Die spirituelle Dimension kann auch die ärztliche Selbstsorge und Resilienz betreffen

Interview mit Simon Peng-Keller im Ärztemagazin DEFACTO 3/2018.

DEFACTO: Was beinhaltet und wozu braucht es Spiritual Care?
Prof. Peng-Keller: Spiritual Care ist – schlicht gesagt – die Integration der spirituellen
Dimension in die Gesundheitsversorgung. Die klinische Erfahrung und empirische Studien zeigen, dass diese Dimension die Art und Weise, wie jemand mit seiner Krankheit umgeht, das Krankheitserleben und den Heilungsprozess beeinflusst. Für viele Patientinnen und Patienten bedeuten spirituelle Überzeugungen und Praktiken in Krankheits- und Lebensendsituationen eine wichtige Ressource, eine Möglichkeit, Mut und Hoffnung zu schöpfen oder inneren Frieden zu finden. Die Integration der spirituellen Dimension in die Gesundheitsversorgung kann auf sehr vielfältige Weise geschehen und hängt von den jeweiligen Gegebenheiten ab. Sie sieht in einer ländlichen Region Ghanas anders aus als in Teheran, Tokio oder Zürich.

Wie unterscheidet sich Spiritual Care von der herkömmlichen (Spital-)Seelsorge? 

Es lässt sich unterscheiden zwischen gesundheitsberuflichen und seelsorglichen Formen von Spiritual Care. Seelsorger sind Spezialisten in diesem Feld, während Gesundheitsfachpersonen in je unterschiedlicher Weise eine Teilaufgabe darin wahrnehmen. Was neu ist an heutigen Formen von Spiritual Care, ist ihre bewusst interprofessionelle Ausrichtung. Interprofessionalität heisst auch in diesem Zusammenhang gerade nicht, dass alle alles machen müssen, sondern bewusst gestaltete Kooperation und Kommunikation.

Welche Aufgabe haben Ärzte im interprofessionellen Feld von Spiritual Care?
Es scheint mir wichtig, diese Aufgabe nicht als etwas zu verstehen, was zu den übrigen ärztlichen Aufgaben hinzutritt, sondern ein Bestandteil von ihnen darstellt. Entsprechend dazu finden sich in den neuen Vorgaben der Joint Commission of the Swiss Medical Schools, dass im Medizinstudium eine professionelle Kompetenz zu erwerben ist, in der Anamnese und Therapieplanung auch spirituelle Aspekte zu berücksichtigen. So wie vor einigen Jahrzehnten Ärzte gelernt haben, mit Patienten über ihre Sexualität zu sprechen, so sind sie gegenwärtig daran, sich für die Bedeutung der spirituellen Dimension zu interessieren und therapeutisch einzubeziehen. Die spirituelle Dimension kann übrigens auch die ärztliche Selbstsorge und Resilienz betreffen. Wie Studien zeigen, sind spirituelle Überzeugungen auch für viele Ärztinnen und Ärzte eine wichtige Ressource für ihre berufliche Tätigkeit.

Welchen Bezug hat Spiritual Care zu Palliative Care?
Spiritual Care war von Anfang an ein wesentlicher Bestandteil von Palliative Care, wie sie sich seit Ende der 1970er-Jahre im Anschluss an die moderne Hospizbewegung entwickelt hat. Die Nationalen Leitlinien Palliative Care, die 2010 vom Bundesamt für Gesundheit und der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren veröffentlicht wurden, sind meines Wissens das erste offizielle Dokument der Schweizerischen Gesundheitspolitik, das den Einbezug der spirituellen Dimension in die Versorgung einfordert. Entsprechend wird die Implementierung von Spiritual Care auch bei der Zertifizierung von Palliativstationen in der Schweiz überprüft. Dass spirituelle Unterstützung am Lebensende besonders bedeutsam ist, ist kulturell tief verwurzelt und hat deshalb auch in säkular geprägten Gesellschaften
nach wie vor eine breite Akzeptanz. Hinzu kommt, dass durch neuere medizinische Entwicklungen Menschen am Lebensende oft Entscheidungen zu fällen haben, die mit weltanschaulichen Überzeugungen und Grundhaltungen zu tun haben. Diese zu erfragen und in die Entscheidungsfindung einzubeziehen, kann ebenfalls zu einer ärztlichen Spiritual Care gehören.

