1. Mose 2,4b–9.15.18–25
Was ist der Mensch? | 15. Sonntag nach Trinitatis | 13. September 2026 | 1. Mose 2,4b–9.15.18–25 | Friedrich Schmidt-Roscher |
Liebe Schwestern und Brüder,
in unserer Gemeinde gibt es einen Presbyter, der manchmal schmunzelnd erzählt: „Ich bin mit halb Haßloch verwandt und die übrige Hälfte kenne ich auch gut.“
Die Botschaft der Bibel ist noch radikaler und grundsätzlicher. Menschen sind miteinander verwandt. Wir sind alle Kinder des ersten Menschenpaares auf dieser Erde. So gesehen sind wir alle Geschwister. Doch hören wir die Geschichte aus dem 1. Buch Mose 2,4ff selbst.
1. Mose 2, 4–9.15.18–25
Was ist der Mensch?
I.
Sie kennen bestimmt solche Zeitgenossen, die diese biblische Erzählung als Beispiel nehmen, um deutlich zu machen, wie altmodisch und unwissenschaftlich die Bibel ist. Sie spotten dann über die Erzählung und sagen: „Es ist doch wissenschaftlich erwiesen, dass der Mensch vom Affen abstammt.“
Meistens schweige ich und schaue die Leute ganz genau an. Dann sage ich lächelnd: „Für mich sind Menschen Kinder Gottes, aber wenn Sie auf ihre Verwandtschaft zu den Affen unbedingt bestehen …“
Die Frage, wer wir Menschen sind, kann auf verschiedenen Wegen beantwortet werden. Manchmal ist es sinnvoll, den Menschen wissenschaftlich zu untersuchen, die biochemische Funktionsweise unseres Körpers zu erforschen oder die DNA zu entschlüsseln. Ich lese mit Interesse, wie in der Paläontologie die Ursprünge der Menschen gedeutet werden.
Doch es gibt noch einen anderen Zugang zur Wirklichkeit des Menschen. Das sind die alten Erzählungen, so wie diese biblische Erzählung. Auch diese Geschichte über die ersten Menschen will uns erklären, wer wir sind. Aber sie leistet noch etwas mehr als die biologische oder archäologische Erforschung des Menschen. Sie sagt aus, wozu wir auf dieser Erde sind, was unsere Aufgabe ist.
Der erste Mensch heißt in der Bibel „Adam“. Das ist kein Vorname wie Klaus oder Leon. Es ist eine Ableitung aus dem hebräischen Wort „Adama“, das Erdboden bedeutet. Die Erzählung will damit klar machen, dass wir „Erdlinge“ ganz irdisch sind. Als Menschen sind wir Teil dieser Erde. Gott schafft Menschen aus Erdenstaub. Im Grunde entspricht diese Erzählung den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen über den Menschen. Wir sind ein Teil der Erde und ganz irdisch und damit auch vergänglich.
Doch lebendig werden wir erst durch den Atem, den Gott dem Erdling einhaucht. Dieser Lebenshauch verbindet uns mit dem lebendigen Gott. Jeder Mensch ist so mit seinem Atem mit Gott verbunden – ob er davon weiß oder nicht.
Mir gefällt diese Beschreibung unseres Mensch-Seins. Ich bin ein Teil der Erde und doch auch durch den Lebensatem mit Gott verbunden. Das gilt für alle Menschen, unabhängig ihrer Religion, unabhängig ihrer Herkunft, unabhängig ihres Aussehens oder ihrer Fähigkeiten. Wir sind als Menschen ganz von dieser Welt, aber eben auch mit Gott verbunden. Ist das nicht eine großartige Bestimmung von uns Menschen?
II.
Gott setzt den Erdling in einen schönen Garten. Er soll diese Erde bebauen und bewahren. Menschen haben von Anfang an auf dieser Erde einen Auftrag.
Menschen, die gerne hier in der Pfalz wandern gehen, erleben, wie schön die Erde ist und was für ein Genuss es sein kann hier zu leben. Auch wer eine Rieslingschorle schlürft oder ein Stück „Quetschekuchen“ isst, kann die Schönheit genießen.
Freilich sehen wir auch, wie viel Arbeit und Mühe darin steckt. Wer eine Terrasse mit Pflanzen hat, ein Hochbeet oder einen Schrebergarten, der weiß, wie viel Arbeit im Pflanzen und Hegen steckt. Noch deutlicher sehen Bäuerinnen oder Winzer die Schafferei, die hinter einer guten Ernte steckt.
Es ist auch ein Zeichen von Gottes Güte, dass die Erde Blüten und Früchte hervorbringt und wir Trauben oder Pflaumen genießen können. Dass wir im Sommer und Herbst ernten können, ist immer ein Zusammenspiel von menschlicher Arbeit und ein Zeichen von Gottes Güte.
In diesem Jahr erleben wir eine bedrückende Hitze und eine große Dürre. Mir macht das große Sorgen. Für mich sind das erste Anzeichen der massiven Veränderungen durch die Klimaerwärmung. Wir dürfen nicht nachlassen, den Auftrag, den Gott uns Menschen gegeben hat, diese Erde zu bebauen und zu bewahren, ernst zu nehmen. Gott hat uns Menschen diese Erde anvertraut, damit wir als seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitwirken und schaffen, sodass die Erde bewahrt wird.
