{"id":9990,"date":"2021-02-07T19:49:42","date_gmt":"2021-02-07T19:49:42","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9990"},"modified":"2022-10-03T08:51:08","modified_gmt":"2022-10-03T06:51:08","slug":"1-korinther-1-18-25-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-1-18-25-2\/","title":{"rendered":"1. Korinther 1, 18-25"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Liebe Gemeinde:<\/p>\n<p>Was sollen wir verk\u00fcndigen?, was ist uns aufgetragen?, uns, die wir \u201cevangelisch\u201d predigen wollen? Die Antwort ist gar nicht so einfach. Da ist die Erwartung der Zuh\u00f6rer, also Sie, liebe Schwestern und Br\u00fcder: Ihre Gef\u00fchle, Ihre Hoffnungen und N\u00f6te; da bin ich, die Summe meiner Lebenserfahrungen und dann ist da das Wort und \u201cder sich dahinter verbirgt\u201d\u2026<\/p>\n<p>Dankbar denke ich zur\u00fcck an die Zeit im Seminar. Einer unserer Lehrer, einer der grossen \u201cAlten\u201d und \u201cWeisen\u201d, der uns vom Kirchenkampf der 30-iger Jahre erz\u00e4hlte und von seinem Glauben der sich im Konzentrationslager bew\u00e4hrte, er sagte uns immer wieder: \u201cBr\u00fcder, was ihr zu predigen habt, ist das Wort vom Kreuz und nur das Wort vom Kreuz!\u201d<\/p>\n<p>Das wollen wir heute tun, das <strong><em>sollen<\/em><\/strong> wir heute tun.<\/p>\n<p>(Textlesung)<\/p>\n<p><strong>Am Kreuz f\u00fchrt kein Weg vorbei!<\/strong><\/p>\n<p>Kann man \u00fcberhaubt auf dem Gesicht eines Gekreuzigten etwas anderes erkennen als das uns\u00e4gliche Leiden des Opfers oder die ganze Bosheit der T\u00e4ter? Man muss nicht erst ins Kino gehen, um sich dieser Frage auszusetzen. Wer wirklich lebt, wer mit beiden Beinen auf der Erde steht, dessen Blick wird immer wieder auf das Kreuz treffen.<\/p>\n<p>Bei uns in S\u00fcdamerika haben die Armen das Kreuz schon l\u00e4ngst aus der Kirche hinaus auf die Strassen und Pl\u00e4tze, hinein in die Elendsviertel getragen. F\u00fcr sie ist das Kreuz ein Teil ihrer Lebenswirklichkeit. In meinem B\u00fcro h\u00e4ngt ein Christus mit dem Gesicht eines Guarani-Indianers und daneben, auf einem Aquarell, ein bolivianischer Minenarbeiter dessen Haltung ein Kreuz darstellt.<\/p>\n<p>Ich staune immer wieder, wie selbstverst\u00e4ndlich diese Menschen die Botschaft vom Kreuz glauben\u2026, oder sollte man besser sagen: <strong><em>leben<\/em><\/strong>? Und noch mehr staune ich, wenn diese Geschlagenen die Kraft zur Solidarit\u00e4t mit anderen aufbringen, wenn sie, die ja selbst nichts haben, pl\u00f6tzlich eine Suppenk\u00fcche einrichten, damit die Kinder eines ganzen Viertels wenigstens eine warme Mahlzeit am Tag zu sich nehmen. Als Europ\u00e4er stehe ich, angesichts des Elends und der (scheinbaren) Ausweglosigkeit, oft genug zwischen Resignation und Zorn. Dann sehe ich nur noch die ganze Sinnlosigkeit des Kreuzes, ich versuche zu verstehen und in meinen Gedanken kreist immer nur dieses eine Wort: warum?