1. Mose 2,4b–15(18–25)

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15. So. n. Trinitatis | 13. September 2026 | 1. Mose 2,4b–15(18–25) Rainer Stahl

 

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit Euch allen!“

Liebe Leserinnen! Liebe Leser!
Liebe Schwestern und Brüder!

Zuerst muss ich daran erinnern, dass ich bei Ihnen – den Göttinger Predigten im Internet – zu Genesis / 1. Mose 2,4bff für den 28. September 2014, damals auch der 15. Sonntag nach Trinitatis, schon eine Predigt geliefert hatte. Jetzt stelle ich mich dieser Aufgabe bei einer veränderten Voraussetzung: Denn wie im Jahr 2021 werden auch die Verse 10-14 und 18-25 als Angebot benannt. Aus diesem Angebot will ich die Verse 18-25 aufnehmen und biete sie Ihnen – liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Schwestern und Brüder – entsprechend der Lutherübersetzung, revidiert 2017:

18a„Und Gott der HERR sprach:
»Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei;
18bich will eine Hilfe machen, die ihm entspricht.«
19aUnd Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe wie er sie nennte;
19bdenn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen.
20aUnd der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen;
20baber für den Menschen wurde keine Hilfe gefunden, die ihm entsprach.
21aDa ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein.
21bUnd er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch.
22aUnd Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm,
22bund brachte sie zu ihm / zum Menschen.
23aDa sprach der Mensch: »Die ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch;
23bman wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist.
24aDarum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen
24bund seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch.«
25aUnd sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau,
25bund schämten sich nicht.“[1]

Wenn ich das richtig verstanden hatte, dann kann ich berichten, dass meine Eltern überlegten, ob sie bei der Hochzeit den Nachnamen der Frau, meiner späteren Mutter, als gemeinsamen Nachnamen wählen könnten. Also nicht: „Stahl“, sondern „von Lengerke“. Aber das war damals, im Jahr 1950, nicht möglich. Jetzt aber ist eine solche Entscheidung möglich[2]: Also den Nachnamen der Frau als gemeinsamen Nachnamen zu wählen, oder eine Kombination beider Nachnamen zu wählen.

Damit würde sich doch ganz eindeutigen zeigen, dass der Mann in die Familie der Frau einzutreten bereit ist:

24a „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen
24b und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch.“

Aber noch ein weiterer Gedanke hat sich bei mir eingestellt: Müsste die Szene mit einer Rippe des Mannes nicht auch ganz anders erzählt werden – als eine Szene mit einer Rippe der Frau?! Ich bilde mir ein, dass ich vor Jahrzehnten gelernt hatte, dass dieses Nehmen einer Rippe und danach das Schließen ihrer Stelle mit Fleisch eine Anspielung darauf ist, dass die unteren Rippenbögen in der Mitte vorne eine freie Stelle für den Bauch lassen. Diese freie Stelle sei durch diesen bildhaften Eingriff geschaffen worden. Aber: Es muss doch gelten, dass der Skelettbau der Frauen genauso ist. Die judäischen Verfasser im Exil in Babylonien hätten unsere Schöpfungserzählung doch auch so erzählen können:

18a„Und Gott der HERR sprach:
»Es ist nicht gut, dass das Menschenwesen allein sei;
18bich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.« […]
21aDa ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf das Menschenwesen, und es schlief ein.
21bUnd er nahm eine seiner / ihrer Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch.
22aUnd Gott der HERR baute einen Mann aus der Rippe, die er von dem Menschenwesen nahm,
22bund brachte ihn zum Menschenwesen.
23aDa sprach das Menschenwesen: »Der ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch;
23bman wird ihn Isch / Mann nennen, weil er vom Menschenwesen genommen ist.
24aDarum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen
24bund seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch.«“

Ob Sie, liebe Leserinnen, liebe Leser und liebe Schwestern und Brüder, bei dieser Neufassung unserer Schöpfungserzählung mitgehen könnten? Sie merken, dass ich versucht habe, aus der Aussage in Vers 24 die notwendige Konsequenz zu ziehen. Beide – Mann und Frau – werden immer vom Partner oder von der Partnerin sagen: „Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“ (Vers 23).

Außerdem gibt es eine Bestätigung für meine These: Schon lange denke ich, dass es im Kreis der Judäer im babylonischen Exil eine Art „Think Tank“ gegeben haben muss, eine „Denkschule“, in der verschiedene Traditionen nebeneinander und miteinander gearbeitet hatten. Einer dieser „Denkschulen“ verdanken wir unser Schöpfungserzählung. Aber einer anderen – der „priesterschriftlichen Denkschule“ – verdanken wir die Schöpfungserzählung, die jetzt in Genesis / 1. Mose 1,1 – 2,4a erhalten ist. In ihr wird von Anfang an von uns Menschen als von paarweisen Teams, die sich jeweils aus einem männlichen und einem weiblichen Individuum zusammensetzen, berichtet:

26a „Und Gott sprach: »Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei,
26b die da herrschen über die Fische im Meer […].«
27a Und Gott schuf den Menschen / die Menschheit zu seinem Bilde,
zum Bilde Gottes schuf er ihn / schuf er sie;
27b und schuf sie als Mann und Frau.“

Hier haben wir doch das Beispiel dafür, dass die Denker im Exil vom Menschen nur als Gemeinschaft weiblicher und männlicher Individuen reden konnten!