III.
Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Das ist für mich ein ganz zentraler Satz aus dieser Erzählung. Menschen sind von Anfang an zur Gemeinschaft angelegt. Der Mensch braucht jemanden, der ihm entspricht und der ihm hilfreich zur Seite steht und manchmal auch die Hand hält.
Vergessen wir diese einfache Erkenntnis manchmal in Zeiten des Individualismus? Liegt in dieser Vergesslichkeit begründet, warum sich manche Menschen einsam fühlen?
Biblische Erzählungen haben oft einen feinen Humor. Das erkenne ich darin, dass Gott zunächst überlegt, ob der Mensch nicht in den Tieren ein lebendiges Wesen finden könnte, das ihm entspricht und für ihn da ist. So darf der erste Erdling den verschiedenen Tierarten einen Namen geben. Doch am Ende ist kein Tier geeignet, eine Hilfe zu sein, die Menschen entspricht.
Einige von Ihnen haben sicherlich Haustiere, die fast schon ein Familienmitglied sind. Wir haben auch einen kleinen Hund, der mit seinem kuscheligen Fell und seinen treuherzigen Augen für alle Familienmitglieder eine große Bedeutung hat – nur Gassigehen will nicht immer jeder.
Doch Katzen oder Hunde können uns Menschen nicht entsprechen. Denn sie bleiben immer abhängig von uns. Auch wenn sie manchmal verhätschelt oder vermenschlicht werden, werden sie keine Partner auf Augenhöhe. Ich verstehe, dass Tiere für einsame Menschen eine große Rolle spielen können, auch als Begleiter. Doch sie können menschliche Nähe und vertrauensvolle Gespräche eben nicht ersetzen.
IV.
Nachdem dieser erste Versuch Gottes, für den Menschen eine Entsprechung zu finden, gescheitert ist, kommt ein zweiter Versuch. Sie alle kennen die Erzählung von der Rippe und der Erschaffung der Frau. Es gibt immer wieder Witze über diesen Text, die zeigen, wie nachhaltig die Erzählung unsere Kultur geprägt hat.
Eine Sache möchte ich ganz klar abräumen. Dass die weibliche Entsprechung und Hilfe erst nach dem männlich gelesenen Menschen geschaffen wurde, bedeutet keine nachrangige Wertigkeit. Manche Theologen, die daraus ableiten wollten, dass Männer mehr wert seien als Frauen, haben den Sinn der biblischen Erzählung schlicht verfehlt.
Dass Frau und Mann aus einem Fleisch sind, will vielmehr die Verbundenheit eines Paares erklären. Zwei Menschen, die herzlich verbunden sind und sich umarmen, haben in diesen glücklichen Augenblicken das Gefühl, ein gemeinsamer Mensch, eben ein Fleisch zu sein. Dieses leibliche Glück, das zwischen Frau und Mann in der Liebe Wirklichkeit werden kann, das beschreibt die Erzählung. Gott nimmt einen Teil aus dem Leib des Menschen und baut daraus eine Entsprechung. Sie soll seine Hilfe und seine Begleitung sein.
Bei Platon gibt es im Gastmahl eine ganz ähnliche Erzählung, die erklären will, warum sich liebende Menschen so stark verbunden fühlen, dass sie wie ein Fleisch sind. Dort wird erzählt, dass Menschen ursprünglich kugelig waren und vier Beine und vier Arme hatten. Ein zorniger Gott hat die Menschen geteilt. Die sind nun ein Leben lang auf der Suche nach der passenden Hälfte, um wieder die ursprüngliche Einheit zu erleben.
Ein ganz ähnlicher Gedanke zeigt sich in der Schöpfungserzählung der Bibel. Sie versucht, die körperliche Verbundenheit zwischen zwei liebenden Menschen damit zu erklären, dass der eine aus dem Fleisch des anderen entstanden sei.
V.
In der Erzählung aus dem 1. Buch Mose erleben wir einen Gott, der sehr menschlich daherkommt. Er schlendert durch seinen Garten. Gott werkelt wie ein Töpfer, wenn er den Menschen baut. Er braucht manchmal mehrere Versuche, bis das Vorhaben gelingt. Manches wirkt auf moderne Menschen fast ein wenig naiv.
Ich sehe darin einen Gott, der sich dem Menschen wirklich zuwendet. Ein Gott, der für den Menschen da ist und möchte, dass der ein gutes Leben führt. Das kann nur gelingen, wenn Menschen sehen, dass sie einen Auftrag haben. Das gelingt auch besser, wenn wir wissen, dass wir gesellige Wesen sind und eine Entsprechung an unserer Seite brauchen.
Auch wenn ich die naturwissenschaftlichen Erklärungen zur Entstehungsgeschichte der Menschen mit Interesse verfolge, so finde ich doch die biblische Erzählung schöner. Sie macht nämlich deutlich, dass Menschen Kinder Gottes sind. Wir sind durch das gemeinsame erste Menschenpaar alle miteinander verwandt. Ganz gleich wie wir aussehen und wie wir leben. Das bleibt wichtig. Gerade heute. Amen.
Dr. Friedrich Schmidt-Roscher
Pfarrer in Prot. Kirchengemeinden Haßloch und Meckenheim in der Pfalz
Verheiratet, 3 erwachsene Kinder