Einmal Kirche, aber bitte frisch!

Interview mit Sabrina Müller unter srf.ch zu "Fresh Expressions of Church"

Die Bewegung «fresh expressions of Church» aus Grossbritannien will der Kirchenmüdigkeit entgegenkommen. Theologin Sabrina Müller hat die Bewegung in der Schweiz initiiert. Ein Gespräch über neue Wege in Zeiten der Kirchenkrise.

SRF: Die «fresh expressions of church» sind eine Reaktion auf den religiösen Gesellschaftswandel. Worauf antworten Sie mit dieser Bewegung genau?

Sabrina Müller: Es ist ein Fakt, dass sich die Kirchen mit Blick auf den Sonntagsgottesdienst zunehmend leeren. Man spricht von Säkularisierung und Pluralisierung.

Aber diese Diagnosen greifen zu kurz. Weder haben die Menschen ihr spirituelles Bedürfnis verloren, noch den Wunsch, dieses Bedürfnis mit anderen Menschen zu teilen.

Sondern?

Die religiösen Überzeugungen werden heute oft durch persönliche Erfahrungen konstruiert und dadurch stark individualisiert. Überdies ergibt sich durch die Digitalisierung auch ein ganz neues religiöses Netzwerk, das sich sehr schnell verändert. Man beobachtet neu also ganz individuell gebildete religiöse Biographien.

Und das können die Landeskirchen nicht abfedern?

Jedenfalls nicht ganz. Die angesprochene Individualisierung läuft unserem Kirchensystem entgegen, welches immer auf Parochien, also geographischer Strukturierung der Kirchen, aufbaut.

Wir funktionieren aber häufig schon nicht mehr geographisch, wohnen hier und arbeiten dort. Wir orientieren uns viel stärker an persönlichen Interessen, an Netzwerken und dem Freundeskreis, als am Wohnort. Zudem sind die Menschen institutionskritischer geworden.

Ist die traditionelle Kirche also ein Auslaufmodell?

Soweit würde ich nicht gehen, aber wenn man Ortsgemeinden anschaut, dann hat man an jedem Ort ein ähnliches «Menu». Zudem zielen die Angebote auf dieselben Zielgruppen und Milieus.

«Fresh expressions» streben eine kirchliche Biodiversität an. Wir sind überzeugt: Es braucht verschiedene Ausdrucksformen von Kirche.

Das heisst nicht, dass die traditionelle Kirche nicht gut sei, sondern, dass wir einander komplementieren müssen.

Wie sieht diese Komplementierung aus?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Als ich noch als Pfarrerin praktizierte, ging ich regelmässig mit meinen Hunden spazieren und habe andere Hundehalter getroffen. Regelmässig ergaben sich Gespräche über Religion und Spiritualität. Und auch wenn da Leute waren, die aus der Kirche ausgetreten sind, erkannte ich, dass sie dennoch ein spirituelles Bedürfnis haben.

Es wurde landeskirchlich nur nicht bedient. Ich lud sie zu mir nach Hause ein und wir waren eine kleine Gemeinschaft von Gleichgesinnten. So funktioniert «fresh expressions».

In der Kirche fehlt also die Nähe zu den Interessen der Leute?

In dieser Gruppe war eine Frau, der die traditionelle Kirche nichts sagte. Denn für sie waren ihr Hund und die Natur Teil ihrer Spiritualität. Wie auch bei anderen in meiner Gruppe.

Die Hunde waren also der Verbindungspunkt. Ein anderes Beispiel ist die «Metal Church» in der Schweiz, wo Leute durch die gemeinsame Liebe zur Metalmusik zusammenkommen.
Das zeigt, dass Vernetzungen zwischen Leuten sehr unterschiedlich geschehen können. Durch die Tiere, durch gemeinsame Ansinnen usw.

 

Das Gespräch führte Olivia Röllin.

Quelle: srf.ch