2. Chronik 5,1-14
Klangwolken I-III | Kantate | 3. Mai 2026 | 2. Chr 5,1-14 | Jochen Riepe |
‚Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: ‘Er ist gütig und seine Barmherzigkeit währet ewig‘, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke… sodaß die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes‘.
I
Wolken haben ein wundersames Gesicht. Eben noch da und im nächsten Augenblick entschwunden. Sie verhüllen und verbergen, sie erheben und verklären. ‚Gegen Streß und Kummer, Eifersucht, Depression, / empfiehlt sich die Betrachtung der Wolken…‘, meint der Poet (H. M. Enzensberger). Aber ich habe auch die Stimme von Joni Mitchell im Ohr: ‚(But) now they only block the sun, / they rain and snow on everyone‘.
Gottes Gegenwart in einer Wolke, jenem Naturphänomen, das eben am Himmel dahinzieht und dann schon vergeht? Er, der ‚schlechterdings Verborgene‘ (G. Ebeling), gegenwärtig, ja, aber gleichsam anwesend und abwesend in einem?
II
Klangwolke I: Gottesdienst. So erging es mir oft: Wir hörten das Orgelspiel. Die Musik führte uns hinaus, nach draußen, oder besser ‚himmelan‘. Sursum corda! Es war, als würde die Gemeinde von Klängen emporgezogen. Helle Orgelpfeifen umschmeichelten liebevoll das Ohr, dunkle Bässe ließen uns vibrieren, der Kirchraum öffnete sich und die schweren Steine bekamen Flügel… Ja, unaussprechlich – die ‚Herrlichkeit des Herrn‘.
Und nach dieser Himmelsreise soll ich reden? Zögern und Scheu: Wer kann oder will jetzt die ‚Klang-Wolke‘ verlassenund auf die Kanzel steigen, wo doch ein jeder noch ‚in sich‘ ist und in einem ‚über-sich-hinaus‘? Auch der Prediger. Ich gebe mir einen Ruck. Meine Worte sind nüchtern, hoffentlich taktvoll… Sind die anderen mit zurückgekommen? Wenn man den Gipfel erstiegen hat, kann es doch danach nur bergab gehen…
III
Jerusalem soll singen und spielen. Der biblische Chronist in nachexilischer Zeit hält Rückschau auf die Geschichte seines Volkes und sagt: Es ist gut, daß die Stadt und der Tempel nach der Zerstörung wiederaufgebaut wurden. Ein neuer Tempel, ein zweites Haus für Gott, das mußte und muß immer wieder neu gefeiert werden. Wo sonst sollten die unterschiedlichen Menschen zusammengeführt werden, wenn nicht hier? Er kennt den Streit zwischen den Rückkehrern aus Babylon und den Dagebliebenen. Er weiß um die Skeptiker und will auch diese überzeugen. Etwa so:
‚Denkt doch an früher, damals als der erste Tempel geweiht wurde. Unvergeßlich: ‚Alle Männer Israels‘ versammelten sich zum Fest, Priester und Leviten, Sänger und Musiker trafen sich im neuerbauten Haus – und während des gemeinsamen Musizierens und Singens geschah das Wunder: ‚es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge‘, ‚als hörte man eine Stimme danken und loben den Herrn‘. Viele Menschen wurden zu einem Chor: ‚Aus vielen eins‘. Die Krönung, der göttliche Lohn, aber des einigen Gesangs: Eine geheimnisvolle Wolke, die Gottes Gegenwart anzeigte. Die Zeit stand still. Die Priester mußten warten. Und der Opferdienst mit ihnen.
Der Chronist meint: Lest das damalige ‚ideale‘ Ereignis auch als göttliche Verheißung für unsere Zeit: ‚Ich kehre wieder auf den Zion zurück und will zu Jerusalem wohnen‘(Sach 8.3).
