{"id":9982,"date":"2021-02-07T19:49:30","date_gmt":"2021-02-07T19:49:30","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9982"},"modified":"2022-10-24T11:34:25","modified_gmt":"2022-10-24T09:34:25","slug":"roemer-14-10-13-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-14-10-13-2\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 14, 10-13"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>10 Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. 11 Denn es steht geschrieben \u00bbSo wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.\u00ab 12 So wird nun jeder von uns f\u00fcr sich selbst Gott Rechenschaft geben. 13 Darum la\u00dft uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Ansto\u00df oder \u00c4rgernis bereite.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>wir d\u00fcrfen heute dankbar sein, dass wir im Apostel Paulus einen Mann hatten, der in der Fr\u00fchzeit der Ausbreitung des christlichen Glaubens eine unheimliche Geduld gehabt haben mu\u00df. Denn in seinen Briefen mu\u00df er immer wieder Konflikte schlichten. Und dabei geht es nicht nur ums Beschwichtigen sondern darum, die Einheit der Menschen unterschiedlicher Meinung zu bewahren. Und das ist wohl die wahre Kunst des Paulus, dass er das einmal als wahr erkannte, m\u00f6glichst vielen Menschen auf der Welt bringen wollte. Vielleicht hatte er diesen Eifer noch aus seiner Zeit vor der Bekehrung zum christlichen Glauben, denn als Christenverfolger legte er ja auch einen ungeheuren Flei\u00df an den Tag. Bei seinem Erlebnis bei Damaskus wurden ihm ja erst die Augen lange verschlossen, um sie ihm dann zu auf so besondere Weise wieder zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Geduld hat Paulus da lernen m\u00fcssen. Denn wer so pl\u00f6tzlich mit Blindheit geschlagen ist und diese dann auch noch mehrere Tage aushalten mu\u00df, der wei\u00df es zu sch\u00e4tzen, was es hei\u00dft, wieder Licht sehen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Und Paulus hat nicht nur das normale Tageslicht wieder gesehen, sondern er hat auch das Licht der Welt erkannt. Er hat Christus als seinen Herrn erkannt. Den, den er bisher verfolgt hat, dem wollte er nun dienen. Und seine ganze Organisationskraft setzte er ein f\u00fcr die Verbreitung dieses Glaubens.<\/p>\n<p>Klar, dass er das nicht aufs Spiel setzt, durch ein paar Streitigkeiten in den Gemeinden, die er gegr\u00fcndet hatte.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft nun nicht, dass Paulus ein Technokrat war, der am Ende seines Lebens auf eine gro\u00dfe Leistung zur\u00fcckblicken wollte. Er sah die Gemeinden nicht wie die Niederlassungen und Filialen eines Unternehmens, auf das der Gr\u00fcnder stolz herab blickt.<\/p>\n<p>Nein, es war sein Ziel, den Glauben an Gottes Sohn in der ganzen damals erreichbaren Welt zu verbreiten. Und daf\u00fcr nahm er einiges auf sich.<\/p>\n<p>Dabei war Paulus durchaus ein streitbarer Mensch, auch nach seiner Bekehrung zum Christentum. Es gab nach den ersten Missionserfolgen n\u00e4mlich schon einen gro\u00dfen Streitpunkt.<\/p>\n<p>Wie soll die junge Glaubensgemeinschaft sich den Menschen gegen\u00fcber verhalten, die nicht schon der bisherigen Glaubensgemeinschaft angeh\u00f6rten, n\u00e4mlich der j\u00fcdischen.<\/p>\n<p>Die J\u00fcnger die Jesus berief hatten eins gemeinsam, sie kamen alle aus der Glaubens und Lebensgemeinschaft der Juden. Sie waren beschnitten, hielten den Sabbat und die Reinigungs- und Speisevorschriften ein. Jesus hatte nur hier und da Begegnungen mit Menschen aus einem v\u00f6llig anderen Kulturkreis. So traf er eine Frau aus Syrien, die ihn auch gleich nachdenklich stimmte. Nein, der Glaube an den Menschensohn, den Sohn Gottes war nicht nur f\u00fcr die Kinder Abrahams Isaaks und Jakobs da, auch die anderen sollten etwas davon haben. Und die sp\u00e4teren Interessenten begn\u00fcgten sich nicht mehr nur wie die Frau aus Syrien mit den Brosamen, die von der Herren Tische fallen, sie wollten eigene Rechte haben.<\/p>\n<p>So stellte sich schnell nach der ersten Reise des Apostels Paulus, wie denn nun mit den neuen Glaubensbr\u00fcdern zu verfahren sei.<\/p>\n<p>M\u00fcssen sie erst beschnitten werden, um Anteil am Heil durch Christus zu haben?