1.Petrus 2,21b-25

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Unterm Schutzschirm von Sündenbock und Unschuldslamm | Misericordias Domini | 19.04.26 | 1.Petrus 2,21b-25 | Markus Kreis |

Da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; 22 er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; 23 der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; 24 der unsere Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. 25 Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

Dass die sich ohne Dolmetscher verstehen, ein Hirte und seine Schafe! Denn beide sprechen ohne Zweifel ihre eigene Sprache. Und diese Sprachen haben herzlich wenig miteinander zu tun. Und doch ist zu erkennen, dass es ein Verständnis zwischen beiden geben muss. Sonst würden Schafe einem Hirten nur wegrennen – zum Beispiel blind zur nächsten fetten Weide, die vor ihren Schafsaugen liegt, egal welche Gefahren da lauern, Giftpflanzen oder Raubtiere oder was auch immer. Stattdessen hören sie mindestens ab und an auf ihn und lassen sich von ihm leiten, sogar in Täler ohne Licht und Gras und Einöde ohne Wasser. Vielleicht liegt es daran, dass Hirten gescheiter sind als ihre Schafe. Sie können sich besser in die Gehirne und Sprache ihrer Schützlinge versetzen als ein Schaf in Sprache und Gehirn seines Gegenparts. Ein Hirte weiß besser über Schafe Bescheid als die über sich selbst.

Und ähnlich geht es zu zwischen Gott und seinen Geschöpfen, den Menschen. Zwei, die ihre eigene Sprache sprechen, und deren Sprache herzlich wenig mit der des anderen zu tun hat. Jesaja und Hesekiel, Elia und Mose, die Bibel berichtet davon: Manchmal herrscht da totale Stille, so sehr, dass ein Mensch dann nur noch sein Blut in den Adern leise rauschen hört, wenn überhaupt etwas. Alles bleibt stumm, auch Gottes Stimme. Oder es herrscht eine Lautstärke ohne jedes Maß, ohrenbetäubend. Als ob die Natur mit all ihren Katastrophen zum Konzert aufspielen würde. Sausen und Brausen, Sirren und Flirren, Knarzen und Donnern, mit und ohne Echo. Und es ist in der Welt zu sehen, dass da wohl null Verständnis zwischen Gott und Menschen herrschen muss. Die Menschen fluten den Handelsplatz, der ihren gierigen Augen irgendeinen Gewinn verspricht. Oft unter Einsatz all ihrer Kräfte – in der Wirtschaft heißt das dann reißender Absatz, obwohl da geschubst und gedrückt wird. Wenn es nötig scheint, dann sogar mit Gewalt und Krieg. Und egal, welche Risiken und Gefahren sich darin verbergen mögen. Was kleingedruckt ist, das ist halt schwer zu lesen und zu verstehen – das da zwischen den Zeilen umso mehr, weil sogar gänzlich unsichtbar. Wie Infos, die selbst einem Geheimdienst verschlossen bleiben. Oder das Produkt des Handels ist von Grund auf verdorben oder hirnrissig. Oder die, die es anbieten, sind ihm gleich, nämlich verdorben und gerissen wie ein Schlitzohr. Mensch glaubt halt gerne, immer besser über sich und die Welt Bescheid zu wissen als jeder andere. Da kann Gott noch so allwissend, allmächtig und allgegenwärtig sein. Und erst recht wird der Mitmensch dann ins Abseits gestellt. Entweder weil man ihn eh für zu blöd und dumm hält und sich für schlauer. Oder weil er es als lästiger Konkurrent verdient, aus dem Feld geschlagen zu werden. Oder weil man seinen Erfolg beneidet und ihm missgünstig gesonnen ist.

