Joh 14,1–6
To Live Means to Live – Leben bedeutet Wohnen, Wohnen bedeutet Leben | Neujahr | 01.01.2026 | Joh 14,1–6 | Thomas Bautz |
„Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen; wäre es nicht so, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um euch eine Stätte zu bereiten? Und wenn ich gegangen bin und euch eine Stätte bereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. Und wohin ich gehe – ihr wisst den Weg. Thomas sagt zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir da den Weg kennen? Jesus sagt zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, es sei denn durch mich.“
Liebe Gemeinde!
Die Jünger reagieren verschreckt und verwirrt auf die Abschiedsworte des Meisters (Joh 13,33a): „Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ihr werdet mich suchen, (…).“ Jesus betont auch, dass sie ihm zwar nicht werden folgen können (V. 33.36), dass es aber Grund zum Trost gibt.
Ich möchte diese Abschiedsrede Jesu, die voller Geheimnisse ist, zunächst verfremden,[1] die zentralen Begriffe auf die heutige Situation und auf unsere Nöte beziehen. Sehr viele Menschen in Deutschland haben kaum bezahlbare Wohnungen. Die Mieten schlucken mehr als ein Drittel, mitunter sogar die Hälfte der monatlichen Einkünfte. Die Rede vom „Vater Staat“, der für seine Bürger sorgt und ihnen Wohnstätten bereitet, ist längst Geschichte, hat seine Bedeutung verloren. Stattdessen lässt man geldgierige Immobilienhaie gewähren.
Das Grundgesetz in der Bundesrepublik Deutschland ermöglicht in bestimmten Fällen, wenn es dem Allgemeinwohl dient, konkrete Enteignungen: Artikel 14, Absatz 3, GG (Ausgabe 2009). Aber eine solche Maßnahme ist „nur durch ein Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes“ möglich, „das Art und Ausmaß einer Entschädigung regelt.“ Allerdings ist die Formulierung dort so allgemein gehalten, dass die Anwendbarkeit von Artikel 14 GG auf Wohnungseigentümer sicher erst geprüft werden würde.
Wäre dies doch der Fall, sollten die Mieten nach noch zu bestimmenden Mietpreisen neu berechnet und bei auffällig zu viel gezahlten Miethöhen die Mieter entsprechend entschädigt werden. Die sog. „Mietpreisbremsen“ greifen nicht, weil clevere Eigentümer die Mieten noch rechtzeitig erhöhen. Es ist auch sehr ungerecht, dass nur künftige Mieter einen Vorteil erhielten, nicht aber diejenigen, die bereits seit Jahren oder Jahrzehnten überteuerte Mieten gezahlt haben und weiterhin zahlen.
Es fehlt dem Staat, der sich Sozialstaat nennt, der Mut zur Direktive und Regulierung gegenüber den „Großkopfeten“ (Bertolt Brecht), bei denen Eigentum und Gewinnmaximierung, nicht aber das Wohl der Bürger ein wirkliches Motiv bilden. Kuschen und Nachgeben gegenüber Industrie und Wirtschaft gehören offenbar zum Verständnis des dominierenden Faktors staatlicher Vorgaben: Marktwirtschaft wird einseitig ausgelegt und vor allem realisiert als Geldwirtschaft. Schon Kindern oder Eltern wird suggeriert, dass ein Kind sein eigenes Bankkonto haben muss. Außerdem muss es die Schule mit Abitur abschließen, um dann zu studieren. Nach Eignung und Neigung wird häufig nicht gefragt.
Es herrscht die fast schon klischeehafte Haltung: „Mein Kind soll es mal besser haben!“ „Du möchtest doch auch viel Geld verdienen, um gut leben zu können.“ Man denkt meist an einen Bombenjob, ein Häuschen, ein oder zwei Autos (falls eigene Kinder erwünscht sind), tolle Klamotten, s
chönen Urlaub, auch wenn er kostspielig ist und vieles mehr. Der Staat fördert diese Lebenseinstellung; ich nenne sie unverhohlen „materialistisch“. Ich mag das Gejammer der Regierung nicht mehr leiden: Wohlstand und Wirtschaftskraft nehmen ab und halten bald keinen internationalen Vergleich mehr aus. Wo leben wir denn? Ist Deutschland nicht immer noch reich genug? Aber offenbar nicht wohlhabend genug, um Migranten aufzunehmen, oder Flüchtlinge aus Krisengebieten, wozu uns in Frieden und Sicherheit Lebenden jegliche Vorstellungskraft für ihr Elend mangelt.
