Römer 11,25-32
Predigt für den 10.So.n.Tr. | Israelsonntag – II – 9.8.2026 | Suse Günther
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen. AMEN
Römer 11,25-32 (Übersetzung Jörg Zink)
Ich will Euch, liebe Geschwister, nicht im Unklaren über dieses Geheimnis lassen, damit Ihr Euch nicht täuscht über Eure Stellung.
Einem Teil Israels ist der Zugang zu Jesus Christus versperrt worden, so lange bis andere Völker ihn gefunden haben. Wenn das geschehen ist, wird auch Israel das Heil finden, wie es geschrieben steht (Jer. 31,33): „Aus Jerusalem wird der Befreier kommen, der das gottlose Wesen von Israel wegnehmen wird. Es wird sich zeigen, wie treu ich bin, wie fest mein Bund gilt, wenn ich die Schuld von ihnen nehmen werde“
Im Blick auf das Evangelium seid Ihr zwar Feinde, damit Ihr freien Zugang zum Evangelium habt. Aber sie (die Juden) sind und bleiben von Gott ausgewählt und geliebt, weil sie Kinder ihrer Vorfahren sind, die Gott liebt. Wenn Gott etwas schenkt, dann bereut er es nicht. Wenn er jemanden ruft, dann bleibt sein Ruf gültig.
Früher seid Ihr Gott gegenüber verschlossen gewesen, und Gott hat Euch aufgenommen, w eil jene nicht hören wollten. Nun sind jene Gott gegenüber verschlossen, wie sie sahen, dass Gott Euch barmherzig war. Am Ende aber wird Gott auch ihnen barmherzig sein. Denn Gott hat alle in ihrem Unglauben verschlossen, um sich aller zu erbarmen.
Gott, gib uns ein Herz für Dein Wort und nun ein Wort für unser Herz. AMEN
- Liebe Gemeinde!
Im Laufe meiner jahrzehntelangen Tätigkeit habe ich unzählige Beerdigungen vorgenommen. Viele Ordner füllen daheim mein Regal. Ich könnte sie wegwerfen, ich werde diese Ansprachen nie wieder halten. Dann aber staube ich alles noch einmal ab und hebe es ein weiteres Jahr auf. Denn das alles erinnert an Menschen, die einmal gelebt haben und in den Höhen und Tiefen ihres Lebens mehr oder weniger bestanden haben. An viele Beerdigungsgespräche erinnere ich mich bis heute.
An Familien, bei denen alle in Trauer vereint am Tisch saßen. An Familien, die angesichts des Todes noch einmal sich bemüht haben, diese Beerdigung trotz aller Unstimmigkeiten würdevoll über die Bühne gehen zu lassen. Und an Familien, in denen nur ein Teil von allen am Tisch saß, zu groß war der Riss, der sich durch diese Familie zog.
Ja, es ist nicht immer einfach unter Geschwistern, das wissen wir alle. Es kommt zu Verletzungen, mit denen viele nur umgehen können, indem sie sich aus dem Weg gehen.
Besonders schwierig ist es, wenn es ans Erben geht. Es ist deshalb so schwierig, weil über das Erbe auch in der Wahrnehmung der Menschen etwas Weiteres ausgedrückt wird: Die Liebe. Wir schauen mit Argusaugen auf das, was ein anderer bekommt, weil wir daraus ableiten, dass dieser andere, falls er vielleicht besser bedacht worden sein sollte, auch mehr geliebt worden ist als wir.
Wir sind Kinder derselben Eltern, wir haben unsere ganz persönliche Geschichte mit diesen Eltern, unsere ganz persönliche Begabung und unsere ganz persönliche Zukunft. Die Eltern haben jeden und jede von uns auf dem Weg begleitet, das verbindet uns in aller Unterschiedlichkeit.
Wir Juden und Christen sind Kinder desselben Vaters. Wir sind seine Erben. Wir sind die, die dieses Erbe in der Welt vermehren sollen.
Wir wissen alle um die schwere Geschichte, um die unauslöschlichen Verletzungen, die wir im Laufe dieser Geschichte einander angetan haben, dies vor allem die Christen in ihrer Meinung, sie allein seien die rechtmäßigen Erben. Paulus, als er damals seine Worte an die Gemeinde in Rom schrieb, hätte sich das nicht im Entferntesten ausmalen können. Er versucht, zwischen den Kindern Gottes zu vermitteln. Er ist selbst Grenzgänger. Er ist Jude und folgt nun Jesus Christus nach. Das hält ihn aber nicht davon ab, sein Verständnis für die jüdischen Glaubensgenossen zu bewahren und vermitteln zu wollen. Im Gegenteil, er kann sich in beide „Kinder“ hineinversetzen und mit ihnen fühlen.
