{"id":9991,"date":"2021-02-07T19:49:30","date_gmt":"2021-02-07T19:49:30","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9991"},"modified":"2022-10-27T09:40:47","modified_gmt":"2022-10-27T07:40:47","slug":"1-korinther-118-25","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-118-25\/","title":{"rendered":"1. Korinther 1:18-25"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Paulus schreibt:<br \/>\nDenn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist&#8217;s eine Gotteskraft.<br \/>\nDenn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): \u00bbIch will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verst\u00e4ndigen will ich verwerfen.\u00ab<br \/>\nWo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?<br \/>\nDenn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.<br \/>\nDenn die Juden fordern Zeichen, und die Griechen fragen nach Weisheit,<br \/>\nwir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein \u00c4rgernis und den Griechen eine Torheit;<br \/>\ndenen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.<br \/>\nDenn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist st\u00e4rker, als die Menschen sind.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Umfragen sind sehr beliebt. Zu allen Themen wird die Meinung der \u00d6ffentlichkeit erfragt und dann ermitteln die gro\u00dfen Umfrageinstitute die Ergebnisse: 82 % der Deutschen meinen, die Benzinpreise seien zur Zeit zu hoch. 76 % geben aber an, sie w\u00fcrden deshalb aber nicht weniger mit dem Auto fahren &#8230;<br \/>\nW\u00f6chentlich werden die Deutschen auch zur politischen Situation befragt: Wer liegt gerade vorn in der Gunst der W\u00e4hler? \u201eWenn am n\u00e4chsten Sonntag Bundestagswahl w\u00e4re, wen w\u00fcrden die Deutschen zum Kanzler oder zur Kanzlerin machen &#8230;?\u201d Klar ist, dass die Regierungskoalition im Augenblick &#8211; laut Umfragen &#8211; nicht die Mehrheit bekommen w\u00fcrde.<br \/>\nAuch zur Zukunft der Nationalelf werden die Massen im Augenblick um ihre Meinung gebeten. Nach der Entt\u00e4uschung von Portugal hei\u00dft es: \u201eWird die Nationalmannschaft mit neuem Teamchef erfolgreicher spielen?\u201d Die Mehrheit steht zu Rudi V\u00f6ller, 59 % sagen: \u201eNein!\u201d<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es auch Umfragen zu kirchlichen Themen: \u201eWas glauben die Deutschen\u201d, so hat der SPIEGEL vor einigen Jahren gefragt. \u201eWas wird aus der Kirche?\u201d war der Titel einer kirchlichen Stimmungsanalyse.<br \/>\nBei der SPIEGEL-Umfrage wurde deutlich: An ein Leben nach dem Tod glauben die meisten Deutschen noch. Dass dieses ewige Leben etwas mit Jesus Christus zu tun hat, das glauben weitaus weniger! \u00c4hnlich auch die Aussagen in der letzten EKD-Studie \u00fcber die Kirchenmitgliedschaft: Die Aussage \u201eIch glauben, dass es einen Gott gibt, der sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat!\u201d konnten nur 43% der Befragten bejahen.<\/p>\n<p>Umfragen &#8211; sie sind sehr beliebt und scheinen die Wahrheiten abzubilden. Aber auch die ganze Wahrheit?<br \/>\nMich pers\u00f6nlich w\u00fcrde einmal das Ergebnis zu der Frage interessieren: \u201eWas ist Ihrer Meinung nach die zentrale Botschaft des christlichen Glaubens, was ist das Zentrum, was ist die Mitte?\u201d<\/p>\n<p>Vielleicht l\u00e4sst sich das Ergebnis, ohne aufwendige Umfrage, bereits am Kirchenbesuch ablesen &#8211; eine Abstimmung sozusagen mit den F\u00fc\u00dfen. Mitten im Sommer denke ich an die Gottesdienste am Heiligen Abend. Dort muss die zentrale Botschaft zu erfahren sein, denn da h\u00f6ren alle zu, da sehen alle hin: das \u201eKind in der Krippe\u201d, das \u201eLicht der Welt, das in die Dunkelheit kommt\u201d, \u201eholder Knabe im lockigen Haar\u201d, \u201edas liebe Jesulein\u201d, das ist s\u00fc\u00df, sch\u00f6n anzusehen &#8211; ja, das muss es sein!