Und trotzdem müssen Menschen der Sprache Gottes zuweilen richtig gut folgen und sie verstehen können. Sonst wäre der 23. Psalm kaum ausgedacht und versprachlicht worden. Sonst würden Hirten kaum eine so große Rolle in der Heiligen Schrift spielen. Mose musste auf der Flucht durch die Wüste als Nomade sowieso auf Gedeih und Verderb einer sein. Siehe zudem den Hüterbub David, der den Riesen besiegt hat, bei Jesu Geburt waren Hirten zugegen und laut Johannes hat sich Jesus selbst als solch einen gesehen. Es gibt also eine Art sprachliche Vorschule, in der wir Menschen mit der Sprache Gottes, die der unsrigen so fern ist, in Kontakt kommen und eingestimmt werden. Vielleicht gewinnen Menschen ein solches Wissen und Können durch andere Stimmen wie Gesang. Oder durch Musik mit recht gestimmten Instrumenten oder beidem zugleich. Oder was Gott in seiner Sprache mitteilt, verdolmetscht sich durch das, was von Jesus erzählt wird, all diese Szenen und Wortwechsel. Jesus litt wohl kaum an den Problemen, die sich den Menschen im Umgang mit Gott im Quellgrund der Sprache stellen. Er kannte sowohl die eine als auch die andere Sprache und Stimme und hatte beide drauf, wusste sich der ganzen Palette zu bedienen: Vom stummen wortlosen Verständnis bis hin zu Seufzen, Stammeln und Aufschreien. Dass Jesus in der sprachlichen Gestimmtheit Gottes lebte, davon redet auch der biblische Predigttext: Er hat gewusst, sich klar auszudrücken. Und wenn ihm unterstellt wurde, zu vieldeutig oder zu widersprüchlich zu formulieren, dann wurde später klar: Der Fehler im Verständnis lag in dem Vorurteil, das in den Ohren der Kläger erklang, hallte und herrschte, statt in Jesu Reaktion und Ansprache. Das Leben der Welt aus Gott wird Jesus recht geben und zustimmen. Weiter berichtet der Text: Wenn Jesus geschmäht worden ist, hat er darauf verzichtet, den anderen seinerseits niederzumachen. Wenn er bedroht und angegangen worden ist, hat er weder den starken Max und Maulhelden markiert geschweige denn selbst geschlagen.

Der Petrusbrief hält sich etwas bedeckt mit dem, was Jesus aktiv getan hat, wenn er angegriffen worden ist, sei es mit Schmähung oder Drohung, körperliche inklusive. Er formuliert eher passiv. Gelitten, heißt es nämlich in unserem Text, und, die Sache Gott anheimgestellt und überlassen. Hat er also einfach nichts gemacht? Nicht einmal etwas gesagt und geschwiegen? Nichts zu sagen ist ja auch eine Waffe. Das wusste früher jeder Untertan, der als Bittsteller bei einem Mächtigen vorstellig wurde und erst gar nicht zu seiner Rede antreten durfte. Manche durften vor den Chef und mussten trotz ihrer Rede gehen, ohne eine Antwort zu bekommen. Der Höflichkeit halber konnte und kann das natürlich auch in Form eines beredten Schweigens geschehen. Es wurden sozusagen viele Worte gemacht, um ein Schweigen zu verbergen. Nichts zu sagen ist eine Waffe, die heute gern als toxisches Schweigen bezeichnet wird, so jüngst Reinhard Haller, ein psychologischer Gutachter vor Gericht. Ich zitiere im Folgenden frei einige seiner Sätze aus seinem Interview mit der ZEIT. Es scheint zuerst etwas widersinnig, denn wahrscheinlich wurde noch nie in der Geschichte der Menschheit so viel kommuniziert, gequatscht und übereinander geredet wie heute. Und traditionell wird mit Schweigen eher Gutes verbunden: Wir sprechen vom andächtigen Schweigen, vom taktvollen, kreativen, ehrfürchtigen und mitfühlenden Schweigen. Von der Kraft der Stille. Und alles gipfelt in dem Sprichwort – Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. All dies Gute am Schweigen ist kaum ernstlich in Frage zu stellen. Aber es gibt auch andere Arten des Schweigens, die übrigens auch sehr beredt verschwiegen werden können. Diese wirken zerstörend, machen Beziehungen kaputt und greifen tief in das Gemüt von Menschen ein. Ja, können ein Leben so zurichten, dass Beschwiegene sich nur noch zu helfen wissen, indem sie wünschen, anderen Gewalt anzutun und zuweilen ihren Wunsch sogar wahr machen und in die Tat umsetzen. Statt so toxisch zu schweigen, hat Jesus aktiv wohl nur im guten Sinne geschwiegen wie eben zuvor genannt. Hat also mit und trotz seines Schweigens dem anderen bedeutet, ihn zu akzeptieren, ihm Raum und Zeit gegeben, sich zu besinnen, die fragliche Sache oder die Beziehung zu überdenken und sich von sich aus neu oder anders oder zu besinnen.