Besonders wichtig ist ihm das gegenüber der Gemeinde in Rom, wo ja die meisten Menschen an die römischen Götter glaubten, also aus einer ganz anderen Familie stammen. Paulus nennt sie die „Heiden“ Denen muss man die Zuständie im Haus des Gottes Israels erst einmal deutlich machen. Paulus versucht, zu erklären, wenn er schreibt: “ Ich will Euch über das Geheimnis nicht im Unklaren lassen, damit Ihr Euch nicht täuscht über Eure Stellung“.
Ja, es ist schwer, dieses Geheimnis zu erklären, bis heute, auch für uns, die wir zur selben Familie gehören wie die jüdischen Geschwister: Welche Rolle spielen wir füreinander, wir Christen und Juden als Brüder und Schwestern in Gottes Familie. Bis heute lesen sich die Erklärungsversuche, die Paulus an die Gemeinde in Rom sendet, sehr kompliziert. Ganz schön schwierige Familienverhältnisse bei denen, mögen sich die Römer gedacht haben. Und vielleicht daraus den Schluss gezogen haben: „was geht es mich an, ich möchte Christ werden, weil ich an Jesus Christus glaube und mit ihm neu beginnen möchte. Ich sehe nach vorne, nicht zurück.
Ja, schön wäre es, wenn das manchmal so gelänge. Nach vorne sehen und nicht zurück. Wir wissen, dass es nicht gelungen ist. Wir heute, 2000 Jahre später, sind an einem Punkt angelangt, wo wir manchmal zurückblicken müssen in die gemeinsame Geschichte, um das Verständnis füreinander zu entwickeln und zu bewahren, zu viel Verletzendes ist gerade von Seiten der Christen den Juden angetan worden. Das können wir nicht vergessen. Erinnern ist das Geheimnis der Erlösung.
Gleichzeitig dürfen wir uns aber auch nicht den Blick nach vorne verstellen. Ich meine, es würde Benjamin Netanjahu und seiner Regierung gut tun wenn er den Blick zurück für sich so wagen würde, dass er Mitgefühl für diejenigen entwickelte, die die Geschichte des Landes Israel teilen. Wenn er also ab und zu zurückblickte. Wenn er nicht nur auf das schauen würde, was seinem Volk angetan wurde. Sondern auch sehen könnte, welche Kraft für die Zukunft aus Versöhnung und Zusammenarbeit erwächst.
Wer nachtragend ist, das steckt bereits im Wort drin, der trägt etwas. Der hat eine schwere Last auf seinen Schultern.
Ja, wir Menschen haben immer wieder Angst, zu kurz gekommen zu sein. Und wolllen uns mit oft mit Gewalt holen, wovon wir glauben, dass es uns zusteht. Davon können auch wir in unserem Land ein Lied singen, ganz unabhängig von Glaubensfragen.
Ich frage micht immer wieder, warum Menschen es so sehr auf einen Streit anlegen, der niemandem nutzt, der nur Misstrauen und Leid in die Welt bringt, Energien bindet und Leben zerstört.
Die Besinnung auf das, was uns verbindet, öffnet dagegen ganz neue Möglichkeiten. Wir würden als -Christen und auch als Kirche nicht existieren ohne unser jüdisches Fundament, ohne unser Altes Testament, ohne unser gemeinsames Erbe als Kinder Gottes: Sarah und Hagar und Abraham und all ihrer Nachkommen.
Und wir Christen können, wenn wir unseren Glauben leben, Jesu Erbe, die Botschaft vom Frieden und er Liebe, ganz neu lebendig werden lassen.
Im Wort „Testament“ steckt es ja bereits drin: Gott hat uns allen etwas hinterlassen, sein Testament ist geschrieben, sein Bund steht fest. Für uns alle, mit allen. Es ist gerade in Zeiten, wo die Welt so zerissen ist, wihtig, sich darauf zu besinnen, dass wir alle von Gott gewollt und begabt sind. Dass wir also einander nichts streitig machen und missgönnen müssen.. Dass genug für alle da ist. Wir müssen uns vor Gott und den Mitmenschen nicht verschließen., oder wie Martin Luther übersetzt „verstockt sein“. „Verstockt sein“, das meint den Kontakt und das Gespräch abbrechen, nciht mehr hören wollen auf das, was andere sagen, was Gott sagt.
Auf vielen Ebenen ist das längst geschehen. Wie gut tut es da, sich zu öffnen und aufeinander zuzugehen. Das ist das Mysterium, von dem Paulus im Predigttext spricht: Das Geheimnis, was ich mir selbst nicht entschlüsseln kann. Sondern das sich mir öffnet, wenn ich mich Gott und den Mitmenschen öffne.
In diesem Geheimnis liegt die Hoffnung für die Welt: Einmal werden wir uns an einem Tisch versammeln, als Kinder Gottes und gemeinsame Erben. Daran dürfen, können und müssen wir mitarbeiten.<Hier und jetzt, damit wir unser Erbe antreten können.
AMEN