{"id":9979,"date":"2021-02-07T19:49:39","date_gmt":"2021-02-07T19:49:39","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9979"},"modified":"2022-10-05T16:16:47","modified_gmt":"2022-10-05T14:16:47","slug":"1-timotheus-1-12-17-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-timotheus-1-12-17-3\/","title":{"rendered":"1. Timotheus 1, 12-17"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p><strong>Der eigenen Berufung auf der Spur<\/strong><\/p>\n<p>Im ersten Timotheusbrief lesen wir:<\/p>\n<p>&#8222;Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn. Er hat mich f\u00fcr treu gehalten und in seinen Dienst genommen, obwohl ich ihn fr\u00fcher l\u00e4sterte, verfolgte und verh\u00f6hnte. Aber ich habe Erbarmen gefunden, denn ich wusste in meinem Unglauben nicht, was ich tat. So \u00fcbergro\u00df war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte.<\/p>\n<p>Das Wort ist glaubw\u00fcrdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die S\u00fcnder zu retten. Von ihnen bin ich der Erste. Aber ich habe Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als Erstem seine ganze Langmut beweisen konnte, zum Vorbild f\u00fcr alle, die in Zukunft an ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen.<\/p>\n<p>Dem K\u00f6nig der Ewigkeit, dem unverg\u00e4nglichen, unsichtbaren, einzigen Gott, sei Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen&#8220;<\/p>\n<p>In der Einheits\u00fcbersetzung ist dieser Textabschnitt \u00fcberschrieben mit <em>\u201e Dank f\u00fcr die Berufung zum Apostel\u201c. <\/em> Er kann uns zum Anlass werden, \u00fcber unsere eigene Berufung nachzudenken. Das ist nicht nur ein Thema f\u00fcr Priester und Ordensleute. Das ganze Volk Gottes, wir alle Getauften, also auch die Laien, haben eine Berufung. Worin liegt also meine Berufung? Habe ich sie \u00fcberhaupt schon gefunden? Oder wei\u00df ich zwar um sie, sehe aber keine M\u00f6glichkeit, sie zu leben?<\/p>\n<p>Es gibt eine Grundberufung zum Christsein; sie ist die Berufung zur Nachfolge Christi und zum Aufbau des Reiches Gottes mitten unter uns. Was hei\u00dft das konkret? Wir sind aufgerufen, nach den Spielregeln des Reiches Gottes zu leben statt nach denen, die uns nach dem paradiesischen S\u00fcndenfall \u201eganz normal\u201c erscheinen. Das Reich Gottes ist, so lesen wir R\u00f6m 14,17, \u201eGerechtigkeit, Frieden und Freude im Heiligen Geist\u201c. Was uns dagegen als \u201eganz normal\u201c erscheint, sind Selbstdarstellung, Eigennutz und Bequemlichkeit.<\/p>\n<p>Das Schl\u00fcsselthema der christlichen Berufung ist die Gerechtigkeit. Sie bedeutet daf\u00fcr zu sorgen, dass die anderen um mich herum, jene mit denen ich im pers\u00f6nlichen wie weltweiten (Handels-)Austausch stehe, ebenso wie die nachfolgenden Generationen mit dem gleichen Recht wie ich aus den Ressourcen der Sch\u00f6pfung leben und ihre je eigenen Lebensvorstellungen verwirklichen k\u00f6nnen. Ein Lebensstil, der die sozialen, \u00f6kologischen und spirituellen Ressourcen zerst\u00f6rt, um sich selbst jeweils neu in heile, kraftvolle und sch\u00f6ne Lebensumst\u00e4nde weiterzubewegen, ist ungerecht. Umkehr tut not.<\/p>\n<p>Ein wesentlicher Grund f\u00fcr diese Ungerechtigkeit ist Bequemlichkeit, das zweite Merkmal unserer \u201eganz normalen\u201c Anspr\u00fcche an das Leben, die wir dem S\u00fcndenfall verdanken. Sie verf\u00fchrt uns dazu, alles f\u00fcr uns selbst haben zu wollen, statt es mit anderen zu teilen; die meisten Haushalte sind voll mit Konsumg\u00fctern, die wir nur selten brauchen. Sie verf\u00fchrt uns dazu, die Wege zwischen unseren sch\u00f6nen ruhigen Wohngegenden, unserem Arbeitsplatz, unseren Freitzeitaktivit\u00e4ten, unserem Urlaub, mit dem bequemen Auto oder dem billigen, schnellen Flugzeug zur\u00fcckzulegen. Zugleich zerst\u00f6ren wir die Lebensr\u00e4ume derer, die dort wohnen, wo die Autos vorbeirollen und die Flugzeuge dr\u00fcberdr\u00f6hnen. Die Bequemlichkeit verf\u00fchrt uns auch dazu, uns \u00fcber all die Zerst\u00f6rung und Verw\u00fcstung, die unsere Konsumwelt verursacht (von der Meeresverpestung durch Roh\u00f6l \u00fcber die Ausbeutung der Arbeitskr\u00e4fte in den s\u00fcdlichen Billiglohnl\u00e4ndern bis zum Raub an Lebenszeit und Kindheit bei uns) m\u00f6glichst aus den Augen zu schaffen. Nur wer die Augen vor dem Elend verschlie\u00dft, das seine Bequemlichkeit tagt\u00e4glich verursacht, kann ohne Reue genie\u00dfen. Umkehr tut not.