1. Thessalonicher 5,1–6

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Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 08.11.2026 | Wir sind große Hinweiszeichen | 1. Thessalonicher 5,1–6 | Manfred Mielke |

Liebe Gemeinde,

haben Sie schon einmal einen Raum aufgeräumt nach einem Einbruch? Vor vielen Jahren rief die Sekretärin unserer Kirchengemeinde morgens an, als sie ihr Büro aufgebrochen vorfand. Zuerst kam die Spurensicherung, die mit dem großen Pinsel und dem schwarzen Pulver. Der Einbrecher hatte nur den kleinen Tresor erbeutet mit alten Stempeln und 137 Euro Bargeld, aber das Mobiliar hatte er reichlich verwüstet und der Einbruch hat uns menschlich tief verunsichert. Uns half dann das gemeinsame Aufräumen, den Übergriff allmählich zu verarbeiten. – So einen Einbruch benutzt der Apostel Paulus als Bild, um uns etwas in unserm Glauben zu klären. Er schreibt an die Christen in der Gemeinde von Thessalonich: „Von den Zeiten und Stunden aber, liebe Geschwister, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr -, dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau. Ihr aber, liebe Geschwister, seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.“ (1. Thess 5, 1-6)

Paulus appelliert zur Wachsamkeit und zur Nüchternheit. Doch seine erste Zeile lautet: „Es ist nicht nötig, euch zu schreiben; denn ihr selbst wisst genau…“ Merkwürdig, dass er schreibt, was er nicht schreiben müsste. Also geht es ihm nicht um staunenswerte Neuigkeiten, sondern um den Umgang mit bekannten Wahrheiten. Denn es gab wohl den Versuch, zum Thema „Christi Rückkehr“ Stoppschilder zu übersehen und Gewissheiten aufzulösen. Paulus warnt deutlich vor den Vertretern der Parole: „Es ist Friede, es hat keine Gefahr!“ Dagegen schreibt er: „Nein, der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Nutzt den helllichten Tag, euch angemessen vorzubereiten.“

Der Slogan „Es ist Friede, es hat keine Gefahr“ kommt nicht von der Thessalonicher Bürgerwehr, sie habe die Einbruchsquote gen Null gebracht. Der Slogan spielt vielmehr mit einer Übertragung auf Gott. Im Sinne von: „Unser Gott ist immer friedlich, er ist gänzlich ungefährlich! Falls er doch laut wird, besänftigen wir uns mit dem Spruch: „Hunde, die bellen, beißen nicht!“ – Aber kann der Friede Gottes trügerisch sein? Kann Gott auch charakterlich anders sein als ein „Nur-lieber-Gott?“ Sein Friede spielt doch sowieso in einer anderen Liga als die Garantien der NATO oder der USA und die falschen Friedens-Versprechen der Kriegsherren! Der Friede, der von Gott kommt, ist doch ursprungstreu und allesprägend. Deswegen bekennen wir: „Lasst euch versöhnen mit Gott! Christus hat Frieden gebracht! Der Friede Gottes sei mit Dir!“ Wieso hören wir zum Frieden Gottes jetzt eine Warnung; ja, sogar eine Bedrohung? Darauf brauchen wir eine Antwort.

Doch bevor wir sie aus dem Bibeltext heraushören, gehe ich noch einmal zum damaligen Einbruch zurück. Wir mussten eine Liste der Gegenstände anfertigen, die gestohlen oder zerstört waren, aber viele waren ja noch vorhanden und unbeschadet. Einige Dinge, die der Dieb nicht eingesackt hatte, sahen wir plötzlich in einem anderen Licht. Dazu ein Beispiel: Oben auf einem Aktenschrank lagerten Kartons mit Geschenkpapierrollen. Als wir die zur Seite räumten, fanden wir noch etwas Großes, das in Zeitung eingewickelt war. Es waren die historischen Zeiger unserer Turmuhr. Wir kannten die gar nicht, und der Dieb hatte sie übersehen. – Wir musterten sie. Groß und schwer, gold-angepinselt und rostig, versehen mit einem Kontergewicht. Ein kurzer für die Stunden, der in Armlänge für die Minuten. Fotos aus der Vorkriegszeit zeigen sie noch, im Wiederaufbau wurden sie wegmodernisiert. Wir fragten uns: Wo sollen die nun hin? Zum Altmetall? – Das kam nicht in Frage. Ins Archiv? – Das wäre zu schade. Als Wandschmuck im Gemeindehaus? – Eine gute Idee!

Auf diese Entscheidung möchte ich zu sprechen kommen. Wohin mit unseren Sachen, die ein Dieb uns übriglässt? Wie wichtig sind die uns noch? Das kann Schmuck sein, aber auch Mobiliar, das können Freundschaften sein oder auch Lebensqualität. Wir fühlen uns bisweilen bestohlen, materiell und mental, auch und gerade was unsere Lebenszeit betrifft. Viele Kinder entbehren eine fröhliche Kindheit, die Generation Z fühlt ihre Zukunft geplündert, die Alten staunen, wie schnell doch die Zeit vergeht. Auch wir Erwachsenen können die Zeit nicht festhalten, selbst wenn wir uns wie Charlie Chaplin an einer großen Turmuhr festklammern. Und doch behalten wir trotz eines Diebstahls etwas in Händen; hoffentlich unsere weitere Lebenszeit, mit vielem, was es wiederzuentdecken gibt. So auch beim „Tag des Herrn“. Dass er wie ein Dieb in der Nacht kommt, wissen wir genau. Was wir noch nicht wissen, ist, was uns als Bestohlene dann wichtig werden wird. Was wir nach dem Verlust wieder entdecken werden. – Eine erste Vermutung hören wir von Schwerkranken. Wenn ihre Krankheit unterbrochen wird, dann bezeugen sie: „Ich habe noch ein paar Jahre geschenkt bekommen!“ Einen zweiten Hinweis höre ich von Taufeltern, wenn sie sinngemäß sagen: „Die Geburt unseres Kindes war gefährlich, ab jetzt soll es der behüten, der es uns geschenkt hat!“ Wenn junge Leute ein Kind bekommen, empfinden sie zuerst einen Verlust an Hobby-Zeit und Party-Zeit, erst allmählich gewinnt die Freude über die Zeit mit dem kleinen Früchtchen die Oberhand.

So auch mit dem „Tag des Herrn“. Er kommt mit all seinen kriminellen Begleitumständen, aber er ist zugleich die Geburt einer neuen Ära. Denn wenn der Dieb sich davonschleicht, dann haben wir zwar ein Eigentumsdelikt erlitten, aber wir entdecken plötzlich den Wert dessen, was uns geblieben ist. Zum Beispiel, dass wir Gottes Eigentum sind, oder anders gesagt: Gottes Töchter und Söhne. Unsere Eigensicherung wurde uns geraubt, aber unsre Gewissheit wächst, dass wir unverbrüchlich Gottes Eigentum sind. Dazu sagt uns das Evangelium: „Leute, das haben wir noch vor uns, aber wir haben es auch schon hinter uns. Denn Christus hat uns aus dem Beutesack des Großen Diebes bereits herausgeholt.“- Christus hat diesen „Tag des Herrn“ bewusst vorweggenommen – in der Osternacht seiner Auferweckung. Er hat die Zeit ab Karfreitag dazu genutzt, unsere Eigentumsfrage in der Diebeshöhle geradezurücken. Für Dich und für mich und für alle seine Geschöpfe. Wir bekennen gemeinsam, dass Christus „zwar hinabgestiegen ist in das Reich des Todes, am dritten Tage aber auferstanden ist“. In mittelalterlichen Bildern hat er unterdessen seinem Widersacher die Fahne geklaut – als Zeichen seines Sieges. Denn er hatte ihm seine kurzzeitige Beute entrissen. Nicht nur der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht; Christus ist selbst einer, uns zugute. Unter normalen Halunken ist es vermutlich eine schlimme Blamage, ein bestohlener Dieb zu sein. Aber umso mehr ist unsre Rückeroberung durch Christus unsere Rettung. Aus einem kleinen Vorgang ohne Öffentlichkeit machte Gott eine unbefristete Lösung. So wurde Ostern die Generalprobe für den großen Gerichtstag. Jeder von uns wird sich dort darauf berufen können, dass Christus das Urteil Gottes vorentschieden hat. Dann werden wir alle mit dem Großen Zeiger auf Christus zeigen und sagen: „Er hat bereits alles erledigt. Das hat er für uns vollbracht.“

Diese bereits erfolgte Rettung steht noch in krassem Widerspruch gegen die Konflikte, die wir haben. Ich meine die Altlasten, die mit dem Datum 9. November verknüpft sind, die Reichspogromnacht und der Mauerfall. Sowie „Nine-Eleven“ in New York und die gegenseitige Gewalt zwischen der Hamas und Israels Militär. Und natürlich auch die Zielkonflikte in unsern Kirchenregionen, die alltäglichen Kleinkriege im Privaten, das Mobbing im Job und auch die Wutausbrüche bei den Straßenkämpfen. Gegen Unrecht und Einschüchterung sind wir Richtungspfeile – wie es große Uhrzeiger sind. Denn unsere jetzt schon gültige Rettung entwickelt neue Kräfte, den Unfrieden beim Namen zu nennen und die Zeichen der Gotteszeit wirken zu lassen. Zur Aussöhnung lebensfeindlicher Kräfte, zu unserem persönlichen Anteil an der Großwetterlage, zum kleinen Schritt über die große Kluft. Diese Wiederentdeckung kann uns niemand rauben.

Wir kennen die großartige Erzählung von Noah, der Sintflut und der Arche. Vorher schrien viele Zeitgenossen: „Es ist Friede, es hat keine Gefahr!“ Nur Noah und seine Kinder bauten unverdrossen weiter an ihrer Arche. An Bord wurde es dann sehr eng, wozu ein 9jähriger Junge am Kinderbibeltag sagte: „Wenn alles dunkel ist, dann kommen die Wände einem näher!“ Daraufhin haben wir von dem Vogel mit dem Zweig im Schnabel gehört, als Hinweiszeichen für die Rettung. So konnte die Freude die Oberhand gewinnen, als alle Tiere und Menschenkinder raus durften aus den Trümmern.

Auch in uns strömt eine ansteckende Leichtigkeit, allmählich, wie beim Aufräumen nach dem Vandalismus. Wir spüren das Neue in den Worten des Paulus: „Niemand von uns ist von der Nacht oder von der Finsternis. Wir alle sind Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und funktionierende Zeiger sein.“ Amen.

Lieder:

Vorbei sind die Tränen, das Weinen, der Schmerz (Singt Jubilate 32)

Das Leben ist für alle nur eine kleine Frist (Peter Spangenberg)

Herr, gedenke doch der Namen derer (Singt Jubilate 33)

Wie ein Wind, der leise weht (Singt von Hoffnung 133)

Christi Kreuz vor Augen steh ich, ungeschminkt (Singt von Hoffnung 10)

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Manfred Mielke, Pfarrer der EKiR im Ruhestand, geboren 1953, verheiratet, 2 Söhne. Sozialisation im Ruhrgebiet und in Freikirchen. Studium in Wuppertal und Bonn (auch Soziologie). Mitarbeit bei Christival und Kirchentagen. Partnerschaftsprojekte in Ungarn (1988- 2011) und Ruanda (2001-2019). Musiker und Arrangeur. Manfred.Mielke@ekir.de

Kgm. Denklingen

Foto: privat; 14.09.2014,