Titus 3,4-7

· by predigten · in 17) Titus, Advent, Weihnachten und Neujahr, Aktuelle (de), Archiv, Beitragende, Bibel, Christfest I, Deutsch, Festtage, Kapitel 03 / Chapter 03, Kasus, Martina Janßen, Neues Testament, Predigten / Sermons

„Nimm an des Christus Freundlichkeit“ (EG 56,4) | Christfest I | 25.12.25 | Tit 3,4-7 | Martina Janßen

Ich hatte nicht damit gerechnet. Weihnachten 1976 hatte ich nicht mit Geschenken gerechnet. Fünf Jahre war ich damals alt. Ich habe an den Weihnachtsmann geglaubt – und an seine Bedingungen. „Wenn du nicht brav bist, kommt der Weihnachtsmann nicht.“ Ich bin in jenem Jahr nicht brav gewesen und ich wusste das irgendwie auch ganz genau. Meine Mutter hatte in diesem Jahr viel mit mir geschimpft und wohl oft auch einen Grund gehabt. „Warst du denn auch immer brav in diesem Jahr?“ Nein. Beim Nikolaus bin ich nochmal davongekommen. Mein Stiefel war wie immer gefüllt. Aber Nikolaus war ja auch nicht so schlau und so groß wie der Weihnachtsmann. Der Weihnachtsmann – so glaubte ich damals – übersieht nichts und darum gibt es auch nichts in diesem Jahr. Oder nicht viel. Als das Weihnachtszimmer Heiligabend offenstand, habe ich vorsichtig hineingeschaut: Was wird da unter dem Tannenbaum liegen? Viel Hoffnung hatte ich nicht. Doch siehe da: Es lagen Pakete unter dem Weihnachtsbaum, bunt und glitzernd und verheißungsvoll. Als ich das Lächeln meiner Eltern bemerkte, war mir instinktiv klar: Da ist auch was für mich dabei – unerwartet, unverhofft, unverdient. Ich spüre noch heute die kleinen Freudenschauer, die mir über den Rücken prickelten. Gedanklich habe ich das damals wohl nicht zusammenbekommen: Nicht brav gewesen zu sein und trotzdem eine reiche Bescherung zu erleben. Ich habe das auch gar nicht zu ergründen versucht. Denn die Freude über die Lichter, die Liebe und die liebevollen Geschenke war das einzige, was ich in meinem Herzen fühlte, das vorher doch so verzagt und ängstlich war. Obwohl ich damals noch etwa fünf Monate lang an den Weihnachtsmann geglaubt hatte, habe ich schon seit diesem Heiligabend nicht mehr an seine Bedingungen geglaubt. „Wenn du nicht brav bist, kommt der Weihnachtsmann nicht.“ Das stimmte einfach nicht. Heute würde ich das so beschreiben. Dieses Weihnachtsfest war das Fest, an dem ich gespürt habe: Liebe ist größer als die Logik eines Tun-Ergehen-Zusammenhangs, in dem alles aufgerechnet und verrechnet wird. Liebe ist anders. Dass ich geliebt werde, hängt nicht von meinem Lieb-Sein ab. Vielleicht war das im Nachhinein mein wertvollstes Geschenk und mein schönstes Weihnachtsfest, weil ich das Wunder von Weihnachten entdeckt und sein offenes Geheimnis gelüftet habe: Wirkliche Liebe ist barmherzig und bedingungslos.

Lesung Tit 3,4-7

Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig – nicht um der Werke willen, die wir in Gerechtigkeit getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben seien nach der Hoffnung auf ewiges Leben.

Was für ein menschenfreundlicher Gott! Er kommt in unsere Welt als kleines Kind mit großer Wirkung. Als Liebe, die fließt, die mitten hinein in mein Leben fließt, die alles wegspült, was mich von mir, von den anderen und von Gott trennt. Der menschenfreundliche Gott, der liebende Retter: Er kommt als Liebe, die reinigt, die erneuert und tröstet, wie ein warmes Bad, das einen reingewaschen und wie neugeboren aus der Wanne steigen lässt. Seine Gnade gießt er aus wie kostbares Öl, das heilt und kräftigt, das sanft die Seele salbt, ausgegossen im Überfluss und eine Schar von Freudenschauern tanzen einem über den Rücken und man spürt: Das Leben wird neu und Hoffnung wächst himmelwärts, fließt durch Mark und Bein, wächst über sich hinaus und wächst in jeden Tag und jede Nacht hinein.