<\/p>\n<p>Dass wir uns an der Religion des Geldes und des Profits beteiligen statt nach der Sch\u00f6pfungslogik des Reiches Gottes zu leben, liegt nicht zuletzt daran, dass uns Selbstdarstellung \u2013 das dritte Merkmal \u2013 als \u201eganz normal\u201c erscheint. Wir statten uns mit Mode, Macht oder Reichtum aus, um etwas darzustellen, etwas zu gelten. Doch hinter dieser Fassade bleibt unser Leben hohl, solang wir unsere Berufung nicht gefunden haben. Und wenn wir sie gefunden haben, brauchen wir die Fassade nicht mehr.<\/p>\n<p>Paulus stellt in unserem Text fest, dass er nicht deshalb seine Berufung erlangt hat, weil er so vollkommen und gottgef\u00e4llig gelebt h\u00e4tte. Im Gegenteil: Er hatte aufs falsche Pferd gesetzt, hatte die Christen sogar verfolgt. Wo auch immer wir aufs falsche Pferd setzen; wo wir uns ein feines Leben gegen die Reich-Gottes-Logik gestatten; wo wir selbstgerecht einen Anspruch auf ein bequemes und sorgenfreies Leben erheben \u2013 gerade da kann uns Gott wie Paulus in seinen Dienst nehmen, \u201eweil Jesus Christus gekommen ist, um die S\u00fcnder zu retten\u201c.<\/p>\n<p>Wo immer wir erschreckt erkennen, dass wir uns die Logik des bequemen Lebens angeeignet haben, ist das Erbarmen Gottes nicht weit. Nicht jeder ist zum Apostel berufen; aber vielleicht ja zum Lehrerin, zum Propheten, zur gastfreundlichen Helferin oder zum Musikanten, der den Lobpreis Gottes anzustimmen vermag.<\/p>\n<p>Wie erkenne ich, dass ich meine Berufung gefunden habe? Wenn ich nicht mehr selbsts\u00fcchtig um mich kreise in der dauernden Angst zu kurz zu kommen, sondern leicht auf andere und ein gutes Leben f\u00fcr sie schauen kann, weil ich mich \u00fcberreich beschenkt erfahre. Wenn ich nicht mehr besorgt darum bin, ob ich gut aussehe, ob ich meine Vorstellungen durchsetzen kann, was andere \u00fcber mich denken und von mir halten werden, weil ich wei\u00df, dass Gott mich liebt und erfahre, dass mein Strahlen auf andere ansteckend wirkt. Wenn mir Bequemlichkeit nichts mehr bedeutet, weil ich so viel Wichtigeres gefunden habe, f\u00fcr das es sich lohnt, sich einzusetzen; allen Widrigkeiten zum Trotz.<\/p>\n<p>Der 1. Timotheusbrief warnt vor falschen Lehren, die im Umlauf sind. Auch heute gibt es G\u00f6tzen, denen Menschen aus voller Berufungs\u00fcberzeugung dienen: Geld, Profit, Erfolg, Fortschritt, Spa\u00df. Vielerlei S\u00fcchte zeigen, dass man mit der \u201eBerufung\u201c auf einer falschen Spur ist. Deshalb kann uns der Schluss unseres Textes zum Ma\u00dfstab werden: Wem erweisen wir alle Ehre? Was ist unser h\u00f6chstes Gut, das wir feierlich hochleben lassen? Wer ist unser einziger Gott, dem wir in Ewigkeit huldigen wollen?<\/p>\n<p>Keine Angst: Auch wer sich lange auf der falschen Spur befindet, ist bei Gott nicht vergessen. Vielleicht sind ihm gerade die engagierten Streiter f\u00fcr eine Sache, sei es auch die falsche, willkommener als jene, die es sich in seiner N\u00e4he bequem gemacht haben Jesus ist gekommen, die S\u00fcnder zu retten, auch wenn sie \u201ein ihrem Unglauben nicht wissen, was sie tun\u201c. Sie werden Erbarmen finden. Werden wir uns daf\u00fcr als dankbar erweisen?<\/p>\n<p><strong>Doz. Dr.habil. Maria Widl<br \/>\nTel\/Fax +43\/ 1\/ 869 57 09<br \/>\nF\u00e4rberm\u00fchlg. 13\/3\/21<br \/>\nA-1230 Wien<br \/>\nMail: <a href=\"mailto:maria.widl@univie.ac.at\"> maria.widl@univie.ac.at<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der eigenen Berufung auf der Spur Im ersten Timotheusbrief lesen wir: &#8222;Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn. Er hat mich f\u00fcr treu gehalten und in seinen Dienst genommen, obwohl ich ihn fr\u00fcher l\u00e4sterte, verfolgte und verh\u00f6hnte. 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