Bigna Hauser
- Co-Leiterin TVZ
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Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal Theologie studieren würde. Dass ich nach der Berufsberatung im Zwischenjahr nach der Matur, das ich telefonierend in einem Callcenter verbracht hatte, den dicksten Ordner, den es gab, nach Hause nahm, erstaunte mich selbst am meisten. Beschriftet war er mit «Theologie», worunter ich mir herzlich wenig vorstellen konnte. Latein hatte ich zugunsten von Italienisch abgewählt, das Konf-Wanderlager für Griechenlandferien ausgelassen. Ethik, Philosophie, Kirchengeschichte, Seelsorge, Sprache, Texte, Bücher – die Themen sprachen mich jedoch sofort an. Ärztin wollte ich immer werden, doch dazu fehlte mir damals der Mut. So schrieb ich mich für Theologie ein – und studierte sechs Jahre in Zürich ein Fach, das mich mit jedem Semester mehr in seinen Bann zog. Nebenbei arbeitete ich im Zürcher Blutspendedienst, wo ich Abend für Abend Blutkonserven verarbeitete, und in einem Jugendlokal, wo der Töggelikasten genauso Dreh- und Angelpunkt war wie im Dachgeschoss der Theologischen Fakultät.
Ich machte mein Lizentiat, schloss mit einer Arbeit über Religion und Depression in der Systematik ab, fiel vor jeder Prüfung fast in Ohnmacht und schrieb mich dann etwas zögerlich für die Ausbildung zur Pfarrerin ein. Wollte ich das wirklich oder wäre eine Diss der bessere Weg? Nach dem langen Studium zog es mich dann doch ins Berufsleben und ich wurde Pfarrerin im Bünderland. Zwei intensive Jahre im Einzelpfarramt mit unzähligen Predigten, Gottesdiensten, Feiern, schlaflosen Nächten und tollen Erlebnissen – nicht nur auf den leeren Skipisten am Montag – folgten. Dann zog es mich zurück in die Stadt. Ich wurde Mutter einer Tochter, lektorierte währenddem sie schlief freelance für einen Verlag und stiess dann auf die ausgeschriebene Stelle beim Theologischen Verlag Zürich (TVZ). Schon beim Schreiben meiner Bewerbung wusste ich: Das ist es! Bücher, Texte, Theologie und Kommaregeln. Zum Glück klappte es, und ich arbeitete zehn Jahre im Lektorat, danach in der Co-Leitung des Verlags.
Die Theologie als grosse Spekulation darüber, wie die Welt auch noch sein könnte, fasziniert mich bis heute.