2. Korinther 5,14–21
Kreuz und Liebe | Karfreitag | 03.04.2026 | 2. Kor 5,14–21 | Ralf Reuter
Kreuz und Liebe
Auf der Haut getragen, nahe am Hals, das Kreuz. Es geht mit in den Tag, geht mit in die Nacht. Sichtbar in den schönen Stunden, bei Begegnungen, Feiern, aber auch in Abschieden, in der Trauer. Und dann verdeckt unter der Schutzkleidung im Einsatz bei der Feuerwehr, oder in der Untergrundbahn, wenn die Drohnen geflogen kommen.
Jesus hat sein Kreuz getragen. Er wurde verhaftet, verspottet, verurteilt, gequält und ans Kreuz geschlagen. Es ist der Weg, den er ging. Der hier auf Erden immer noch ganz unten verläuft, durch Gewalt und Schuld. Und mit ihm, bis heute, gehen ihn unzählige Menschen. In den Kriegen, und den ganz persönlichen Schicksalsschlägen.
Paulus hat im Jahr 54 von diesem Geschehen seinen Gemeinden geschrieben. Er hat sich selber als verfolgt, aber auch bedrängt, verleumdet gefühlt. Im Brief davor hat er sein weltbekanntes Lied von der Liebe verfasst, Glaube, Hoffnung, Liebe, und die Liebe als die größte unter ihnen. Jetzt bringt er Kreuz und Liebe zusammen.
Für mich ist dies ein entscheidender Moment in der Geschichte der Religion. Das Kreuzesgeschehen von Jesus wird in die Liebe hineingenommen. Die Berichte, die wir zu Karfreitag lesen, ebenso wie die Widerfahrnisse von Menschen. Damit auch Paulus selber, seine Gemeinden, und alle, die sich in diesen Worten bis heute wiederfinden.
Ist das Kreuz ein Zeichen der Liebe? Wird es daher auf der Haut getragen? Ein ehemaliger Konfirmand weinte, als er das kleine Kreuz verlor. Er hatte es auf der Konfirmation geschenkt bekommen. Selber traute er sich gar nicht anzurufen. Es war dann seine Mutter, die fragte, ob wir noch ein solches Kreuz hätten. Er kam persönlich vorbei und holte es ab.
Der Blick der Liebe, der sich in den Begegnungen von Jesus mit den Menschen findet, wird er nach seinem Tod noch einmal geschärft und als Anweisung für das Leben gewonnen? Paulus macht daraus das Amt der Versöhnung, er sieht uns als Botschafter an Christi statt. Es ist die Liebe, die ihn drängt. Diese vorlaufende unendliche Liebe Gottes.
Leicht ist das nicht. In allen Zeiten wurde das Kreuz umgedreht und als Schwert benutzt. In den unzähligen Kreuzzügen des Lebens. Auch, wo Menschen anderen meinen heimzahlen zu müssen. Den Eltern, Kindern, Mitarbeitenden, Konkurrenten oder Personen in der Öffentlichkeit, mit dem Smartphone als Waffe. Und anderen Ländern und Völkern.
So eng das Kreuz auf der Haut, so nah kommt Christus mit seinem Tod. Hier wird alle Bitterkeit, alles Rächen aufgesogen von der Liebe. Paulus sieht uns sterben mit ihm, mit all der Gewalt dieser Erde. Um mit ihm aufzustehen, aus Liebe. Nun verwandelt, wie Jesus selber. An seiner statt, wie er, versöhnend zu leben und zu handeln.
Noch einmal, ein entscheidender Gedanke, den er da formuliert, der nun zur DNA des Christlichen gehört. Wer hier traut, mit dem Kreuz auf der Haut, mit Christus im Herzen, dieser Botschaft zu folgen, der ist eine neue Kreatur, diejenige eine Botschafterin der Liebe. Ohne Liebe wäre der Tod das Ende, jedes Leiden eine Niederlage, der Hass das Lebensprojekt.
Dabei bleibt jede Gewalt unendlich grausam, jeder Tod ein Verlust, alles menschliche Tun und Lassen ambivalent. Immer könnten wir auch anders. Doch hier leuchtet das himmlische Licht, der Strahl der Liebe. In ihm werden Mensch und Erde verwandelt. Sie werden dann auch fundiert, mutig und mit langem Atem für das Leben eintreten.
Vielleicht ist der stärkste Impuls, die tiefste Verwandlung, dieses Auflösen von Sünde, dieser Existenzwandel. Er geschieht durch die enge Verbundenheit von Schöpfer und Geschöpf, der Übertragung der Liebe von Christus auf uns. Es bleibt ein Glaubensgeschehen, ist immer persönliches Geschenk. Und braucht ständige Vergegenwärtigung.
Könnten wir den Karfreitag doch nur so deuten. Als ein Geschehen der Liebe, als ein solidarisch werden und mittragen all der Leiden dieser Welt. Als eine Errettung aus Hass und Vergeltung. Als ein Einbinden in den Dienst der Versöhnung. Wo auch wir selber, überwältigt von Wut und Hoffnungslosigkeit, gehalten werden von Gott.
Es ist die Liebe, diese Neuschöpfung, sie verwandelt alle Kreaturen. Von ihr zu leben, sich mitnehmen zu lassen auf den Weg, hat eine tiefe heilende Wirkung. Das Schlimme, Schwere, Ungewisse meines Daseins, es hindert mich nicht mehr am Weitergehen. Die Liebe führt durchs Kreuz zur Lebenshingabe, transformiert immer wieder aus dem Tod ins Leben.
Das Geschehen schlimmsten Leids, das wir Karfreitag bedenken, ist kein Schlusspunkt. Wir tragen es im Kreuz auf der Haut. Aus ihm strahlt die Kraft der Liebe, die stärker ist als alle Tode. Diese Botschaft ist in der Welt. Es ist an uns, aus der Liebe zu leben, mit sich, und anderen. In die Zukunft zu gehen, auf der Haut zu tragen, das Kreuz und die Liebe.
Pastor Ralf Reuter
Göttingen
E-Mail: Ralf.Reuter@evlka.de
Gemeindepastor in Göttingen, auch gelegentlich als Pastor für Führungskräfte der Wirtschaft in Retraiten und Klausuren im Kloster Loccum
Literaturhinweise:
Entscheidend für diese Predigt ist die Einbeziehung von Vers 14a, wie es schon Windisch in seinem Kommentar 1924 erkannt hat. Das Motiv von der Liebe Christi für die folgende Entwicklung dieser Perikope hat in der Gegenwart Oda Wischmeyer herausgearbeitet und plausibel begründet. Dies hat auch Eingang in den gerade herausgekommenen großen Kommentar von Koch gefunden, auf den ich mich in dieser Predigt maßgeblich stütze.
Oda Wischmeyer: Die Liebe Christi dringet uns…, 2Kor 5,14f und die Liebe Christi bei Paulus, in: Dieter Sänger: Der zweite Korintherbrief. Literarische Gestalt – historische Situation – theologische Argumentation. Festschrift Koch, 2012, Seite 323-336.
Dietrich-Alex Koch: Der Zweite Korintherbrief, Meyers Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Band 6, 2026, bes. Seite 347-380.