Recht wird nicht mit Strafen begründet, sondern mit Ethik

Der Einfluss der Zehn Gebote in Kultur, Gesellschaft und Theologie ist enorm – von Luthers Katechismus bis zur Menschenrechtserklärung. Sie sind mehr ethische Überlegungen als ein Strafgesetz. Mittlerweile sind sie x-fach kopiert worden. Doch auch das Original fasziniert bis heute.

Interview mit Lida Panov in:  Kirchenbote Sankt Gallen

Ob er die Zehn Gebote auswendig wisse, wurde der Kabarettist Dieter Hildebrandt einst gefragt. «Fünf weiss ich noch», soll er geantwortet haben: «Du sollst mit deinem Vater und deiner Mutter nicht die Ehe brechen, oder so ähnlich. Du sollst keinen Gott ausser dir haben. Du sollst nicht lügen, wenn es nicht irgendeinen Sinn macht. Du sollst niemanden töten, es sei denn, er muss weg.»

Wortlaut und Zählweise unklar

Dass Hildebrandt beim Aufzählen stolpert, kommt nicht von ungefähr: Die Bibel kennt nämlich zwei verschiedene Versionen der Zehn Gebote, die sich teilweise voneinander unterscheiden: eine im Buch Exodus, eine im Buch Deuteronomium. Zudem kam die Idee, dass es sich beim Text um zehn Gebote handeln sollte, erst später auf. So ist die Nummerierung bis heute von Konfession zu Konfession verschieden: Reformierte (siehe Kasten), Orthodoxe, Lutheraner, Katholiken und Juden – sie alle kennen unterschiedliche Zählweisen.
Inhaltlich lassen sich die Zehn Gebote auf zwei Tafeln aufteilen. Die erste umfasst die Gebote eins bis vier, die das Verhältnis zu Gott betreffen. Zur zweiten gehören die Gebote fünf bis zehn, die vom Zusammenleben der Menschen untereinander handeln.

Zuspruch und Anspruch

Lida Panov von der Universität Zürich untersucht im Rahmen des europäischen Forschungsprojektes «How God Became a Lawgiver» biblische Rechtstexte – dazu gehören auch die Zehn Gebote. Viel hänge am ersten Gebot. Das sei das Zentrum der Bundestheologie: «Jahwe hat die Israeliten aus Ägypten geführt, das Volk befreit. Dafür darf das Volk Israel keine anderen Götter haben, es ist an ihn gebunden», führt Panov aus. «Das ergibt eine Formel von Zuspruch und Anspruch.»

Integration von Flüchtlingen

Was aber sagen die Zehn Gebote über das Zusammenleben aus? «Bemerkenswert ist, dass die Gebote auf der zweiten Tafel, die das Zusammenleben betreffen, keine Strafen erwähnen», sagt Panov. Das sei aussergewöhnlich: «Hier wird Recht nicht mehr mit Recht durchgesetzt, sondern mit Ethik.» Historisch habe das wohl mit der Zerstörung des Königreichs Israel im 8. Jahrhundert v. Chr. zu tun. Darauf gelangten Flüchtlinge nach Juda, was zu Spannungen in der Gesellschaft führte. «Deshalb wurde es notwendig, ein Solidarethos zu formulieren», so Panov.

Wegbereiter für Menschenrechte

Der Einfluss der Zehn Gebote auf die Kultur- und Theologiegeschichte ist enorm. Das beginnt bereits im Neuen Testament: An vielen Stellen wird darauf verwiesen. «Jesus setzte die Zehn Gebote als gültig voraus», sagt Panov. Das sehe man etwa in der Bergpredigt. Auch in Luthers kleinem und grossem Katechismus sind die Zehn Gebote zentral.

Doch die Zehn Gebote entfalten ihre Wirkung auch ausserhalb des Christentums. Die Idee einer allgemeinen, natürlichen Ethik bereitete den Weg für die «Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte» von 1789 und die UNO-Menschenrechtserklärung von 1948.

Auch die Zehnzahl war stilbildend, in allen möglichen Bereichen: Da gibt es die «Zehn Gebote der Erziehung», die «Zehn Gebote des Fitnesstrainings», die «Zehn Gebote der Ernährung». Oder die Zehn Gebote, die Frank und Patrik Riklin im vergangenen Sommer auf dem St. Galler Klosterplatz in Steinplatten meisselten. Diese Gebote entpuppten sich bei näherer Betrachtung als Leitsätze eines Zürcher Start-ups, als dessen Firmenideologie. So wurde die Idee der Zehn Gebote vielfach kopiert, und selten erreichten die Kopien die gedankliche Tiefe des Originals.

Doch bereits im Alten Testament selbst wird der Gedanke des Bundes durch die Zehn Gebote aufgenommen. Und zwar just, nachdem der Tempel – und damit die Tafeln mit den Geboten! – von den Babyloniern zerstört worden war. Da steht im Buch Jeremia: «Ich will meine Gebote in ihr Herz schreiben.»

Text: Stefan Degen

Quelle: Kirchenbote online