Lukas 4,16-30

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1. Advent | 30.11.2025 | Lk 4,16-30 | Thomas Reinholdt Rasmussen |

Im heutigen Evangelium bahnt sich etwas an
Man muss sagen, dass sich etwas anbahnt. Da braut sich etwas zusammen, und Ereignisse nehmen fast unmerklich Fahrt auf. Plötzlich ist die Stimmung in der Synagoge gekippt. Man dächte, man hätte für einen Moment ein wenig gedöst. Denn was ist passiert?

Jesus kommt in die Synagoge. Er liest aus dem Propheten Jesaja, und alle freuen sich. Dann deutet er die Schrift und behauptet, dieses Schriftwort sei jetzt erfüllt. Auch dieses gibt keinen Anlass zur Entrüstung. Alle geben ihm, wie es heisst, ihren Beifall.

Und auch als Jesus den Ton verschärft und vom Schicksal eines Propheten in seiner Heimatstadt spricht, ärgert sich niemand. Die Stimmung schlägt jedoch in dem Moment um, als Jesus den Text anhand von Ereignissen in Sidon und Syrien deutet. Dort erstreckte sich die Gnade Gottes auch auf jene, die nicht dazugehören. Gottes Gnade greift nach denen, die aussen vor stehen.

Das weckt Zorn. Ist Gottes Gnade denn ohne Grenzen? Sprengt Gottes Gnade Grenzen?

Alle werden ausser sich vor Wut und wollen Jesus von einer Klippe stürzen und ihn umbringen. Aber Jesus bahnt seinen Weg mitten durch sie hindurch.

Zwei Dinge im Gange
Zweierlei ist im heutigen Evangelium im Gange: zuerst die Empörung, dass das Evangelium Grenzen sprengt, indem das Schriftwort sich auch bei Menschen erfüllt, die nicht dazugehören: Arme, Gefangene, Unterdrückte.

Und als Zweites die Tatsache, dass wir in einer nachchristlichen Welt leben. Wir hören es oft: unsere Zeit ist eine nachchristliche Zeit. In gewisser Weise leben wir schon lange so, und diese ist die nachchristliche Zeit. Die Säkularisierung hat sich immer weiter ausgebreitet. Neulich hörte ich jemanden sagen, dass sich unsere Welt kaum weiter säkularisieren lässt. Alles ist säkularisiert. Es besagt etwas über die gegenwärtige geistige Situation, dass wir denken, es gehe allein darum, dass die Zeit vergeht, und dass wir dadurch unmerklich in die nachchristliche Zeit geraten sind. Die Feststellung: „Jetzt leben wir halt im Jahr 2025“ ist eine geistlose Behauptung, als ob die Tatsache, dass die Zeit vergeht, an sich Bedeutung hätte. Denn was wäre, wenn Christus selbst die nachchristliche Zeit eingeleitet hat? Genau das erleben die Leute in der Synagoge. Es heisst ja, Jesus bahnte sich einen Weg zwischen ihnen. Jesus geht. Jesus verlässt sie. Sie leben im buchstäblichen Sinne in einer Zeit nach Christus. Jesus verlässt sie in ihrer damaligen Zeit. Auch damals konnte man in das Nachchristliche hineingeraten. Es geht also nicht um das Vergehen der Zeit. Es geht um die Beziehung zu Jesus.

Der christliche Glaube ist selbst nachchristlich
Das Christentum begründet eine nachchristliche Zeit im Kreuz Jesu. Wir leben alle – ungeachtet von Zeit und Ort – in einer nachchristlichen Zeit, denn wir leben nach dem Kreuzestod Jesu. Er hat uns verlassen.

Das Wunderbare ist aber, dass wir zugleich im Advent leben. Denn trotz des Kreuzes ist Jesus auferstanden. Trotz der Ablehnung wird sein Wort verkündigt. In unserer eigenen Perspektive leben wir in einer nachchristlichen Zeit. In anderer Perspektive, nämlich der Perspektive Gottes, leben wir im Advent, in ständiger Erwartung, dass Gott zu uns kommt. Dass Gott zu uns kommt; auch trotz unserer selbst.

Das ist die gnadenvolle Botschaft des Christentums: dass wir immer im Advent leben. Der Herr kommt. Er kommt auch zu uns, die wir unsere Zeit nachchristlich nennen. Auch wir leben in der grossen Perspektive in einer vorchristlichen Zeit. Wir leben im Advent.

Der Kern des christlichen Glaubens ist also, dass der Herr kommt. Der Advent kommt auch zu uns. Und dieses Kommen, dieser Advent, ist nicht nur ein Kommen oder Advent für die, die dazugehören. Die Leute in der Synagoge von Nazareth dachten so, und so denken viele auch in unserer Zeit. Das Evangelium ist jedoch gerade für die, die im Dunkeln sitzen, im Schatten des Todes, vielleicht sogar im Schatten ihres eigenen Todes, wie es für jeden von uns gilt, ganz gleich wie erfolgreich wir uns fühlen. Der Herr kommt. Wir leben im Advent. Das ist die Gnade.

Wir glauben an einen Gott, der uns will
Und das Gnadenhafte ist, dass wir an einen Gott glauben, der sich auf uns bezieht. Wir glauben an einen Gott, der Beziehung stiftet. Denn was ist Beziehung, wenn nicht die Bewegung auf Vergebung und Erlösung hin?

Schuld ist zerbrochene Beziehung. Schuld ist zerstörtes Verhältnis. Schuld macht einsam. Vergebung ist eine neue Brücke über das Zerbrochene. Vergebung ist neue Beziehung. Vergebung ist ein neugeschaffenes Verhältnis.

Deshalb ist Advent auch die Erneuerung von Beziehungen. Es ist Erneuerung der Relation zwischen uns und Gott, und sodann zwischen Menschen auf Erden. Diese Erneuerung von Beziehung ist gerade das Ärgernis des Evangeliums, das die Zuhörer in der Synagoge so wütend macht. Denn die erneuerte Beziehung reicht über die hinaus, die dazugehören. Sie reicht ganz bis nach Sidon und Syrien. Sie erstreckt sich auch zu denen, die wir als falsch lebend oder denkend verurteilen. Auch für sie ist dieses Schriftwort in Erfüllung gegangen.

Das Ärgernis des Christentums liegt daher im Evangelium selbst und nicht in mangelnder Lebensführung, oder wie man theologisch sagen würde: das Ärgernis liegt im Evangelium und nicht im Gesetz. Es ist nicht wirklich ein Ärgernis, dass einige nicht so leben, wie sie sollen. Aber es ist ein Ärgernis, dass Jesus in seiner Verkündigung gerade sie in die Gnade einbezieht, so wie es im heutigen Evangelium geschieht. Gottes Wort sprengt Grenzen und schafft Verhältnisse, wo vorher keine waren.

Deshalb leben wir alle ausnahmslos in einer nachchristlichen Zeit, denn wir leben jenseits des Kreuzes. Wir leben aber auch im Advent. Wir leben in der Hoffnung und Erwartung, dass der Herr kommt und unser Zusammenleben erneuert. Wir leben im Abschied und in Erwartung. Wir leben mit dem Tod als Vorzeichen, und wir sterben mit dem Leben als Vorzeichen. Zwischen Tod und Leben, doch durch die Hoffnung lebendig. Advent ist die grundlegende Hoffnung des Christen.

Amen.


Thomas Reinholdt Rasmussen
Bischof von Aalborg
trr(a)km.dk