IV
Klang-Wolke II: Eine katholische Christin erzählt von der Fronleichnamsprozession. ‚Unterwegs mit Christus‘. Für uns Evangelische ist das eher fremd. Man war durch das Dorf, durch Wiesen und Felder gezogen und hatte die Monstranz mit der geweihten Hostie, den Leib des Herrn, hinausgetragen. Ein heißer Sommertag. Unterwegs wurde viel gesungen und gebetet. Sie waren erschöpft, der Körper meldete sich, schwere Füße, Durst, Hunger, aber noch war der Tag nicht zu Ende.
Zum Abschluß dann Versammlung in der Kirche: ‚Te Deum‘. Die Gemeinde sang: ‚Großer Gott wir loben dich‘. Die Müden wuchsen noch einmal über sich hinaus. Stimmen, Klänge, Töne, die zum Himmel trugen: ‚Ich bekam eine Gänsehaut‘. Ja, es war wie später manchmal bei einem Konzert, wenn es im Stadion dunkelte, Feuerzeuge oder Handys leuchteten und alle mitsangen: ‚Über sieben Brücken mußt du gehn‘. Auch Fußballfans können davon ein Lied singen: Waren wir nicht eins? Floß nicht von einer Hand, von einem Arm, von einem Körper die Kraft des Gesanges in den anderen, und der gab es weiter und ich bekam es vielfach zurück? ‚Ich‘, aber wer war dieses Ich in diesem Augenblick, da es zum Wir wurde?
V
Jerusalem singt und spielt… ‚als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn‘. Der Chronist weiß: Dem zweiten Tempel in Jerusalem waren Jahre des Streits vorangegangen. War es nicht vermessen, angesichts der vertanen Geschichte einen Tempel zu bauen und in ihm Gottes Gegenwart feiern zu wollen? Die Rückkehrer aus dem Exil argumentierten umgekehrt: Würde Gott nicht gerade durch dieses, sein Haus, gleichsam bewegt, zu seinem Volk zurückkommen?
Viele Daheimgebliebene waren gleichgültig oder ablehnend. Man solle besser die Mittel für die Armen aufwenden. Was dann geschah, nennt man politische Überzeugungsarbeit: Zwei Propheten taten sich besonders hervor: Haggai und Sacharja. Sie legten den Grund für den Tempelneubau und ermöglichten so etwas wie einen ‚gesellschaftlichen Kompromiß‘ (Z. Czyglanyi). Man einigte sich und versprach, dies zusammen zu halten: Ein Gotteshaus, das den kultischen und geselligen Mittelpunkt der Stadt bildete, und eine Gesetzgebung, die die Wohlfahrt nach innen sicherte. ‚Witwen, Waisen, Fremdlinge und Arme‘(Sach 7,10) sollten zu ihrem Recht kommen.
Natürlich, wir kennen die Frage: Würde der Kompromiß tragen? Würde es zu Störungen kommen? Hält das Idealbild von damals, was es verspricht? ‚…sollte Gott wirklich auf Erden wohnen?‘ (1. Kön.8,27a).
VI
Klangwolke III: Ein Taufgottesdienst. Unruhe. Verspäteter Anfang. Viele Kinder und nervöse Gäste. Hatte es Ärger gegeben? War die Fahrt stressig? Faszinierend der Liedvortrag einer Sängerin: ‚Vergiß es nie, / daß du lebst, war nicht deine eigene Idee,/ und daß du atmest, kein Entschluß von dir‘. Es wird ganz still, mucksmäuschenstill. Die Stimme verzaubert uns und führt uns in ein ‚Jenseits‘. Alle sind gerührt. Eine Besucherin hat Tränen in den Augen und sagt später: ‚Das haben Sie ganz persönlich für mich gesungen… Gott war mir nie so nah‘.
‚Gegen Streß und Kummer empfiehlt sich die Betrachtung der Wolken‘, meint der Poet und sah zum Himmel. Ein Lied geht noch einen Schritt weiter oder tiefer: Es ‚nimmt‘ dich sozusagen in die Klangwolke ‚hinein‘. Es ‚durchzittert‘ dich und erinnert an Zeiten, die eben nur schwer in Worte zu fassen sind, und die manche mit unserem anfänglichen, vorgeburtlichen Sein zusammenbringen. ‚Von allen Seiten umgibst du mich…‘ (Ps 139, 5). Am Anfang war Musik, Klang… am Anfang, zu der Zeit, als wir soz. ganz Ohr waren und die Hör-Welt im ‚Ozean des Mutterleibes‘ (A. Tomatis) uns umgab, erregte und beruhigte.