Was aber ging in Jesus im Stillen vor, was war in ihm aktiv, wenn er sehr hart angegangen worden ist? Was würde in Unsereins vorgehen. Gekränkter Stolz? Würde ich in Scham versinken, wenn sich in so einem Konflikt am Ende zeigen würde, dass man als der Schwächere geboren und ausgestattet worden ist. Oder statt aufs eigene Können und Wissen im Streitgang zu setzen, sich vor lauter Versagensangst gleich vom Acker zu machen oder zu schnell klein beizugeben. So wenig verkraftbar scheint eine Niederlage, dass einem ein Erfolg gleich ganz aus dem Blick gerät. Und das heißt folglich: Kampf dann nur, wenn einer sich für den sicheren Sieger hält? Statt im Hin und Her von Mut und Versagen einen Streit kampflos zu beenden, setzen manche Leute auch auf einen lucky punch. Die hoffen also, durch einen glücklichen Zufall gut aus einem Konflikt heraus zu kommen. In so einem Gemüt liegt gleich um die Ecke etwas auf der Lauer: Verzweiflung und Wissen um alte Fehler, die gesellen sich zur Hoffnung dazu. Denn wenn Lage und Situation eh schon für Misserfolg sprechen, die Phantasie jedoch sich einen guten Zufall zurecht gepinselt hat, im Stemmen dagegen – dann braucht es nur ein kleines, dunkles Anzeichen, und der schöne Traum fällt in sich zusammen, verläuft und verpufft ins Nichts. Ende Gelände, null Ausweg im finsteren Tal, wasserlose Einöd o weh, fette Weide ade.

Gekränkter Stolz, Versagensangst in Konflikten, enttäuschte oder verzweifelte Hoffnung, von all dem schien Jesus in seiner Gestimmtheit durch Gott kaum angefochten zu sein. Obwohl durch seinen Umgang mit den Menschen klar wird, dass ihm die feindlichen Paare der Gestimmtheit bewusst und zugegen waren: In aller Hoffnung meldet sich ihm auch Sehnsucht oder Verzweiflung. Jeder gute Erfolg geht einher mit Machtgier und Versagen, jeglicher berechtigte Stolz mit Schämen und Angeberei. Was ging in ihm vor und trieb ihn an, dass er mit diesen Stimmungen so gut umzugehen wusste? Geheimnis des Glaubens! Mir fehlt da eigentlich die Sprache für, um das auszudrücken. Die Gründe dazu habe ich ja genannt, bin halt nur ein Schaf. Ich probiere trotzdem ein Mäh Mäh und sage: Jesus war gleichmütig, oder besser gesagt gleichfreundlich. Also dem Leben gegenüber freundlich gesonnen, auch bezüglich dessen, was er selber getan und gelassen hat. Im Spüren von Gottes Wohlwollen ging mit seiner eigenen Fehlbarkeit freundlich um, statt sich von ihr vereinnahmen und festnageln zu lassen. Nur um dann trotzig zu werden, dass man auf alle Fälle recht behält. Und den Mitmenschen ist er zuerst und zunächst ohne Argwohn und Verdacht begegnet. Und wenn er sie dann mal kritisieren oder in Schranken weisen musste, dann war er zugleich barmherzig und vergebend. Hat also signalisiert, sie zu akzeptieren, ihnen Raum und Zeit zu geben, sich zu besinnen, die fragliche Sache oder die Beziehung zu überdenken und sich von sich aus neu oder anders zu besinnen. Das selber auch nur ansatzweise zu schaffen, erscheint sehr schwer, fast unmöglich. Und doch können wir von diesem Wohlwollen und Wohltun lernen und profitieren. Denn es gilt und wirkt auch bei schuldigen Versagern und Zweiflern und Missmutigen und Neidern. Das hat sich in Jesu Kreuz und Auferstehung als wirksam und tragfähig erwiesen. Wohl für uns, das Wehe über ihn, obgleich aus Gottes Spur hinaus, in Jesu Freudenbahn hinein. Mäh und Amen.


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