Konflikt im Gebet

Wie im Buch der Psalmen gestritten wird

Psalmen bieten nicht nur tröstende Worte. Sie erzählen auch von den vielfältigen Auseinandersetzungen, in die die Betenden verstrickt sind – sei es mit ihren Nachbarn, ihren politischen Gegnern oder mit Gott selbst. Das Buch der Psalmen bietet damit Anknüpfungspunkte für das Nachdenken über Konflikte und den Umgang mit ihnen.

von Nina Beerli

 

Von allen Seiten umgibst du [Gott] mich und hältst deine Hand über mir.
Ps 139,5

In Psalm 139,5 kommt ein starkes Gefühl von Geborgenheit und Behütet-Sein zum Ausdruck. Der Vers wird deshalb von vielen Eltern als Taufspruch für ihr Baby gewählt. Was für Ps 139,5 gilt, das gilt insgesamt für das Buch der Psalmen: Bis heute werden die Psalmen von vielen Menschen als Gebets- und Meditationstexte in Anspruch genommen. Ihre breite Verwendung in Gottesdienst und Seelsorge, in Musik, Lyrik und bildender Kunst hat mit ihrer enormen Sprachkraft zu tun: Die Psalmen bieten Worte für Situationen, in denen eigene Worte fehlen.

Dabei geht manchmal fast vergessen, dass Psalmen nicht nur Trost und Hoffnung spenden, sondern das in ihnen auch gerne und viel gestritten wird. Auch die folgende Passage stammt aus Ps 139:1

Wolltest du, Gott, doch den Frevler töten! Ihr Mörder, weicht von mir. Sie sprechen von dir voller Tücke, es erheben sich deine Feinde im Wahn. Sollte ich nicht hassen, Jahwe, die dich hassen, sollten mich nicht ekeln, die sich gegen dich auflehnen? Ich hasse sie mit glühendem Hass, auch mir sind sie zu Feinden geworden.
Ps 139,19–22

Streiten mit Gott und Menschen

Die Psalmen sind keine friedfertigen Texte. Im Gegenteil: Sie sind voll Streit und Hader. Nur gerade 18 von 150 Psalmen sind konfliktfrei. In allen anderen Psalmen ist zumindest ein Konfliktpotential greifbar. Hier ringen ein Gottesfürchtiger und seine menschlichen Gegner und Gegnerinnen miteinander, dort liegen Gott und eine einzelne Beterin oder eine ganze Gruppe von Betenden miteinander im Streit.2

Die Häufung an Konflikten in Gebets- und Meditationstexten empfinden viele Menschen als irritierend. Bibelwissenschaftlerinnen und Bibelwissenschaftler arbeiten sich schon seit Langem an der Frage ab, weshalb in den Psalmen so häufig gestritten wird. Da Psalmen zeitlose Texte sind, lassen sie sich in den überwiegenden Fällen nicht mit einem konkreten historischen Ereignis verbinden und es führt meist zu nichts, wenn man nach der historischen Identität der Gegner oder der Betenden fragt. Gewinnbringender ist es, den Feindbildern und -vorstellungen nachzugehen, die den Verfassern der Psalmen vor Augen standen. Oft begegnet zum Beispiel das Bild des skrupellosen Menschen, der rücksichtslos nach seinem eigenen Vorteil strebt. Er fügt anderen Schaden zu, einfach weil er es kann und Lust daran hat. Weil solche Menschen mit ihrem asozialen Verhalten gegen die Weisung Gottes verstossen, werden sie in den Psalmen auch als Frevlerinnen und damit als Gegner Gottes bezeichnet.

 

Initiale zu Psalm 55 aus dem St. Albans Psalter: Ein gewalttätiger Angreifer tritt und schlägt einen demütig knienden Mann mit Tonsur, der Gott um Gnade anfleht: «Erbarme dich meiner, Gott, denn der Mensch hat mich mit Füssen getreten.»
Initiale zu Psalm 55 aus dem St. Albans Psalter: Ein gewalttätiger Angreifer tritt und schlägt einen demütig knienden Mann mit Tonsur, der Gott um Gnade anfleht: «Erbarme dich meiner, Gott, denn der Mensch hat mich mit Füssen getreten.» (Bilder: Dombibliothek Hildesheim)

 

 

Eine uralte und reichhaltige Streitkultur

Ausgehend von den Feindvorstellungen in den Psalmen kann man nun noch einen Schritt weiter gehen und danach fragen, wie denn Betende, Gegner und Gott in einem Streit interagieren: Wie gestaltet sich das konflikthafte Zusammenspiel dieser drei Akteure? Worüber streiten sie? Wie laufen die Auseinandersetzungen ab? Und: Gibt es Strategien, wie Konflikte beendet werden können?

