1. Kor 15,20–28
Kaum zu glauben: Keiner da, der unterwirft | Ostersonntag | 05.04.2026 | 1. Kor 15,20–28 | Christoph Kock |
Kaum zu glauben: Keiner da, der unterwirft
I. Mit Füßen treten
Der Gottessohn ist früh gestorben. In seinem ganz und gar nicht leeren Grab gibt es spektakuläre Fundstücke, von Archäologen ans Tageslicht befördert: Eine Totenmaske, vergoldete Throne oder ein Punkstreitwagen. Im Grab des Tutenchamun im Tal der Könige, 1922 entdeckt, befindet sich unter den über 5.400 Grabbeigaben auch mehrere Paare Sandalen.[1] Sie zeigen eine für die ägyptische Kultur, Religion und Politik zentrale Vorstellung vom Jenseits als ungebrochene Fortsetzung der Herrschaft und Macht des Diesseits. Die königlichen Sandalen zieren auf der Innenseite, im Fußbett, je zwei an Händen und Füßen gefesselte, nackte Gefangene. Sie sind an Gesicht, Haartracht und Hautfarbe deutlich als Ausländer zu erkennen. Sie stellen einen Nubier und einen Asiaten dar. Die beiden stehen für Ägyptens südliches und nördliche Nachbarn. Darüber und darunter – dort, wo Ferse, Fußballen und Zehen auftreten – sind je vier stilisierte Kriegsbögen abgebildet. Auf die gefesselten Feinde und die Waffen setzt der Gottessohn bei buchstäblich jedem Schritt seine Füße. Diese Sandalen sind keine Freizeitbekleidung, sondern gehören zur königlichen Dienstuniform.

Abb.: Erwin Müller Schneider, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons
II. Nichts neues unter der Sonne
Der Pharao tritt seine Feinde mit Füßen. Ob Gottes Stellvertreter auf Erden dafür über Leichen geht? Wahrscheinlich. Was seine Macht kennzeichnet, setzt sich nach seinem Tod fort.
Mir kommt das bekannt vor. Herrscher bestimmen heute das Weltgeschehen, die zwar gewählt worden sind, aber ihren Machtbereich in Richtung Diktatur entwickeln. Einer geht dafür schon längst über Leichen. Beide bemühen sich um religiöse Weihen. Der eine lässt seinen Krieg vom Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche rechtfertigen und huldigen. So jedenfalls deutete es Jacques Tilly im Düsseldorfer Karnevalszug 2024. Dem Wagenbauer wird inzwischen dafür in Moskau der Prozess gemacht. Der andere überlebte im letzten Wahlkampf ein Attentat und stellte sich danach als Gott gesandter Retter da, als Messias. Aber das sich solche Macht gottgewollt auf ewig fortsetzen wird? Hoffentlich nicht.
III. Ein unglaubliches Ereignis mit Folgen
Der Gottessohn ist früh gestorben. Drei Tage nach seinem Tod ist sein Grab leer. So steht es in der Bibel. Eigenartig. Keiner war dabei. Keiner hat es gesehen. Aber es wird erst erzählt, dann aufgeschrieben. Von überraschenden Begegnungen mit diesem Gottessohn und Retter, allerdings in einem eher überschaubaren Rahmen. Von einer guten Nachricht: Jesus Christus lebt. Das wird Kreise ziehen. Einer, der so denkt, ist Paulus. Er blickt darauf zurück, was andere und zuletzt er selbst erlebt haben. Davon schreibt an jene, die selbst den auferstandenen Jesus nicht gesehen haben und nur hören können, wovon andere reden. In seinem 1. Brief an die Gemeinde in Korinth führt Paulus aus:
1.Kor 15,20–28 (BasisBibel)
20 Nun ist Christus aber vom Tod auferweckt worden, und zwar als Erster der Verstorbenen. 21 Denn durch einen Menschen kam der Tod in die Welt. So bringt auch ein Mensch die Auferstehung der Toten. 22 Weil wir mit Adam verbunden sind, müssen wir alle sterben. Weil wir aber mit Christus verbunden sind, werden wir alle lebendig gemacht. 23 Das geschieht für jeden nach dem Platz, den Gott für ihn bestimmt hat: Als Erster wird Christus auferweckt. Danach, wenn er wiederkommt, folgen alle, die zu ihm gehören. 24 Dann kommt das Ende: Christus übergibt Gott, dem Vater, seine Herrschaft. Zuvor wird jede andere Herrschaft, jede Gewalt und jede Macht vernichtet. 25 Denn Christus muss so lange herrschen, bis Gott ihm alle seine Feinde zu Füßen gelegt hat (Psalm 110,1). 26 Der letzte Feind, den er vernichten wird, ist der Tod. 27 Denn alles hat Gott ihm zu Füßen gelegt (Psalm 8,7). Das bedeutet: Alles ist ihm unterworfen. Eines ist jedoch offenkundig: Davon ist der ausgenommen, der ihm alles unterworfen hat – Gott. 28 Sobald ihm nun alles unterworfen ist, wird auch der Sohn selbst sich unterwerfen: Er wird sich Gott unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat. Das geschieht, damit Gott alles umfasst und in allem gegenwärtig ist.