<\/p>\n<p>Auf einem ganz fr\u00fchen Konzil in Jerusalem soll die Frage zwischen Petrus und Paulus gekl\u00e4rt werden. Manche vertraten die alte Ansicht, ein Christ m\u00fcsse erst voll und ganz Jude sein, um wirklich Christ werden zu k\u00f6nnen. Paulus wollte das nicht einsehen.<\/p>\n<p>Doch nach z\u00e4hem Ringen fand man eine Einigung: Auf die Beschneidung sollte verzichtet werden, doch vier alttestamentliche Reinheitsgebote sollten beachtet werden. Es soll keinerlei Ber\u00fchrung geben mit Fleisch, das fremden G\u00f6ttern geopfert wurde, es durfte kein Blut genossen werden Blut, Tiere mu\u00dften ordnungsgem\u00e4\u00df geschlachtet werden, durften also nicht erstickt worden sein. Hinter den letzten beiden Vorschriften steckt die Ansicht dass, das Blut der Sitz der Seele sei, und die mu\u00df ein Tier erst vollst\u00e4ndig verlassen haben, damit es genie\u00dfbar wird. Als vierter Punkt wurde vereinbart, dass auch die neuen Christen sich von der Unzucht freihalten sollten. F\u00fcr einen Christen d\u00fcrfte das sowieso selbstverst\u00e4ndlich sein, aber man meinte damit wohl auch noch eine j\u00fcdische Verfeinerung der allgemeinen Eheregeln, so dass auch eine Ehe mit einem nur entfernt Verwandten auch nicht m\u00f6glich war.<\/p>\n<p>Paulus war eine k\u00e4mpferische Natur, aber er konnte auch kompromissf\u00e4hig sein.<\/p>\n<p>Nun gab es einige Menschen, denen er in den Gemeinden begegnete, die diese m\u00fchsam ausgehandelten Regeln wieder auf ihre Weise interpretierten.<\/p>\n<p>Im t\u00e4glichen Leben, war es schwer so genau aufzupassen, ob ein St\u00fcck Fleisch nicht doch von einem Tier kam, das bei einem heidnischen Opferritual eine Rolle spielte. H\u00e4ndler konnten einem so was leicht unterjubeln und dann h\u00e4tte man eine S\u00fcnde begangen. So halfen sich viele damit, dass sie Vegetarier wurden, wer kein Fleisch i\u00dft, kann auch nicht in die Gefahr kommen G\u00f6tzenopferfleisch zu essen.<\/p>\n<p>Eigentlich kein Problem! Problem gibt es nur dann wenn einer die f\u00fcr sich als richtig erkannte Lebensweise anderen zur Norm macht.<\/p>\n<p>Und so gab es welche, die die verabscheuten, die sich nicht an die nun gefunden, noch strengeren Gesetzte hielten.<\/p>\n<p>Dazu kam, dass man \u00fcber die Frage der Feiertage wohl auf dem Apostelkonzil gar nicht gesprochen hatte. Musste man denn den Sabbat halten, gegen den Jesus doch so gek\u00e4mpft hatte, oder sollte man nicht lieber den ersten Tag der Woche feiern, den Tag der Auferstehung des Herrn? Bestimmt gab es auch welche, die sich diese Frage gar nicht stellten und die das taten, was ihre gesch\u00e4ftst\u00fcchtige r\u00f6mische Umwelt von ihnen erwartete, n\u00e4mlich jeden Tag zu arbeiten. Die Sechstagewoche war schlie\u00dflich eine fortschrittliche Erfindung der Juden, oder besser ein Geschenk ihres Gottes, was noch gar nicht \u00fcberall Verbreitung gefunden hatte.<\/p>\n<p>\u00dcber all die Dinge kann man in einen erbitterten Streit geraten. Und wenn man dann sich gegenseitig als ungl\u00e4ubig, s\u00fcndig oder noch schlimmer bezeichnet, dann ist es mit der christlichen Gemeinschaft nicht mehr weit her.<\/p>\n<p>In so einem Streit mu\u00dfte Paulus also Stellung beziehen. Und er tut es mit den Worten:<strong> Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. <\/strong><\/p>\n<p>Gegenseitig sich abqualifizieren, darauf konnte man die neue Gemeinschaft nicht aufbauen. So ging es nur mit R\u00fccksicht und Verweis auf die Gerechtigkeit Gottes, vor der die Menschen sich verantworten m\u00fcssen, und der dann der einzige Richter ist.<\/p>\n<p>Wenn wir nun meinen, dass wir solchen kleinlichen Streit um Essensvorschriften nicht mehr verstehen k\u00f6nnen, dann schauen wir doch mal in unsere Zeit welche Probleme es da gibt. Ein \u00fcberzeugter Vegetarier, hat seine Gr\u00fcnde, warum er keine Tierprodukte isst. Es sind andere Gr\u00fcnde als fr\u00fcher, aber auch ihm w\u00e4re lieber, wenn die anderen sie auch nachvollziehen k\u00f6nnten. Aber oft genug muss er nur den Spott seiner Mitmenschen ertragen. Solchen Druck, kann nicht jeder ertragen, da werden einige dann schon mal zu militanten Tiersch\u00fctzern, befreien H\u00fchner aus den Legebatterien, oder brechen in Nerzfarmen ein. Und mit diesen publikumswirksamen Aktionen wir dann auch Unrecht begangen, so wie durch den Spott der Fleischesser.