1. Thessalonicher 5,1-11
| Allzeit bereit – gemeinsam und lebensfroh | 3. letzter Sonntag des Kirchenjahres |
| 08. November 2026 | Predigt zu 1. Thessalonicher 5,1-11 | verfasst von Paul Wellauer |
| Psalmgebet im Wechsel | Psalm 44,1-5;24-27 I Hat Gott sein Volk verstossen?| Lutherbibel 2017*
1 Eine Unterweisung der Korachiter, vorzusingen.
I 2 Gott, wir haben mit unsern Ohren gehört, unsre Väter haben’s uns erzählt,
was du getan hast zu ihren Zeiten, vor alters.
II 3 Du hast mit deiner Hand die Völker vertrieben,
sie aber hast du eingesetzt; du hast die Nationen zerschlagen, sie aber hast du ausgebreitet.
I 4 Denn sie haben das Land nicht eingenommen durch ihr Schwert, und ihr Arm half ihnen nicht, sondern deine Rechte, dein Arm und das Licht deines Angesichts; denn du hattest Wohlgefallen an ihnen.
II 5 Du bist es, mein König und mein Gott, der du Jakob Hilfe verheissest.
I 24 Wach auf, Herr! Warum schläfst du? Werde wach und verstoss uns nicht für immer!
II 25 Warum verbirgst du dein Antlitz, vergissest unser Elend und unsre Drangsal?
I 26 Denn unsre Seele ist gebeugt zum Staube, unser Leib klebt am Boden.
II 27 Mache dich auf, hilf uns und erlöse uns um deiner Güte willen!
I+II Amen
| Lesung Predigttext | 1.Thessalonicher 5,1-11 | Leben im Vorschein der Zukunft| © Die Zürcher Bibel, 2007**
1 Über Zeiten und Fristen aber, liebe Brüder und Schwestern, braucht euch niemand zu belehren. 2 Ihr wisst ja selber genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. 3 Wenn die Leute sagen: Friede und Sicherheit, dann wird das Verderben so plötzlich über sie kommen wie die Wehen über die Schwangere, und es wird kein Entrinnen geben. 4 Ihr aber, liebe Brüder und Schwestern, lebt nicht in der Finsternis, so dass euch der Tag überraschen könnte wie ein Dieb. 5 Ihr seid ja alle ‚Söhne und Töchter des Lichts‘ und ‚Söhne und Töchter des Tages‘; wir gehören nicht der Nacht noch der Finsternis. 6 Lasst uns also nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein! 7 Wer schläft, schläft des Nachts, und wer sich betrinkt, ist des Nachts betrunken, 8 wir aber, die wir dem Tag gehören, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf Rettung. 9 Denn Gott hat uns nicht dazu bestimmt, dass wir dem Zorn verfallen, sondern dass wir die Rettung erlangen[1] durch unseren Herrn Jesus Christus, 10 der für uns gestorben ist, damit wir alle miteinander, ob wir nun wachen oder schlafen, zusammen mit ihm leben werden. 11 Deshalb: Redet einander zu und richtet euch gegenseitig auf, wie ihr es ja tut.
Selig ist jeder Mensch, der Gottes Wort hört, in seinem Herzen bewahrt und danach lebt. Amen
| Predigt | Allzeit bereit – gemeinsam und lebensfroh |
Liebe Gemeinde, liebe christliche Geschwister
Einigen von euch dürfte das Motto der Pfadfinder bekannt sein, das auch als Pfadfinder-Gruss gängig ist:
1. «Allzeit bereit!»
Gemeint ist damit, dass Pfadfinderinnen und Pfadfinder jederzeit bereit sein sollen, gemäss den Regeln der Pfadfinder zu leben. Das beinhaltet, anderen zu helfen, Verantwortung zu übernehmen, Sorge zu Natur und allem Leben zu tragen und einiges mehr. Und mit «allzeit bereit» soll auch deutlich werden, dass diese Regeln nicht bloss bei Anlässen der «Pfadi» Geltung haben, sondern jederzeit und überall.