Betrachtet man die in den Psalmen zur Sprache kommenden Auseinandersetzungen etwas genauer, zeigen sich nicht nur eine grosse Fülle an Streitthemen und Konfliktgeschichten, sondern auch verschiedene Strategien im Umgang mit Konflikten. Anhand einiger Beispiele lässt sich diese grosse Vielfalt erahnen.

Vertrauen auf Gottes Hilfe

Jahwe, wie zahlreich sind meine Feinde, viele sind es, die gegen mich aufstehen, viele, die von mir sagen: Er hat keine Hilfe bei Gott. Sela
Ps 3,2–3

In Ps 3 versuchen die Gegner die Sprecherin zu schwächen, indem sie Zweifel säen an der Tragfähigkeit ihrer Beziehung zu Gott. Doch sie rechnen nicht mit dem starken Vertrauen der Beterin (vgl. V. 4–9). Ihr Zutrauen zu Gott ist so stark, dass die Angriffe ihrer Gegner sie nicht aus der Ruhe bringen können. Indem sie sich in ihrem Vertrauen auf Gott selbst bestärkt, schafft sie es, den Konflikt so lange auszuhalten, bis Gott ihr zu Hilfe kommt.

Distanz

Sei still vor Jahwe und harre auf ihn. Erhitze dich nicht über den, dessen Weg gelingt, und nicht über den, der Ränke schmiedet. Lass ab vom Zorn, gib auf den Grimm, erhitze dich nicht, es bringt nur Böses.
Ps 37,7–8

Die Verfasser der Psalmen wissen, dass sich konflikthafte Situationen besser aushalten lassen, wenn man Distanz zwischen sich und die gegnerische Partei bringt. In Ps 37 wirbt ein Lehrer bei seinem Schüler dafür, sich von bösen Menschen fernzuhalten. Der Grund: Der Zorn über die Übeltäter führt nur zu Bösem. Besser ist es, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern und sich um einen gottgefälligen Lebenswandel zu bemühen. Die Strategie des Lehrers besteht darin, jeder direkten Auseinandersetzung tunlichst aus dem Weg zu gehen und grösstmöglichen Abstand zu den bösen Menschen zu wahren. Zu grosse Nähe zu bösen Menschen birgt nämlich die Gefahr, selbst zum Frevler zu werden. Davon weiss nicht nur der Lehrer von Ps 37, sondern auch der Sprecher von Ps 73 zu berichten:

Ich aber wäre beinahe ausgeglitten mit meinen Füssen, um ein Haar wären meine Schritte ins Wanken geraten. Denn ich ereiferte mich über die Prahler, als ich sah, dass es den Frevlern gut geht.
Ps 73,2–3

Die Grenzen sind fliessend

Die Psalmen sind weit entfernt von einer Sichtweise in schwarz/weiss. Die Sprecherinnen der Psalmen sind nicht immer die unschuldigen Opfer ihrer bösartigen Mitmenschen. Dass die Beterin in der Gefahr steht, selbst zur Frevlerin zu werden, zeigt ein erneuter Blick auf Ps 139:

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne meine Gedanken. Sieh, ob ein gottloser Weg mich verführt, und leite mich auf ewigem Weg.
Ps 139,23–24

In Ps 139,19–22 (s. o.) hatte der Sprecher seinen Hass auf die bekräftigt, die sich von Gott abgewandt haben. Einen Augenblick später befällt ihn jedoch der Zweifel an seiner eigenen Rechtschaffenheit. Er bittet Gott darum, sein Herz zu prüfen und ihn davor zu bewahren, unwissentlich Schuld auf sich zu laden.

 

In der Initiale zu Psalm 2 – ebenfalls aus dem St. Albans Psalter – sind mit Speeren und Schilden bewaffnete Soldaten abgebildet, die sich Christus entgegenstellen. «Warum haben die Völker gewütet?» Christus schlägt mit einer eisernen Rute zurück.
In der Initiale zu Psalm 2 – ebenfalls aus dem St. Albans Psalter – sind mit Speeren und Schilden bewaffnete Soldaten abgebildet, die sich Christus entgegenstellen. «Warum haben die Völker gewütet?» Christus schlägt mit einer eisernen Rute zurück.

 

 

Gott und Mensch im Konflikt

Schon Psalm 37 und Psalm 73 haben gezeigt, dass zwischen Betenden und Gott Konflikte aufbrechen können. In beiden Beispielen stehen die Sprechenden in der Gefahr, vor Gott schuldig zu werden. Auch das Verhältnis zwischen Gott und Beterin in Ps 139 ist spannungsvoll. Hier steht aber nicht das Verhalten der Beterin in der Kritik, sondern das Verhalten Gottes. Nochmals Ps 139,5:

Von allen Seiten umgibst du [Gott] mich und hältst deine Hand über mir.

Dieser Vers, der so gerne als Taufspruch verwendet wird, weil er (scheinbar) eine grosse Portion Geborgenheit vermittelt, ist im Kontext des Psalms nicht positiv gemeint. In der Übersetzung nach Luther ist das jedoch kaum noch wahrnehmbar. Erst der Blick in den hebräischen Text fördert zutage, dass die Beterin die Nähe Gottes als bedrückend empfindet: Gott schliesst sie ein und legt seine Hand schwer auf sie. Die Beterin fühlt sich von Gott bedrängt. Gott weiss alles über sie. Er sieht sie immer. Es gibt für sie keine Rückzugsmöglichkeit, denn an jedem Ort, den sie dafür in Betracht zieht, ist Gott bereits da.

Was Psalm 139,5 vermittelt, ist nicht Geborgenheit, sondern Bedrängung. Die Zuwendung Gottes, seine machtvolle Nähe, wird für den Beter zum Problem. Gleichwohl bleiben die Äusserungen des Beters ambivalent: Aus ihnen lässt sich sowohl sein Staunen über Gottes Macht und seine Dankbarkeit über die göttliche Zuwendung ablesen als auch seine Furcht vor der machtvollen und bedrängenden Nähe Gottes. Der Beter ist frustriert darüber, sich nirgends ausruhen zu können von Gott. Doch obwohl er sich mehr Distanz zu Gott wünscht, kommt eine Abwendung von Gott für ihn nicht in Frage.

Mit Psalmen über Konflikte nachdenken

Die Streiflichter auf einige wenige Konfliktsituationen lassen die reichhaltige Streitkultur der Psalmen erahnen. Die Welt der Psalmen lässt sich nicht in ein eindeutiges Schema von Gut und Böse einordnen. Gott kann Retter und Gegner sein und der Grat zwischen Gottesfurcht und Frevelhaftigkeit ist schmal. Konflikte werden oft nicht beendet, sondern müssen ausgehalten werden. Das tun die Betenden, indem sie möglichst viel Distanz zwischen sich und ihre Gegner bringen und/oder indem sie sich selbst in ihrem Vertrauen auf Gottes Eingreifen bestärken.

Texte wie Ps 139 loten die zuweilen spannungsvolle Beziehung zwischen Menschen und Gott auf feinsinnige Weise aus. Viele andere Psalmen sprechen unverblümt und offen davon, dass das Zusammenleben mit anderen Menschen und die Beziehung zwischen Menschen und Gott oft schwierig sind. Dank ihrer Zeitlosigkeit und Offenheit bieten viele Psalmen auch heute noch Anknüpfungspunkte für das Nachdenken über Konflikte und den Umgang mit ihnen. Die Psalmen bieten Worte für Situationen in denen Worte fehlen – wieso sollte das anders sein, wenn Menschen untereinander oder mit Gott im Streit liegen?

 


Nina Beerli ist Assistentin und Doktorandin am Lehrstuhl für Alttestamentliche Wissenschaft und Altorientalische Religionsgeschichte am Theologischen Seminar der UZH. In ihrem Dissertationsprojekt will sie herausarbeiten, welche Konfliktverständnisse im Psalter begegnen und wie die Psalmen Konflikte thematisieren.