<\/p>\n<p>An der Wirklichkeit des Kreuzes f\u00fchrt also kein Weg vorbei. Und wir Christen haben es sogar ins Zentrum unseres Glaubens gestellt. Und gerade hier scheiden sich die Geister: wer wird denn gekreuzigt?, ein guter Mensch namens Jesus?, einer unter Tausenden, wie es damals \u00fcblich war\u2026?, wer kann schon im Angesicht des Gekreuzigten und Geschundenen den Glanz des Allm\u00e4chtigen erkennen\u2026?<\/p>\n<p>Wenn man es recht bedenkt, ich meine \u2013 mit den menschlichen Masst\u00e4ben,- dann ist die Botschaft vom gekreuzigten Gott tats\u00e4chlich eine \u201cTorheit\u201d, oder wie mir einmal eine Philosophiestudentin sagte: \u201c\u2026eine Dummheit\u201d.<\/p>\n<p><strong>Was uns am glauben hindert\u2026<\/strong><\/p>\n<p>In meiner Gemeinde gibt es einen Mann der als Wissenschaftler (er ist Chemiker) an der Universit\u00e4t lehrt. Er kommt zu unseren Gottesdiensten, weil er \u201c\u2026die Predigten so interessant\u201d findet. Da geht es ja oft um den Sinn des Lebens, um philosophische, oder ethische Fragen und andere n\u00fctzliche Dinge. Aber ich bin sicher, dass er, wenns ums Kreuz geht, also, ums Eigentliche,- innerlich l\u00e4chelt. Nach seinen Masst\u00e4ben, die sich nach seinem Wissen richten, kann das gar nicht sein, es widerspricht aller wissenschaftlicher Vernunft. F\u00fcr ihn ist alles Weltgeschehen berechenbar, entspricht einer wissenschaftlichen Logik. Dieser Mensch bezweifelt nicht den Kreuzestod Jesu, das ist Teil der Realit\u00e4t dieser Welt. Aber das mit Gott in Zusammenhang bringen, das w\u00e4re eine Dummheit. Schliesslich ist in der Natur alles auf das \u00fcberleben des St\u00e4rkeren ausgerichtet, eben die \u201cnat\u00fcrliche Auslese\u201d\u2026; dass der Sch\u00f6pfer dieser Welt den umgekehrten Weg geht, das steht jenseits unseres Denkverm\u00f6gens.<\/p>\n<p>Und dann spricht Paulus von jenen die von den Zeichen leben, die sichtbare und konkrete Beweise ben\u00f6tigen\u2026Und auch in diesem Punkt hat sich nichts ge\u00e4ndert. In den L\u00e4ndern des s\u00fcdamerikanischen Kontinents wachsen die neuen Kirchen und Bewegungen wie die Pilze aus dem Boden und ihre Tempel f\u00fcllen sich, weil dort Zeichen und Wunder geschehen\u2026Gott wird sogar regelrecht gezwungen \u201cjetzt und hier\u201d einzugreifen: \u201c\u2026wenn es dich wirklich gibt, wenn du der Allm\u00e4chtige bist, dann heile diesen Mann, diese Frau, dieses Kind\u2026, bring diese zerbrochene Ehe wieder zusammen\u2026!\u201d<\/p>\n<p>In ihren Gottesdiensten kommt das Kreuz gar nicht vor. Es \u201cpasst\u201d einfach nicht in ihre Art der Verk\u00fcndigung, in ihren Glauben.<\/p>\n<p>Die Einen klammern aus, reduzieren alles auf das menschlich fassbare, auf die Vernunft, sie rechnen schon gar nicht mehr mit einem Sch\u00f6pfer und Erhalter, er ist ausgeklammert und vergessen, deshalb gibt es auch keine Ehrfurcht vor der Sch\u00f6pfung, sie hat keine eigene W\u00fcrde\u2026F\u00fcr ein solches Denken ist das Kreuz, ein gekreuzigter Gott nat\u00fcrlich eine Torheit, das Kreuz steht jenseits aller menschlicher Vernunft. F\u00fcr die Anderen offenbart sich die Existens Gottes in sichtbaren Taten, Zeichen, so wie Jesus sie tat: er heilte, er richtete auf, er besiegte den Tod, er <strong><em>is<\/em><\/strong><em>t<\/em> der Sieger. F\u00fcr einen solchen Glauben ist das Kreuz mit all seiner Wirklichkeit ein \u00c4rgernis.