Der Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Thessalonich ist mit grosser Wahrscheinlichkeit der erste Brief, den er an eine Gemeinde geschrieben hat. Die Gemeinde in Thessalonich ist gemäss Apostelgeschichte (17,1-10) die zweite Gemeinde, die Paulus auf seiner ersten Missionsreise wohl im Jahr 49 n.Chr. gegründet hat. Paulus will der jungen Gemeinde wesentliche Inhalte und Regeln der christlichen Botschaft in Erinnerung rufen, beantwortet Fragen und klärt Unsicherheiten. Eine Frage scheint zu sein: Wann «der Tag des Herrn» sein wird, der Moment, an welchem Jesus wiederkommt und das angefangene Gottesreich vollendet. Paulus verwendet denselben Vergleich für seine Antwort, wie Jesus selbst: «der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht.» (V2 / vgl. Matthäus 24,43) Sowohl Jesus wie Paulus möchten mit diesem Vergleich nicht Angst auslösen, sondern Spekulationen über den Zeitpunkt entgegentreten und die Nachfolger/-innen von Jesus dazu aufrufen, jederzeit für diesen Tag des Herrn bereit zu sein: Seid «allzeit bereit!»
Jesus erzählt als Verdeutlichung das Gleichnis von den 10 Jungfrauen (Matthäus 25,1-13), von denen die Hälfte gut vorbereitet ist für das Kommen des Bräutigams: Sie haben genügend Öl für ihre Lampen, um auch noch spät in der Nacht Licht zu haben. Die andere Hälfte der Jungfrauen ist ungenügend vorbereitet und wird ohne Öl in ihren Lampen nicht am Hochzeitsfest teilhaben. Die klugen Jungfrauen sind «allzeit bereit» und bestens vorbereitet für das Fest mit dem Bräutigam, mit dem Jesus gemeint ist.
Paulus verwendet andere Vergleiche, um den Mitgliedern der Gemeinde in Thessalonich Wachsamkeit und Bereitschaft in Erinnerung zu rufen: Wie eine schwangere Frau nicht im Voraus weiss, wann die Wehen einsetzen, können auch Christinnen und Christen nicht wissen, wann die Wehen der Endzeit zur Geburt führen. Allerdings gibt Paulus ein Erkennungszeichen bekannt: «Wenn die Leute sagen: Friede und Sicherheit, dann wird das Verderben so plötzlich über sie kommen, …»
Im kleinen Dorf, in dem ich meine Kindheit verbrachte, lebte eine Familie, welche zu den Zeugen Jehovas gehörte. Alle Bibeltexte mit Bezug zur Endzeit waren ihnen besonders geläufig. Wann immer irgendwo auf der Welt in einem kriegerischen Konflikt Rufe nach «Frieden und Sicherheit» laut wurden, frohlockte diese Familie, dass es nun nicht mehr lange ginge, bis Jesus wiederkommt. Wie ich die Botschaft von Jesus in Matthäus 24 und 25 und die Ausführungen von Paulus an die Gemeinde in Thessalonich verstehe, sollen wir genau solche Überlegungen nicht anstellen. Viel wichtiger ist das «Allzeit bereit!»: Jederzeit nüchtern und kritisch gegenüber Unkenrufen von Endzeitpropheten, allzeit bereit, als «Kinder des Lichts» zu leben und zu handeln, wach und aufmerksam, froh und hoffnungsvoll.
2. Kinder des Lichts – bekleidet mit Glauben, Liebe und Hoffnung
Zunächst ist dieser Begriff «Kinder des Lichts» eine wunderbare Zusage: Paulus sieht die Gemeindeglieder in Thessalonich als «Kinder des Lichts und Kinder des Tages», nüchtern und wach. Sie leben nicht oder nicht mehr in der Finsternis, sind weder schläfrig noch betrunken. Und sie haben ein beständiges, sicheres Gewand aus Glauben, Liebe und Hoffnung, ja, eine verlässliche Rüstung und einen Helm. Bei dem Einen und der Anderen von euch klingen wohl die Sätze von Paulus aus dem Brief an die Gemeinde in Ephesus an: Dort wird er die «geistliche Waffenrüstung» eines Christenmenschen noch weit ausführlicher beschreiben (Epheser 6,10-17). Ich empfehle gerne, den Text im Epheserbrief als Vertiefung und Weiterführung der knappen Beschreibung hier im Thessalonicherbrief zu lesen. Ich weiss von Mitchristinnen und -christen, die sich eine Beschreibung der geistlichen Waffenrüstung an ihren Badezimmerspiegel geheftet haben und sich beim Anziehen am Morgen die geistlichen Attribute der Waffenrüstung in Erinnerung rufen und symbolisch «anziehen».
