. Ich zweifle an dem Sinn meines Lebens. Ich h\u00e4nge an der Flasche. Ich bin s\u00fcchtig nach Leben. Ich will die Ekstase am Wochenende. Manchmal bekommt sie mir nicht. Ich brauche den \u201eKick\u201c. Ich kriege ihn immer seltener. Ich bin irgendwie immer traurig, depressiv vielleicht. Ich habe Angst. Vor dem Altwerden. Vor der Einsamkeit. Vor einem einsamen Tod in irgendeinem Heim.<\/p>\n<p>S\u00fcnde?<br \/>\nJa, aber anders, als wir es mit unserer theologischen Tradition fassen k\u00f6nnten. Da geht es viel weniger um Moral, als wir meinen, in Worte fassen zu k\u00f6nnen. Ja, ja, das kommt davon, wenn man an keinen Gott mehr glaubt und nur noch an Jugend, Sch\u00f6nheit, Gl\u00fcck und Geld. Ja, ja .. und dann? Haben wir Christen dann Recht gehabt, wenn wir es besser wissen? Ist Gott mit uns in der Ecke der Rechthaber und Moralisten? Schmollt Gott mit uns in der Jammerecke der abgeh\u00e4ngten Kirche, der letzten Ritter des Glaubens (nach Bonhoeffer)?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich findet man in der Bibel Belege daf\u00fcr, dass diese Welt zum Teufel geht. Nicht letztlich \u2013 da steht die Verhei\u00dfung des Reiches Gottes vor \u2013 aber doch zwischendrin. In den Feuersee der Apokalypse wirft Gott all die Ungl\u00e4ubigen und all die Unmoralischen. Schon im Alten Testament drohen die Propheten das Unheil an, das von Gott kommt.<\/p>\n<p>Ist das unsere \u201eL\u00f6sung\u201c? Sollen wir die Welt zum Teufel gehen lassen? Mit G.W.Bush die Andersgl\u00e4ubigen bek\u00e4mpfen und verachten? Mit Bin Laden die Andersgl\u00e4ubigen in die Luft sprengen und foltern? Sollen wir naser\u00fcmpfend oder ratlos die jungen Leute meiden, die nicht nur in Berlin der \u201eReligion\u201c des Eros fr\u00f6nen, statt in den Kirchengemeinden mitzumachen? Sollen wir in einer sich rasant ver\u00e4ndernden Kultur als Kirche immer fort \u201eHalt!\u201c und \u201eSo nicht!\u201c rufen?<\/p>\n<p>Was h\u00e4tte Jesus getan? In Washington und Afghanistan, im Irak und in Berlin? W\u00e4re er mit uns im Gefolge an all diesen Gewaltt\u00e4tern und Spinnern vorbeigegangen? H\u00e4tte er sie links liegen gelassen: Die Gestrandeten der \u201eIch-AG\u2019s\u201c, der Spa\u00df-Gesellschaft, die Opfer der \u201eLust\u201c- und Event-Kultur? H\u00e4tte er ihnen die Leviten gelesen: Den Predigern des technischen Fortschritts, den Machern der neuen Welten?<\/p>\n<p>Wo w\u00e4re Jesus heute? Wo ist Jesus Christus heute?<\/p>\n<p>\u201eIch danke unserm Herrn Jesus Christus, der mich stark gemacht hat ..\u201c.<br \/>\nLebensst\u00e4rke, Vitalit\u00e4t ist doch eine Gottesgabe und hat auch zu tun mit Christus Jesus, der stark macht.<\/p>\n<p>Wo also ist Vitalit\u00e4t in all den Verworrenheiten unserer Zeit? In den Hasstiraden der islamistischen Prediger: Welche Wut steckt darin? Welche Erfahrung von Erniedrigung und Entw\u00fcrdigung im Hintergrund. Wie kann da Kraft und Seligkeit hineinkommen anders als durch Achtung? Ich achte dich, fremder, mir unverst\u00e4ndlicher Mensch. Ich achte dich.<\/p>\n<p>Und der Fanatismus der Regierungsclique in Washington: Hat nicht auch der Papst starke Worte gefunden gegen eine Politik, die die Gewaltspirale nur noch anheizt? Jesu Vorbild: Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen. Punkt. Also lerne, die andere Wange hinzuhalten und lerne, noch im Feind den N\u00e4chsten zu erkennen. Hoch aktuell.