Was für ein Menschenbild steht hinter Spiritual Care?
Hinter dem Kollektivsingular «Spiritual Care» verbergen sich sehr unterschiedliche Modelle und Ansätze und entsprechend dazu auch unterschiedliche Menschenbilder, die sich nicht auf einen Nenner bringen lassen. Als in der Weltgesundheitsversammlung 1983 erstmals über die Integration der spirituellen Dimension in die Gesundheitsversorgung debattiert wurde, standen die christlich und muslimisch geprägten Gesundheitspolitiker, die eine solche Inklusion befürworteten, den Vertretern aus kommunistisch regierten Ländern gegenüber, die auf das Anliegen mit Skepsis reagierten. Der Kompromiss war, dass man in der 1984 verabschiedeten Resolution auf religiöse Bezüge verzichtete. Die Rede von der «spirituellen Dimension» umspannte religiöse und areligiöse Ansätze.

Welche Bedeutung sollte Ihrer Meinung nach Spiritual Care im Medizinstudium haben?
Um die von der Joint Commission bezeichneten Kompetenzen erwerben zu können, braucht es aus meiner Sicht v.a. praxisorientierte Angebote. Um spirituelle Aspekte in Anamnese und Therapie in passender Weise ansprechen und aufnehmen zu können, bedarf es insbesondere kommunikativer Fertigkeiten. Dafür gibt es inzwischen gute Lehrmodelle. Darüber hinaus braucht es ein Grundwissen über die aktuelle Spiritual Care-Forschung in den unterschiedlichen Feldern der Medizin: Palliative Care, Medizinethik, Psychiatrie usw.

Ist Spiritual Care nur für Menschen geeignet, die «einen Glauben haben»? Wie verhält sich Spiritual Care zu Patienten, die als Atheisten jede Form des Glaubens ablehnen?
Was für Patientinnen und Patienten in einer bestimmten Situation wichtig ist, lässt sich nicht von vornherein von ihrem religiösen oder nicht-religiösen Bekenntnis ableiten, sondern ist je neu zu erkunden. Dass jemand religiös ist, heisst noch nicht, dass er seitens von bestimmten Fachpersonen spirituelle Unterstützung braucht. Und umgekehrt gibt es auch spirituelle Atheisten, die dafür empfänglich sind.

Was müssen Hausärzte über Spiritual Care wissen?
Ich denke, dass es neben einem Grundwissen v.a. kommunikative Fertigkeiten braucht, die es ihnen ermöglicht, wahrzunehmen, wann es wichtig sein könnte, spirituelle Aspekte, seien es Ressourcen oder Belastungen, niederschwellig anzusprechen.

Die Professur für Spiritual Care gibt es mittlerweile bald drei Jahre an der Uni Zürich. Welche Erfahrungen haben Sie inzwischen gemacht? Nimmt das Interesse der Studierenden zu oder ab?
Die Professur hat sich in diesen drei Jahren gut an der Universität Zürich integriert. Das praktisch ausgerichtete Lehrmodul, für das wir den SAMW-Award für Interprofessionalität verliehen bekommen haben, hat sich unter den Studierenden bereits herumgesprochen und stösst auf grossen Anklang. Eine Medizinstudentin hat dazu einen Erfahrungsbericht veröffentlicht und das Schweizer Fernsehen hat im Rahmen der Sendung PULS einen Beitrag gedreht, der demnächst ausgestrahlt werden soll. Im Aufbau ist derzeit zudem eine CAS-Weiterbildung für praktizierende Ärztinnen und Ärzte, Pflegefachpersonen und Seelsorgende.

 

Die Fragen stellte Bernhard Stricker, Redaktor DEFACTO

Quelle: argomed.ch

Download DEFACTO 03/2018