2. Timotheus 1,7–10
Kasustermin: 20.09.26 | 16. So. n. Trinitatis | 2. Tim 1,7–10 | Thomas-M. Robscheit
robscheit@kirche-apolda.de
Der Friede Gottes sei mit Euch allen!
„Lazarus, komm heraus“ – ziemlich drastisch schildert Johannes dieses Wunder. Ein Toter, noch dazu einer, der schon anfängt zu stinken, wird zum Leben erweckt. Sie haben, liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, diese Geschichte als Evangelium wieder ins Gedächtnis zurückgerufen bekommen. Sie ist so einprägsam, dass wir (so wie vermutlich auch die Zeitgenossen Lazarus´) die eigentliche Botschaft Jesu gar nicht wirklich wahrgenommen haben: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Ähnlich geht es uns vielleicht auch bei dem heutigen Predigttext, den Sie als Epistellesung bereits gehört hatten: Christus hat dem Tod die Macht genommen und ein unvergängliches Wesen durch das Evangelium ans Licht gebracht. Zugegeben, das prägt sich nicht so geschmeidig ein wie die Erzählung vom stinkenden Lazarus.
Durch Jesus ist der Tod überwunden, diese einfache und scheinbar realitätsfremde Aussage steht über dem heutigen Sonntag. Tod überwunden? – Wir sehen die Welt in den täglichen Nachrichten, unserem Freundeskreis, in der Familie. Tod überwunden? Ja, ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tage. So weit wir Marta gehen wir in unserem Glauben auch.
Weiter nicht!
Anders Jesus!
Die Überwindung des Todes gehört schon in diese von Vergänglichkeit gezeichnete Welt! Lazarus ist das sichtbare Beispiel. Beispiel, kein unglaubliches Wunder! So wie er von Binden gefesselt, stinkend im Tod gefangen war, sind auch wir gefangen, gelähmt oft, wie tot. Verheddern uns in Strukturen, Zuständigkeiten und Prognosen. Sorgen und Ängste lähmen uns, hindern am Leben. Davon will Christus uns befreien: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Leider, liebe Schwestern und Brüder, vergessen wir das allzu oft. Der Geist der Furcht ist allgegenwärtig und greift um sich. Menschen sind – und ich will diese Sorgen nicht kleinreden, damit Sie mich nicht missverstehen! – verunsichert, weil politische Konstellationen sich in einer nicht vorstellbaren Weise verändert haben, in der Welt und hier in Deutschland. Es macht Angst, wie schnell und scheinbar unaufhaltsam sich Technik entwickelt, insbesondere alles, was mit künstlicher Intelligenz zu tun hat. Der Blick in die Zukunft macht nicht hoffnungsvoll, sondern pessimistisch: wie werden die nächsten Sommer ausfallen? Wie werden unsere Kinder und Enkel, sofern sie überhaupt geboren werden, mit der demoskopischen Bürde umgehen können? Und, werden die nächsten Generationen auch die Last tragen wollen, die frühere Generationen geschultert haben? Über viele Jahrzehnte war es Menscheln wichtig, dass ihre Kinder es mal besser haben sollten. Das war eine Vision, die durch viele Unzulänglichkeiten getragen hat. Heute wissen wir gar nicht, wie denn dieses „Besser“ aussehen könnte? Oder haben Sie eine Idee? Ängstlich wie das Kaninchen vor der Schlange sind wir wie erstarrt, wie tot. Mitten im Leben!
Laut müsste Jesus rufen: Lazarus komm heraus, Hans-Dieter, Inge, Petra und Thomas! Kommt heraus! Gott hat Euch nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Nicht den Geist der Furcht, liebe Gemeinde, sondern Kraft, Liebe und Besonnenheit.
Kraft, Liebe, Besonnenheit.
Liebe, darunter können wir uns gut etwas vorstellen: unser Blick auf die Welt, auf die Menschen mit ihren Schwächen, Sorgen und Hoffnungen. Blicken wir liebevoll auf sie, das heißt auch mit etwas Großmut, mit Verständnis für Schwächen und Fehleinschätzungen? Vertrauen wir darauf, dass der Mensch eigentlich gut sein will und freundlich?
Und was ist mit dem Geist der Kraft? Ein Simson ist wohl keiner von uns. Auch heißt es in den Sprüchen: Ein Geduldiger ist besser als ein Starker. Was ist also die Kraft, die Gott uns gegeben hat, damit wir leben und die Welt verändern? Es ist die Kraft der ungerecht behandelten Witwe, die beharrlich bleibt (Lk. 18, 1-5), Es ist die Kraft und Weisheit der Ameise (Sprüche 6,6 u.ö.), es ist nicht nur das Wasser, das den Stein wegspült (Hiob 14,19), sondern der stete Tropfen, der den Stein aushöhlt. Und wenn auch die Witwe in Lukas Gleichnis erfolgreich war, so ist es oft geschickter, klug seine Beständigkeit vorzutragen. Die Besonnenheit ist die dritte Geisteskraft, die uns gegeben wird. Sei beharrlich, klug und blicke liebevoll auf die Welt, dann wirst Du sie verändern können.
Was fehlt jetzt noch? Warum verharren wir gelähmt?
Vorhin, liebe Schwestern und Brüder, habe ich behauptet, über viele Jahrzehnte wollten Eltern, dass ihre Kinder in einer besseren Welt leben. Sie hatten dazu auch klare Vorstellungen (dass diese nicht immer den Wünschen der Sprösslinge entsprachen ist ein anderes Thema); aber es gab diese Vorstellung einer besseren Welt. Und heute? Was wäre für Sie eine bessere Welt, ein besseres Leben? Mehr Wohlstand wie vor 70 Jahren wird es wohl nicht sein, Reisefreiheit wie vor 40 Jahren auch nicht. Wie sähe heute eine bessere Zukunft aus?
Sobald Sie sich diese Frage beantworten können, hören Sie Jesus rufen: Komm heraus aus Deiner Erstarrung, denn Gott hat Dir nicht den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit gegeben! Und so wie Lazarus treten Sie heraus, spüren diese Kraft und leben!
Und der Geist Gottes, der größer ist als alle menschliche Vorstellungskraft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
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Lied: Ach bleib mit Deiner Gnade; EG 347; insb. Strophe 7