<\/p>\n<p>Und die Ausgeflippten und Suchenden, die Erm\u00fcdeten und Orientierungslosen unserer Alltagskultur: Hat ER sie nicht um sich gesammelt und Geschichten erz\u00e4hlt, die zu Herzen gingen: Vom verlorenen Schaf, vom wiedergefundenen Sohn, von den gerecht behandelten Arbeitern im Weinberg? Und hat ER nicht mit den S\u00fcndern getafelt, Feste gefeiert? Waren nicht sogar zuweilen Dirnen in seiner Gesellschaft und verd\u00e4chtige Kollaborateure und Ausl\u00e4nder?<br \/>\nWar ER nicht bereit, missverstanden zu werden f\u00fcr seine Volksn\u00e4he von Seiten der damaligen religi\u00f6sen F\u00fchrer? War das nicht ein guter Teil der Seligkeit, die er verstr\u00f6mte, dass Menschen in seiner N\u00e4he aufatmeten und gerne sie selber waren. Und siehe, so lernten sie echte Liebe. Nicht mehr verordnet, nicht mehr sanktioniert, sondern aus ganzem Herzen, ganzer Kraft und ganzer Seele.<\/p>\n<p>Was ist deine S\u00fcnde? Also sagen wir: Was ist deine Zerrissenheit? Wo empfindest du dich als Nicht-Du? Wo bist du innerlich ge-sondert (in S\u00fcnde)? Erz\u00e4hl dem, der\u2019s versteht, von deiner Traurigkeit. Es kann ein Pastor sein, eine Seelsorgerin, auch die \u00c4rztin, auch der Nachbar oder der Trinkgeselle nachts um drei irgendwo am Bahnhof Zoo. \u00c4u\u00dfere dich zu dir selbst. Und h\u00f6re mal zu. Dem anderen, der vielleicht auch sein Herz aussch\u00fctten m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Und siehe, ER ist euch nicht fern. Vielleicht seid ihr nicht ausdr\u00fccklich in seinem Namen versammelt. Vielleicht trefft ihr euch nicht in der Kirche und im Gottesdienst. Aber es kann auch in zwielichtiger Atmosph\u00e4re sein, wenn Gott Gott ist. Und Gott ist Gott und kein schmollend Beleidigter im Winkel der Geschichte. Christus Jesus ist nicht der Heiland der letzten Ritter des Glaubens und nicht der himmlische Liebhaber aller frommen Frauen. ER ist mitten im Schlamassel des Westjordanlandes und Bagdads. Man erkennt ihn in den Augen aller, die Not leiden. Man erkennt ihn in den Taten derer, die Frieden und Menschlichkeit stiften. Oft ist ER inkognito. Manchmal wird er ausdr\u00fccklich. Vielleicht, wo man es nicht vermutet.<br \/>\nIn jenem Dossier \u00fcber Religion in Berlin ist auch die Rede von einem Kneipenbesitzer, der Christ ist und sich zur Kirche h\u00e4lt. Manchmal, erz\u00e4hlt er, kommt es fr\u00fchmorgens zu Gespr\u00e4chen mit halb betrunkenen Kunden \u00fcber ihr Leben und Gott und die Welt.<\/p>\n<p>\u201eDas ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die S\u00fcnder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.\u201c<br \/>\nAmen.<\/p>\n<p><strong>Bernd Vogel<\/strong><br \/>\n<a href=\"mailto:Bernd.Vogel@evlka.de\"><strong>Bernd.Vogel@evlka.de <\/strong><\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch danke unserm Herrn Jesus Christus, der mich .. in das Amt eingesetzt (hat), der ich fr\u00fcher ein L\u00e4sterer und Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren ..\u201c Selbst im Bibelkreis der Kirchengemeinde Stirnrunzeln. \u201eIch verstehe das nicht\u201c, sagt einer. \u201eDas geht mich nichts an\u201c, sagt eine andere. \u201eKirchensprache\u201c sagt jemand. 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