<\/p>\n<p>Aber wir sollen wissen (und es ist das was Paulus uns sagt): <strong> dieses Kreuz hat mit dem Wesen Gottes zu tun! <\/strong><\/p>\n<p>Die Einen k\u00f6nnen im Kreuz kein Wesenszeichen Gottes erkennen, weil f\u00fcr sie das g\u00f6ttliche \u00fcber allem steht,- jenseits der irdischen, traurigen und dunklen Wirklichkeit\u2026und \u201cg\u00f6ttlich\u201d heisst f\u00fcr sie die h\u00f6chste Stufe der menschlichen Vernunft\u2026, \u00fcber allem stehen, alles unter Kontrolle, alles erkl\u00e4rbar\u2026<\/p>\n<p>Die Anderen k\u00f6nnen, obwohl ihr Glaube von Zeichen lebt, im Kreuz ebenfalls kein Gotteszeichen sehen, weil Gott am Kreuz ein \u201cUnzeichen\u201d ist.<\/p>\n<p>Beide \u201cGruppen\u201d stellen die Bedingungen und weil Gott sich nicht an sie h\u00e4lt, k\u00f6nnen sie das Kreuz nur als Torheit oder \u00c4rgernis erkennen. Deshalb kann ihr Glaube ohne das Kreuz auskommen.<\/p>\n<p>Sie setzen in ihrem Denken immer den Gott voraus, der sich ihnen gegen\u00fcber verpflichtet (gib ein Zeichen!). In beiden F\u00e4llen ist es der Mensch, der den Glauben in \u201cder Hand\u201d hat: er steht und f\u00e4llt auch mit den menschlichen M\u00f6glichkeiten, die sich oft genug als Irrt\u00fcmer herausstellen\u2026Im Kreuz entzieht sich Gott,- und jetzt sage ich bewusst: <strong>unseren<\/strong> Vorstellungen, W\u00fcnschen und Forderungen: er wird den S\u00fcndern zum S\u00fcnder und den Verlorenen ein Verlorener!<\/p>\n<p><strong>\u2026wo Gottes Schwachheit st\u00e4rker ist\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Das Kreuz ist f\u00fcr Jesus nur die Konsequenz, das Ziel seines Weges den er ganz bewusst gew\u00e4hlt hat. Es ist ein Umweg, er ger\u00e4t auf \u201cAbwege\u201d die ihn zu den Kranken, den Armen und Ausgestossenen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Ein europ\u00e4ischer Tourist besuchte uns, nachdem er einige Tage in Buenos Aires verbracht hatte: \u201c\u2026man sieht ja gar nichts von der Armut, \u00fcberall gibt es Wolkenkratzer, teure Restaurants, Shoppings, gepflegte Parks und Wohnviertel\u2026\u201d, erz\u00e4hlte er.<\/p>\n<p>Jesus suchte die andere Wirklichkeit, er fand sie nicht \u201czuf\u00e4llig\u201d, sondern er suchte sie, ging auf sie zu: das hat mit dem Wesen Gottes zu tun und das Kreuz ist das sichtbare Zeichen dieses Wesens: wer es bis jetzt noch nicht glauben kann: <strong>so ist Gott!<\/strong><\/p>\n<p>Die Christusbotschaft \u201cleutet nicht ein\u201d, sie schockiert, befremdet, erregt Widerwillen. Deshalb ist die Jesusnachfolge auch kein einfaches \u201ckopieren\u201d, nach seinem Beispiel handeln, sondern sie ist eine besondere Art der Verk\u00fcndigung: hier, wo der Herr der Herrlichkeit aufs tiefste gedem\u00fctigt, preisgegeben, verachtet, gequ\u00e4lt, umgebracht\u2026, ausgel\u00f6scht wurde: hier ist Gott zu finden!<\/p>\n<p>Alle Menschen, ob gl\u00e4ubig oder nicht, ob Christen oder Atheisten, alle machen sich irgendwelche Gedanken \u00fcber Gott, wir haben eben unsere Theorien <strong>\u00fcber <\/strong>Gott. Im allgemeinen leben wir ganz gut damit.<\/p>\n<p>Aber der Glaube an den gekreuzigten Gott offenbart sich im Abgrund, wenn wir an unsere Grenzen stossen, wenn wirklich nur noch Gott helfen kann. Dann sehen wir das Licht des Auferstandenen das auf den Gekreuzigten f\u00e4llt. Es ist eben dieses Licht, das jenen die angesichts des Elends und der Ungerechtigkeit in stumme Trauer oder Resignation verfallen, eine neue Sprache verleiht. Es ist die Sprache des Evangeliums, man k\u00f6nnte auch sagen: die Sprache der Gnade. Das ist der Glaube der nicht von uns abh\u00e4ngt, er wird uns von \u201caussen\u201d geschenkt.<\/p>\n<p>Und noch einmal denke ich in tiefer Dankbarkeit an meinen Lehrer: er war schon l\u00e4ngst im Ruhestand. Jeden Mittwoch sind wir, eine kleine Gruppe von f\u00fcnf Studenten, mit dem Auto zu ihm gefahren, wir wollten ihn h\u00f6ren, von seiner Weisheit, seinem Wissen etwas aufnehmen. Und ich muss zugeben, dass ich damals stolz war, Teil dieser \u201cElite\u201d zu sein. An einem dieser Mittwochnachmittage war er nicht da. Wir warteten \u00fcber eine Stunde, bis eine Nachbarin kam und uns sagte, wir w\u00fcrden ihn im Krankenhaus finden. So fuhren wir hin. Eine Schwester f\u00fchrte uns in den zweiten Stock, in die Kinderabteilung. Er sah uns nicht, wie er da auf dem Boden sass, umringt von kleinen Kindern, denen er Geschichten erz\u00e4hlte. Alle diese Kleinen hatten Aids und manche schon ihre Eltern verloren. Selten habe ich solch eine Freude und solch tiefen Frieden gesp\u00fchrt. Hier wirkte die Liebe Gottes ganz rein und unverf\u00e4llscht.<\/p>\n<p>Sein einziger Kommentar, als er uns erblickte: \u201c..ach, euch habe ich ganz vergessen.\u201d<\/p>\n<p>An jenem Tag konnte ich meinen Glauben ganz einfach und bedingungslos annehmen. Mein ganzes Leben versuchte ich \u201czu verstehen\u201d, Beweise zu entdecken, <em>meinen<\/em> Glauben in Zeichen und Situationen best\u00e4tigt zu finden. Beim Anblick dieser Kinder und der grosse Lehrer am Boden sitzend in ihrer Mitte, gingen mir Herz und Augen auf: Das Kreuz will nicht begriffen oder verstanden werden, der Glaube an den Gekreuzigten ist eine neue Art zu leben.<\/p>\n<p>Ihnen allen w\u00fcnsche ich diesen Glauben der nichts erwartet, der aber alles in Freude annimmt.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><strong>Reiner Kalmbach<br \/>\n<a href=\"mailto:reikal@neunet.com.ar\">reikal@neunet.com.ar <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde: Was sollen wir verk\u00fcndigen?, was ist uns aufgetragen?, uns, die wir \u201cevangelisch\u201d predigen wollen? Die Antwort ist gar nicht so einfach. 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