2. Mose 12,1–14

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Die unaufgebbare Brücke zwischen Passah und Abendmahl | Gründonnerstag | 02.04.2026 | 2. Mose 12,1–14 | Rudolf Rengstorf |

1 Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: 2 Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen. 3 Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus. 4 Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er’s mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können. 5 Ihr sollt aber ein solches Lamm nehmen, an dem kein Fehler ist, ein männliches Tier, ein Jahr alt. Von den Schafen und Ziegen sollt ihr’s nehmen 6 und sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Versammlung der Gemeinde Israel schlachten gegen Abend. 7 Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und den Türsturz damit bestreichen an den Häusern, in denen sie’s essen, 8 und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren Kräutern essen. 9 Ihr sollt es weder roh essen noch mit Wasser gekocht, sondern am Feuer gebraten mit Kopf, Schenkeln und inneren Teilen. 10 Und ihr sollt nichts davon übrig lassen bis zum Morgen; wenn aber etwas übrig bleibt bis zum Morgen, sollt ihr’s mit Feuer verbrennen. 11 So sollt ihr’s aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es in Eile essen; es ist des HERRN Passa. 12 Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter. Ich bin der HERR. 13 Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage. 14 Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung. 

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Passahgeschichte liegt ganz weit zurück in den Anfängen des Volkes Israel. Damals als sie noch Sklaven in Ägypten waren. Da erlebten sie eine Nacht, in der sie während einer gemeinsamen  Mahlzeit in Hut und Mantel auf dem Sprung waren; eine Nacht, die sie nie wieder vergessen sollten.  Mehrfach hatte ihr von Gott beauftragter Anführer Mose den Pharao aufgefordert, die Israeliten freizulassen. Trotz angedrohter Strafen hatte der sich geweigert. In dieser Nacht aber war die Strafe so furchtbar, dass die Israeliten sich auf die Flucht in die Wüste in Richtung gelobtes Land machen konnten. In jedem ägyptischen Haus starb das älteste Kind wie auch das älteste Stück Vieh. An den Hütten der Israeliten aber war der Schrecken vorübergegangen, weil diese die Pfosten ihrer Türen mit dem Blut eines Lammes bestrichen hatten. Diese Nacht der Verschonung, die sie in die Freiheit führte, hat Jüdinnen und Juden über mehr als drei Jahrtausende begleitet. In jedem Jahr wird sie überall, wo Jüdinnen und Juden leben, als ihr höchstes Fest gefeiert.

Und jedes Mal wird die Geschichte so erzählt, wie wir sie an diesem Gründonnerstag lesen oder hören. Das ausgiebige Festmahl inszeniert die Nacht der Verschonung und alle Speisen und Getränke symbolisieren das, was Israel damals in Ägypten erlebte. Aufgeschrieben wurde die Erzählung von der Passahnacht in einer Zeit, die an die verzweifelte Lage in Ägypten erinnerte. Das Volk hatte seine Freiheit wieder verloren. Aus dem gelobten Land war es vertrieben, der Tempel und ganz Jerusalem lagen in Trümmern. Die Babylonier hatten dem Staat Juda ein Ende gemacht, und die führende Schicht des Volkes hatten sie mit nach Babylon verschleppt, um ein Wiederaufleben eines Jüdischen Staates zu verhindern. Sie waren wieder wie damals in Ägypten zu Sklaven geworden, zu Menschen zweiter Klasse, für deren Sprache und Gebräuche man nichts als Verachtung hatte. Der Gott, auf den sie vertraut hatten – für die Babylonier war er in der Versenkung verschwunden. Allgegenwärtig aber waren die Götter Babylons, denen man die Entstehung der Welt und das immer wieder von Neuem erwachende Leben in der Natur mit großen Festen verdankte. Die jüdischen Gemeinden in Babylonien aber widerstanden der Versuchung, sich anzupassen und den Glauben an einen offenbar nicht präsenten und ohnmächtigen Gott aufzugeben. Sie blieben dabei, Jahr für Jahr Passah zu feiern und die Erinnerung an den Gott, der sie in die Freiheit geführt und sich mit ihnen verbündet hatte, lebendig zu halten. Zwei Generationen lang mussten Jüdinnen und Juden in Babylonien ausharren, bevor der Perserkönig Kyros ihnen die Rückkehr in ihre Heimat und den Wiederaufbau des Tempels gestattete. Dass es sie noch gab und ihre Religion sich sogar in Form von vielen Schriften verfestigt hatte, ist ganz entscheidend darauf zurückzuführen, dass sie an Passah festgehalten hatten.

Sie hielten auch daran fest, als sie von den Römern von Neuem aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Und auch dann, als sie in den Ländern, in denen sie Zuflucht gesucht hatten, etwa in Deutschland, in immer erneuten Pogromen verfolgt wurden. Ja selbst während der Shoa bis in die Konzentrationslager hinein mit dem endgültigen Aus vor Augen war diese Nacht die Quelle einer Hoffnung gegen jeden Augenschein, eines Glaubens in erlebter Gottesferne und einer Liebe zum Leben und zum Nächsten inmitten von Hass und grenzenloser Unmenschlichkeit.

Ich erzähle das alles, obwohl das ja nicht unsere Geschichte ist und wir uns nur schämen können für das, was unsere Väter zur Unheilsgeschichte Israels beigetragen haben. Dennoch sind wir angesprochen durch das Passahfest, weil der Gründonnerstag mit seiner Geschichte von der Einsetzung des Abendmahls hier seine Wurzeln hat. War es doch die Passahnacht, als Jesus seine letzte Mahlzeit mit seinen Jüngern feierte. Wie schon so oft für sein Volk waren Unheil und Gottesferne für ihn unausweichlich geworden. Jedenfalls, solange er sich nicht davon abbringen ließ, Gott als den liebevollen Vater, als den Barmherzigen und auf Gerechtigkeit Pochenden den Herrschenden seiner Zeit gegenüber zu bezeugen und zu verkörpern. Dabei blieb er. Und deshalb wusste er, dass dieses seine letzte Mahlzeit war. Mit Absicht hatte er sie mit dem Passahmahl verknüpft, das Freiheit und Leben in Gottes Nähe, in Gottes Reich vor Augen stellt.

In die Freiheit der Kinder Gottes, in der Jesus lebte, und in ein Leben in der Perspektive auf Gottes Reich will er mit seinen Jüngern alle einbeziehen, die über seine Jünger in aller Welt mit ihm verbunden werden. Er tut das, indem er zwei Hauptelemente des Passamahls, die überall zur Verfügung stehen, Brot und Wein, mit seiner Gegenwart verbindet. So wie die Ereignisse der Passahnacht in der Erinnerung lebendig und gegenwärtig werden, so will Jesus lebendig da sein, wenn wir uns bei gemeinsamem Essen und Trinken an ihn erinnern und uns von dem, was er gesagt und getan hat, erfüllen lassen. Nicht die Umwandlung dieser Elemente in Jesu Fleisch und Blut, nicht eine mirakulöse Transsubstantiation gewährleisten seine Gegenwart, sondern das Erzählen und verinnerlichende Aufnehmen seiner Geschichte. Wenn es bei den Einsetzungsworten – in der traditionellen katholischen Messfeier gar auf Latein – bleibt, ohne dass das Gedächtnis an den Heiland Jesus lebendig wird, gerät das Ganze leicht zum Hokuspokus.

Passah und Abendmahl sind nicht dasselbe. Sie weisen aber dasselbe Ziel und vergleichbare Strukturen auf. Vermittelt werden soll das Erleben von Freiheit und die Aussicht auf ein Leben in dem von Gott verheißenen Land oder Reich. Zu den unverzichtbaren Strukturen beider Feiern gehört die Gemeinschaft von Menschen, die hier zu Gleichen, zu Schwestern und Brüdern werden, gemeinsamer Verzehr und die erinnernde Erzählung, die Mut macht zum Aufbruch mit neuer Perspektive in eine vom Unheil bedrohte Welt. So geschehe es!


Verfasst von
Rudolf Rengstorf