Die Friseurin, die ich immer gern aufsuche, sie kommt ursprünglich aus der Türkei, hat mich allerdings korrigiert: „Leben wir wirklich im Wohlstand?“ Sie bezieht sich mit ihrer Kritik auf Selbstständige und auf die Mittelschicht, sowie auf Angestellte und Arbeiter mit niedrigem Einkommen. Natürlich hat sie recht! Denn gerade diese Menschen können ihre Mieten kaum noch bezahlen! Es gibt also allemal auch Lohnungerechtigkeit, so dass Frauen immer noch geringere Löhne haben als Männer, und auch dergestalt, dass die Gehälter in den neuen Bundesländern in der Regel geringer ausfallen.
Indes sind kapitalistische Mechanismen, Regulierungen und vor allem die Anhäufung von Kapital,[2] allerdings vornehmlich für die Reichen, zu einer allgemein vorauszusetzenden Ideologie geworden.[3] Viele Menschen sind dadurch aber nicht glücklicher geworden, falls Glücksichsein überhaupt noch als erstrebenswert gilt. Womöglich nähern wir uns US-Amerikanischen Verhältnissen, wo Arbeitnehmer bereits bis zu vier Jobs oder mehr im Leben nacheinander (oder teilweise gleichzeitig) ausüben, um sich über Wasser zu halten. In China wurden Menschen zu Arbeitstieren gezüchtet; in Südkorea gilt es als Ideal, keine Kinder zu haben. Arbeiten, um zu leben. Oder: Leben, um zu arbeiten. Für viele Menschen ist das offenbar keine Alternative mehr. Vermutlich gibt es daher Arbeitsverweigerer: Sie können einen gewissen Lebensstandard auch ohne Arbeit aufrechterhalten, oder der Lohn ist jeweils so gering, dass es sich für sie (vermeintlich) nicht lohnen würde, einer Tätigkeit nachzugehen.
Schauen wir kurz zurück nach Weihnachten 2025: Mir fiel (wiederholt) das Wehklagen aus den Reihen der Wirtschafts- und Geschäftswelt auf: der Konsum der Bürger ging deutlich zurück. Doch gab es Worte der Solidarität mit den Menschen, die unter Krieg, Hunger, Krankheit leiden – in vielen Weihnachtspredigten, auch Mahnworte an Autokraten und Kriegsführer. Es ist auch notwendig, dass Menschen in Ländern, die das Privileg des Friedens und der Sicherheit genießen dürfen, auch einmal an Ihresgleichen, an Familien, Kinder, Notleidende an Orten des Schreckens und des Todes denken –für sie gab es kein wirkliches Weihnachten, kein Christmas Eve, sondern ein Eve on Destruction.[4]
Der ideologische Führer und Diktator der Russischen Föderation verheizt zehntausende Menschen aus seinem Volk als Soldaten für einen sinnlosen Krieg, den er aggressiv gegen die Ukraine begonnen hat und gnadenlos weiterführt. Nordkoreanische Soldaten und inzwischen Afrikaner, die im guten Glauben in Russland Jobs zu finden meinen, werden bedenkenlos geopfert. Natürlich ist Trump als „Horrorclown“[5] der denkbar ungeeignetste Vermittler zwischen Putin und Selensky. Der Amerikaner erinnert eher an einen Cowboy, Businessman, Unternehmer als an einen seriösen Politiker. Ihm geht es de facto stets darum, einen good deal[6] auszuhandeln. Doch während er durch überhöhte Zölle, gierigem Blick auf neu zu erschließende Ressourcen in Alaska und Grönland, Schwächung der Justiz, massive Beschneidung der Universitäten, radikaler Minimierung der Sozialleistungen für die Bürger in Amerika, Leugnung des Klimawandels u.v.m. außen- und innenpolitisch einiges „niedertrumpelt“, ist er für andere Autokraten eher ein Partner als ein würdiger Gegner. Putin lacht ihn aus im Stillen![7]
Aber bleiben wir nochmals beim Wohnraum und bei Wohnungsnot. Wir haben, bei allgemeinem Wohlstand in der Gesellschaft, eine hohe Zahl an Nichtsesshaften oder Obdachlosen,[8] Menschen, die keinen festen Wohnsitz haben und im öffentlichen Raum, im Freien oder in Notunterkünften hausen müssen. Sie werden nicht selten diskriminiert, bis hin zu Gewaltanwendungen.[9] Die Diskriminierung beginnt sprachlich: Berber, Penner, Streuner, Strolch. Die Ursachen dieser offenkundigen Not, vor der wohlsituierte Bürger oft die Augen verschließen; Sozialarbeiter, street worker, Die Heilsarmee ausgenommen, sind komplex: gescheiterte Ehe, kein familiärer Rückhalt, Verlust der Arbeitsstelle, Verschuldung, finanzieller Ruin, Verzweiflung, Depression, Flucht in Drogen- oder Alkoholkonsum.