<\/p>\n<p>Oder erinnern sie sich an die Auseinandersetzungen im kirchlichen Bereich vor vielen Jahren. \u201eEsst kein Obst aus S\u00fcdafrika!\u201c, hie\u00df die Parole, \u201edaran klebt das Blut, der Opfer der Apartheid\u201c. Schon die Wortwahl f\u00fchrt uns fast zur\u00fcck in paulinische Zeiten. Und die Auseinandersetzungen hatten auch eine \u00e4hnliche Sch\u00e4rfe wie damals. N\u00fctzt ein Boykott \u00fcberhaupt den Betroffenen, oder schadet er nicht nur? Oder soll sich nicht Kirche \u00fcberhaupt aus der Politik heraushalten?<\/p>\n<p>Gott sei Dank ist S\u00fcdafrika nun auf den Weg gekommen, seine Probleme gemeinschaftlich zu l\u00f6sen. Aber dieses Problem zog mit den gegenseitigen Verurteilungen Kreise bis in unseren Bereich.<\/p>\n<p>Und so sind solche Fragen ja auch nie ohne Gef\u00fchle und Emotionen zu sehen, auch wenn sie nicht vor unsere Haust\u00fcr passieren.<\/p>\n<p>Und wer will richten \u00fcber andere.<\/p>\n<p>Die Rechtsprechung unserer Gerichte ist notwendig. Das Unrecht muss in die Schranken gewiesen werden. Aber als Menschen sind wir uns dessen bewusst, dass jeder Richterspruch auch ein Fehlurteil sein kann. Ein menschlicher Richter kann nie wirklich in das Herz eines zu beurteilenden schauen.<\/p>\n<p>Aber Gott will uns mit seinem Richterspruch nicht zu Grunde richten, sondern aufrichten, daher muss es uns nicht schwer fallen, was da von uns erwartet wird:<\/p>\n<p><strong>So wird nun jeder von uns f\u00fcr sich selbst Gott Rechenschaft geben. <\/strong><\/p>\n<p>Wenn sie nun denken, dass man mit so einem frommen Spruch sehr schnell alles zudecken kann, dann muss ich dagegen halten, denn auch dieser Spruch, bleibt heute nicht unwidersprochen.<\/p>\n<p>Muss man sich \u00fcberhaupt vor Gott verantworten? Unter heutigen Theologen ist da ein Streit entstanden. Wie steht es mit der Vergebung auf der Erde und dem himmlischen Gericht? Gott vergibt dir. Das bekommen schon die Kleinsten bei der Taufe zugesprochen und wir predigen es von der Kanzel und verk\u00fcndigen es vom Altar.<\/p>\n<p>Aber was hei\u00dft diese Vergebung? Ist das nun ein Freifahrtschein? Sicher nicht! Vergebung soll den Menschen befreien zum Guten hin, soll ihm eine Last abnehmen, damit er zu neuem Leben findet, sie soll ihn aber nicht freistellen von der Verantwortung, die er seinen Mitmenschen gegen\u00fcber hat, und die er damit auch Gott gegen\u00fcber hat.<\/p>\n<p>Doch welche Bedingungen sind damit verkn\u00fcpft? Erh\u00e4lt jeder diese Vergebung, nach dem alten Karnevalsschlager \u201eWir kommen alle, alle in den Himmel\u201c? Oder gibt es auch welche die diese Gnade nicht erlangen? Fr\u00fcher w\u00e4re die Antwort ganz einfach gewesen, Nat\u00fcrlich, die anderen kommen in die H\u00f6lle. Aber heute, wo namhafte Theologen die Allvers\u00f6hnungslehre verk\u00fcndigen?<\/p>\n<p>Was bleibt da von der Verantwortung Gott gegen\u00fcber. Nun geht es nicht darum den anderen Menschen zu verdammen und ihm die H\u00f6lle zu w\u00fcnschen, das w\u00e4re das Richten, was wir nur Gott \u00fcberlassen sollen.<\/p>\n<p>Auf Gott vertrauen hei\u00dft auch auf seine Gnade vertrauen. Aber vertrauen, hei\u00dft nicht damit rechnen im sinne von berechnen. Ich kann mir Gottes Gnade nicht ausrechnen und sie verplanen. Aber ich kann damit rechnen, dass seine Gnade gr\u00f6\u00dfer ist, als ich mir vorstellen kann und ich kann hoffen, dass er die Gnade denen zu kommen l\u00e4sst, die sie eigentlich nicht verdienen.<\/p>\n<p>Aber ich darf mich nicht als derjenige aufspielen, der diese Gnade hier und jetzt zuteilt.<\/p>\n<p><em>Nicht richten<\/em> ist dann auch eine Form von Gelassenheit und Gottvertrauen.<\/p>\n<p>Und wenn wir uns dass alle zu Herzen nehmen, dann k\u00f6nnen wir mit Paulus sprechen:<\/p>\n<p><strong>Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Ansto\u00df oder \u00c4rgernis bereite. <\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">Amen<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Michael Nitzke<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.nitzke.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.nitzke.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10 Du aber, was richtest du deinen Bruder? 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