Was für ein menschenfreundlicher Gott! Wie reich er uns beschenkt! Nicht weil wir lieb waren, sondern weil er uns liebt. Denn verdient ist das nicht. Gottes Liebe kommt unserem Lieb-Sein immer zuvor. „Denn auch wir waren früher unverständig, ungehorsam, gingen in die Irre, waren mancherlei Begierden und Gelüsten dienstbar und lebten in Bosheit und Neid, waren verhasst und hassten uns untereinander“ (Tit 3,3). Zu solchen wie uns kommt er. Zu uns schwachen und verzagten Menschen kommt er; zu uns, die wir nicht immer alles richtig und manchmal sogar alles falsch machen. Und doch vergisst er uns nicht, gibt uns nicht auf, gibt uns nicht verloren. Das ist die Logik der Liebe. „Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder“ (Mk 2,17). Dadurch wird alles neu: Das Kaputte wird heil, das Schmutzige wird sauber, die Finsternis wird licht, das Verdorrte erblüht zu Leben. Das ist das Weihnachtswunder. Unsere Lieder singen davon. Davon, wie „Gott in tiefster Nacht erschien“ (EG 56) und mit ihm die Traurigkeit schwindet und ein neuer Morgen naht. Davon, wie Maria durch einen Dornenwald geht und der sich in ein Blütenmeer verwandelt: „Als das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen.“(„Maria durch ein Dornwald ging“, GL 224,3). Davon, wie das kleine Kind aus der himmlischen Weite in unseren dunkelsten Ecken Wohnung genommen hat: „Sei mir willkommen, edler Gast! / Den Sünder nicht verschmähet hast. / Und kommst ins Elend her zu mir. / Wie soll ich immer danken dir?“ („Vom Himmel hoch, da komm ich her“, EG 24, 8). Die, die so vieles schlecht machen, erfahren Gottes Güte, werden selbst fähig, Gutes zu tun. Denn Liebe verändert uns, fließt ins uns, durch uns, aus uns heraus, von Mensch zu Mensch, von Hand zu Hand, von Herz zu Herz. „Wo Gottes große Liebe in einen Menschen fällt, da wirkt sie fort in Tat und Wort hinaus in uns’re Welt“ (EG 603, Liedanhang Niedersachsen/Bremen).

Es ist Advent. Kurz vor Weihnachten. Eine alte Dame sitzt bei mir im Amtszimmer. Fast zehn Jahre ist das her; damals war ich Pastorin in einem kleinen Dorf. Auf ihren Knien liegt ein großes Paket mit Lebensmitteln, das ich weitergeben soll. Sie hat das für die jungen Männer aus Syrien gepackt, die in einen Container bei uns auf dem Schützenplatz eingezogen sind. Wie vielen im Dorf sind ihr die Flüchtlinge suspekt. Das Fremde macht ihr Angst. Direkt dahingehen möchte sie nicht. Aber trotzdem helfen. Gerade jetzt Weihnachten. „Ich komme aus Schlesien und war auch auf der Flucht. Obwohl wir Deutsche waren, waren wir hier nicht wirklich willkommen. Aber an einem Heiligabend ist etwas Wunderbarbares geschehen. Meine Mutter und ich wurden von freundlichen Menschen eingeladen, einfach so, völlig unerwartet und unverhofft. Die Menschen hatten etwas Gutes gekocht und gute Worte gesagt. Auf dem Nachhauseweg habe ich an der Hand meiner Mutter seit langem wieder getanzt, gejubelt und gelacht. Das war eines meiner schönsten Weihnachtsfeste. Jener Abend hat mir das Gefühl gegeben: Du bist etwas wert, auch wenn du alles und sogar dich selbst verloren hast. Das möchte ich weitergeben.“ Mich hat die Geschichte der alten Dame angerührt. Wenn schon das Geschenk menschlicher Liebe so rettend, prägend und ansteckend sein kann, um wie viel mehr Gottes Liebe? Ein ist ein offenes Geheimnis: Wer Liebe erfahren hat, kann selbst lieben, denn Liebe berührt, bewegt und befähigt zu guten Werken (Tit 3,1.8). „Nimm an des Christus Freundlichkeit, trag seinen Frieden in die Zeit.“ (EG 56,4)

Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig. Und seitdem das so ist, ist neues Leben möglich, immer wieder leuchtet seine Menschenfreundlichkeit auf, alle Jahre wieder, in jeder dunklen Nacht, in jedem Herzen, das Liebe gibt und Liebe empfängt. Denn „die Geburt Jesu in Bethlehem ist keine einmalige Geschichte, sondern ein Geschenk, das ewig bleibt.“ (Martin Luther).

Amen


PD Dr. Martina Janßen
Hildesheim
dr.martina.janssen@evlka.de

Martina Janßen, geb. 1971, Privatdozentin für Neues Testament (Universität Göttingen), Pastorin der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers