Hiob 42,1-6
Gottes Schoßbügel beim freien Fall ins Leere |1. Sonntag nach Weihnacht | Hiob 42,1-6 | 28.12.25 | Markus Kreis |
Knapp über dem Marmor der Fußgängerzone im Liegestütz auf dem Unterarm. Eine alte Frau in einem dreckbraunen Mantel und mit türkisem Kopftuch streckt sich so vor einem Kaufhaus, die Augen zu Boden gerichtet. Genauer gesagt in einer Mischung aus Planking und Vierfüßerstand. Sie hatte sich nämlich zusätzlich zu den Fußspitzen mit den Knien auf dem Boden abgestützt. Dabei die Ellbogen als Scharnier nutzend, hob sie in schnellem Rhythmus Unterarme und Hände, letztere wiederum einen Becher umfassend, der leer und offen. Pure Unterwerfung und Bitte. Trotzdem habe ich zuerst an Betteln als Broterwerb gedacht. Hab mich damit der Zumutung entzogen und einige Zeit gebraucht, um in dieser Skulptur die reine Bitte und Ergebung zu entdecken. Warum verdächtige und klage ich zuerst an? Verdächtigt oder klagt die Frau mich an, mit dem, was sie da tut? An Stelle von Sprechlauten war nur unartikuliertes Atmen zu vernehmen…
Hiob, eine ähnliche Skulptur. Allerdings kommt man bei ihr eher ins Nachdenken und Abwägen statt auf ein schnelles Urteil à la Betrug und Betteln als Broterwerb. Lieber sinniert Mensch bei Hiob angesichts dessen Schicksals über Gott und die Welt. Und, ob es im Himmel und auf Erden gerecht zugehen kann oder ob Gott da versagt. Gut, gut, Hiob ist eine Kunstfigur. Ausgedacht und erfunden, um ein Problem zu behandeln. Ein Problem, das sich einige so vorstellen, wahrscheinlich ohne selbst je so gelitten zu haben. Hiob heute, das wäre ein Mensch im Südsudan auf der Flucht, ein reicher Viehbauer, zusammen gewürfelt mit anderen, deren Familie ausgelöscht worden ist, krank vor Angst, Hunger und Auszehrung. Oder ein Studierter ohne Obdach, der allein auf der Straße oder im U-Bahnschacht lebt und an dem eine schwere Diabetes nagt. In so einer Lage trifft man eher selten alte und reiche Freunde, mit denen man sich über Gott und die Welt austauscht und ob es dabei gerecht zugeht. Wie dem auch sei:
Hiob war ein helles Köpfchen. Machte sich seinen Reim auf die Welt und war darüber sehr erfolgreich und begütert geworden. Und das alles auf rechtem Wege, ohne die Leute übers Ohr zu hauen. Recht zu tun und gerecht zu sein, das lag ihm am Herzen. Er hatte sogar vor Gott jede Menge Ansehen. Und doch fiel das Leben hinterrücks über ihn her. Er verlor alles, Familie, Tiere, Waren, Landbesitz und seine Gesundheit. So ging es nun eine geraume Zeit. Ein Abstieg, Wahnsinn. Vom Großhirten zum Herdentier geworden. Und dann noch den Anschluss an die Herde verloren.
Zwar diskutierte er ab und an mit alten Freunden über sein Ergehen. Aber die hatten nur Standardkram parat, so à la: Du warst vielleicht doch nur nach außen gerecht. Und tief in deiner Seele ein Drecksack, ohne es selbst zu bemerken. Und das ist jetzt die Rechnung dafür. Oder: Wo bleibt dein positives Denken? Sag doch mal was Nettes oder Schönes! Du mit deiner dauernden Schwarzmalerei. Oder: Sei still und füge Dich, irgendwann, das wird schon wieder! Wie kannst Du nur Gott dafür verantwortlich machen?
Letztlich hatten die Freunde genug von seinen Klagen. Besonders, dass er auf seiner Unschuld bestand. Gott anklagen war aber sein einziges Ventil, um sich wenigstens ein klein wenig zu entlasten. Sonst fühlte er sich vollständig zur Passivität verdammt. So viel Leben steckte trotz allem Elend und Siechtum noch in ihm drin. Inzwischen war selbst dies bisschen seinen Freunden zu viel. Und wie sie damit umgingen, führte ihm nur noch mehr vor Augen: Ich bin im Grunde einsam und verlassen in der Welt. Ein Herdentier ohne Herde. Niemand kann und will meine Klagen mehr hören. Die Nächte quälten ihn noch mehr, schlaflos wälzte er sich und seine Gedanken hin und her. Angstschweiß, Zittern, flau der Magen und übel vor Hunger, Würgen und leeres Erbrechen. Ihm wurde schwindelig, alles drehte sich, er verlor sein inneres Gleichgewicht. Das ist mega ungerecht, obwohl er doch immer gerecht gewesen ist.
