{"id":9997,"date":"2021-02-07T19:49:36","date_gmt":"2021-02-07T19:49:36","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9997"},"modified":"2022-10-06T14:20:33","modified_gmt":"2022-10-06T12:20:33","slug":"im-raum-des-segens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/im-raum-des-segens\/","title":{"rendered":"Im Raum des Segens"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>herrlich bl\u00fchen die Blumen in dieser Jahreszeit: die Rosen, die Geranien, der Jasmin.<br \/>\nHerrlich bl\u00fchende Blumen auch auf dem Friedhof in unserer Nachbarschaft: manche Gr\u00e4ber quellen geradezu \u00fcber vor Farbe. Auf den frischen Gr\u00e4bern sieht es noch provisorisch aus. Aber bald kommt der Grabstein und die Umfassung. Und sie reihen sich ein, die neuen Gr\u00e4ber, und nehmen den Wettstreit auf, den Wettstreit der Farben: Welches Rot leuchtet am meisten? Welches Blau ist das Tiefste? Welches Gelb strahlt am hellsten?<br \/>\nIch entdecke einen neuen Grabstein auf dem Friedhof. Der Verstorbene wurde vor einem halben Jahr kirchlich beerdigt. Nun stehen der Name und die Daten da &#8211; wie \u00fcblich. Namen und Daten sind in den Grabstein eingraviert, sonst nichts: kein Kreuz, kein Symbol.<br \/>\nKreuze auf Grabsteinen verschwinden. Andere Symbole erscheinen: die Rose, zwei Ringe, ineinander verschlungen, eine Korn\u00e4hre. Oft aber entscheiden die Angeh\u00f6rigen: nur der Name und die Daten sollen auf dem Grabstein stehen.<br \/>\nVerschwindet das Kreuz aus der \u00d6ffentlichkeit? K\u00f6nnen immer weniger Menschen mit diesem Zeichen etwas anfangen? Verliert das Kreuz seine Kraft, erschlie\u00dft es sich nicht mehr, bleibt es stumm?<\/p>\n<p>Kreuze hielten Einzug in Ostdeutschland nach 1989. Nicht in den Klassenzimmern und Gerichtss\u00e4len. Kreuze tauchten an den Stra\u00dfenr\u00e4ndern auf. Aufgestellt von Familienangeh\u00f6rigen und Freunden an Orten, wo Menschen, oft Jugendliche, bei einem Verkehrsunfall zu Tode kamen. Die Trauernden stellten ein kleines Holzkreuz auf, Ausdruck ihres Schmerzes, ihrer Trauer. Hier geschah Schreckliches, hier ging ein Leben zu Ende, zu fr\u00fch, unbegreiflich, unverst\u00e4ndlich. Hier stehen wir an der Grenze des Verstehens. Hier sind wir am Ende mit unserer Weisheit.<br \/>\nDas Kreuz taucht wieder auf. Es schafft sich Raum bei uns. Es erscheint da, wo wir es nicht vermuten. Und es ist nicht zu \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Was bedeutet das Kreuz?<br \/>\nWorauf weist es hin?<br \/>\nWas bedeutet es mir?<\/p>\n<p>Paulus spricht vom Wort vom Kreuz.<br \/>\nDas Wort vom Kreuz malt Jesu Sterben am Kreuz vor Augen.<br \/>\nJesus starb am Kreuz \u2013 Folge eines Justizirrtums, ein exemplarischer Fall von menschlicher Grausamkeit, Schlamperei, Feigheit. Folge auch von geschicktem planvollen Handeln der Gegner Jesu, der Obrigkeit.<br \/>\nJesus starb am Kreuz \u2013 nichts besonderes, wenn wir die historischen Fakten ansehen. Einer von Tausenden bis heute.<\/p>\n<p>Jesus starb am Kreuz: einigartig dadurch, dass Gott dabei zu Tode kommt.