Meine Befragungen bei Ordnungsamt und Polizei ergaben, dass es für die Obdachlosen in Bonn eine gewisse Grundversorgung gäbe; das bedeutet, dass sie für wenig Geld an einer Anlaufstelle Essen erhalten. Wer eine wenn auch nur geringe Art Beschäftigung nachweisen kann, bekommt unter Umständen einen Platz in einer Wohngemeinschaft. Obdachlose gehören zum Stadtbild; sie bilden zwar eine Solidargemeinschaft: man sieht sie in Gruppen versammelt, andererseits leben die meisten dann doch für sich: sitzen auf der Straße, liegen auf Parkbänken oder unter Brücken oder schlafen in leer stehenden Gebäuden. In strengen Wintern sind manche schon draußen erfroren, obwohl man ihnen eine vorübergehende Unterkunft angeboten hatte; bei aller Demütigung und Verzweiflung entwickelten sie einen bestimmten Stolz: Wo sie ihr Haupt betten, da sind sie zu Haus!
Das Wort Haus verbindet sich auch mit der Bedeutung Herkunft, wo früher seitens besser gestellter Familien des Adels oder höherer Beamter, Offiziere, Ärzte oder Bankiers der Anspruch vorherrschte, dass ihre Kinder nur Ihresgleichen, also „aus gutem Hause“ heiraten durften. Die Herkunft eines Menschen spielt allerdings bis heute eine große Rolle für eine Reputation in der Gesellschaft. Ein krasses Beispiel bildet die Grundlage für ein berühmtes Lied von The Animals (1964), ich zitiere aus dem traditionellen und aus der späteren Version, die mehr Verbreitung fand:[10]
There is a house in New Orleans, / They call the Rising Sun. / It’s been the ruin of many poor girl (boy) / And me, O God, for one. // If I had listened what Mamma said, / I’d been at home today. / Being so young and foolish, poor boy, / Let a rambler (Wanderer) lead me astray // Go tell my baby sister / Never do like I have done / To shun (meiden) that house in New Orleans / They call the Rising Sun. // Oh mother tell your children / Not to do what I have done / Spend your lives in sin and misery / In the House of the Rising Sun (…)
In beiden Songversionen ist die Mutter eine Schneiderin, der Vater (bei The Animals) ein Spieler, der sich dem Alkohol hingibt; in der älteren Version wird ein Vater gar nicht erwähnt; stattdessen ist es der Freund der Tochter, der „sich die Kante gibt“ (säuft). Viele Hinweise belegen, dass es sich bei dem „besungenen“ Haus ursprünglich um ein Bordell handelte, wozu der Name des Etablissements auch trefflich passt: The House of the Rising Sun – ein Freudenhaus![11] Solche Lebensbedingungen oder Verhältnisse gibt es bis heute; sollten wir sie einfach ignorieren oder gar verurteilen?