VII
Das zeigt natürlich auch: Klang-Wolken, gerade weil sie so tief gehen, haben wie die Himmelswolken ein Doppelgesicht – mindestens. Sie erheben, sie können aber auch vernebeln und verdunkeln. ‚Einigkeit‘, ‚eine Stimme‘, kann nicht befohlen werden. Die Lehrerin hat zwar recht: ‚Wir können nicht alle auf einmal sprechen, wir können jedoch zusammen singen‘, aber kunstvoller, nein, heiliger Gesang, Lob und Dank, ist eben mehrstimmig. Wenn Musik ideologisch – politisch genutzt wird, wenn der Sänger Parolen schreit, dann zeigt sich hinter Balladen, die uns zurückführen in unsere Vorzeit, da wir hingebungsvoll lauschten und swingten, eine häßliche Fratze; jener ‚Sportpalast‘, der zum ‚totalen Krieg‘ rief und das Ich dem Wir unterwarf oder mehr es auslöschte.
Der Chronist Israels weiß: Die Wolke ist nicht Gott, sie zeigt an seine Gegenwart und weist in einem über sich hinaus.Sein ‚idealer‘ Salomo spricht es betend aus: ‚Selbst der Himmel und die Himmel der Himmel fassen dich nicht …‘ (2.Chron. 6,18). Und der zweite Tempel ist Gottes Haus, sofern und wann immer Er es sich zu eigen macht. Auch der schönste, einigste Gesang kann Gott nicht herbeizwingen. Denn wie Wolken so sind… Sie ziehen dahin und im nächsten Augenblick vergehen sie – ‚ihrer Vergänglichkeit kann sowieso / keiner das Wasser reichen‘.
VIII
Und meine Predigt im Verklingen der Klangwolke? Die Priester damals konnten nicht ihr Werk tun. Wie spricht der Prediger unter dem Eindruck eines intensiven musikalischen Erlebnisses, befangen, umwölkt, weggetreten? Ich ließ mich tragen. Auch ernüchtert und gefühlt-strohern kann man Gott loben, danken und sich freuen, daß er mitten unter uns sein will.
Und eben: Prediger sind keine Solisten. Verläßlich kam mir die Gemeinde mit ihrem Gesang zu Hilfe. Kantate, Ihr Lieben!
(Gebet nach der Predigt) ‚ Herr, laß deine Augen offen stehen über diesem Hause Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: Da soll mein Name sein. Du wollest hören das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte betet und wollest erhören das Flehen deines Knechts und deines Volkes Israel , wenn sie hier bitten werden an dieser Stätte.‘ (1. Kön. 8, 29f; aus dem sog. Tempelweihgebet Salomos)
Liedvorschläge: Wäre Gesanges voll unser Mund (Gotteslob Nr.810 / Bistum Münster) https://www.youtube.com/watch?v=NSpba9jwkgY / Gott ist gegenwärtig (eg 165) / Du, meine Seele, singe (eg 302) / J. Mitchell , Both sides, Now (1969; Album ‚Clouds‘ ) / J. Werth, Vergiß es nie https://www.youtube.com/watch?v=V166RMAd20U
Jochen Riepe
Lit.: H.M. Enzensberger, Die Geschichte der Wolken. 99 Meditationen, 2003 / G. Ebeling, Einführung in theologische Sprachlehre, 1971 / U. Barth, Musik und Religion, in: ders., Kritischer Religionsdiskurs, 2014, S. 469ff / A. Tomatis, Klangwelt Mutterleib, 1999 / Z. Cziglanyi, Der Wiederaufbau des zweiten Tempels als Ergebnis eines gesellschaftlichen Kompromisses, in : A. Schart / J. Krispenz (Hgg.), Die Stadt im Zwölfprophetenbuch, 2012, S.385 -401