2. Chronik 5,1-14
Einübung | Kantate | 3. Mai 2026 | 2.Chr 5,1-14 | Eberhard Busch |
(Im Alten Testament lesen wir vom Einzug in den neuen Tempel Jerusalems zu König Salomos Zeiten).
Es brachten die Priester die Lade des Bundes des HERRN in den Chor des Hauses. Nichts war in der Lade außer den Tafeln des Bundes, den der HERR mit Israel geschlossen hatte. Und alle Leviten, die Sänger waren, namentlich Asaf, Hemann und Jedutun mit ihren Söhnen und Verwandten, sie trugen Gewänder aus feinem Leinen und standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Lauten, Harfen. Und bei ihnen 120 Priester, die Trompete bliesen. Und es war, als wäre es Einer, der trompetete und sänge, als hörte man Eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und es erhob sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Harfen und man lobte den HERRN: „Er ist gütig, Seine Barmherzigkeit währt ewig“ – da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke als das Haus des HERRN, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke. Denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.
Was ist da los? Jede Menge Sänger treten auf, alle festlich gekleidet. Ihnen gehen voran zahllose Priester. Musikinstrumente begleiten fröhlichen Gesang. Sie stecken an zum Mitsingen: „Kommet zu Hauf! Psalter und Harfen wacht auf! Lasset den Lobgesang hören.“ Jubel liegt in der Luft. Hört man nicht auch die Spatzen von den Dächern zwitschern? Haben wir jemals ein solches Jauchzen miterlebt? Das verbindet. Alleinsein macht krank. Ein Spruch sagt: „Singe, und wir sind Brüder und Schwestern.“
Was gibt es denn am helllichten Tag zu besingen? Warum werden all die Instrumente angestimmt? Warum so fidel, wo es doch so viel zu beweinen und zu zürnen gibt? In einer Zeit, in der man nicht nachkommt, das massenhafte Unrecht allerorten auch nur wahrzunehmen, in einer Zeit, in der man die Zerstörung so vieler Synagogen betrauert, und heute, wo so manche Kirche abgerissen oder umgewidmet wird, da ist es schier nicht zu fassen: Hier füllt sich das Gotteshaus. Und von dort, vom Land der Juden aus, wird in die Lande trompetet: „Gott loben, das ist unser Amt“ – den Einen, der das Unerträgliche wegtragen kann.
Der Grund zur Freude ist aber dies, dass die „Bundeslade“ dort hineingetragen wird, gesäubert von allen Hinzufügungen. Allein das darf gelten, was Gott uns sagt. Es heißt ja mit gutem Grund „Viele Köche verderben den Brei.“ Die Lade ist das sichtbare Dokument, dass der eine Gott des Himmels und der Erde sich festgelegt hat darauf: Er will nicht ohne Israel, nicht ohne seine Menschen sein. Immanuel ist sein Name (Jes 7,14), das heißt: Gott mit uns. Wir können uns daran halten, dass wir nicht ohne ihn unsre Wege gehen müssen. Und Er will, dass wir uns dabei nach seinem Willen richten. So sind in der Bundeslade die Tafeln enthalten, auf denen die zehn Gebote geschrieben stehen.
Diese Bundeslade wird jetzt in das Gotteshaus getragen. Sie hat ein erhebliches Gewicht. Doch die Last ist „des Schweißes der Edlen wert“. Sie gehört unbedingt in den „Chor des Hauses“. Sonst wäre das Gotteshaus ein leeres Gehäuse, ein schweigendes Nichts. Sie macht alle Besucher der Gottesdienste darauf aufmerksam, wer hier und dann auch draußen das Sagen hat. Sie führt ihnen vor Augen, wem sie gehören „im Leben und im Sterben“. Sie weist sie darauf hin, wem sie sich anvertrauen dürfen, heute „und ganz gewiss an jedem neuen Tag“. Auch wem sie zu folgen haben auf Schritt und Tritt. Und wer sie zur Umkehr mahnt in all den Verkehrtheiten um sie herum und in ihrem eigenen Leben.