Lassen Sie uns nochmals über Haus, Wohnen und Wohnung nachdenken. aus: Schaffe, schaffe, Häusle baue (aus dem Schwabenländle) zeugt von der Liebe zum Eigenheim und zur notwendigen Sparsamkeit. Martin Heidegger trifft die existentielle Bedeutung des Wohnens: „Bauen ist (…) nicht nur Mittel und Weg zum Wohnen, das Bauen ist in sich selber bereits wohnen.“ „Menschsein heißt: als Sterblicher auf der Erde sein, heißt: wohnen.“ „Das Wohnen aber ist der Grundzug des Seins, demgemäß wir Sterbliche sind.“[12] Haus und Wohnen, Bauen und Wohnen sind also – nicht nur nach Heidegger – etwas Existenzielles; man denke nur an das gute alte englische Sprichwort: My home is my castle oder East, West, home’s best. Das bedeutet:
Komfort und Sicherheit: Das Zuhause vermittelt Geborgenheit, wo man sich entspannen, ganz man selbst sein und sich vor der Außenwelt sicher fühlen kann. Zugehörigkeit: Es ist ein Ort, an dem Sie Ihre eigenen Regeln, Erinnerungen und Menschen (Familie/geliebte Menschen) haben, die Ihnen bedingungslose Unterstützung bieten und ihn zu einem einzigartigen Zufluchtsort machen.
Emotionaler Zufluchtsort: In Zeiten von Stress oder Einsamkeit fungiert das Zuhause als wichtiger Rückzugsort, an dem Probleme kleiner erscheinen und Sorgen verschwinden – ein Gefühl, das kein anderer Ort bieten kann. Kulturelle Universalität: Das Sprichwort kommt in vielen Kulturen vor (mit Wurzeln in deutschen Sprichwörtern) und spiegelt eine gemeinsame menschliche Erfahrung wider, nämlich die Wertschätzung der eigenen Wurzeln. Englisch live zeigt den Zusammenhang zwischen Wohnen und Leben, indem es beide Bedeutungen abdeckt; insofern sollte ein living room auch stets den gemütlichen Charakter einer Wohnstube ausstrahlen und nicht nur eine reine Zweckmäßigkeit eines Wohnzimmers. Wohnen unter dem Schutz eines Daches, in den eigenen vier Wänden erfüllt ein zutiefst menschliches Bedürfnis.[13] Wem es fehlt, vegetiert womöglich nur noch so herum.
Lassen Sie uns versuchen, die Höhen des Evangelisten Johannes zu erklimmen, um vielleicht eine leise Ahnung davon zu bekommen, welche Stätte Jesus seinen Jüngern bereiten will. Dazu müssen wir vermutlich aber erst unsere Unwissenheit bekennen. Jesus sagt: „Und wenn ich gegangen bin und euch eine Stätte bereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, (…). Und wohin ich gehe – ihr wisst den Weg.“ Thomas: „Wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?“ (Joh 14,3–5). Die Szene ist eingebettet in den Kontext des Abschiedsmahls (Joh 13,1–14,31), wo viele wichtige Worte fallen. Dort fragt Simon Petrus, wohin Jesus geht und erhält die Antwort: „Wohin ich gehe, dorthin kannst du mir jetzt nicht folgen“ (Joh 3,36). Die Jünger bedauern und betrauern später geradezu ihr Nichtwissen. Der Evangelist Johannes gibt dem Thomas immerhin doch eine Antwort, diese fällt aber geradezu philosophisch aus: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer (denn) durch mich“ (Joh 14,6).
Die Rede von Ort, Haus, Stätte und Wohnen ist metaphorisch gemeint: der johanneische Jesus spricht von der innigen Gemeinschaft, die der „Vater im Himmel“ und Jesus anbieten (Joh 14,23): „Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.“ Der Ort, den Jesus bereitet, korrespondiert mit der Wohnung, in der sich Vater und Sohn bei gläubigen, ihnen vertrauenden Menschen einrichten. Im einleitenden Satz der Abschiedsrede heißt es: „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen …“.[14]
Offenbar gerade deshalb blicken Menschen gen Himmel und hoffen, dass ihre Liebsten und sie selbst einmal dorthin gelangen und dort paradiesisch gut aufgehoben sind. Mindestens den Gläubigen ist ja auch kraft ihres Gottvertrauens jeweils eine Wohnung oder Stätte dort zugesagt. Das entspricht nicht nur einem naiven Kinderglauben; auch Erwachsenen ist solch eine Hoffnung zu Eigen, wie es sich bei Bestattungen und Trauerfeiern erleben lässt. Die schier unendliche Weite des Himmels wie auch der Meere und Ozeane – wo die Horizonte sich unseren Blicken entziehen, hat Caspar David Friedrich als Maler der deutschen Romantik gemalt in dem berühmten Gemälde Mönch am Meer.[15] Einsam und verloren steht ein Menschlein am Gestade des Meeres,[16] offenbar ohne Zufluchtsort:[17]
Nicht zu Unrecht weckt Friedrichs Mönch am Meer die Assoziation von Unendlichkeit bei Betrachtern. Es sei dahingestellt, ob das Bild schon deshalb „religiöse Valenz“ hat; auch muss der winzige Mensch am Ufer des Meeres, angesichts des gewaltigen Himmels, nicht unbedingt als Repräsentant einer Religion gelten. Er ist einfach ein alter Mann, über Verlorenheit des Menschen und Vergeblichkeit seines Tuns sinnierend. Wichtig scheint es, dass sich dem Betrachter die Identifikation mit dem Alten anbietet, der leider unausrottbar als Mönch in der Rezeptionsgeschichte des Bildes angesehen wird.