IV. Fahrplan
Jesus ist der Erste, der den Tod überlebt hat. Andere werden folgen. Wir werden folgen. Darin liegt für Paulus die Bedeutung von Ostern. Die Auferstehung der Toten hat begonnen. Jesus ist der erste neue Mensch.
Weil wir mit Adam verbunden sind,
müssen wir alle sterben.
Weil wir aber mit Christus verbunden sind,
werden wir alle lebendig gemacht.
Wir sind sterblich, wie alle Menschen. Jedes Leben ist endlich, begrenzt. So wie es die Bibel in den ersten Kapiteln erzählt. Aber Christus sorgt dafür, dass wir lebendig gemacht werden. Das ist neu, kaum zu glauben und doch prägend für den Glauben, für den Paulus unterwegs ist.
Damit verbunden sind hohe Erwartungen an Gott. Paulus skizziert eine Art Fahrplan, wie Gott den Tod endgültig besiegen und welche Rolle Jesus dabei spielen wird. Herrschaft, Macht und Gewalt werden verschwinden. Dafür wird Jesus sorgen, wenn er wiederkommt. Jesus wird alle Herrschaft, Macht und Gewalt Gott zu Füßen legen. Die Macht von Diktatoren, ebenso wie alles, was Menschen davon abhält, das zu tun, was zukunftsweisend ist. Das Dilemma, auf Kosten anderen Lebens leben zu müssen. Endliche Ressourcen verbrauchen und diese Erde mit Füßen zu treten. Alles vorbei.
Zum Schluss ist der Tod an der Reihe. Tot ist am Ende nur der Tod. Das ist Chefsache. Dafür wird Gott selbst sorgen. Das Beste kommt zum Schluss. Zukunftsmusik, weit über den Tag hinaus: Womit Menschen sich und anderen das Leben zur Hölle machen. Es wird verschwinden. Kriege und ihre Folgen. Sie werden verschwinden. Waffen mit unvorstellbarer Zerstörungskraft. Sie werden verschwinden. Menschen ausgrenzen, Hass verbreiten, zu Gewalt aufrufen. Es wird verschwinden.
Was Menschen belastet, erdrückt, leiden lässt – das alles wird Vergangenheit sein. Paulus fasst es zusammen mit „jede Herrschaft, jede Macht und jede Gewalt“, außer der des Auferstanden. Er ringt um Hoffnungsbilder angesichts der Gegenwart des Todes. Damit reiht sich Paulus ein in gute biblische Tradition.
Herrschaft, Macht und Gewalt, die diese Welt jetzt prägen – weg damit. Wie es dann werden wird? Das ist schwer vorstellbar. Wie es werden wird, wenn der Tod besiegt und Gott unterworfen ist? Es wird gut werden, so viel ist sicher. Das ist die Ziellinie. Der Start war Ostern. Das schließt Hoffnung ein, die Paulus mit Jesus verbindet. Sie geht über dieses Leben hinaus und wird erst erfüllt sein, wenn Gott „alles in allem“ sein wird.