Allerdings, so gut das alles auch ist, selbst im besten Fall ist das nur etwas Vorläufiges, eine Einübung. Auch wenn es gelungen tönt, es ist ein Dienst, der eines guten Tages getan ist. Er bedarf dann keiner Fortsetzung. So wie jeder noch so schöne Sommer einmal zu Ende geht, so hört unser gegenwärtiges Feiern samt dem folgenden grauen Alltag mit all seinen Mühen und Enttäuschungen einmal auf. Was dann? Hört dann alles auf? Belegt nicht jeder Friedhof, jede Einäscherung, jeder Winter: „Alles nimmt einmal ein Ende“? Steht es nicht sogar in unserem Kirchen-Gesangbuch: „Alles vergehet“?
Ja gewiss, doch hören wir, was der Liederdichter weiter singt! „Gott aber stehet / ohn alles Wanken, / sein Heil und Gnaden, / seine Gedanken, / sein Wort und Willen / hat ewigen Grund.“ Wenn allem und allen der Boden unter den Füßen weggezogen wird, Ihm nicht! Wenn alles aufhört, Gott hört nicht auf. Wenn alles menschliche Meinen und Planen verdorrt, „Gottes Wort bleibt in Ewigkeit“. (1Petr 1.25) Wenn jedem Lebewesen der Atem stockt, er bleibt weiter der belebende Wind.
Verborgen weht dieser Wind seit Urzeiten. Gott legt nie die Hände in den Schoß. Verborgen hat Gott wieder und wieder bei dem, was passiert, seine Hand im Spiel. Auch wenn wir es nicht verstehen. Auch wenn wir so tun, als sähe Er es nicht. Auch wenn wir Sorge trugen, als habe er die schönen, auch die bitteren Stunden verschlafen. Selbst wenn wir es widerlegt zu haben meinen, auch dann sitzt „Gott im Regimente und führet alles wohl“, Er, „der alles so herrlich regieret“. Immerhin, wie so ein Blitzlicht gibt es Augenblicke, in denen uns das einleuchtet – so wie bei dem Fest im Tempel zu Salomos Zeiten.
Und das ist es, was zu Tage tritt, wenn der Schleier der Verborgenheit Gottes auf die Seite geschoben wird, wie es damals geschah: „Da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten. Denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.“ Die Wolke bekundet, dass dahinter noch Einer ist: der Eine. Er tritt nun aus dem Schatten des Verborgenen hervor, so dass er nicht mehr zu übersehen ist. Das ist Gottes Herrlichkeit: sein Hervortreten aus dem Schatten ans Licht. In ihm zeigt sich, dass Gott alle Fäden in der Hand hat. Wurde das zuvor von so manchen bezweifelt, war uns selbst das rätselhaft, so ist er jetzt über alle Zweifel erhaben. Und gab es so köstliche Festtage wie der einst zu Jerusalem, so waren sie doch erst Einübungen in das, was nun für immer gültig ist, unbestreitbar und unbestritten. Damals hat man erst gleichsam durch ein Schlüsselloch geguckt und geahnt, was da kommt.
Da kommt heraus, was so manche kaum auch nur für wahrscheinlich hielten: sein Thron ist nicht leer. Nein, er war immer besetzt; und jetzt wird bestätigt, dass das stimmt. Das stimmt so sehr, dass es keine Tempel, keine Kirchen mehr braucht, die darauf hindeuten (Apk. 21,21f). Sie waren schlecht und recht Wegweiser. Jetzt sind sie überflüssig, weil das Ziel erreicht ist, endgültig. Noch leben wir im Wechsel von Tag und Nacht. Dann aber steht fest: Gott ist „der Vater des Lichts, bei dem kein Wechsel des Lichts und der Finsternis ist“ (Jak. 1,17). Es gibt nichts dagegen einzuwenden, nichts daran auszusetzen. Das zeigte sich bereits damals, als das geschah: „Die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.“ Und sie nimmt uns mit. Zwar hatten die Priester nicht mehr zum Dienst anzutreten. Sie konnten aber ein Anderes. Das taten sie und wir dürfen heute mit einstimmen und das werden eines guten Tages alle tun, miteinander einhellig – Gott loben. Dazu wird eine jede Stimme gebraucht. Zu dem Lied: „ER ist gütig. Ewig währt seine Barmherzigkeit.“
Eberhard Busch