Die Vorstellung vom Himmel als Wohnung Gottes ist in den meisten Religionen verbreitet.
Im JohEv wird aber zusätzlich auf Wohnungen als bleibende Wohnstätten – nicht als vorübergehende Bleibe – angespielt: als „eine dauernde und universale“ „Gemeinschaft mit Gott“.[18] Die Evangelien haben Worte hinterlassen vom „Reich der Himmel“ (synonym für „Reich Gottes“), z.B. „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe“ (Mt 3,2); „Glückselig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5,3). Ein Psalmbeter sagt:
„Wenn ich deinen Himmel sehe, das Werk deiner Finger, (…): Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst (Sorge für ihn trägst)? Du hast ihn wenig geringer gemacht als Gott, mit Ehre und Hoheit ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrscher gesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du ihm unter die Füße gelegt (…).“
Das erinnert ein wenig an den Mythos vom Auftrag Gottes an Adam (den Menschen schlechthin), den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren (Gen 1,26–31; 2,4b–8). Ökologisch gesehen, könnte man die Erde insgesamt als „Garten“ ansehen. Nur wurde dieser Garten, der ehemals sehr schön war, zum Übermaß mit Straßen, Häusern und asphaltierten Plätzen bebaut, die uns Menschen besonders in den Großstädten tüchtig einheizen. Unsere Spezies ist offensichtlich nicht intelligent genug, um rechtzeitig zu erkennen, dass jede Zuwiderhandlung gegen Pflanzen und Tiere – gegen den Kreislauf der Natur sich (an uns) rächen wird. Der Klimawandel ist angesichts der Ausbeutung, Vernichtung und Zerstörung, die Menschen auf diesem Planeten blindlings und willentlich verübt haben, eine logische, aber auch erschreckende Folge. Und es wird weiter herumgetrumpelt ….
Und üblicherweise, wenn massive Probleme offenbar werden, schiebt es einer auf den anderen, eine Institution auf die andere, ein Land auf das andere. Auch dieses Verhalten zeugt von der zum Himmel schreienden Dummheit des Menschen! Ich habe einen Film vor Augen: Außerirdische beobachten die Menschheit, sind entsetzt, wie diese den Planeten Erde herunterwirtschaftet und langsam zerstört; sie beschließen, die Erde zu retten, wenn Menschen zeigen, dass sie sich ändern können. Dies scheint zunächst nicht der Fall zu sein, bis es einer Familie gelingt, einen abgesandten Alien (Keanu Reeves[19] als Hauptdarsteller) zu überzeugen und er die vernichtende Strafe durch die Außerirdischen abwehrt.
Ihnen wurde eine zweite Chance zum besseren Umgang mit dem ihr geschenkten Planeten gegeben. Jedoch wurde den Menschen auch aufgezeigt, dass es Mächte im Universum gibt, die sie sehr genau beobachten und die jederzeit wiederkommen können, um die Menschen zu vernichten, wenn diese sich nicht ändern. Es bräuchten keine Aliens sein, die versuchen, uns zu retten; es könnte auch der gute „alte“ Gott oder Vater im Himmel sein, der sich um uns sorgt. Aber wollen wir das überhaupt?