Doch auch die drei Begriffe Glauben, Liebe und Hoffnung genügen für den Anfang. Dass diese als Rüstung angelegt werden sollen, erscheint uns wohl zunächst als ein Widerspruch in sich. Glauben und Liebe verbinden wir wohl eher mit offenen Armen und empfindsamen Herzen als mit einer Rüstung. Was aber ist die Funktion einer Rüstung? Sie schützt den Träger vor Angriffen mit Schwertern und Speeren, vor Knüppeln und anderen Waffen. Die christliche Gemeinde in Thessalonich und auch Paulus selbst erlebten gemäss den Berichten in der Apostelgeschichte von Beginn an Widerstände und Gewalt. Dagegen sollen sich die Christ/-innen schützen. Allerdings nicht mit «Angriffswaffen», sondern mit einer Ummantelung aus Liebe, Glauben und Hoffnung.
Jesus fordert seine Zuhörer/-innen in der Bergpredigt auf, Angreifern auch die andere Wange hinzuhalten (Matthäus 5,39) und dem Bösen keinen Widerstand zu leisten. Ganz ähnlich mahnt Paulus hier: «Gott hat uns nicht dazu bestimmt, dass wir dem Zorn verfallen.» Es soll ein Merkmal der «Kinder des Lichts» sein, dass sie Angriffen mit Liebe begegnen und auf die grösseren Ziele des Glaubens und der Hoffnung verweisen: «… dass wir die Rettung erlangen durch unseren Herrn Jesus Christus, …»
Tragischerweise werden auch in der heutigen Zeit viele Christinnen und Christen auf Grund ihres Glaubens angegriffen und an Leib und Leben bedroht. Vielen gelingt es, als «Kinder des Lichts» geduldig, beharrlich, getragen und umgeben von Glauben, Liebe und Hoffnung zu bestehen. Würden sie sich ihrerseits zu Zorn und Gewalt hinreissen lassen, würde dies einem Rückfall in die «Kindschaft der Nacht und Finsternis» gleichkommen. Ich bewundere diese Glaubensgeschwister für ihre Beharrlichkeit und ihren Glauben und sehe es als unsere Mitverantwortung, für sie zu beten und uns dafür einzusetzen, dass Glaubensfreiheit in allen Ländern als Menschenrecht wahrgenommen und umgesetzt wird.
Und wie reagieren wir, wenn wir für unseren Glauben belächelt oder kritisch hinterfragt werden: Gelingt es uns dann, unsere Reaktion in Liebe und Hoffnung einzukleiden, so dass auch bei Kritikern Glauben geweckt wird? Spürt unser Gegenüber dann, dass wir durch die Botschaft von Jesus Christus in grösseren Zusammenhängen denken und leben, über unser irdisches Dasein hinaus?
Paulus spricht mehrmals von Rettung als Ziel und Hoffnungspunkt unseres christlichen Glaubens. Unsere Mitmenschen ohne kirchliche Einbettung können mit diesem Begriff wohl wenig anfangen: «Wovor und wozu sollte ich gerettet werden? Ich fühle mich ganz sicher in meinem Leben – auch ohne euren Glauben.» Solche Aussagen unseres Gegenübers können das Gespräch über «Rettung» rasch beenden.
«Dass wir zusammen mit ihm – Jesus Christus – leben werden», über dieses irdische Leben hinaus, könnte eine Türe für weiterführende Gespräche öffnen. Die Frage: «Wie stellst du dir deine Perspektive nach diesem Leben vor?», kann ein spannendes Gespräch in Gang setzen. Wenn wir dann von unserer christlichen Hoffnung auf ein friedliches und frohes Leben in der engen Verbundenheit mit Jesus Christus und Gott in der Ewigkeit erzählen, kann dies Neugier und Interesse wecken.
Und einen letzten frohen Gedanken und Aufruf in diesem Abschnitt legt Paulus den Thessalonichern ans Herz:
3. Gemeinsam seid ihr stark!
«Redet einander zu und richtet euch gegenseitig auf, wie ihr es ja tut.» Als Kinder des Lichts Glauben, Liebe und Hoffnung zu leben, ist keine Einzelsportart, sondern ein Mannschaftssport. Jede und jeder ist auf die anderen angewiesen, alle haben ihren Beitrag zu leisten, gemeinsam sind wir stark, geduldig und ausdauernd. Und dazu gehört, dass sich Christen und Christinnen gegenseitig ermutigen, stärken und aufrichten.