Eine in Deutschland verbotene, in anderen Ländern aber mögliche Praxis hat für mich die wechselseitigen Dimensionen und die eindeutige Grundlage für das Entstehen von Kindern eindeutig gemacht: die Leihmutterschaft.

Zuerst demonstriert sie eindeutig, was in unserer Welt – in der von Gott geschaffenen Welt – ganz klar ist: Kinder, Nachkommen können nur durch die Verbindung von Mann und Frau ermöglicht werden. Bei einem gleichgeschlechtlichen Paar, bei dem Kinder nicht entstehen können, braucht es des Einsatzes einer Leihmutter und des Engagements eines Leihvaters. Wenn beide miteinander agieren – in einer für die judäischen Verfasser unserer Schöpfungserzählung völlig unvorstellbaren Aktivität – kann ein Kind entstehen, sich entwickeln, geboren werden, wachsen und groß werden.

Die vielfältigen juristischen und ethischen Dimensionen dieser Herausforderung kann ich nicht sorgfältig darstellen und evtl. sogar zu Lösungen führen. Nur ein Gedanke ist mir wichtig, weil wir mit einem alttestamentlichen Text ringen: „Der Bonner Ethiker Hartmut Kreß […] hält das ’strikte Nein‘ der evangelischen Kirchen für diskussionsfähig und verweist auf biblische Motive wie die Geschichte um Abraham, Sara und Hagar sowie auf das Judentum, das Leihmutterschaft religiös nicht verurteilt“.[3] Diesen interessanten Hinweis auf Abraham darf ich etwas konkreter gestalten: Ich verweise auf Genesis / 1. Mose 16,7–16, wo der Magd Hagar der Sohn des Abraham geboren wird: nämlich Ismael. Und ich verweise auf Genesis / 1. Mose 18,9-15; 21,1-7, wo es um die Geburt des Sohnes von Abraham und seiner Frau Sara geht: nämlich Isaak.

Ich meine, dass wir von dieser Herausforderung her erkennen können, wie weise die Welt – auch die Welt von uns Menschen – von Gott geordnet ist: Wenn Männer für die Befruchtung einer Eizelle ihre Spermien zur Verfügung stellen, begeben sie sich in die Bindung an das neue Leben. Wenn sie aber nach der Geburt des Kindes oftmals gar nicht mehr als die Väter beachtet werden, müssen sie schweres Leid verarbeiten. Wenn Frauen ihren Leib für die Befruchtung einer Eizelle und zum Wachsen eines Kindes zur Verfügung stellen, begeben auch sie sich in die Bindung an das neue Leben. Wenn sie aber nach der Geburt das neue Kind, das sie über neun Monate als ihr Kind erspürt hatten, weggeben müssen, müssen sie schweres Leid verarbeiten. Möge also immer alles bei Achtung beider betroffenen Menschen verarbeitet werden. Möge dem Kind immer eine offensichtliche und feste Zugehörigkeit zum Elternpaar – auch zum Leihvater oder auch zur Leihmutter – gelingen!

Amen.


„Und der Friede Gottes,
der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn!“


Predigtlied: EG 207,1–3 – „Nun schreib ins Buch des Lebens, Herr, ihre Namen ein […].“


Verfasst von:
Dr. Rainer Stahl, Erlangen


Fussnoten:

[1] In bewährter Weise habe ich die Verse präzise orientiert am Atnach auf a und b aufgeteilt.
[2] Ich verweise auf zwei Seiten im Internet: www.bmjv.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2025/0429_Namensrecht.html : Seit dem 1. Mai 2025 ermöglicht das Namensrecht Doppelnamen für Ehepaare und Kinder (Zugriff am 4.7.2026).
www.anwalt.org/namensänderung-nach-hochzeit/ : „Ehepaare können einen gemeinsamen Familiennamen bestimmen. Dieser kann entweder aus dem der Frau bis zur Eheschließung geführten Namen bestehen oder aus dem des Mannes“ (Zugriff am 4.7.2026).
[3] Vgl. „Zwischen Verbot und Wirklichkeit. Der Rücktritt von Jens Spahn hat die Debatte um die Leihmutterschaft neu entfacht: Recht, Ethik, Positionen der Kirchen“, in: Glaube + Heimat, Mitteldeutsche Kirchenzeitung, Nr. 32, 2. August 2026, S. 6.