Ich muss gestehen, es fällt schwer, eine hoffnungsvolle Vision für das neue Jahr zu entwerfen; aber wir Menschen brauchen Hoffnung – der Spruch: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ ist mir zu nichtssagend. Manchmal kann man noch hören: Kinder sind Hoffnungsträger; dem steht aber die berechtigte Sorge entgegen, ob wir es noch verantworten können, ihnen unsere kaum lösbaren Probleme mit all den bereits erzeugten Schäden zu überlassen. Das Engagement der Generation Z und Generation Alpha[20] zeugt von Informiertheit, Erkenntnissen, vor allem Ernst und Bereitschaft, Entscheidendes zu ändern. Aber der Grenzwert für das Vertrauen gegenüber Politikern strebt gegen Null.
Gibt es einen Ausweg? Kann es sogar mehrere Wege aus der Gefahr und noch mehr: aus Lethargie, Müdigkeit, Resignation, aber auch aus Bequemlichkeit und Verleugnung, geben?! Quo vadis, Domine? Und: Wo bist Du, Adam? Liebt der Mensch sein Zuhause? Wissen wir überhaupt noch zu schätzen, was uns zur Verfügung steht? Schaffen wir den nächsten Generationen die Voraussetzungen für ein bleibendes Zuhause? – Oder erwarten wir das nahe Ende, eine neue Erde und leben bereits in der Endzeit? Oder wollen wir Menschen uns ernsthaft auf dem Mond oder auf dem Mars ansiedeln?
Angenommen, die erforderliche Technologie wäre alsbald konstruiert – Autokraten, Egomanen und Unterdrücker müssten wir zwangsläufig mitnehmen, könnten wir nicht abschütteln und hier lassen. Außerdem würde der weitaus größere Teil der Menschheit auf der Erde bleiben, falls wir sie bis dahin durch Kriege – Apokalypse Now[21] – nicht dezimiert haben sollten, durch atomare, biologische und chemische Waffen ihren Bestand auf ein Minimum reduziert! Ergo behalten die Apokalyptiker, die Propheten der Endzeit, womöglich Recht? Tröstlich, ermutigend und doch verführerisch und suizidal zugleich: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein“ (ApkJoh 21,1.3). Man lese aber den Kontext: das blutrünstige Spektakel zuvor!
Solche Visionen können den Trugschluss herbeiführen, es sei mit der Zivilisation und dem Leben auf diesem Planeten ohnehin bald vorbei, weil „der Vater im Himmel“ schon für den neuen Himmel und die neue Erde sorgte. Und deshalb sei es überflüssig, sich für die alten noch übermäßig anzustrengen oder sich auch nur den Kopf deswegen zu zerbrechen. Vernünftigen Menschen erscheinen solche Gedanken als spekulativ, aber auch gefährlich, weil sie wirklich zur totalen Verantwortungslosigkeit verleiten. Irrwege sind zwar menschlich, aber wir sind grundsätzlich befähigt, sie zu vermeiden; das setzt Intelligenz, Wissen, eiserne Willenskraft und Zusammenhalt unter Gleichgesinnten voraus. Es gibt Wege aus dem entstandenen Chaos, Auswege – wenn wir sie zu entdecken bereit sind oder es noch werden. Glaubenskraft und Vertrauen sind vonnöten; lebendiges Vorbild sei uns Jesus; er ist Weg, Wahrheit, Leben zugleich. Lasst uns im Geiste Jesu neue Wohnräume auf Erden bauen!
Amen.
Pfarrer Thomas Bautz
(„im Unruhestand“)
Bonn
bautzprivat@gmx.de
Fussnoten
[1] Da Bibelgebrauch/ Bibellese in der Gesellschaft abnahmen, haben Praktische Theologie u. Religionspädagogik Methoden der Verfremdung biblischer Texte erarbeitet; Horst Klaus Berg: Biblische Texte verfremdet (21988).
[2] Jason W. Moore: Capitalism in the Web of Life. Ecology and the Accumulation of Capital (2015).
[3] Joseph Alois Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (102020); Katherine Stewart: Money, Lies, and God. Inside the Movement to Destroy American Democracy (2025).
[4] Barry McGuire: Eve of Destruction (1965). Songtext; Georg Seeßlen: Trump & Co. Der un/aufhaltsame Weg des Westens in die Anti-Demokratie (2025): Trump again: Der Horrorclown und der amerikanische Faschismus (7–87): Statt einer Einleitung: Eve of Destruction, 7–15: 7f.