Der Deutsche Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer hat seine Doktorarbeit der «Gemeinschaft der Heiligen»/ Sanctorum Communio gewidmet und darin ausführlich über die «Consolatio Fratrum», die gegenseitige Ermutigung, Ermahnung und Vergebungsbereitschaft der christlichen Geschwister geschrieben. Für sein geheimes theologisches Seminar war dies später von grösster Bedeutung. Sein Buch «Gemeinsames Leben» erzählt sehr eindrücklich und tiefsinnig davon. Bonhoeffer betont, dass für das christliche Leben beides von Bedeutung ist: Das «einsame Leben» und das «gemeinsame Leben». «Wer Gemeinschaft will ohne Alleinsein, der stürzt in die Leere der Worte und Gefühle, wer Alleinsein sucht ohne Gemeinschaft, der kommt im Abgrund der Eitelkeit, Selbstvernarrtheit und Verzweiflung um.» Oder positiv formuliert: In der Gemeinschaft bewährt und bewahrheitet sich, was man alleine vor Gott entdeckt, gelernt und erfahren hat. Und was man in der Gemeinschaft erlebt, soll man in der Stille vor Gott vertiefen und überdenken.
Ein afrikanisches Sprichwort sagt: «Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf.» Ähnliches gilt wohl für Gotteskinder, Kinder des Lichts: Wir lernen in der Gemeinschaft, vom Vorbild und Gegenüber des Mitchristen, der Mitchristin. Deshalb halte ich wenig vom Ausspruch: «Ich kann auch ohne Kirche Christ/-in sein.» Beiden Seiten geht zu viel verloren, wenn man sein christliches Leben alleine bestreiten will. Wo bleibt die gegenseitige Ermutigung und Stärkung, das gemeinsame Feiern und die Möglichkeit, miteinander Krisen durchzustehen? Und wie bereichert Glaube, Hoffnung und Liebe des Einzelgängers, der Einzelgängerin die Gemeinschaft der Kirche, wenn er oder sie für sich alleine lebt und glaubt?
«Redet einander zu und richtet euch gegenseitig auf, wie ihr es ja tut.» Paulus stellt fest, dass die Thessalonicher seinen weisen Rat bereits befolgen. So wird aus dem Rat ein Kompliment, eine Ermutigung und Bestätigung ihres Glaubensweges. Das führt mich zu der Frage: Wann hast du, wie haben Sie zuletzt einem christlichen Geschwister eine Ermutigung, ein Kompliment oder einen weisen Rat zugesprochen? Und umgekehrt: Wo durftest du erleben, dass du aufgerichtet wurdest, getröstet und gestärkt in der Gemeinschaft der «Kinder des Lichts»?
Seid «Allzeit bereit» als Kinder des Lichts und des Tages Glauben, Liebe und Hoffnung mit anderen zu teilen. Gemeinsam seid ihr stark! – Durch gegenseitige Ermutigung und Ermahnung, gemeinsames Feiern und Lasten tragen wächst und gedeiht Gottes Reich. Unsere Hoffnungsperspektive ist die Gemeinschaft mit dem auferstandenen Jesus Christus, hier schon und darüber hinaus in der Ewigkeit.
Amen
—
Liedvorschläge
ERG 510 O Gott, o Geist, o Licht des Lebens
ERG 795 Sonne der Gerechtigkeit
ERG 793 Herz und Herz vereint zusammen
ERG 798 So jemand spricht ich liebe Gott
ERG 829 Herr, gib mir Mut zum Brücken bauen
RW 75 Kraft der Auferstehung
RW 93 Lass die Worte, die ich sag
RW 101 Aufstehn, aufeinander zugehn
RW 102 Bis ans Ende der Welt
RW 103 Das wünsch ich dir
RW 122 This little light of mine
Literatur
*) Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
**) Die Zürcher Bibel, Ausgabe 2007, © Friedrich Reinhard Verlag Basel, & Theologischer Verlag, Zürich
ERG = Gesangbuch Evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz, © Friedrich Reinhard Verlag Basel, & Theologischer Verlag, Zürich 1998
RW = Rückenwind, Lieder für den Gottesdienst, Hrsg. Evang Landeskirche des Kantons Thurgau, Theologischer Verlag, Zürich2017
Pfr. Paul Wellauer, Bischofszell, Schweiz | Mail: paul.wellauer@internetkirche.ch
www.internetkirche.ch | www.internetkirche.ch/livestream | www.evang-tg.ch | @paulwellauerweber
Geb. 1967, Pfarrer und Mitglied im Kirchenrat der evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau, Schweiz. Seit 2009 in Bischofszell-Hauptwil, 1996-2009 in Zürich-Altstetten, davor 1993-1996 Seelsorger und Projektleiter im Sozialwerk Pfarrer Sieber, Zürich, www.swsieber.ch