<br \/>\nJesus als Gottessohn, als Christus, als Sohn des Vaters \u2013 so haben ihn einige wahrgenommen, verstanden, erlebt. So haben sie sein Wirken erlebt, so haben sie seine Worte geh\u00f6rt: Der Menschensohn ist gekommen, dass er diene, nicht dass er sich dienen lasse, und sein Leben gebe als L\u00f6segeld f\u00fcr viele. Und so sind ihm viele gefolgt.<\/p>\n<p>Warum aber dieses Ende?<br \/>\nWo Gott ist, da ist doch Leben, Befreiung, Gerechtigkeit, Heil!<br \/>\nWarum hilft Gott nicht?<br \/>\nWarum mu\u00df dieser Jesus sterben? Unschuldig.<br \/>\nGott kommt zu Tode. Davon spricht das Wort vom Kreuz. Und dieses Wort f\u00fchrt uns an die Grenze unseres Verstehens, unseres Begreifens, unserer Weisheit.<\/p>\n<p>Paulus beschreibt die Wirkung dieses Wortes: Die Weisen dieser Welt verstehen es nicht. Die Weisheit der Menschen, unsere Weisheit kommt an ihre Grenze, wird verr\u00fcckt an diesem Wort.<br \/>\nGott ist nicht da, wo das Gute, das Heil, das Licht, die Herrlichkeit regiert. Gott ist da, wo sein Sohn stirbt. Gott ist Verlierer, Gott unterliegt.<\/p>\n<p>Die Juden suchen nach den Zeichen der Herrlichkeit und Macht Gottes in der Welt. Aber sie k\u00f6nnen sie bei diesem Gekreuzigten nicht finden.<br \/>\nDie Griechen fragen nach dem g\u00f6ttlichen Prinzip, das alles durchwaltet, das das Grundmuster unserer Welt ist, dem wir nur folgen m\u00fcssen, um auf Gottes Seite zu sein, auf der Seite des Heils.<br \/>\nAber dieser Gott, auf den sich Jesus beruft, steht hilflos da.<br \/>\nMenschen heute sehen in dem Kreuz ein Zeichen des Schreckens, Hinweis auf Grausamkeiten, die im Namen Jesu geschahen, aber kein Zeichen des Heils. Muslime fassen sich an den Kopf, wenn sie sehen, wie Christen vor Kreuzen beten, eine Gottesl\u00e4sterung. Buddhisten erstreben die \u00dcberwindung des Leidens. Das Kreuz soll gerade verlassen werden.<\/p>\n<p>Uns, so Paulus, ist das Wort vom Kreuz eine Gotteskraft.<br \/>\nWir predigen den Gekreuzigten.<br \/>\nWir predigen nicht zuerst und ausschlie\u00dflich den Auferstandenen, den Sieger \u00fcber Tod und Leid, den Erl\u00f6sten, den \u00dcberwinder.<br \/>\nAm Kreuz, so Paulus, geschieht das Heil.<br \/>\nAn dem Ort, wo Gott zu Tode kommt.<\/p>\n<p>Gott ist da, wo Menschen unterliegen.<br \/>\nGott ist da, wo Menschen schwach sind.<br \/>\nGott ist da, wo der Tod herrscht.<br \/>\nDiese Orte, so Paulus, sind die Orte Gottes, sind die Orte, wo Gott uns zur Seite tritt und mitleidet. Dies sind die Orte, wo Gott sich mit uns verbindet.<br \/>\nNicht unsere Weisheit, unsere St\u00e4rke, unser Wirken zum Guten, unserer Mittun am Reich Gottes bringt uns Gott nahe.<br \/>\nUnsere Schwachheit ist es vielmehr, die Gott anzieht und nahe bringt.<\/p>\n<p>Gott w\u00e4hlt einen anderen Weg, uns zu erl\u00f6sen von dieser Welt.<br \/>\nIn der Schwachheit geschieht Erl\u00f6sung, im Scheitern, in den F\u00e4ngen des Todes.<\/p>\n<p>Was fangen wir mit dieser buchst\u00e4blich weltfremden Botschaft an?<\/p>\n<p>Drei Gedanken:<br \/>\nEs ist f\u00fcr mich, es ist f\u00fcr die Welt gut, wenn ich dem Kreuz Raum lasse.<br \/>\nDas Kreuz sucht sich seine Orte, gewi\u00df.<br \/>\nAber ich kann ihm auch Raum lassen.<br \/>\nRaum f\u00fcr die Wirklichkeit des Wortes vom Kreuz.<br \/>\nRaum f\u00fcr die Wahrnehmung meiner Grenzen und meiner Niederlagen.<br \/>\nRaum f\u00fcr das Geheimnis Gottes.<br \/>\nRaum und Offenheit f\u00fcr diese unergr\u00fcndliche, unbergeifliche Botschaft: Gott gibt sein Leben f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Es ist gut f\u00fcr mich und f\u00fcr die Welt, wenn ich Gott am Kreuz suche.<br \/>\nNicht bei den M\u00e4chtigen und Erfolgreichen.<br \/>\nNicht bei den Spezialisten f\u00fcr Spiritualit\u00e4t und den mit Heilungskr\u00e4ften Begabten.<br \/>\nNicht bei den Verz\u00fcckten und denen, die glauben zu wissen, wie Gottes Geheimnis zu entschl\u00fcsseln<br \/>\nist.<br \/>\nGott wirkt am Kreuz und durch das Kreuz. Vom Kreuz aus ist die Welt, bin ich selbst zu betrachten.<br \/>\nVom Kreuz her ist mein Geheimnis und das der Welt zu verstehen.<\/p>\n<p>Spannend wird es, so eine Frau k\u00fcrzlich, wo mich meine Familie nach meinem Glauben fragt, nach meinem Engagement f\u00fcr die Kirchgemeinde.<br \/>\nSpannend, weil mir die Worte fehlen.<br \/>\nSpannend, weil es fast peinlich ist, sich gerade in der Familie zu bekennen.<br \/>\nSpannend, weil jedes Wort doppelt schwer wiegt.<br \/>\nWo die Worte fehlen, da ist Gott am Werke, da wird es spannend, da geschieht etwas gerade in unserer Unbeholfenheit und Ratlosigkeit.<\/p>\n<p>Vor kurzem wurde ein goldenes Kreuz auf die Spitze der wiederaufgebauten Dresdener Frauenkirche gesetzt. Mit diesem Kreuz findet der Wiederaufbau seinen symbolischen Abschlu\u00df. Dieses Kreuz wurde von Menschen aus England gespendet. Mit diesem Kreuz verbindet sich die Einsicht vieler Menschen in Gro\u00dfbritannien, dass die Bombenangriffe auf Dresden viele unschuldige Opfer gefordert haben. Und es verbindet sich mit ihm die Bitte um Vergebung. Eine Bitte der Menschen, die selbst Familienangeh\u00f6rige im Krieg verloren haben, viele von ihnen unschuldige Opfer von deutschen Bombenangriffen.<\/p>\n<p>Ein goldenes Kreuz \u00fcberstrahlt die Stadt.<br \/>\nEs erinnert an das Leid. Es erinnert an Tod, Zerst\u00f6rung, Terror, Unrecht, Schuld.<br \/>\nEs ist entstanden als Zeichen der Vers\u00f6hnung.<br \/>\nEs birgt R\u00e4tsel \u00fcber R\u00e4tsel.<br \/>\nEs steht f\u00fcr die vers\u00f6hnende Gotteskraft, die heute wirkt.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><strong>Dr. Matthias Rein<br \/>\nStudienleiter am Theologischen Studienseminar der VELKD<br \/>\nBischof-Meiser-Str. 6<br \/>\n82049 Pullach<br \/>\nTel. 089\/74442428<br \/>\neMail: <a href=\"mailto:Matthias.Rein@t-online.de\">Matthias.Rein@t-online.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder, herrlich bl\u00fchen die Blumen in dieser Jahreszeit: die Rosen, die Geranien, der Jasmin. Herrlich bl\u00fchende Blumen auch auf dem Friedhof in unserer Nachbarschaft: manche Gr\u00e4ber quellen geradezu \u00fcber vor Farbe. Auf den frischen Gr\u00e4bern sieht es noch provisorisch aus. Aber bald kommt der Grabstein und die Umfassung. 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