Und wo bleibt Gott? Was macht er dagegen? Was macht er für mich? Statt dass er wenigstens einen einzigen Finger rührt! Absolut Nichts, nicht mal einen einzigen Hauch. Gott? Den kannst du vergessen! Hiob lachte bitter. Oder vielleicht hält Gott gerade seinen Sabbat! Ganz nach dem dritten Gebot. Ja, das wird es wohl sein! Hiob verzog seine Miene zu einer Grinsefratze. Da kam ihm eine gute Idee. Vielleicht schaffe ich es auf diesem Weg, Gott in die Gänge zu kriegen! Das dritte Gebot, den Sabbath halten. Hey Gott, Du da oben, wenn Du Dir eine Auszeit gönnst – dann kannst Du doch auch mir eine gönnen! Klagen ist schließlich auch eine Art von Arbeit, von der es Erholung braucht. Kostet jede Menge Kraft. Und der Lohn ist, dass Dir dafür kein Mensch etwas gibt – außer einem Tritt in den Hintern. Dann gib Du Gott mir wenigstens etwas dafür! Eine Auszeit! Göttlich! Eine Pause vom Leiden und Anklagen. Himmlische Ruhe in meinem Herzen. Aus mit dem Gelärm von Vergehen und Enden. Vielleicht halten es dann auch die Mitmenschen wieder besser mit mir aus. Das wäre doch schon mal was, oder? Hast Du gehört?…
Ja, Gott hat ihm gegönnt, er hat Hiob gehört und erhört, hat zu ihm gesprochen und damit ihm eine Auszeit verschafft. Tatsächlich Gott zu hören, das versetzt den Empfänger dabei echt in eine andere Lage und Liga. Und Gottes Rede hatte es wohl in sich, ein wahres Machtwort, so wie Hiob darauf reagierte. Hören wir seiner Antwort zu:
42, 1 Und Hiob antwortete dem HERRN und sprach: 2 Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. 3 »Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?« Darum habe ich ohne Einsicht geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. 4 »So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!« 5 Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. 6 Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.
Hiob ist jetzt jedenfalls nur mehr reine Bitte und Ergebung ohne jede Spur von Anklage. Statt blockiert und mit fixer Idee – offen, wenn leer! Das will ich auch haben, falls es mir mal ähnlich ergeht. In Rust oder Disneyland ist das noch ein Spaß, wenn auch an den Nerven zehrend. Aber wenn das Leben Achterbahn mit einem fährt und richtig Ernst macht. Und Mensch sich vorkommt wie ein Jetpilot, an dem die Kräfte der Natur hin- und herreißen, die Mimik verzerrt, umnachtet von Ohnmacht und Aufschrecken, dabei vom Zirpen eines fremden Radars verfolgt. Und das alles Knall auf Fall, statt für so einen Kampf getestet und trainiert worden zu sein. Dann will ich auch so ruhig und ergeben sein. Mich auf die offene Leere fokussieren. Und die Geburt Jesu ist der Schoßbügel, der mich vor Ort und ins Leben hält, statt mich volle Kanne in einen Totalcrash zu stürzen.
Am Jesuskind, da hat im windigen Stall eine raue Rindszunge an dessen Haut geleckt und gezerrt, und mit dem Schädel unwillig die Krippe und her gestoßen, als darin alles außer Futter zu finden war. Der Esel hat beinah die Kopfhärchen angefressen und dann gegen das Futterholz getreten. Die Nähe der Tiere war gefährlich, auch wenn ihre drängenden Leiber dann wenigstens etwas Wärme in die klamme Luft abgaben. Alles begleitet vom röhrendem IA IA und einem Muhgebrüll, das lange vergeblich auf Fütterung gewartet hat. Dazu die stieren Blicke und das Blöken der Schafe, das Windel wechseln und Stillen, das irrlichternde Wispern der Eltern und Zaungäste. Wesen und Kräfte der Natur drängen und dringen in das Leben, das neu beginnt. Ein Höllenlärm, in dem Gottes Macht zu Wort kommt – unendlich still – und schneller als der Schall – und Knall auf Fall – anlautet und anhebt, so dass es bereits verebbt, wenn einer kapiert, was sich da gerade in ihm vernehmlich machte. Das Leben bahnt sich in Gott seinen Weg. In Jesu Geburt hat Gott geteilt, dass er beim freien Fall in die Leere mit uns ist. Dass er jeden und jede mit einem Schoßbügel am jeweiligen Platz und ins Leben hält. Amen.
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