<\/p>\n<p>W\u00fcrden wir nicht die Christen gut 2000 Jahre nach der Geburt dieses Kindes fragen, sondern diejenigen, die Menschen, die IHM unmittelbar nachfolgten, wir w\u00fcrden wohl eine andere Antwort bekommen: \u201eDas Kreuz, der Christus am Kreuz, der mit und f\u00fcr uns stirbt, das ist das Zentrale, das ist die Mitte der Botschaft. Alles andere &#8211; die Geburt, sein Leben, das Mitfeiern bei der Hochzeit in Kanaa, sein Mitleiden mit den Bed\u00fcrftigen &#8230; all dies l\u00e4sst sich nur von dem Kreuz her verstehen und erkl\u00e4ren.\u201d<\/p>\n<p>Der Evangelist Markus, der wohl als erster aufgeschrieben hat, was das Leben Jesus ausgemacht hat, er zeigt das mit seinem Evangelium schon rein \u00e4u\u00dferlich: Wie eine Passionsgeschichte mit einer ausf\u00fchrlichen Einleitung wirkt sein Evangelium, sein Bericht \u00fcber den Jesus von Nazareth. Zentral f\u00fcr ihn sind die Leidensank\u00fcndigungen und die Ereignisse in Jerusalem: Jesu Leiden, Sterben und Auferstehen.<br \/>\n\u00dcber Jesu Kindheit verliert Markus kein Wort, daran haben erst die sp\u00e4teren Evangelisten Matth\u00e4us und Lukas ein Interesse.<\/p>\n<p>Die Geburt eines Kindes, auch wenn sie im erb\u00e4rmlichen Stall geschieht, ist eben doch sch\u00f6ner als die Erinnerung an eine Kreuzigung &#8211; vor allem, wenn wir uns deutlich machen, dass das Kreuz Christi wenig mit den goldenen Kreuzen an kostbaren Kettchen zu tun hat.<br \/>\nEin Hinrichtungsinstrument war es, so wie heutzutage der elektrische Stuhl oder die Giftspritze. In Europas Demokratien hat man sich l\u00e4ngst von den Todesurteilen verabschiedet. Aber dennoch: W\u00fcrde man die Massen entscheiden lassen, w\u00fcrde man den \u201eFall Dutroux\u201d oder den \u201eFall Fourniret\u201d den Umfrageergebnissen \u00fcberlassen &#8211; der Tod per Knopfdruck oder Spritze w\u00fcrde auch hier wieder einziehen.<br \/>\nDoch wer w\u00fcrde moderne Werkzeuge des Todes als Zeichen des Gl\u00fccks und als Zeichen der Hoffnung am Kettchen tragen!?<br \/>\nEine Torheit w\u00e4re das, eine Torheit ist das Kreuz &#8211; sagt Paulus.<br \/>\nUnd eine Mutter sagt: \u201eIch erz\u00e4hle meinen f\u00fcnf und siebenj\u00e4hrigen Kindern nie die Passionsgeschichte. Am liebsten w\u00fcrde ich das Bild von der Kreuzigung in der Kinderbibel zukleben. Warum muss man seinen Kindern diese traurigen und furchtbaren Geschichten erz\u00e4hlen, wenn Jesus dann doch auferstanden ist und wir uns dr\u00fcber freuen sollen?\u201d<\/p>\n<p>Doch ist das die ganze Wahrheit, ist das das ganze Leben? Auf jeden Fall hat die Mutter der beiden Kinder begriffen, dass das Kreuz eine ungeheure Provokation ist &#8211; weitaus mehr als die gro\u00dfen wei\u00dfen Kreuze, die an einer Bundesstra\u00dfe aufgestellt wurden, um die vorbeirasenden Autofahrer an die t\u00f6dliche Gefahr auf der Stra\u00dfen zu erinnern.<br \/>\nDas Kreuz von Golgatha provoziert unsere Gef\u00fchle, unsere Hoffnungen, unsere Sehns\u00fcchte, unsere ganze Weltsicht und Selbsteinsch\u00e4tzung.<\/p>\n<p>Provoziert f\u00fchlten sich in Bayern vor einigen Jahren auch einige Eltern, die das Kreuz aus den Schulen verbannen wollten &#8211; es sei eine Zumutung, so hie\u00df es, dieses Symbol der Gewalt t\u00e4glich den Kinderaugen auszusetzen. Eine Torheit &#8211; doch die anderen, die sich f\u00fcr die Kreuze als \u201eTeil der bayerischen Tradition\u201d einsetzten, haben vielleich eben so wenig begriffen.<\/p>\n<p>Denn ein Kreuz in der Schule sagt etwas dar\u00fcber aus, dass es noch andere Werte in unserem Leben gibt als \u201ePauken\u201d und \u201ePisa\u201d. Lernen und Leistung ist nicht alles. Der Christus am Kreuz steht deshalb gerade f\u00fcr die ein, die nicht die gl\u00e4nzenden Stars sind, sondern mit m\u00e4\u00dfigem Erfolg und schlechten Noten zu k\u00e4mpfen haben, denen das Gl\u00fcck nicht zuf\u00e4llt, sondern die auf Solidarit\u00e4t und Hilfe angewiesen sind. So nimmt das Kreuz im Klassenzimmer auch die in die Verantwortung, die den Unterricht gestalten, damit die Schw\u00e4chsten nicht auf der Strecke bleiben.<\/p>\n<p>Und ein Kreuz im Gerichtssaal? Das Bild des Verurteilten wird zum Mahner, wenn \u00fcber Menschenleben entschieden wird. Das Kreuz nimmt die Justiz in die Verantwortung, dass nicht Umfragen oder die Meinung der Masse \u00fcber Recht oder Unrecht entscheiden, sondern ein Urteil, dass alle Seiten beleuchtet. Und auch dann, wenn Schuld auf einem Menschenleben lastest, bleibt das Kreuz Christi stehen und erinnert an Gottes \u201eJA\u201d zu seiner Sch\u00f6pfung, wie sehr sie auch auf die schiefe Bahn geraten ist.<\/p>\n<p>Und ein Kreuz in den Zimmern der Krankenh\u00e4user? Dort wird es zum Zeichen des segnenden Christus, der N\u00e4he und Sympathie zeigt mit denen, die leiden und denen, die helfen.<br \/>\nKein sch\u00f6nes Bild, kein sch\u00f6nes Zeichen. Aber f\u00fcr die, die am Ende sind, ein Zeichen der Hoffnung und des Neuanfangs.<br \/>\nDenn nicht wir selbst, unsere guten Taten, unser Wollen und Scheitern, unser religi\u00f6ses Wetteifern und unsere frommen Gebete schenken uns die N\u00e4he und die Liebe Gottes.<br \/>\nGerade das ist der Affront gegen unser Denken und Empfinden &#8211; \u201eden Griechen eine Torheit\u201d. Denn auf diesem Fundament der griechischen Philosophie ruht unser abendl\u00e4ndisches Denken bis heute: Gott wollen wir durch kluge Gedanken und ein moralisch einwandfreies Leben finden. Der Mensch will sich in g\u00f6ttliche Sph\u00e4ren erheben. Dagegen hei\u00dft die zentrale christliche Botschaft: Gott kommt von oben und liefert sich der menschlichen Willk\u00fcr am Kreuz aus.<\/p>\n<p>\u201eDen Juden ein \u00c4rgernis\u201d &#8211; denn sie haben einen anderen Messias erwartet. Gott, der gewaltig und m\u00e4chtig daherkommt &#8211; wie sehr w\u00fcnschen auch wir uns den Gottessohn so! Der Mann, der durch seine Macht \u00fcber die Elemente Wasser zu Wein, Kranke gesund und die tobende See zu einem sanften Gew\u00e4sser macht &#8230; Aber der Messias als der Gekreuzigte, das Kreuz, Zeichen der r\u00f6mischen Besatzer, als Zeichen des Sieges? Ein \u00c4rgernis &#8211; und mit ihm zusammen alle, die daran glauben.<br \/>\nUnd wenn uns eine der ber\u00fchmten Umfragen treffen w\u00fcrde: \u201eWas meinen Sie: Das Kreuz &#8211; Sieg oder Niederlage, Macht oder Versagen, Weisheit oder Torheit?\u201d<br \/>\n\u201eUns aber, die wir selig werden, ist\u2019s eine Gotteskraft\u201d &#8211; so antwortet Paulus auf die vielleicht nicht repr\u00e4sentative Umfrage. Gott selbst kommt uns nahe, er kommt an diesem einen Punkt der Weltgeschichte uns so nahe, dass sich Erde und Himmel durch das Kreuz verbinden, durch den, der mit uns ruft: \u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201d Auch am Kreuz ist er nicht am Ende, sondern am Ziel seiner Mission und verk\u00fcndet die Erl\u00f6sung: \u201eEs ist vollbracht!\u201d Sogar in der Stunde seines Todes macht er dem Mut, der mit ihm an seiner Seite gekreuzigt wird: \u201eHeute wirst du mit mir im Paradies sein!\u201d Der eine, der ohne S\u00fcnde war, ist unter die S\u00fcnde geworfen, der eine, der von Gott kam, ist gestorben, damit wir zu Gott kommen. Torheit, \u00c4rgernis oder Gottes gro\u00dfe Liebe? Nicht zu fassen, nicht zu begreifen, nur zu glauben, nur zu vertrauen!<\/p>\n<p>Gut, dass Gott nicht eine Umfrage gemacht hat, ob uns seine Rettung so recht ist oder nicht.<br \/>\nGut, dass Gott nicht nach unserem Wissen und Verstehen fragt, sondern nur nach seiner Liebe. Das ist die Botschaft vom Kreuz, die provoziert, die aber auch heilt und die verbindet. Amen.<\/p>\n<p>Lied nach der Predigt:<br \/>\nEG 91, 5-10<\/p>\n<p><strong>Bert Hitzegrad, Cadenberge<br \/>\n<a href=\"mailto:BHitzegrad@aol.com\">BHitzegrad@aol.com<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paulus schreibt: Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist&#8217;s eine Gotteskraft. Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): \u00bbIch will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verst\u00e4ndigen will ich verwerfen.\u00ab Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? 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