[5] Seeßlen: Trump & Co. Der un/aufhaltsame Weg des Westens in die Anti-Demokratie (2025); cf. Mary L. Trump: Amerikas Alptraum. Warum Donald Trump nicht zu stoppen ist. Psychogramm einer gespaltenen Nation (2021; 2024); Or.: The Reckoning: Our Nation’s Trauma and Finding a Way to Heal (2021).
[6] Die Gesellschaft für Deutsche Sprache hat „Deal“ als Wort des Jahres an zweiter Stelle auserwählt!!
[7] Anne Applebaum: Die Verlockung des Autoritären. Warum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist (22021); Or.: Twilight of Democracy. The Seductive Lure of Authoritarianism (2020): (5) Steppenbrand, 144–172: „Bewunderung“ für Putin und „moralische Gleichmacherei“ (156).
[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Obdachlosigkeit.
[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Obdachlosendiskriminierung.
[10] https://de.wikipedia.org/wiki/The_House_of_the_Rising_Sun.
[11] Cf. Wikipedia (s.o.).
[12] Zit.n. Helmuth Vetter: Grundriss Heidegger. Handbuch zu Leben und Werk (2014): (G.) Bauen am Sein (§ 27) (a) Bauen und Wohnen (ii) Das Wohnen als Grundzug des Seins, 181–182: 182; Heidegger: Vorträge u. Aufsätze 1936–1953, Abteilung Veröffentlichte Schriften 1910–1976 Vorträge und Aufsätze, GA 7 (2000); cf. Heidegger-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung (hg.v. Dieter Thomä), 2., überarb. u. erw. Aufl. (2013): (I.) Werk (33.) „Das Ding“, „Bauen Wohnen Denken, „… dichterisch wohnet der Mensch …“ und andere Texte aus dem Umfeld. Unterwegs zum Geviert (Karsten Harris), 250–261: (3.2.) Ursprüngliches Wohnen, 256–258.
[13] Cf. Peter Biehl: Symbole geben zu lernen. Einführung in die Symboldidaktik anhand der Symbole Hand, Haus und Weg, WdL 6 (1989): (2) Konkretion (2.1) Das Symbol „Haus“ (2.1.1) Anthropologische und theologische Reflexionen zu „Haus“ und „wohnen“, 73–81.
[14] Wohnung (μονη, μοναι) findet sich im NT nur in Joh 14; Ort (τοπος) auch in Mt u. Lk. Das Wortumfeld für Wohnung zeugt von einer engen Verwandtschaft mit Bleiben; für Haus (οικια, οικος ) finden sich noch andere Bedeutungen, u.a. Hausstand, Familie, aber auch Tempel.
[15] Der Künstler hat zwar seine Bilder weder betitelt noch signiert, doch haben spätere Titelzuschreibungen wie auch Änderungen in der Kunstgeschichte Verbreitung gefunden.
[16] Zur Einsamkeit als auffälliges Merkmal, Gertrud Fiege: Caspar David Friedrich mit Selbstzeugnissen und Bild- dokumenten (1977, 1995): „Der Mönch am Meer“, 37–40: 39–40.
[17] Der Mönch am Meer (ca. 1809), Öl/Lw., (110 x 171,5 cm), Berlin, Nationalgalerie; Werner Hofmann: Natur-wirklichkeit und Kunstwahrheit (2000): Abb. 22 (S. 54) u. Abb. 25 (S. 58); Jens Christian Jensen: Caspar David Friedrich. Leben und Werk (81988): (14) „Der Mönch am Meer“, 106–113 (Abb. 4, Farbtafel).
[18] Charles Kingsley Barrett: Das Evangelium nach Johannes (1990): (30.) Das Scheiden Jesu. Ein Grund der Hoffnung und der Zuversicht (14,1–31), 444–458: 445–447: 447.
[19] https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Tag,_an_dem_die_Erde_stillstand_(2008).
[20] https://de.wikipedia.org/wiki/Generation_Z. https://de.wikipedia.org/wiki/Generation_Alpha.
[21] Anspielung auf einen Antikriegsfilm (1979) https://de.wikipedia.org/wiki/Apocalypse_Now.