Brief‌funde werfen neues Licht auf antike Religion

Wie die ägyptischen Manichäer ihre Religion im Alltag des vierten Jahrhunderts lebten

Die AnhängerInnen des Manichäismus galten als streng gläubige und extrem asketische Sektierer und wurden als Feinde des römischen Staates verfolgt. Neue papyrologische Funde aus der ägyptischen Wüste lassen diese alte Religion wieder aufleben und zeigen, welche Rolle die Religion im Alltagsverhalten der ManichäerInnen wirklich spielte.

von Mattias Brand

 

Die Manichäer machten in Glaubensfragen keine halben Sachen: Entweder man stand auf der Seite des Lichts oder man verfiel in Finsternis. Ihr streng dualistischer Glaube stammt ursprünglich aus dem Iran und verbreitete sich bis zum Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. im Römischen Reich. Bekannt sind die Manichäer zudem, weil es sich um eine extrem asketische Bewegung handelte, die aufgrund ihres Glaubens und ihrer Gewohnheiten als Feinde des römischen Staates wahrgenommen und dargestellt wurden. In römischen Gesetzen finden sich rechtliche Maßnahmen gegen AnhängerInnen des Manichäismus und auch in manichäischen Texten wird häufig die religiöse Verfolgung beklagt.

Berichte von religiös motivierten Misshandlungen

Die Entdeckung einiger persönlicher Briefe von ManichäerInnen in einem ägyptischen Dorf namens Kellis (dem heutigen Ismant el-Kharab) erlaubt nun aber einen differenzierteren Blick auf den Manichäismus und seine Anhängerinnen und Anhänger. Die Briefe vermitteln den Eindruck eines Netzwerks von Familien und Einzelpersonen, die in relativem Frieden lebten. Nichts deutet darauf hin, dass sie sich vor der römischen Regierung versteckten oder systematisch von den Kräften bedroht wurden, die zur antimanichäischen Gesetzgebung der Jahre 370 und 380 n. Chr. führen sollten.

Im Gegensatz zu den manichäischen Erzählungen über Verfolgung wenden sich die ägyptischen Manichäer, die besagte Briefe verfasst haben, regelmässig an die Justizbehörden und stehen in Kontakt mit einigen der höchsten römischen Beamten der Region. Einer dieser Beamten hat den Manichäern sogar ein Haus geschenkt. Was die Briefe jedoch vermitteln, ist ein Gefühl von Unbehagen. Wie moderne amerikanische Evangelikale, die sich ständig verfolgt fühlen, berichteten auch die Manichäer in Ägypten von Misshandlungen und Unannehmlichkeiten. Diese Episoden sind, so traurig sie auch sein mögen, wahrscheinlich nicht religiös motiviert. Zwar betete der Manichäer Makarios (der ausserhalb des Dorf-Archivs unbekannt ist) zu Gott, er möge ihm und seiner Familie «die Freiheit schenken», damit sie ihn «wieder leibhaftig begrüßen können» (P. Kellis V Copt. 22), aber dieser Wunsch hat mehr mit den schwierigen ökonomischen, sozialen und geographischen Umständen zu tun als mit der religiösen Zugehörigkeit. Das Leben in der westlichen Oase war nicht einfach und die Unsicherheit des Reisens bestimmte oft das Dasein ihrer BewohnerInnen.

 

Die Manichäer in Kellis schrieben sowohl Briefe als auch liturgische Bücher. Diese Darstellung einer Schreiberszene stammt allerdings aus der östlichen manichäischen Tradition. Sie findet sich in einem uigurischen Buch aus Kocho (Xinjiang, China).
Die Manichäer in Kellis schrieben sowohl Briefe als auch liturgische Bücher. Diese Darstellung einer Schreiberszene stammt allerdings aus der östlichen manichäischen Tradition. Sie findet sich in einem uigurischen Buch aus Kocho (Xinjiang, China). (Bild: The Picture Art Collection / Alamy Stock Photo)

 

 

Alltag und religiöse Sprache

In den meisten manichäischen Briefen, die oft in koptischer und griechischer Sprache verfasst sind, werden aber nicht Fragen von Verfolgung und Unterdrückung thematisiert, sondern profanere und alltägliche Dinge. So erinnert der bereits erwähnte Makarios seine Frau Maria in einem Brief daran, ihrem gemeinsamen Sohn Matthaios Schuhe in eine Stadt im Niltal zu schicken, oder er schlägt vor, Haushaltsgegenstände zu verkaufen, um seine Reisen bezahlen zu können. Während er in der Interaktion mit seinen Nachbarn weitgehend auf manichäische Terminologien und Hinweise verzichtet, erscheint innerhalb der Familienkorrespondenz auch Alltägliches oft in ausgesprochen religiöser Sprache. Makarios formuliert in einem seiner Briefe z. B. die folgende Fürbitte:  «Dies ist mein Gebet zu jeder Stunde zum Vater, dem Gott der Wahrheit, dass er dich gesund in deinem Körper, fröhlich in deiner Seele und fest in deinem Geist erhalte», wobei der Wunsch hinzugefügt wird, der Empfänger möge «das Leben im Reich der Ewigkeit finden» (P.Kell.Copt. 29). Einige dieser Ausdrücke, wie der Satz «Vater, der Gott der Wahrheit», kehren in manichäischen Psalmen, Gebeten und Lehrtexten wieder, die im Haus von Makarios und Maria gefunden wurden (was im Übrigen zeigt, dass die Familie zu Hause manichäische Rituale pflegte).

Differenzierte Betrachtung von religiöser Identität

Wie viele moderne Gläubige lebten ManichäerInnen ihr Leben im Allgemeinen nach dem, was sie für richtig hielten, und nicht streng nach den festgeschriebenen religiösen Regeln. Zwar tauchen in den Briefen oft religiöse Formulierungen auf (vor allem im Zusammenhang mit den Reisen mit dem «großen Lehrer»), aber es gibt viele Situationen, in denen manichäische Überzeugungen und Praktiken überhaupt keine Rolle spielten. Makarios und die anderen AutorInnen der Briefe handelten keineswegs immer auf der Grundlage ihrer religiösen Identität. Wenn Manichäer in der Forschung nur als eine verfolgte Sekte mit strengen Regeln und Vorschriften betrachtet werden, wie es bis heute oft der Fall ist, wird ausgeblendet, dass die Religion nicht immer hochrelevant und wichtig, sondern oft auch völlig unsichtbar war. Die in der koptischen Briefkorrespondenz enthaltenen Interaktionen zeigen, dass bestehende Rekonstruktionen des Manichäismus, die lediglich auf theologischen, kosmologischen und juristischen Texten basieren, in Frage gestellt werden müssen. Die Lebenswelt gewöhnlicher Familien war anders, als uns die Verfasser solcher Texte glauben machen wollen.

 


Mattias Brand ist Postdoktorand am Religionswissenschaften Seminar der Universität Zürich. Er hat im Sommer 2022 die Studie Religion and the Everyday Life of Manichaeans in Kellis veröffentlicht, in der er die neuen gefundenen Briefe der ManichäerInnen erschliesst und untersucht, um mehr über die gelebte Realität einer antiken Religion herauszufinden. Das Buch ist bei Brill erschienen und Open Access verfügbar. Download und weitere Informationen unter: https://brill.com/view/title/61749