V. Dazwischen
„Man muss sagen, er war eigentlich ein armer Junge.“ So äußerte sich einer der Forscher, die die Todes- und Lebensumstände des Pharaos Tutenchamuns mit neuen genetischen und bildgebenden medizinischen Verfahren untersucht haben.[2]
Der früh verstorbene Pharao litt an einer Krankheit, die zu einem sogenannten Klumpfuß am linken Bein geführt hat. Das lässt sich an seiner Mumie nachweisen. Unter den Grabbeigaben finden sich mehrere Gehstöcke, außerdem orthopädisch verstärkte Sandalen. Es muss getrampelt werden, auch wenn die Füße schmerzen. Ein Hinweis darauf, dass solche Herrscher nicht nur anderen, sondern zuerst und zuletzt sich selbst schaden.
Erstaunlich, dass es bei Jesus anders ist. Das ist kaum denkbar und ebenso schwer lässt es sich beschreiben. Paulus verwendet dafür ein Wort, das leider aus anderen Zusammenhägen nur allzu bekannt ist: „unterwerfen“ bzw. „sich unterwerfen“. Anders kann er das Ende des Todes und der ihm zuarbeitenden Mächte nicht ausdrücken.
Paulus schreibt über Jesus Christus, dem vor dem Tod rettenden Gottessohn:
28 Sobald ihm nun alles unterworfen ist,
wird auch der Sohn selbst sich unterwerfen:
Er wird sich Gott unterwerfen,
der ihm alles unterworfen hat.
Dann der letzte Satz, der das Ziel beschreibt. Paulus teilt den Glauben, dass das, was kommen wird, ganz anders ist als das, was das Leben jetzt prägt:
Das geschieht,
damit Gott alles umfasst und in allem gegenwärtig ist.
Gott überall – jede Macht ist überflüssig, keiner da, der unterwirft oder unterworfen wird. Das Jenseits, das ewige Leben – so unvorstellbar anders als das Diesseits, als dieses Leben.
Das deutet sich Ostern an. Der Auferstandene verlangt keine Unterwerfung, sondern stellt Menschen, die ihm begegnen, auf die Füße. Christus setzt sie in Bewegung. Um das weiterzutragen, was sie erfahren haben. Um sich davon verbinden zu lassen. So wie die Frauen, die ihm am Grab zuerst begegnen.
Amen.
Liedvorschlag:
EG 165,1.5–7 (Gott ist gegenwärtig; nach der Predigt)
Fürbitten:
Lebendiger Gott,
du besiegst den Tod.
Wir bitten dich:
Tritt der Macht entgegen,
die der Tod noch hat.
Widersprich Hass,
der andere abschreibt.
Heile Krankheit,
die Leben einschnürt.
Zerbrich die Kriegsbögen der Diktatoren,
die über Leichen gehen.
Gott, Ostern muss es werden.
Damit geschieht,
was so undenkbar, so schwer und doch so nötig ist:
Schritte zum Frieden im Kriegsgebiet.
Die Welt mit anderen Augen als den eigenen sehen.
Wahrnehmen, was im Dunkeln liegt.
Berge die Menschen,
von denen wir Abschied nehmen mussten,
in deiner Hand.
Tröste die, die um sie trauern.
Hilf uns glauben:
Du bist stärker als der Tod.
Das bitten wir dich im Namen Jesu Christi,
den du auferweckt hast,
damit wir leben werden.
Amen.
Pfarrer Dr. Christoph Kock
Wesel
E-Mail: christoph.kock@ekir.de
Dr. Christoph Kock, geb. 1967, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland. Seit 2007 Pfarrer an der Friedenskirche in der Evangelischen Kirchengemeinde Wesel.
Fussnoten:
[1] Erwin Müller Schneider, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons
[2] https://www.selket.de/pharaonen/tutanchamun/ [abgerufen am 18.02.2026].